Ein Bild aus Wien 6

LOIS RENNER

Photojobs

Kerstin Engholm Galerie, Wien

18.Januar – 3.März 2002

Bereits zum zweiten Mal innerhalb von drei Jahren präsentiert Kerstin Engholm in ihrer Galerie in der Wiener Schleifmühlgasse Fotografien von Lois Renner.
Die im Hauptraum und im angrenzenden Kabinett ausgestellten Großfotos des 1961 in Salzburg geborenen Künstlers, zeigen Arbeitssituationen, wie man sie gemeinhin – mit einem undurchschaubaren, vielschichtig gestaffelten In- und Durcheinander von Arbeitstischen, Bildern und Malmaterialien – aus den Produktionsstätten von Künstlern zu kennen glaubt.
„Jetzt neu“ (1991/2002) zeigt exemplarisch für alle anderen ausgestellten Exponate einen weiß getünchten, neon bestrahlten Raum, mit Heizkörpern, Holzböcken, Regalen, Objekten auf grob gezimmerten Holzsockeln und an die Wand gelehnten Leinwänden. Der vorgestellte Raum entspräche einer „klassischen“ Ateliersituation, gäbe es nicht eine quer auf dem Boden liegende Neonlampe, die mit ihren, im Verhältnis zu den übrigen Gegenständen, gigantischen Ausmaßen das Zimmer dominiert und die Aufmerksamkeit des Blickes auf sich zieht.

Auch alle weiteren Exponate zitieren Situationen aus Ateliers, mit den darin erwartungsgemäß anzutreffenden Requisiten – Materialien, Werkzeugen, Geräten, Möbeln, Abfall, sowie in Arbeit befindlichen oder vollendeten Werken. Der Blick bemüht sich, das Durcheinander zu ergründen, bleibt hängen an scheinbar zufällig und gleichsam kunstvoll zusammen gezimmerten Aufbewahrungsmöbeln, bis er sich schließlich an einem Details stößt, einer Leiter etwa, einem Strahler oder einem Feuerlöscher, Gegenstände, die – aufgrund ihrer Größe oder ihrer Anordnung im Raum, nicht in das übrige Gefüge zu passen scheinen. An diesem Punkt verrät sich jede der Atelieraufnahmen von Lois Renner als gefälschte, als eine Konstruktion, die mittels des altehrwürdigen Prinzips der Collage, die Wirklichkeit sowohl nachempfinden, als auch auf einer doppelten Reflexionsebene zu hinterfragen sucht.

Ausgangspunkt der unterschiedlichen Arrangements ist meist das Salzburger Atelier Renners, das der Künstler maßstabsgetreu und mit einer obsessiven Präzisionsmanie detailgerecht nachgebildet hat, um diese Guckkastenbühne seit Jahren mit den unterschiedlichsten Requisiten zu bestücken. Banale Alltagsgegenstände werden gemeinsam mit Kunstwerken traditioneller Art und mit bewußter Nichtrücksichtsnahme auf ihre „wirkliche“ Größe arrangiert. Auf diese Weise gelingt es Renner, die klaren Relationen zwischen großen und kleinen Gegenständen, bzw. zwischen den Objekten und ihrer räumlichen Situation zu verwischen. Die Verwirrung des Betrachters vermag Renner durch die Optik der raffiniert ausgewählten Blickwinkel der jeweiligen Arrangements noch zu steigern. Zwischen dem ganz vorne und dem ganz hinten Angeordneten gibt es kaum jene Differenzierung durch Schärfe und Unschärfe, wie man sie gemeinhin von Fotografien kennt. Der Effekt einer visuellen Vereinheitlichung stellt sich ein, den Renner bewußt nutzt, um das Erfahrungspotential des Betrachters immer wieder aufs Neue zu irritieren. Auf diese Weise entzieht der Arrangeur Begriffen wie Wirklichkeit und Illusion, Realität und Nachahmung das Übereinkommen ihrer Bedeutung.

In seinen neuen Inszenierungen erreicht Renner eine kompositorische Balance, die im Vergleich zu früheren Werken, auf spektakuläre Zusammenstellungen verzichtet. Sieben der insgesamt elf ausgestellten Werke sind zwar bereits Anfang, beziehungsweise Mitte der 90er Jahre entstanden, jedoch erst in diesem Jahr für die aktuelle Ausstellung ausgearbeitet worden. Im Vergleich mit anderen Arbeiten von Lois Renner, die noch bewußt mit dem verrätselten, zuweilen äußerst komischen Effekt spielten, den ein realer Gegenstand in einem Puppenhaus-Ambiente auszulösen vermag, wirkt das Geflecht von Raum und Gegenständen, von zu Großem und zu Kleinem, von Vorder- und Hintergründen, von Gemaltem und Gebautem der heuer ausgestellten Arrangements schon beinahe zu perfekt. Neudings komponiert der Künstler seine Bühnen, nicht zuletzt mittels der verfeinerten Technik der digitalen Nachbearbeitung am Computer und des hochauflösenden Lambda-Druckverfahrens, nahezu ohne Brüche und Nahtstellen zu einem illusionistischen Raum, denen sich der Betrachter mit einem weniger belustigten, als zunächst distanziertem, weil erst nach längerem Schauen irritiertem Blick, nähert.

Kerstin Engholm Galerie

Schleifmühlgasse 3

A-1040 Wien

Telefon: 0043 – 1- 585 73 37