Ein Bild aus Berlin 8

Jedes Jahr nach dem Ende der Filmfestspiele fragt man sich, was das Magische an diesem Ereignis sein könnte. Denn es ist absolut nicht einsehbar, weshalb die filmbegeisterten Massen sich stundenlang in die Kälte stellen für Filme, die sie zwei Wochen später im Kino um die Ecke sehen können. Vielleicht geht es bei dem Berlinaleterror darum, die Fiktionsmaschine Kino ein wenig auf den Boden der Tatsachen zurückzubringen. Feuilletons und Fernsehen erlauben dem Zuschauer einen zaghaften Blick hinter die Kulissen der Traumfabrik: Dahinter erscheinen genervte Regisseure, gelangweilte Stars und die geheimnisvolle Mittelwelt der Filmproduktion. Vielleicht lebt die Welt der Filmfestspiele aus dieser Spannung zwischen Glamour und Alltäglichkeit.

Aus dieser Spannung lebt auch eine Show von Isabell Heimerdinger und Udo Kier in der Galerie von Mehdi Chouakri. Passenderweise ist die Zusammenarbeit zwischen der Künstlerin mit dem Filmschauspieler während der Biennale zu sehen: Denn es gibt kaum eine zweite zeitgenössische Künstlerin, deren Arbeit sich eindringlicher mit der Wirklichkeit der Fiktion Kino beschäftigt; und es gibt kaum einen anderen lebenden deutschen Filmschauspieler, dessen flüchtiges Auftreten in abseitigen Streifen glamouröser ist als das von Kier.

Dabei irrt man sich, wenn man meint, mit der Ausstellung versuche die Bildende Kunst zu Berlinale-Zeiten ein wenig von der Publicity und dem Starkult des Films abzubekommen. Kier und Heimerdinger haben zusammen ein Konzept zwischen Zeigen und Verhüllen erarbeitet, das ebenso streng wie genießbar ist. Die Künstlerin zeigt, was das Kino sonst verbirgt: Sie hat den Schauspieler dabei gefilmt, wie er in einem Hotelzimmer eine neue Rolle einstudiert. Wir sehen Kier in legerem Aufzug in einem luxuriösen Hotelzimmer. Es könnte auf der Biennale sein. Bei einer Tasse Kaffee lernt er die Rolle von Pontius Pilatus. Man meint, die Realität hinter der Bühne zu sehen; die Arbeit, die dem Film zugrunde liegt. Doch allein die artifiziellen Requisiten zeigen, daß es sich bei der vermeintlichen Wirklichkeit um eine Fiktion handelt. Auch hinter der Bühne läuft noch ein Film.

Mit einer Fotoserie von „Production Stills“ outet Heimerdinger das Staging der gezeigten Szene. Sie zeigt die Requisiten der Illusion, das leere Hotelzimmer, die Vorhänge, den Lehnsessel. Hier war es gewesen; hier wurde der Schein der Wirklichkeit produziert. Schließlich zeigt sie auch den arbeitenden Kier vor Kameras und Scheinwerfern – und damit ist klar: Es gibt keine Realität hinter der Fiktion. Auch die Realität hinter der Fiktion ist eine Illusion; auch die Entzauberung der Fiktion ist noch verzaubert. Wie Alice im Wunderland der Filme arbeitet Heimerdinger an der Verzauberung der Entzauberung des Kinos.

Zu der Verzauberung von Raum und Zeit trägt bei, daß die Production Stills zusammengenäht sind wie die Fotos an den Wänden von Andy Warhols Factory. Plötzlich erinnert man sich, daß Kier mit Warhol gedreht hat. 1973 spielte Kier die Hauptrolle in Warhols Dracula. Und tatsächlich: Die Stills zeigen, daß sich im Hotelzimmer ein Monitor befindet, in dem Warhols Dracula-Film läuft. Während Kier seine Rolle lernt, schaut er sich seinen Film an: I was Andy Warhols Dracula. Vorher hatte Heimerdinger schon das Gesicht von Rüdiger Vogler bei der Selbstbetrachtung von Wenders Alice in den Städten gefilmt. Einer wie der andere Schauspieler kann sich der halluzinativen Wirkung nicht verschließen, die er selbst mitproduziert hat. Mit dieser Schwäche des Schauspielers für sein Schauspiel paßt Heimerdinger genau den Moment in der Dynamik der Entmystifizierung ab, in dem sich der Schauspieler erneut mystifiziert. Und beantwortet damit indirekt die Frage, warum die Wirklichkeit dem Glamour nichts anhaben kann.

Gipsstraße 11, Di-Sa 11-18 Uhr, bis 3.April