Ein Bild aus Wien 10

RICHARD ARTSCHWAGER

The Hydraulic Door Check.
Skulptur, Malerei, Zeichnung

MAK Museum für angewandte Kunst, Wien
27. März bis 16. Juni 2002

Im internationalen Kunstzirkus ist Richard Artschwager ein beliebter Akteur. Seit 40 Jahren fehlt er bei fast keinem Großereignis. Als Liebling weltweit agierender Kuratoren stellt er sein sperriges Kunstmobiliar in die Hallen der renommiertesten Häuser. Seine imposante Ausstellungsbiographie weist zwischen 1968 und 1992 Teilnahmen an fast jeder Documenta auf; weder die Biennalen in Venedig, Paris und Whitney, noch ambitionierte Großausstellungen wie „American Pop Art“ (1974), „New Art at the Tate“ (1983), „Metropolis“ (1991) oder „Birth of the Cool“ (1997) haben auf Musterstücke seiner reichen Kollektion verzichtet.

Wien, die Stadt, in der sich Artschwager 1944 als Soldat der US-Army kurzzeitig aufhielt, war vom regen Ausstellungswillen des Amerikaners bisher ausgenommen. Mit einer retrospektiv angelegten Schau, die in Zusammenarbeit mit dem Neuen Museum, Staatliches Museum für Kunst und Design in Nürnberg und der Serpentine Gallery in London entstanden ist, präsentiert das Museum für angewandte Kunst mit seiner aktuellen Ausstellung nun erstmals für das hiesige Publikum ein großzügig ausgewähltes Angebot aus Richard Artschwagers Gesamtwerk.

Auf Umwegen fand der 1923 als Sohn eines emigrierten ostpreußischen Botanikers und einer ukrainischen Künstlerin in Washington geborene Maler und Plastiker seinen künstlerischen Weg. Nach Abschluß seines Studiums der Chemie und Mathematik ging er auf Rat eines Lehrers nach New York. Hier traf er auf ein künstlerisches Klima, das durch widerstreitende künstlerische Fraktionen gekennzeichnet war. Sowohl dem abstrakten Expressionismus wie der Pop Art mißtrauend und gleichzeitig daran zweifelnd, der New York School eine autonome künstlerische Position entgegensetzen zu können, widmete er sich zunächst, zusammen mit seinem Schwager, einer Möbelschreinerei. Die praktischen Erfahrungen mit außergewöhnlichen Materialien, industriellen Werkstoffen, vor allem aber mit billigen, in der Regel kunstunwürdigen Materialien, erweisen sich als prägend für sein weiteres bildnerisches Werk. Im Rückblick kann Artschwagers Kunst als eine Anwendung, Weiterentwicklung, aber auch Verdrehung der praktischen und visuellen Erfahrungen des Möbeltischler verstanden werden. Sie thematisiert den Unterschied zwischen Funktionellem und Nutzlosem, zwischen Alltags- und Kunstgegenstand und basiert auf der Resonanz zwischen zwei Zuständen. Seine charakteristischen Resopal-Tische und -Sessel sind einerseits Möbel, aber auch Skulptur, andererseits bildliche Darstellung „a painting pushed in three dimensions“ und letztlich Denkmodelle über die Eigenschaften der Dinge.

Die Wiener Ausstellung präsentiert über fünfzig Werke aus internationalen Sammlungen und unterschiedlichen Werkphasen Artschwagers. Mit frühen möbelähnlichen Objekten aus den sechziger Jahren, wie „Pink Tablecloth“, dem Bild eines Tisches als Objekt, über marmorierte Resopalobjekte bis hin zu den „blinden Flecken“, den sogenannten „blps“ und den aus rohem Holz gezimmerten Kisten (Crates) der neunziger Jahre, ermöglicht die großzügige Schau einen Einblick in unterschiedliche Werkkomplexe. Ein Schwerpunkt der MAK-Ausstellung liegt auf den skulpturalen Arbeiten, wie „Flayed tables“, „Dugout“ und „Janus III“, das eine aus Resopalplatten gefertigte Aufzugskabine beschreibt, deren Benutzbarkeit durch akustische Stimulierung vorgetäuscht wird.
Ein anders, eigens für die Ausstellung angefertigtes und in die zentrale Halle integriertes Objekt ist die „Haltestelle“, ein Werk, das der Künstler bereits 1989-90 als „Chair“ konzipierte. Es handelt sich um ein dreidimensionales, thronartiges Sitzobjekt aus Paneelplatten mit Eichenfurnier, das der Besucher, sofern er Gummiabsätze unter seinen Schuhen trägt, sogar erklimmen darf.

Artschwagers Möbel-Objekte sind funktionslose Gegenstände, deren Inhalt man zu erkennen glaubt, anderseits verweisen sie auf den Bereich reiner Zwecklosigkeit. Sie sind von Gebrauchsgegenständen abgeleitet und doch weit entfernt von deren Funktionalität. Gleichzeitig spielt der Begriff Funktionalität für sein Werk eine entscheidende Rolle. Die äußere Form verrät die Vorbilder der Objekte, die jedoch einer direkten und handgreiflichen Nutzung entzogen sind.
Artschwager macht die Realitätsebenen der Wahrnehmung und die Verschiedenheit der Blicke auf die Umgebung zum Gegenstand seiner Arbeiten. Angestrebt ist ein Dialog zwischen Werk und Betrachter, der dazu führt, sich mit den Gewohnheiten der eigenen Wahrnehmung konfrontiert zu sehen und das Kunstwerk als eine Situation zu begreifen, in der Momente des Sehens und Wahrnehmens als vitale Erfahrung erlebbar werden.

Der von Kritikern und Rezensenten häufig zitierten Ironie, die sich angeblich hinter der formalen Strenge der Objekte von Richard Artschwager verbirgt, bietet die Wiener Ausstellung kein breites Anschauungsfeld. Überzeugend klar und nachvollziehbar ist jedoch die im Katalog formulierte These von der Entwicklung des Œuvres Artschwagers in heterogenen Werkgruppen, die nicht klar umrissen sind und sich nicht auf zeitlich abgeschlossene Phasen beschränken. Beispielhaft für diese Besonderheit hängt im Eingangsbereich eine kleine Gruppe von Gemälden, überwiegend in Schwarzweiß gehalten, fallen sie durch eine Struktur auf, die nicht durch den Malduktus, sondern durch den Malgrund entsteht. Überraschend ist das jeweilige Jahr ihrer Enststehung: so schließt das 2001 entstandene Gemälde „Upper Right Corner Pinch“ stilistisch, thematisch und scheinbar bruchlos und unbeeindruckt eines zeitlichen Abstand von über 3 Jahrzehnten an das Frühwerk „Upper Right Corner Hit“ aus dem Jahre 1969 an.

Öffnungszeiten: Dienstag 10-24 Uhr
Mittwoch bis Sonntag 10-18 Uhr

MAK – Museum für Angewandte Kunst
Stubenring 5
A-1010 Wien
Tel. (+43-1) 711 36 233

Katalog: „Richard Artschwager: Up and Across“, hrsg von neues Museum in Nürnberg, Serpentine Gallery, London und MAK, Wien, dt./engl., 176 Seiten, Verlag für moderne Kunst, Nürnberg 2001