Ein Bild aus Berlin 6

Den fulminantesten Start in die neue Berliner Ausstellungssaison konnte die Guardini-Stiftung (http://www.guardini.de) hinlegen. Während die alten Galerieräume der Stiftung am Tempelhofer Ufer ein mauerblümchenhaftes Schattendasein geführt hatten, gelang es 2001 mit dem Umzug an den Askanischen Platz auf Anhieb, sich in das Zentrum des Berliner Ausstellungsgeschehens zu beamen.

Das Erste, was den Besucher der frischen Räume des Kulturinstituts überrascht, ist dessen erfreuliche Aufgeräumtheit. Trotz Umzug und ambitioniertem Start ins neue Ausstellungsjahr mit einer Reihe von neuen Ausstellungs- und Veranstaltungsformaten präsentiert sich die interkonfessionelle Stiftung mit ihrem umfassenden Kulturprogramm ebenso attraktiv wie überschaubar.

Das mag auch an der aktuellen Ausstellung des jüngst ins Leben gerufenenen „Jungen Forums“ der Stiftung liegen, deren klares Konzept auf den ersten Blick überzeugt. Zu der ersten Ausstellung sind zwei junge Künstler eingeladen, deren Arbeit bei ganz unterschiedlicher Biographie sich doch an einer entscheidenden Stelle trifft: Till Ansgar Baumhauer und Sybil Kohl bauen beide Räume. Und sie bauen nicht nur Räume, sondern sie bauen mit den Räumen auch Grenzen – nur dass diese Grenzen nicht nur als Ende, sondern auch als Anfang von etwas gedeutet werden.

Im Fall von Baumhauer lassen sich Ende und Neuanfang im Werk des italienischen Komponisten Carlo Gesualdo (1564-1613) verorten, dessen Leben und Werk die Arbeit Baumhauers seit Jahren obsessiv umkreist. Und zwar beginnt das eigentliche Schaffen des schillernden neapolitanischen Prinzen und späteren Komponisten, nachdem er seine Frau und deren Liebhaber – die er zusammen in flagranti erwischt hatte – kurzerhand brutal aus der Welt geschafft hatte. Der Anblick des Gemetzels soll mehr als scheußlich gewesen sein.

Baumhauer setzt die heißblütigen Gefühle kühl um. Auf der einen Seite des Galerieraums baut er der Passion und der Isolation des Carlo Gesualdo ein begehbares Mausoleum in Form einer schalldichten Kabine. Ausgehend vom Zusammenhang zwischen Schaffen und Abschaffen bindet sein mit schwarzen Fliesen beklebtes Solo-Mausoleum die Schwingung an den Stillstand und den Ton an die Taubheit. Gleichzeitig erinnert der schwarze Kasten an Beichtstühle und sadomasochistische Auswüchse – die dem neapolitanischen Prinzen keineswegs fremd gewesen sein sollen.

Keine leichte Aufgabe für die Berliner Künstlerin Sybil Kohl, die passionierte Vorgabe auf der anderen Seite des Raumes angemessen zu beantworten. Kohl retourniert souverän. Aneinander steigern sich beide Positionen zu Glanzleistungen. Kohls auf die andere Seite des Galerieraums gebaute begehbare Installation ist ein schlicht funkelndes Juwel. Den schwarzen Fliesen des Gesualdo-Memorials setzt sie eine begehbare Ecke aus Styrodur entgegen. Das blaßgrüne Modellbaumaterial setzt das Provisorische gegen das Abgeschlossene. Wenn man zu stark daranstößt, wackeln die Wände.

Der eigentliche Clou der Arbeit Kohls ist die Begehbarkeit ihrer Ecke. Kohls coole Intervention verwandelt die Grenze des Winkels in einen Raum. Jeweils zwei Wände formen eine Art abknickenden Tunnel. Man kann in das Niemandsland ihrer Grenze hineinkriechen und sich in ihm umschauen. Die Grenze ist selbst eine Welt. Berliner wissen besser als andere, dass jede Mauer selbst eine Ausdehnung hat und Mauerstreifen selbst begehbar sein können.

Während sich die Schultern an den Wänden reiben und man an Bruce Naumans Korridore denkt, entdeckt man die filigranen Architekturzeichnungen, die die Bildhauerin an die Wände gepinnt hat. Kohls Korridor läßt einem gerade soviel Sichtabstand, um die Inschriften in den Zeichnungen entziffern zu können. Weitsichtige werden an dem in die Zeichnungen eingefügten Heidegger-Zitat kaum sehen können, dass das Thema Kohls nicht wie bei Nauman Body-Art, sondern vielmehr Art and Architecture ist. Die Zeichnungen Kohls – Zitate von Innenräumen quer durch die Architekturgeschichte – zeigen, was das Heidegger-Wort sagt: Nämlich dass der Raum eine Grenze ist. Und dass die Grenze nicht nur Ende, sondern auch Anfang ist.

Guardini Galerie, Askanischer Platz 4, Di-Do 14-19 Uhr, Fr 14-18 Uhr; Finissage 2.3. 18 Uhr. Programm der Guardini-Stiftung unter http://www.guardini.de