Ein Bild aus Wien 5

ALFRED HRDLICKA

Palais Harrach

15. Januar bis 28. Februar 2002

Einer privaten Initiative ist die Ausstellung mit Werken von Alfred Hrdlicka zu verdanken, die derzeit unter der Schirmherrschaft des Kunsthistorischen Museums, im Wiener Palais Harrach zu sehen ist. Zwar bietet die reichdekorierte Prachtetage des Stadtpalais mit prächtigen Stofftapeten, Holzeinbauten und Stukkaturen ein nicht gerade zurückhaltendes Ambiente für eine Werksschau zeitgenössischer Kunst. Doch zeugt die sparsame Hängung und Zusammenstellung der Werke von
der subtilen Kenntnis um ein zurückhaltendes Ausstellungsarrangement, mit der Peter Baum die Ausstellung kuratiert hat. In Zusammenarbeit mit dem Galeristen Ernst Hilger, der das Œuvres des Künstlers seit Jahren betreut, entstand eine mehr als 200 Werke umfassende Personale, die Werke aus mehreren Wiener Privatsammlungen vereint. Ohne die Vollständigkeit einer Retrospektive für sich zu beanspruchen, umspannt die Ausstellung einen zeitlichen Rahmen von insgesamt vier Jahrzehnten, wobei Hrdlicka den überwiegenden Teil, der in der Ausstellung gezeigten Werke, in den achtziger und neunziger Jahren schuf.

Noch im Treppenhaus begrüßt der lebensgroße „Torso eines stehenden Jünglings“, der 1957 und damit als frühestes Werk der Ausstellung, in Bronze nach Marmor entstand. In schöner Folge wechseln sich nun Skulpturen, Papierarbeiten und Graphiken in größeren Sälen und kleineren Kabinetten ab. Ohne einer zwingenden zeitlichen Chronologie zu folgen, ist die Zusammenstellung vielmehr thematischen Überlegungen verpflichtet und schließt sich zu einem Rundgang, der zur Begegnung mit zahlreichen zentralen Themen von Alfred Hrdlicka einlädt.

Den Beginn macht eine Reihe von Arbeiten auf Papier, in den von Hrdlicka bevorzugten Techniken, der Tuschezeichnung, des Aquarells und Pastells, Techniken, die häufig auch auf einem Blatt kombiniert werden. Mit der „Werksskizze“ von 1967 (Bleistift auf Leinwand) wird ein frühes Beispiel seines zeichnerischen Könnens vorgeführt, ergänzt um weitere Blätter aus den sechziger Jahren, wie „Urteil des Paris“, „Drei weibliche Akte“ und „Teufelsaustreibung“.
Mit „Gladiator II“ (1988) und „Liegender Torso“ (Samson) werden zwei beeindruckende Beispiele der größeren Skulpturen gezeigt, ergänzt durch eine Folge von sieben kleineren, auf Sockeln stehenden Bronzen, die allesamt im vergangenen Jahr entstanden sind und von Hrdlickas Interesse an den „Rheintöchtern“ und anderen Sagengestalten wie „Siegfried“ und „Brünhilde“ im Mittelpunkt des Nibelungenlieds zeugen.

Im folgenden Raum wird das Thema „Pferd und Reiter“ (I und II) mit zwei großen Kohle-, Kreide- und Pastellzeichnungen, sowie der „Studie nach Géricault“ beispielhaft dokumentiert.
Dem Doppelbildnis „Marat und Marie-Charlotte Corday d`Armont“ aus dem Jahr 1987 hängt spannungsreich das mit sparsamem Strichen gezeichnete Portrait von Angelina Siegmeth-Hrdlicka, der Gattin des Künstlers, gegenüber, dessen Titel „Gemeinsam Hundert“ aus dem Jahr 1992, den Zeitpunkt eines miteinander erlebten Lebensabschnitts festhält.
Ein weiterer Raum versammelt kleinere Kopfbüsten von Helmut Qualtinger, Georg Büchner, Adalbert Stifter und Richard Wagner, sowie ein großes Bronzeportrait von Oskar Kokoschka aus dem Jahre 1963.
Von der produktiven Beschäftigung mit Pier Paolo Pasolini zeugt ein Saal, in dem der gleichnamige 37(38) Werke umfassende Radierzyklus ausgestellt ist. Es waren vor allem die Schriften Pasolinis, in denen die Radikalität des Denkens am deutlichsten ausgeprägt ist, sowie dessen Nachdenken über das Verhältnis zwischen Künstler und Gesellschaft, die Hrdlicka beschäftigten.
Weitere Sammlungsschwerpunkte liegen bei Studienblättern und Zeichnungen zu „Schubert und Schober“, erotischen Szenen wie „Liebespaar“ (1993) und „Faun und Nymphe“ (1991), sowie bei zahlreichen Blättern zur „Französischen Revolution“, ein Thema, das zum zentralen Gegenstand von Hrdlickas Gedankenwelt gehört. Die Arbeiten dazu umfassen alle Disziplinen seines künstlerischen Schaffens und sind umfangreicher als bei jedem anderen Themenkomplex.
Zwischen den „Gefangenen“ (1991) und einer „Studie zu Géricault“ fällt eine kleine, zwei „Boxer“ darstellende Tuschezeichnung von 1994 ins Auge, die mit der Widmung „Für Ernst Ihr Alfred“ unterschrieben ist. Das Motiv des sparsamen Blattes wird im letzten Saal noch einmal aufgegriffen und bildet gleichsam den Endpunkt und Ausklang der Ausstellung: hier stehen sich „Boxer I und II“ (1995) als lebensgroße Bronzeskulpturen gegenüber. Die beiden Kämpfer sind dermaßen positioniert, daß nur eine der beiden Figuren ihr Gegenüber fixiert. Der zweite Boxer steht abgewandt mit dem Blick zur Wand und seitlichen Tür, wo ein Schild mit den Wortlaut „Notausgang Alarm“, Auskunft über die dahinterliegende Fluchtmöglichkeit gibt. Mit diesen beiden Großskulpturen und einer versteckten Hommage an den Künstler und seinen Galeristen schließt sich der Rundgang als gelungener Spaziergang durch das Œuvre eines kritischen Zeitzeugen. Daß mit den Informationen über die einzelnen Sammlungen leider äußerst sparsam umgegangen und damit auch das Reizvolle einer solch privaten Unternehmung, mit all ihren individuellen Besonderheiten und persönlichen Vorlieben im Zusammenhang mit weiteren Sammlungsschwerpunkten, zuwenig betont wurde, bleibt leider eine ungenutzte Chance der Organisatoren.

Palais Harrach
Freyung 3
A-1010 Wien
http://www.khm.at