Ein Bild aus Wien 2

Kunstraum Palais Porcia, Wien
23. November 2001 bis 25. Januar 2002

Während sich das breite Kunstpublikum im seit Sommer eröffneten Wiener MuseumsQuartier drängt, kann abseits der frequentierten Kunstpfade und an weniger bekannten Orten manch kleine, präzise Präsentation entdeckt werden, die im Gesamtangebot der kulturellen Aktivitäten rund um die Jahreswende fast zu verschwinden droht. Hierzu gehört der Kunstraum Palais Porcia, der an der Freyung und in unmittelbarer Nähe zum Kunstforum gelegen, mit einer Folge von lichten Ausstellungsräumen aufwarten kann und seit dem 23. November mit der Ausstellung “Der ephemere Körper³ ausgewählte Beispiele aus der Österreichischen Fotogalerie im Rupertinum Salzburg aus der Sammlung des Bundeskanzleramtes zeigt. Die Kuratorin der Ausstellung, Margit Zuckriegl, hat Werke von insgesamt 13 österreichischen Künstlern und Künstlerinnen zusammengetragen und unternimmt den Versuch eines Überblicks über verschiedene künstlerische Positionen zum Thema Körperdarstellung in der Fotografie. Die thematische Klammer, die die Kuratorin in den einzelnen Werken und Bilderfolgen aufzuzeigen sucht, ist die Verbildlichung des “ephemeren³ Körpers in seinen unterschiedlichen Ausprägungen.

Das Bild des “ephemeren³ Körper meint den Körper sowohl in seiner Verletzlichkeit, als auch in seiner Veränderlichkeit, den Körper im Verschwinden, das Auflösen sicherer Konturen und die tiefgründige Verunsicherung darüber, wie Körper wahrgenommen werden in Zeiten von Genmanipulation, Klonen und virtuellen Weltbildern.

Mit insgesamt 13 Positionen versammelt die Schau mit Namen wie Valie Export, Arnulf Rainer, Erwin Wurm, Gottfried Bechtold oder Birgit Jürgenssen einerseits eine international renommierte und arrivierte Künstlergeneration, zum anderen wird mit Uli Aigner, Irene Andessner und Dieter Huber u.a. auch die jüngere Generation vorgeführt, die mit neuen Mitteln und künstlerischen Konzepten ihren Anliegen nachspürt.

Arnulf Rainer und Valie Export thematisieren den Einsatz des Körpers als Potential der künstlerischen Gestaltung in seiner Veränderlichkeit und vagen physischen Präsenz. Rainer spürt in seiner frühen Serie “Nervenkampf³ (1971), grimassierend und gebärdend, den Veränderungsmöglichkeiten der eigenen Mimik und Gestik mittels Sofortbildfotografie nach. Valie Export, die einst im eigenen Land geschmähte Performance- und Filmkünstlerin, dokumentiert ihr zentrales Anliegen der Rolle der Frau in einer funktional orientierten Gesellschaft. In der Bilderfolge “Stadt³ (1991) überführt sie das Bild der Frau mittels digitaler Manipulation in das Bild der Architektur, beide gleichermaßen verfügbar wie benützbar. Es sind Montagen von Körpern und Architekturteilen, Konfrontationen von Wirklichkeit und Illusion, die sich leicht als Zeichen einer tiefgreifenden Irritation deuten lassen.
Gottfried Bechtold arbeitet die Sichtweise des Betrachters in seine Fotobilder ein: ist das Bild des Mädchens (1978) das “wirkliche³ Bild und das des fotografierten Rockes, das es vor sich hält, eine andere Stufe der “Wirklichkeit³? Drei Bildebenen greifen ineinander.
Uli Aigner zeigt in ihren lebensgroßen Bildtafeln Menschen in für sie typischen Haltungen. In ihren Aufnahmen untersucht die Künstlerin die Fragestellung nach der wiedererkennbaren Identität einer Person ohne dabei das Gesicht, das Portrait als Information zur Verfügung zu haben.
Dieter Huber geht mit seinen digital veränderten Menschenbildern an den Rand des ästhetisch Erträglichen. “Klone II³(1997) zeigt einen Mann und eine Frau, die sich leidenschaftlich küssen und deren Zungen in dieser Geste im sprichwörtlichen Sinn des Wortes miteinander verschmolzen sind. Hubers Bild vom Menschen zeigt hier als fotografisches Experiment was vielleicht schon bald Wirklichkeit werden könnte: daß das Bild des Menschen nicht mehr als gesicherte Erscheinungsform konstant und gültig bleibt.
Elisabeth Wörndl kombiniert das Bild der Stadt mit einem artifiziellen Menschenbild: in der Serie “Körperräume (1997/98) zeigt sie über einer von oben gesehenen Großstadtlandschaft, schwebende, amorphe Gebilde mit menschenähnlichen Konturen, die die Künstlerin mittels medizinischer Diagnosetechnik vom eigenen Körperinneren erzeugt.
Irene Andessner inszeniert fremde Frauengestalten als Selbstportrait. Sie schlüpft in die Maske, das Kostüm und die Pose verschiedener weiblicher und meist berühmter Gestalten. Dabei verändert sie ihre eigene Identität und transformiert historische Posen in die Gegenwart: frisiert und geschminkt wie ihre “Vorbilder³ (1996/99), die Malerinnen Angelika Kaufmann, Gwen John oder Frieda Kahlo, verwischt sich in der gleichnamigen Serie das eigene Bild mit dem Fremden bis hin zu Unschärfe.
Erwin Wurm schließlich liefert mit seiner Folge “Palmers³(1997) von Fotografien “wild gewordener Unterwäsche³ einen höchst vergnüglichen Beitrag. Der Schöpfer der “One Minute Sculptures³
schafft menschlich dominierte Skulpturen von vergänglicher, ephemerer Dauer, die nur so lange existieren, solange der Mensch in den Fotopose verharrt. Das Brisante, das seine Werke auszeichnet, liegt in der Zeitlichkeit begründet, die seinen Bildern von menschlichen Skulpturen innewohnt.
“Die Suche nach den Formen ist nur eine Suche nach der Zeit.³Mit Paul Virillos Satz aus der “Ästhetik des Verschwindens³ läßt sich der Kern der Themenausstellung fassen. Auch wenn der umfassende Titel der Ausstellung die Hinzunahme weiterer künstlerischer Positionen erwünschenswert erscheinen läßt, so ist die Auswahl jedoch prägnant und Gehalt und innovative Kraft der jüngeren Gezeigten den älteren Protagonisten durchaus ebenbürtig .

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 10 – 15 Uhr

Kunstraum Palais Porcia
Herrengasse 23
1014 Wien
Telefon: 01-53 11 5 0