Ein Bild aus Berlin 3

Zur Jahreswende werden auch im Kunstviertel Mitte die Taschen umgestülpt: Kassensturz. Sind die Werte der neuen Kunst-Economy ebenso gefallen wie in der restlichen Wirtschaft? Oder hat sich der junge Berliner Kunstmarkt konsolidiert? Eine Bestandsaufnahme zwischen den Jahren.
Viele der jungen Trend-Galeristen, die aus Köln oder anderswo nach Berlin gekommen sind, um hier eine Galerie aufzumachen, erzählen gern, daß Berlin für sie derzeit die interessanteste Stadt der Jungkunst auf der ganzen Welt sei. London? Von gestern. Paris? Von vorgestern. Allenfalls New York sei dem Berliner Galerienboom rund um die Auguststraße vergleichbar. Dort würde auch alle paar Jahre ein neues Kunstviertel aus dem Boden gestampft werden – erzählen einem die Jungunternehmer der Neuen Mitte. Bei ihren Erzählungen vom Goldrausch in der Auguststraße weiß man nie so recht, ob die Vorlage ihrer Erzählung eigentlich Sacramento oder die Berliner Roaring Twenties sind, die ja auch nur importiert wurden. Jedenfalls fragt man sich nach einiger Zeit, ob ihre Begeisterung nun der Eigenwerbung dient oder ob sie ernst gemeint ist – ob man sich nun in einer provinziellen selbstaufgeblasenenen Kunst-Seifenblase befindet oder tatsächlich in einem der Kunstzentren der neuen Kunst-Economy. Wahrscheinlich kann man das ohnehin nicht mehr unterscheiden. Jeder lebt in seiner Vision und jeder ist jetzt in Berlin dabei. Und erzählt von dem Hype, dem Berliner Kunst-Boom und wie aufregend das alles sei: Total unglaublich, daß dort, wo vor einigen Jahren noch kulturelles Brachland war, wo einige Häuser leerstanden und andere zusammenbrachen, heute eine der aufgewecktesten und hippsten Kunstszenen der Welt beheimatet ist. So erzählen es einem die Gründerväter des Berliner Kunstmythos – und es ist kein Zweifel, daß ihre Geschichte Geschichte machen wird oder bereits gemacht hat.

Denn besucht man das Galerienviertel um die Auguststraße heute, so unterscheidet das Viertel in der Tat nichts mehr vom internationalen Kunstviertel-Format: Galerie neben Café neben italienischem Deli neben Bar neben Modeladen. Aber zuerst eben die Galerie. In der jüngsten Zeit sind auch noch ein paar Medien-, Werbe- oder sonstige Agenturen dazugekommen, die den geschäftsträchtigen Schick des Viertels prägen. Aber vor allem sind es die Touristen, die – wie in den Vorlagen des internationalen Kunstszene-Formats, Greenwich Village oder SoHo – das Straßenbild bestimmen. Und wo Touristen sind, da gibt es Gift Shops, und wo Gift Shops sind, da gibt es … Und so geht es immer weiter.

Zehn Jahre nach dem Fall der Mauer und einige Jahre nach der Eröffnung der Kunstmeile Auguststraße ist klar, daß Mitte es geschafft hat. Die Berliner Galerienszene rund um die Auguststraße hat sich etabliert. Berlin hat als Kunststadt wieder internationales Format erreicht. Man hat in nur wenigen Jahren zur internationalen Spitze aufgeschlossen und wird nun als heiße Galeriestadt in einem Atemzug mit London oder New York genannt – jedenfalls von den Galeristen im Village, wie das kleine Viertel mit seinem dörflichen Charme von seinen neuen Bewohnern genannt wird. Denn alte gibt es kaum noch.

Wovon man lieber nicht spricht, sind die Opfer des Village-Gefühls. In dem Viertel zwischen Oranienburger-, Tor- und Rosenthaler Straße – also in der Spandauer Vorstadt – hat seit zehn Jahren deutlicher als anderswo ein Prozeß stattgefunden, der ebenso unumkehrbar ist wie er nur noch auf urbanistischer Ebene zu diskutieren ist: Denn Urbanisten kennen das Phänomen, daß Künstler in ein marodes Stadtviertel ziehen, die Galerien nachziehen, dann die Cafés und dann und dann… steigen vor allem die Mieten. Die Häuser werden saniert, die ansässige Bevölkerung zieht aus, einige Künstler bleiben noch wohnen, die anderen ziehen ebenfalls um. Gentrification nennen Urbanisten das Phänomen, das auch vor der Spandauer Vorstadt nicht haltgemacht hat – und das dazu geführt hat, daß das Viertel rund um die Auguststraße heute ein schickes Luxusviertel für alle Besserverdienenden ist – nur nicht für die Künstler, die den Prozeß einmal in Gang gesetzt haben.

Aber derlei Ironien des Fortschritts gehören in Mitte zum Alltag. Über solche Peanuts redet heute kein Galerist mehr. Zu dem astronomisch gewachsenen Format der Berliner Galerienszene gehört auch, daß man diesen schwindelerregenden Prozeß bestenfalls zynisch kommentiert. Denn zum Zynismus hätten eigentlich einige Galeristen Anlaß, sind sie doch ebenso wie die Künstler Opfer des Prozesses, den sie selbst in Gang gesetzt haben. Ebenso ungern, wie man über die anderen Opfer des Kunstbooms spricht, spricht man über die eigenen. Dabei ist es kein Geheimnis, daß in Berlin mit Kunst nicht viel – oder nur von wenigen überhaupt – etwas zu verdienen ist. Während einige wenige Galerien wirklich zu den Nutznießern des unvergleichlichen Runs auf die Auguststraße gehören, sind die meisten ziemlich leer ausgegangen. So erzählt einem jeder Galerist gleich weiter, was für wahnsinnig junge und gute Künstler in der Stadt leben und wie viel ständig immer überall los sei – daß es aber kaum Kapital gibt, um dieses Leben zu erhalten, wird lieber verschwiegen. Ein Großteil der Ausstellungen, die ständig und jedem Abend allüberall rund um die Auguststraße eröffnen, wird von Künstlern und Galeristen aus der eigenen Tasche bezahlt. Derzeit funktionieren große Teile der Berliner Kunstszene – und das unterscheidet sie vor allem von der Kölner Kunstlandschaft – nach dem olympischen Motto: Dabeisein ist alles.

Und wie im olympischen Dorf der Kunstszene, dem Village rund um die Augustraße, sind Fragen verpönt, die nach den realen Kosten der Begeisterung fragen: Handelt es sich bei dem Kunstboom um einen ideellen Boom? Ist die Galeriekonzentration in Mitte zu halten? Handelt es sich um ein künstliches Gesellschaftsspiel, bei dem die Verlierer über kurz oder lang rausfliegen werden? Kassensturz in Mitte. Nach der fünften Berliner Kunstmesse artforum und vor dem Jahreswechsel werden noch ein paar Ausstellungen eröffnet, noch ein paar Preise vergeben – ansonsten wird die Jahresbilanz erstellt. Die Bilanz fällt bei den meisten Galerien nüchtern aus, aber nicht beängstigend. Auch wenn nur die wenigsten Galeristen in Mitte bislang reich geworden sind, so ist doch klar und unbestreitbar, was vor einigen Jahren noch bezweifelt wurde: daß die Mühen des Anfangs überstanden sind.

Egal ob ideeller Boom, Seifenblase oder nicht – Tatsache ist, daß die Selbstüberzeugungsstrategie gewirkt hat. Es ist tatsächlich eine neue Sammlerschicht herangewachsen, die sich von der Euphorie in der Auguststraße hat verführen lassen. Es ist tatsächlich ein Berliner Kunsthandel – wenn auch auf niedrigem Niveau – gewachsen, der einige Galerien ernähren kann. Die anderen gehen in der Freizeit jobben oder machen Art-Consulting. Die neuen Sammler – die vielleicht auch nur Teil der Seifenblase sind: Wer weiß? – sind jünger als ihre potenten Kollegen aus dem Rheinland. Sie sind so alt wie die Künstler, die sie kaufen, also Anfang/Mitte dreißig. Es heißt, sie wachsen mit ihnen, und diese Vorstellung gefällt allen.

Bei der Einschätzung der Lage in Der Auguststraße darf man vor allem nicht den Fehler machen, Köln mit Berlin zu vergleichen. Köln gegen Berlin hieß es noch vor wenigen Jahren in jeder Galerie. Köln war die alte Kunsthauptstadt, Berlin sollte die neue sein. Der Ton war kämpferisch; jeder Kölner Neuzugang wurde gefeiert. Während Berlin für den Aufbruch der neuen jungen Kunst stand, repräsentierte Köln die alte saturierte Bundesrepublik mit ihren Starkünstlern und rheinischem Großkapital, mit RichterPolkeBaselitz und dem Schokoladenfabrikanten Ludwig als Saatchi der deutschen Kunst. Während Köln das Kapital hatte, das kulturelle und symbolische, hatte Berlin das Recht des Neuen. In einer modischen Kunstwelt mit ihrem Neuheitszwang und Avantgardedruck hat das Neue per Definition alle Rechte. Deshalb war in Berlin möglich, wovon jede Avantgarde träumt: eine Kunstswelt bei Null aus dem Boden zu stampfen. Die Kontingenz alles Geschichtlichen wollte es, daß der Neuanfang in Berlin zusammenfiel mit dem Dekadenumbruch: Weil die Galerienszene Mitte in den achziger Jahren noch nicht existierte, war Berlin prädestiniert dafür, zu der Kunststadt der neunziger Jahre zu werden – ein Slogan, mit dem die Kunstmesse artforum jedes Jahr aufs Neue wirbt.

Per Recht des Neuen sieht die Kunststadt Berlin noch immer ziemlich gut aus. Hier sieht noch immer alles jung und trendy aus. Doch was ist, wenn der Glanz des Neuen weicht? Was ist, wenn der Boom einmal verschwindet? Wenn die Nineties veralten? Die ersten Galerien suchen schon das Weite. Es ist abzusehen, daß die Mieten zu teuer, der Giftshops zu häßliche und der Touristen einmal zu viele sein werden. Es wird sein wie in New York, wo man nach ein paar Jahren die Koffer packt, und nach einem neuen Quartier Ausschau hält. In Berlin ist das jedoch noch nicht in Sicht. Noch niemand hat bisher den Sprung in ein anderes Viertel gewagt. Und wird es vermutlich auch solange nicht tun, solande der Trend anhält und sich die Galeristen ihre Galerien gleich als Eigentum kaufen. Die Auguststraße ist noch alternativlos. Auch wenn sich die avanciertesten Galerien schon Quartiere außerhalb der berüchtigten Meile mit ihrem Reisebuscharme suchen, bleibt die Auguststraße doch in Sichtweite.

(c) Knut Ebeling, 29.11.2000