Ein Bild aus Berlin 4

In Berlin bricht gegen Jahresende das große Heulen aus: Während die Kulturpolitik um Michael Naumann trauert, weinen die Künstler derzeit flächendeckend über die Leiden ihres Daseins. Während in der letzten Kolumne Miguel Rothschild in der Museumsakademie seine „Killer-Tränen“ losließ, geht es nach Weihnachten hin etwas sanfter zu: Olaf Nicolai zeigt sich selbst als „A Portrait of the Artist as a Weeping Narcissus“. Doch seine Tränen sind so rätselhaft, daß er den Besuchern der Galerie Eigen + Art in der Auguststraße eine Rede dazu gibt.

Wendet sich ein Künstler einmal direkt mit einem Statement an die Öffentlichkeit, dann ist das ein bißchen so wie wenn der Bundeskanzler seine Weihnachtsansprache hält: Das Licht wird gedämmt, der Ton schwillt an, die Inhalte versiegen. In diesem Moment sind nicht neue Ideen gefragt, sondern die öffentliche Beschwörung von Szenen und Bildern, an denen man sich gemeinsam festhalten kann: Urszenen des gesellschaftlichen Lebens. „Bei Fragen von einschneidender Bedeutung ist der Stil, nicht die Ehrlichkeit ausschlaggegebend“ (James Joyce).
Beides, das Joyce-Zitat aus A Portrait of the Artist as a young Man, und die Weihnachtsansprache, sind die milden Gaben, die Olaf Nicolai seiner aktuellen Ausstellung bei Eigen + Art beigegeben hat. Die Ansprache kommt, natürlich legerer als beim Kanzler, per Fax als Pressemitteilung ins Haus. Beendet und eingerahmt wird es von dem Joyce-Zitat, dem Nicolai den Titel für seine aktuelle Show – wie beim Kanzler handelt es sich um nichts anderes – entlehnt: A Portrait of the Artist as a Weeping Narcissus.

Gemäß ihrem literarischen Titel besteht die neue Arbeit Nicolais aus nichts anderem als einem Narziß, dem die Tränen aus den Augen kullern. Nicolai hat ein Double seiner Person angefertigt, einen zeitgemäßen Narziß, der mit modischen Turnschuhen und Schlag in der Jeans auf allen vieren über einer Pfütze kniet. Die Pfütze – die wiederum auf einer kleinen Insel steht – wird gefüllt von seinen eigenen Tränen. Warum weint Olaf Nicolai? Über einen Mißerfolg? Trauert er um den Verlust seiner Unschuld? Geht es um die Kunst oder den Künstler? Oder um beides – oder um alles?

Eine so merkwürdige Arbeit hat man von Nicolai – einem Darling des Berliner Kunstbetriebes – noch nie gesehen. Nicolai, der es mit seinen intelligenten Versteckspielchen um Natur und Kultur bis auf die letzte documenta gebracht hat und seine eigen-ethnologische Kunst seither um den Globus touren läßt, hat noch nie ein Statement – geschweige denn ein Bekenntnis – zur eigenen Person abgegeben. Nie wußte man, wie es um den Seelenhaushalt dieses Künstlers bestellt war. Und plötzlich sieht man ihn vor sich, auf allen vieren, weinend.
Erklärungsbedarf scheint gegeben, eine Ansprache von Nicolai ans Künstlervolk vonnöten, um die drohenden Mißverständnisse auszuräumen. Lieber Olaf, was wolltest Du uns damit sagen? Hast Du zum Ursprung der Kunst zurückgefunden? Ist alles wirklich zum heulen? Olaf Nicolai hält sich in seinem Statement genauso bedeckt wie der Bundeskanzler vor der Presse. Er wiederholt, was wir ohnehin schon wissen, er beweihräuchert, statt zu antworten. Er redet davon, wie problematisch es doch ist, heute ein Künstler zu sein, berichtet von dem wohlwollenden Desinteresse von Partygästen, die lieber start-up-stories als Künstlerprobleme teilen wollen. Und beobachtet, daß der narzistische Charakter des Künstlers im heutigen Kunstbetrieb eher ein Produktmerkmal als eine Eigenschaft darstellt.

Damit ist Nicolai im Zentrum seines Problems. Allein die Rezeption seiner Arbeit demonstriert das Phänomen, mit dem Nicolai als romantischer Künstler in der modernen Zeit zu kämpfen hat: Der Künstler muß empfinden, um Kunst zu machen; doch die Kunst macht etwas anderes aus seinen Tränen, das mit seiner ursprünglichen Empfindung nichts mehr zu tun hat: ein Produkt, einen Wert, eine Corporate Identity. Deswegen weint Nicolai in die Pfütze seines Kunstwerks – in der er sich aber nicht wiedererkennt. Denn dieselben Tränen, die er weint, zerstören das Spiegelbild, in dem er sich als Weinenden sehen könnte. So bleibt ihm am Schluß die melancholische Erkenntnis, daß es als Künstler unmöglich ist, gleichzeitig zu weinen und sich zu erkennen, daß man nicht gleichzeitig Kunst machen und sich darin wiederfinden kann. Wie die Pfütze vor Nicolais Knien ist die Kunst ein Zerrspiegel, in dem verschwimmt, was man in ihn hineintut.

Und so beendet Nicolai sein trübsinniges Kabinettstündchen mit Einblick in eine Urszene der Kunst so galant und herzlich wie der Bundeskanzler seinen Weihnachtsreigen mit den Worten: „Bei Fragen von einschneidender Bedeutung ist der Stil, nicht die Ehrlichkeit ausschlaggegebend“.

Eigen + Art, Auguststraße 26, Di-Fr 14-19, Sa 11-17 Uhr, bis 27.1.2001

(c) Knut Ebeling, 29.11.2000