Ein Bild aus Berlin 5

„It’s killer“ ­ hört man derzeit besonders anglophile Besucher der Berliner
Museumsakademie neben den Hackeschen Höfen ausrufen. Der Grund ihrer
Erregung ist jedoch kein tatsächlicher, sondern nur ein künstlerischer
serial killer: Der tritt auf in einer Installation von Miguel Rothschild,
Berliner Künstler aus Argentinien: Ein mißachteter Künstler rächt sich an
seiner Umwelt ­ und zwar mit Tränen, die aus seinen Augen wie Geschosse
hervorschießen, sobald jemand seine geniale Kunst nicht mag. So werden
harmlose Besucher genauso dahingerafft wie der Polizist, der Rothschild im
Showdown am Ende von Killer Tränen den Todesschuß verpaßt.

Killer Tränen, eine Installation aus 73 Daumenkinos und unter
http://www.vitaminb.de/killertears auch online zu bewundern, heißt der letzte von
Rothschilds mythenbildenden Künstlergeschichten, die der Berliner Künstler
erzählt. Der plot ist immer derselbe: Der Jüngling opfert sein Leben für die
Kunst ­ und erhält im Tausch für das verfehlte Leben Genie, Unsterblichkeit
und die gewisse Art von Heiligkeit, die die Moderne ausschließlich für den
Künstler reserviert hat. Man vermag kaum abzuschätzen, wie viele junge und
gealterte Künstler diesem bis heute machtvollen tragischen Künstlermythos
zum Opfer gefallen sind. Die Geschichte dieses gigantischen Opferaltars
bleibt noch zu schreiben.

Rothschild, von Name und Berufs wegen Spezialist in Sachen Künstlermythen,
schreibt weder die Geschichte dieser Opfer, noch fällt er ihr zum Opfer.
Vielleicht um den Mythos zu entlarven, vielleicht aber auch um ihn zu
bannen, erzählt er die Geschichte vom tragischen Künstler in Helen Adkins
Museumsakademie in der ersten Person nach ­ und noch in der mehrfach
ironisch gebrochenen Form der Nacherzählung kann man sich der anrührenden
Wirkung der Mythe kaum entziehen.

Unter dem Titel „Rothschild fordert sein Erbe ein“ hat der Berliner Künstler
1992 seine erste Künstlermythe erzählt: „Sie werden Zeuge einer Geschichte,
der Geschichte Miguel Rothschilds, Künstler aus Buenos Aires, der sich eines
Tages entschließt, sein ärmliches Schicksal zu wenden.“ In der Form einer
nostalgischen musikbegleiteten Diainstallation zeigt er sich als armen aber
begabten Künstlerteufel, der sein Genie gegen ein sorgenfreies Leben mit
einer schönen und reichen Rothschild eintauscht. „Sich der Kunst widmen
bedeutet völlige Selbstaufgabe, Elend, Unverständnis, Zurückweisung. Wie
schwer ist die Schöpfung!“ lautet das Credo der Geschichte ­ die es will,
daß sobald Glück, Macht und Einfluß des Künstlers wachsen, seine
Schaffenskraft zu schwinden beginnt. Am Ende sieht man Rothschild als
Porträtzeichner auf dem Kudamm sitzen: Wie schwer ist die Schöpfung!
Im Zentrum der Ausstellung steht Rothschilds zweite Mythe vom Künstler von
der traurigen Gestalt. „Killer Tränen“ wird in der Form eines 73-teiligen
Daumenkinos erzählt, das an den Wänden der Galerie verteilt ist und schon in
der Form eine gewisse mediale Nostalgie verbreitet. So blättert man sich
durch den tränenreichen Lebensroman eines Künstlers. Der ist ebenso rührend
und ebenso tragisch wie der erste: Angefangen von der Geburt unter
sonderbaren Umständen über schwere Kindheit und unglückliche Jugend, enthält
Rothschilds nachgestellte Geschichte alle Ingredienzen, die den Mythos zu
einem solchen machen. Viele Leiden muß man ertragen, damit ein echter
Künstler aus einem wird. Rothschild erträgt alle ­ ein Buster Keaton der
Kunst ­ ohne ein Lächeln.

„Eines Tages war der Druck der jahrelang aufgestauten Tränen nicht mehr
auszuhalten. Die schreiende Traurigkeit durchbrach den Widerstand aus seinen
Augen schossen Killertränen“ Die todbringenden Killertränen, mit denen
sich der verkannte Künstler an den Verkennern rächt, bringen Rothschild ­
nach all den Einbußen und Rückschlägen, der Verachtung der Eltern und der
Frauen, nach der endlichen Anerkennung in der Liebe und dem späten Erfolg in
der Kunst ­ schließlich doch um die Früchte seines Schaffens. Im Showdown
der Story wird Rothschild von einem Polizisten abgeknallt ­ und damit in die
heroischen Spalten der Kunstgeschichte befördert. Der Künstler hat sein
Leben geopfert und wird dafür von der Nachwelt heiliggesprochen.
Rothschilds Geschichten wären nur halb so amüsant, wenn es sich nicht in
Wirklichkeit so verhielte, wie der Mythos vermeint. Am Rande der
Trivialität, mit den minderwertigen Genres von Kitsch und Melodram, von
B-Movie und Fotoroman spielend, gelingt es Rothschild, herzzerreißende
Geschichten aus dem Leben eines Künstlers zu erzählen ­ und sie gleichzeitig
zu dekonstruieren. Dabei sind es weder die ikonographischen Versatzstücke
der Kunstgeschichte ­ von wirkungsmächtigen Tränen bis zu gefesselten
heiligen Sebastians bringt Rothschild alles unter ­ , mit denen Rothschild
sein Mythen-Remix veranstaltet, die ihm Leichtigkeit und Schwere zugleich
geben. Noch ist es die geschickt ausgeklügelte Ökonomie des Opfers, das alle
Geschichten beherrscht. Es ist die Doppelung aus Nähe und Distanz, die durch
Überlagerung von Selbstironie und Selbstmitleid zustandekommt, die eine
unvermittelte Rezeption des Mythos auch heute ermöglicht. So gelingt
Rothschild das wertvolle Kunststück des Lebens in der Popkultur, eine
Geschichte zu dekonstruieren und ihr gleichzeitig vollen Glauben zu
schenken.

Museumsakademie Berlin, Rosenthaler Straße 39, Di-Sa 14-19 Uhr, bis 13.
Januar 2001, zwischen 24.12. und 1.1. geschlossen.

Events im Dezember:

2.Dezember 2000 Galerienrundgang Mitte, 17-21 Uhr

6.12. um 19 Uhr im Neuen Berliner Kunstverein, Chausseestraße 128: Susanne
Paesler und Joachim Reck: Malerei Zwischen den Medien

Do 7.Dezember, 18-21 Uhr, Kunstbank, Brunnenstraße 188
Vortrag von Susanne Paesler und Joachim Reck

2.12. 20 Uhr, Rampe 003, Rosa Luxenburg-Platz Gudrun Widlock, Privatbesitz,
Eröffnung

Julia Scher: always there ­ surveillance bed, Auguststraße 91, Di-Sa 11-18
Uhr

(c) Knut Ebeling, 29.11.2000