Ein Bild aus Wien 3

„Ist es nicht ‚radikaler Chic‘, wenn man versucht, den Kapitalismus
kritisierende Bilder an reiche Leute und Institutionen in den USA zu
verkaufen“? Öyvind Fahlström, der als Pionier einer interaktiven
multimedialen Kunst gilt und dessen Oeuvre wesentlicher Bestandteil seines
Kampfes um soziale Gerechtigkeit und seines politischen Aktivismus war,
konterte mit der lapidaren Antwort: „Solange Du in einem kapitalistischen
System lebst, bist Du ein Teil von ihm, ob Du nun Kunst machst oder Taxi
fährst…Für mich ist es wichtig gewesen, in meinen Arbeiten zu zeigen, daß
´anspruchsvolle KunstŒ kritisch und sozial engagiert sein kann. Natürlich
ist die meiste Kunst kein Werkzeug für politische Veränderungen. Aber
Künstler können (könnten) das sein. Organisieren. Veröffentlichen. Sprechen.
Demonstrieren. Streiken. In Gemeinschaft arbeiten.“

Öyvind Fahlström, der stets mit anarchistischem Impetus die internationalen
Mächteverhältnisse der sechziger und siebziger Jahre lakonisch kommentierte,
wird derzeit erstmals in Österreich, in der Wiener BAWAG FOUNDATION mit
einer Einzelausstellung seines gesamtem graphischen Werks gewürdigt.
Seit Beginn der Neunziger Jahre erfahren Fahlströms Werke eine wachsende
internationale Wertschätzung. Auf singuläre Weise gelang es dem kosmopoliten
Allroundman – Fahlström war Dichter, Künstler, Journalist, Aktivist,
Filmemacher und Dokumentarist, Performer und Bühnenautor – Konkrete Poesie,
Concept und POP Art zu verknüpfen. 1997 unterstrich Catherine David die
Aktualität seines Oeuvres mit der Einbeziehung einer komplexen plastischen
Komposition in die damalige documenta und schrieb dem Künstler eine
Schlüsselfunktion bei der Vorbereitung der Ausstellung zu.

Fahlström wurde 1928 in Sao Paulo/ Brasilien als Sohn skandinavischer Eltern
geboren wurde. Er wuchs auf in Brasilien, verbrachte seine Jugend in
Stockholm und lebte als junger Erwachsener in Frankreich, dessen
zeitgenössische Kultur er über den Surrealismus kennenlernte. Aus dem frühen
‘uvre des Künstlers zeigt die Ausstellung das “Manifesto³ für konkrete
Poesie (1953), mit der darin veröffentlichten, ersten Druckgrafik
Fahlströms, sowie dramatisch inszeniert an rot gefärbten Wänden eines
separaten Kabinetts, den Siebdruck-Fries „Opera“ (1952/53), als weiteres
Schlüsselwerk der Ausstellung.

1961 kam Fahlström in die USA. In New York begann er Bildsprachen populärer
Kultur, insbesondere Comics, als Vorlagen für seine Bilder und
Installationen zu verwenden und bewegliche Teile in seine Malerei
einzuführen, die so einen veränderbaren Charakter erhielt. In den Werken
jener Jahre, die die Ausstellung mit zahlreichen Beispielen, wie „Eddie in
the Desert“ (1966) oder Sketch for „Kidnapping Kissinger“ (1974), eine durch
die USA führende Handlungsanweisung mit zynischen Randbemerkungen,
dokumentiert, steckt Fahlström seine politischen Botschaften in fröhlich
bunte Bilderreigen, die erst auf den zweiten Blick seine kritische Haltung
preisgeben. Immer dichter werden die Blätter von handschriftlichen
Anmerkungen überzogen – Namen und Ereignisse der Weltpolitik der sechziger
und siebziger Jahre – in denen Fahlström die internationalen
Mächteverhältnisse seiner Zeit und seinen wachsenden Unwillen über die
interventionistische Politik der USA in den Dritte Welt Ländern kommentiert.
In seinen `variablen` Gemälden entwickelte Fahlström die Idee der
Demokratisierung seiner Kunst so weit, daß er Einzelteile der Kompositionen
wie Puzzles zusammenfügte, durch Magneten variabel hielt und den Betrachter
aufforderte, das Kunstwerk nach eigenen Ideen zu verändern. Schließlich
entwarf er sogar Gesellschaftsspiele, die er zu geringen Preisen kommerziell
verwerten wollte; Massen-Multiples, mittels derer Fahlström ein
selbstständiges, alternatives Verteilungssystem aufzubauen gedachte. Den
gegenwärtigen Enthusiasmus der Kunstwelt für Interaktitvität nahm er zwanzig
Jahre vorweg. Mit seine Kritik an dem Fetischcharakter des Originals im
Zeitalter der Massenproduktion, einer allgemeinverständlichen Sprache und
schließlich der Forderung nach Werken, die eine soziale und politische
Information darstellen und dramatisieren und zugleich eine Störung
integrieren, sind die wesentlichen Merkmale des Oeuvres von Öyvind Fahlströms
beschrieben und die nach wie vor ungebrochene Attraktivität seines Werks für
die jüngere Künstlergeneration zu begründen.