Ein Bild aus Berlin 27

In jüngster Zeit begegnet man wieder häufiger der Aussage, daß Wissenschaft und Künste mehr verbindet, als es die Getrenntheit der Disziplinen behauptet. Zwar wurde das Credo der Einheit von Wissenschaft und Kunst seit Aufklärung und Romantik schon oft vorgetragen; doch mindestens genauso oft, wie es intoniert wurde, wurde es auch wieder vergessen. So bot zuletzt die modernistische Rede von der Ausdifferenzierung einzelner Wissenschaftszweige, der Ausbildung getrennter Wissenschaftskulturen Anlass, eine Grenze erneut aufzuheben, die de facto nie bestand: Wahrscheinlich hat es immer Künstler gegeben, die ihre Arbeit als eine Produktion von visuellem Wissen betrachtet haben, wie es ebenso wahrscheinlich immer Wissenschaftler gegeben hat, die ihrer Arbeit distanziert genug gegenübergestanden haben, um sie emphatisch oder provokativ als Kunst zu deklarieren.

In der Behauptung, daß Wissenschaft und Kunst enger verschwistert sind als gemeinhin auch nicht bezweifelt wird, liegt wohl kaum der Zündstoff einer Veranstaltungsreihe, die gemeinsam vom Hamburger Bahnhof und dem in Berlin ansässigen Zentrum für Literaturforschung (ZfL) ausgerichtet wird. Eher ist es die ungewöhnliche Kooperation zwischen wissenschaftlichen und künstlerischen Institutionen, die bemerkenswert ist. Denn während das ZfL sich bereits durch die inter- und transdisziplinäre Analyse diverser Wissenstransfers zwischen unterschiedlichsten Wissenschaftskulturen international einen Namen gemacht hat, hat man im Hamburger Bahnhof bislang eine konservativere Politik verfolgt. Mit dem ZfL scheint man nun jedoch den richtigen Partner gefunden zu haben, um einer nicht mehr ganz neuen These zu ungekanntem Glanz zu verhelfen.

Daß die Reihe WissensKünste im Hamburger Bahnhof doch nicht durch offene Türen rennt, hat zwei Gründe: Die Konstellationen zwischen den Gästen und das Profil der Reihe. Denn wenn Oswald Wiener auf den Künstler Stelarc traf oder wenn Thomas Macho mit Antony Aziz und Sammy Cucher diskutierte, so befleißigten sich die Wissenschaftler keineswegs in der Kunst des Kommentars. Es geht der Reihe nicht um das, was man einmal Kritik genannt hat. Eher wird der gemeinsame starke Grund vorgeführt, der Wissenschaftler und Künstler zusammenführt: Die simultane Produktion des Wissens.

So hatten sich am vergangenen Donnerstag Abend der amerikanische Künstler Dan Graham und der Neurophysiologe Olaf Breidbach im Hamburger Bahnhof verabredet. Mit Graham, von dem unter anderem auch die zusammenrückende Schreibweise der WissensKünste stammt, hatte man natürlich einen dankbaren Gast, was die Migrationsbewegungen des Wissens anbelangt: Seit er in den fünfziger Jahren von seinem Studium der Literatur und Philosophie in die Kunst gewechselt war, betätigte sich Graham wechselweise als Galerist und Kritiker, als Performer und Filmer. Als Doppelagent in unterschiedlichen Kulturen des Wissens unterwegs, läßt sich Graham nur durch sein Thema erkennen, das stets wiederkehrt: die obsessive Reflexion auf das Kunstwerk und seine externen Bedingungen. So überraschte es nicht, daß Graham gleich zu Beginn seines Vortrages immer wieder den Begriff der „artworld“
evozierte: Die Kunstwelt ist die Bedingung des modernen Kunstwerks, eine radikal immanente Struktur, die sich durch ihre Binnenhaftigkeit auszeichnet.

Genau diese Binnenobsession war auch der Ansatzpunkt von Olaf Breidbach. Der Neurophysiologe und Wissenschaftshistoriker am Ernst Haeckel- Haus in Jena zeigte sich ebenso wie Graham besessen von einer „Binnentextur“, die jedoch diesmal das menschliche Hirn betraf und nicht die „artworld“: Genausowenig wie die Kunst ein Reproduktionsapparat ist, die die äußere Welt einfach abschildert, genausowenig sei es das menschliche Hirn. Das Hirn bildet keine Außenwelt ab, sondern es gestaltet die Außenwelt nach der Maßgabe seiner Innenwelt. Vermutlich war das der Grund dafür, dass sich das Anschauungsmaterial, das Künstler und Wissenschaftler mitgebracht hatten, aus der Ferne gesehen gar nicht so sehr unterschied.

Denn ebenso wie die Wissenschaft interessiert sich Graham für Beschreibungen dritter Ordnung: Weder die Ich-Perspektive, noch die Betrachterperspektive wird von seiner Arbeit thematisiert. Es ist die Betrachtung von Betrachtern, das Phänomen der „spectatorship“, wie es Graham nannte, das ihn seit Jahrzehnten fesselt, wie man an der langen Liste der Arbeiten studieren konnte, die er im Hamburger Bahnhof vorführte. All seine ausgeklügelten Projektionsmechanismen, all die selbstreflexiven Performances, und schließlich auch die Spiegelräume und Pavillons, mit denen er berühmt wurde, funktionieren nach diesem Prinzip, die Gesetze der Sichtbarkeit sichtbar zu machen. Dafür stülpt Graham unablässig die Innenwelt des Betrachters aus oder die Außenwelt ein ­ eine Verschränkung, die von Sigrid Weigel, Direktorin des Zentrums für Literaturforschung und neben Sabine Flach Initiatorin der Reihe, mit den Bewegungen des „outside in“ und „inside out“ beschrieben wurde, die Graham und Breidbach, Kunst und Wissenschaft auszeichne. Damit war gesagt, daß nicht nur die Kunst Dan Grahams, sondern eben auch das menschliche Hirn ungefähr so funktionieren, wie die Camera Obscura des Althanasius Kircher von 1646, die Breidbach am Anfang gezeigt
hatte: Als Innenschachtel, auf der andere Türme und Bäume sichtbar werden, als die, welche durch die Außenschachtel eingedrungen waren.

Nächste Veranstaltungen: 25.4. Jake & Dinos Chapman/ Louis Bec, 23.5. Chatherine Wagner/ Benjamin Buchloh, 27.6. Laurie Anderson/ Hillel Schwartz, jeweils 19:30 im Aktionsraum des Hamburger Bahnhofs, Invalidenstraße 50-51.