Ein Bild aus Wien 7

STURM DER RUHE
WHAT IS ARCHITECTURE?

Architekturzentrum Wien

Acht Jahre ist es her, seit das Architekturzentrum Wien 1993 als Provisorium auf der Baustelle des Wiener MuseumsQuartiers eröffnet wurde. Damals begnügte man sich damit, die beiden Räume, die dem Az W zur Verfügung gestellt worden waren, von den Einbauten der vergangenen Jahrzehnte zu befreien und den Boden mit Kies aufzuschütten. Das Team bestand zu diesem Zeitpunkt aus vier Personen und als Büros dienten angemietete Bau-Container, die im Hof vor die Räume gestellt wurden. Die bescheidenen räumlichen Gegebenheiten hielten das engagierte Team jedoch nicht davon ab, fundierte Präsentationen zu erarbeiten, die von einem stetig wachsenden Publikum verfolgt wurden. Dem ungebremsten Enthusiasmus der Betreiber ist es zu verdanken, daß sich das Az W im Zuge der Umgestaltung des MuseumsQuartiers auf einem großzügigen, nun insgesamt 2000 m2 großen Areal, mit verschiedenen Angeboten (Wechselausstellungen, einer umfassenden Architektur-Datenbank, Betreuung von Nachlässen bedeutender, österreichischer Architekten, einer Freihandbibliothek, sowie einem umfassenden Führungsangebot) präsentieren kann.

Mit dem aktuellen Projekt, der Ausstellung Sturm der Ruhe. What is Architecture?, die als erste Präsentation des neuen Architekturzentrums den Ausstellungsreigen einstimmt, verfolgen die Kuratoren bewußt eine programmatische Absicht. Von der Recherche des heutigen Minimalismus ausgehend, stand für sie die Frage im Vordergrund, warum gerade reduzierte Räume eine große Faszination ausüben. Dies führte weiter zu Fragen der Wahrnehmung und der räumlichen Erfahrung. In einer Zeit, in der der Markt nach Sensationen verlangt und nicht mehr nach tatsächlichen Qualitäten fragt, versucht die Ausstellung Qualitäten der Architektur – gerade im und am Unspektakulären – bewußt zu machen. In diesem Sinne präsentiert die Schau Situationen und Bauten, die auf den ersten Blick für den Laien keine architektonische Absicht erkennen lassen. Scheinbare und wirkliche lapidare Lösungen, die dennoch Stimmungen und Atmosphären der Architektur erzeugen.

Einer der vornehmsten Aufgaben der Architektur, nämlich Wohlbefinden, Stimmung und Atmosphäre zu erzeugen, folgt bereits die Gestaltung des Ausstellungsraumes von Eichinger oder Knechtl. Boden, Wände und Decke der Neuen Halle des Az W sind in ein leuchtendes Orange gehüllt. In acht offenen Kojen werden die einzelnen Themengruppen der Ausstellung präsentiert. Dank der trefflich ausgewählten Beispiele gelingt es den KuratorInnen, Projekte vorzustellen, die auf den ersten Blick unspektakulär und mitunter glatt und kühl wirken, jedoch bei der hier angebotenen Betrachtungsweise und in der Zusammenschau, bzw. im Vergleich, optisch-sinnliche Parameter eröffnen. Die immateriellen Faktoren der Architektur, wie Stimmung, Atmosphäre, Geruch, Wahrnehmung, Spuren des Gebrauchs oder haptische Qualitäten werden für den Betrachter erfahrbar gemacht. Rund 30 derartige Projekte werden in Sturm der Ruhe. What is Architecture? in verschiedenen Formen präsentiert: so dokumentiert z.B. ein Videofilm im Themenbereich „Orte/ Nicht-Orte“ die Chinati-Foundation in Texas, die sich auf dem Gelände einer ehemaligen Militärbasis befindet. In den aufgelassenen Baracken und Lagerhäusern ist heute eine Großteil der Kunstsammlung von Donald Judd untergebracht.
Farbfotografien von Baumhäusern und Holzhütten aus gefundenen Ästen , von Orten, die sich Kinder beim Spiel im Wald geschaffen haben, geben Auskunft über die Verwendung von gefundenem Material.
Im Bereich „Elementare Architektur“ veranschaulicht eine Serie s/w-Fotografien von alten Bauerhäusern, aus Holz und Stein, die Selbstverständlichkeit des Bauens in der alten agrarischen Landschaft.
Mit ihrem „Idealen Museum“ stellen Haus-Rucker-Co mit einer Modellinstallation ihren Beitrag für die Kassler documenta 8, 1987 vor. Der Vorschlag für ihr ideales Museum besteht aus einer beliebig zu erweiternden Zahl von Beton-Containern, die durch einen erhöhten Brückengang miteinander verbunden sind. Weder von außen, noch von innen weisen die schlichten Container besondere Gestaltungsmerkmale auf. Ein vorzügliches Beispiel für eine zweckmäßige Architektur, die sich im Bewußtsein um die künftige Nutzung, bescheiden zurückhält.
In dem Themenbereich „Rezeption/ Benutzung“ wird mittels reproduzierter Farbfotografien auf Plakaten, einer der gängigen Schreckensvisonen von Architekten ein facettenreiches Gesicht gegeben: gezeigt werden Innenaufnahmen der Wohnbauten von Riegler Riewe in Gebrauch und Nutzung durch die Bewohner: angeräumte Regale, Rüschenvorhänge, Fitnessgeräte, Stoffdeckchen und Perserteppiche sind die ins Auge springenden Versatzstücke einer persönlichen Adaption.

Im Bereich „Lifestyle“ werden die Fotoserien „Tempel“ ( I + II), die verschiedene Innenansichten des New Yorker „Flagship Store von Calvin Klein“ und der „Helmut Lang Soho Fashion Boutique“ zeigen, einer Auswahl von Aufnahmen gegenübergestellt, die den Umbau einer Scheune zu einem Wohnhaus veranschaulichen: beispielhaft dokumentiert wurden hier die Beweggründe der Bauherrin, sich für einen bestimmten Ort zu entscheiden: ein Pferd, das bereits auf Tilty Hill Barn lebte, war der Auslöser für die Fotografin Fi McGhee, mit ihrer Familie dort zu wohnen und die vorhandene Scheune nach ihren Bedürfnissen umzubauen.
Im Bereich „Materialität“ versinnbildlicht ein rechteckiger Stapel von exakt geschnittenen Brettern aus Weißtannenholz das Programm einer allseitig gleichen Kiste und zeigt, daß dieses einfache Prinzip – Wände, Boden und Decke aus dem selben Material – ausschlaggebend war, für den Entwurf eines Feuerwehr- und Kulturhauses im österreichischen Hittisau.
Im selben Themenbereich stellt ein Videofilm über die neue Tate Modern in London, mit Innenansichten des Museum und Aufnahmen vom umgebenden Stadtraumes, am Beispiel von Details des Umbaus , z.B. rohen Eichenböden und gußeiserenen Lüftungsgittern, das Weitersprechen von vorhandener Architektur, von Atmosphäre und industrieller Umgebung vor.
Eigens für die Ausstellung produzierte Videos u.a. von Larry Bercow, Elfie Semotan, Anita Witek und Gregor Neuerer präsentieren individuelle Wahrnehmungen von architektonischen Situationen.
Fotoprojekte von David Franck, Jeremy Edwards, Raimund Abraham/ Josef Dapra, Fi McGhee, Bas Princen, Sissi Farassat u.a. zeigen die konzeptionellen, strukturellen und alltäglichen Potentiale von Räumen jenseits der klassischen Architekturfotografie. Schleißlich präsentiert die Ausstellung Modelle, Materialien und Zeichnungen, die nicht verkleinerte Vorstufen von Architektur zeigen, sondern die die Dichte von Konzepten und Ideen, die hinter Entwürfen und der Materialität des Gebauten stehen. Neben anonymen Architekten werden Projekte von Kurt Kappa Kocherscheidt, Adolf Loos, Herzog & de Meuron, Haus-Rucker-Co, Dominique Perrault, Donald Judd, Gerhard Merz, Diener & Diener u.a. vorgestellt.

Architekturzentrum Wien
Museumsplatz 1
A-1070 Wien
Tel.: 0043 – 1-522 31 15

Sturm der Ruhe. What is Architecture? – bis 4. März
Öffnungszeiten: Täglich 10-19 Uhr