Ein Bild aus Berlin 9

Ein fahrbares Trailer-Home in der Nacht, eine billige Blechfassade, ein schlafendes Kind. Das sind die Ingredienzen von Doug Aitkens neuer Video-Installation in den Berliner Kunst-Werken (http://www.kw-berlin.de). Man sieht eine weiße Blechfassade und die Nacht darum herum. Innen schläft selig ein Kind. Draußen ist nur leere Weite. Plötzlich wird ein Motor angeworfen. Trailer und Truck setzen sich in Bewegung. Und los geht die Reise ins Ungewisse.

„Ich wollte etwas auf den Punkt bringen, das vollkommen elementar ist, mit einem Terrain, das sich zugleich überall und niorgendwo befindet“ sagt der amerikanische Künstler Doug Aitken zu seiner modernen Parabel über die Unbehaustheit der Kindheit. Wie wahr, denkt der Besucher, ist die Sequenz in den Berliner Kunst-Werken doch selbst nur ein Teil der umfänglichen Videoinstallationen des amerikanischen Künstlers. Der andere Teil der Ausstellung befindet sich im Kunstmuseum Wolfsburg (http://www.kunstmuseum-wolfsburg.de). Das Kunstzentrum „befindet sich per ICE kaum eine Stunde entfernt“ von Berlin, wie die Pressemitteilung informiert. So werden die ausgekoppelten Ausstellungsmodule wie Trailer-Homes einer heimatlosen Kunst derzeit um den Globus geschickt. Darin schlafen Kinder und Kunstwerke. Dass beide vieles gemeinsam haben, zeigt nicht zuletzt Aitkens aktuelle Show in Berlin.

Die Bilder von Truck und Trailerhome sind nur einige Sequenzen aus einem videotechnischen Irrgarten, den Aitken in die große Ausstellungshalle der Kunst-Werke hineingebaut hat. Es ist fast eine Blasphemie, das Oberlicht der modernistischen Halle durch die abgedunkelte Videobox auszuschließen. Tritt man ein, wird man gemeinsam mit dem Licht von der Box geschluckt. Sie ist von innen mit Filz ausgeschlagen, wie bei Beuys. Nur steht darinnen kein Klavier, sondern fünf große freischwebende Videoleinwände. Die Videoskulptur zeigt Bildsequenzen, die minimal zueinander verschoben sind. Man kann zwischen den Leinwänden umherspazieren oder es sich auf dem Filzboden gemütlich machen. Durch die Bewegung in der Videoskulptur entsteht eine Art begehbarer Film; wo man auch hinschaut, ergeben sich zwischen zusammenmontierten Bildsequenzen und rasanten Schnitten andere Bildkonstellationen. Wie in einem abgedunkelten Spiegelkabinett sieht man immer dasselbe – auf tausenderlei Weise.

Und wie im Spiegelkabinett verliert man leicht die Orientierung. Keine räumliche oder narrative Ordnung hilft dem Betrachter in den rasenden Bilderfluchten. Die rhythmisierten Bilder, die ineinander übergehen und unterschiedlich scharf sind, entfalten ein unverständliches aber hypnotisches Eigenleben. Sequenzen von urbanen Durchgangsräumen wie Highways und Flughafen und Parkplatz wechseln sich ab. Das einzig Konstante ist der Wechsel der transitorischen Bilder. Und das Kind mit den großen Kulleraugen, die sich bald öffnen. Zwischen dem Öffnen und dem Schließen der Augen entfaltet sich ein Bildraum, der den Regeln der Logik weniger gehorcht als den Gesetzen des Traumes. Desorientierung und Verwirrung sind Teil des Spiels, das Aitken mit dem Betrachter spielt.

Aitken hat schon viele dieser Spiele gespielt. Die ausgefeilte Technik, die genau abgestimmten Effekte lassen vermuten, daß der junge Amerikaner nicht zum ersten Mal den technischen Apparat eines modernen Kinos bedient. Man sieht dieser Kunst aus dem Geist des Videoclips an, daß sie sich zwischen Popkultur und Medienkunst bewegt. Der 32-jährige Aitken hat Videos für Fat Boy Slim, Iggy Pop oder die Barenaked Ladies gemacht. Manchmal sind sie in den heimatlosen Musikkanälen dieser Welt zu sehen. Seine Bildstrecken wurden in renommierten Verteilern popkulturellen Gutes publiziert, New York Magazine und Interview Magazine, der Rolling Stone und das ID-Magazine druckten schon Arbeiten des Newcomers, der neben Douglas Gordon und Pipilotti Rist derzeit zu den gefragtesten Videokünstlern zählt. Zugleich war er im Pompidou in Paris und im Whitney Museum in New York zu sehen. Auf der letzten Biennale gewann seine Installation Electric Earth einen Preis; jetzt ist sie in Wolfsburg zu sehen.

Wenn man fragt, was Aitken für so viel Erfolg zu bieten hat, so sind das visuelle und akustische Verschaltungen von unterschiedlichen Erlebniswelten. Aitken spielt immer wieder mit dem Kontrast von Landschaft und Hochtechnologie, von Emotionalität und Urbanität. Zusammen mit den verschachtelten Leinwänden ergibt sich mit technischen Mitteln eine kubistische Bildarchitektur, die immer mehrere Ansichten eines Gegenstandes preisgibt. Während der Film auf diese Weise in seine Bestandteile zerlegt wird, werden sie als solche sichtbar gemacht; wie Walter Benjamin aus dem Kontinuum der Geschichte einige Momente heraussprengen wollte, sprengt der Amerikaner ohne Geschichte seine Bilder aus dem Historiensurrogat Hollywood heraus. Aus den Einzelteilen Kind, Nacht, Stadt könnte man tausend Filme komponieren. Genau dies tut man auch, denn Aitken lenkt den Betrachter immer wieder auf eine Fährte – die sich aber immer wieder verliert. Stets kann und soll sich der Besucher dabei beobachten, wie er anfängt, das ungeordnete Wirrnis der Bilder in eine Geschichte zu verwandeln – und diese Geschichte als konstruierte entlarven. Heraus kommt eine ausweglose Verwiesenheit auf sich selbst, eine melancholische Immanenz, die sich so anfühlt wie die Leere nach dem Surfen im Netz.

Kunst-Werke, Auguststraße 69, Di-So 12-18 Uhr, bis 8.4. 2001. http://www.kw-berlin.de

Kunstmuseum Wolfsburg, Di 11-20 Uhr, Mi-So 11-18 Uhr, bis 13.5.2001. http://www.kunstmuseum-wolfsburg.de