Ein Bild aus Berlin 7

„Rimini“ und „Calambrone“, „Viareggio“ und „Riccione“, „Cagliari“ und
„Rosignano Solvay“ sind nicht nur Badeorte an italienischen oder
französischen Küsten. Zugleich sind es Titel von Fotos von Massimo Vitali.
Während Nordeuropäer in den Wintermonaten Jumbo-Jetweise die Flucht gen
Süden ergreifen, beglückt die Galerie Arndt und Partner ­
http://www.arndt-partner.de ­ die in Berlin Gebliebenen mit einer auch touristisch
wertvollen Ausstellung. Damit handelt es sich um die erste deutsche
Einzelausstellung der Bilder, die sich die Sammler während des letzten
Berliner Artforums gegenseitig aus den Händen rissen.

Tatsächlich bezeichnen die wohlklingenden Namen Bilder von italienischen
oder französischen Badeorten am Mittelmeer. Doch sind die Bilder von Massimo
Vitali weder aus Reisekatalogen entnommen, noch könnte man mit ihnen
vermutlich kaum einen Touristen an die verheißungsvollen Stätten locken. Am
Strand von Rosignano beispielsweise erhebt sich hinter dem schmalen
Sandstreifen ein Atomkraftwerk von beachtlichen Ausmaßen über den Badenden.
Und auf einem anderen Foto liegen die Leute vor dem Skelett eines
verlassenen Geisterhauses. Die Paradiese Vitalis sind stets durch den
nächsten Parkplatz begrenzt.

Die desaströse Qualität der Bilder Massimo Vitalis nimmt ihnen nicht ihre
Schönheit: im Gegenteil. Die gebrochenen, gefallenen Idyllen, mit denen der
Italiener seit einigen Jahren Aufsehen erregt, sind schön trotz – oder wegen
– ihrer vielfachen Brechung, trotz des Falls des Paradieses, von dem sie
Zeugnis ablegen. Die Menschen an den Stränden vergnügen sich trotz AKWs,
trotz Hotelburgen oder Industrieanlagen – und es ist gerade das
Zusammentreffen von arkadischen Motiven mit antiromantischer Härte, das den
irisierenden Bildern Vitalis ihre halluzinative Spannung gibt.

Der Italiener macht Bilder, die der Fotoamateur im Laden als hoffnungslose
Überbelichtungen zurückgehen lassen würde. Durch das grelle Licht wirkt
alles extrem trüb und bleich und hübsch: Vitalis Mittelmeer ist pastell
grauer Schlamm und der Strand davor weiß wie Schnee. Auf diesen extrem faden
Flächen entfaltet sich ein entrücktes Treiben in modischen Farben. Das
Strandvergnügen mutet von Vitalis erhöhter Kameraposition aus so fremd und
abstrakt an, als tummelten sich die Menschen auf dem Mond.

Merkwürdigerweise ist der Schöpfer dieser hochartifiziellen – und dabei ganz
realen – Bildwelten noch gar nicht so lange im Geschäft der Kunstfotografie.
Massimo Vitali hatte zunächst als Fotojournalist und Kameramann gearbeitet,
bevor seine Großformate in den neunziger Jahren vom Kunstmarkt entdeckt
wurden. Auf der letzten Berliner Kunstmesse leuchteten die irisierenden
Großformate gleich an mehreren Ständen. In seiner ersten deutschen
Einzelausstellung bei Arndt und Partner kann man sich von der
kinematografischen Leuchtkraft seiner Bilder überzeugen.

Ähnlich wie sein berühmter Kollege Andreas Gursky fotografiert Vitali mit
extrem großen Negativen und benutzt einen hoch empfindlichen Film für seinen
massenethnologischen Voyeurismus. Denn wie bei Gursky sind es die rituellen
Menschenansammlungen, die Vitali magisch anziehen: Doch geht er nicht wie
der Deutsche an die Stätten der Arbeit, in die Börse oder in die Fabrik,
sondern an die Orte des postindustriellen Müßiggangs, in Diskotheken und
Skigebiete, zu Volksfesten und Strandelagen.

Und wie bei Gursky, dessen Arbeiten schon lange in den großen Museen der
Welt hängen, sind auch Vitalis ethnologische Studien nicht Bilder des
Moment, sondern kunsthistorisch durchkomponierte Meisterwerke. Während
Vitalis Farben die Portormos sind, seine Motive unerkennbar in der Tradition
der europäischen Landschaftsmalerei stehen, nehmen seine Kompositionen
Muster der italienischen Freskenmalerei der Renaissance auf. Gepaart mit
einer enormen Tiefenschärfe überhöhen sich die banalen Strandimpressionen zu
Inkunablen des postindustriellen Zeitalters, in dem der Mensch eine Ware und
seine Bedürfnisse der Wechselhaftigkeit der Ökonomien unterworfen scheinen.
Seine Ausstellung dennoch „All too Human“ – also „Allzumenschliches“ – zu
nennen, ist vielleicht am ehesten mit jenem Wort von der „großen Loslösung“
zu erklären, von dem Nietzsche in seiner Vorrede zu Menschliches –
Allzumenschliches sagt, sie käme „wie ein Erdstoß“.

Galerie Arndt und Partner, http://www.arndt-partner.de, Auguststraße 35, Di-Sa
12-18 Uhr, bis 3.3. 2001