Ein Bild aus Berlin 24

Jahresrückblick auch in der Kunst: Es gibt diverse Gründe, die übriggebliebenen Kunstschnipsel eines Jahres, all die liegen gebliebenen Fotos und Texte auf einen Stapel zu schmeißen und einen möglichst bunten Umschlag darum zu wickeln. In der Tat liegt mit „Kunst-Jahr 2001“ ein Versuch vor, die unmittelbarste der unmittelbaren Gegenwart historisch zu bewältigen – und ein Slogan, der sich dies auf die Fahnen schreibt: „Die Zeitschrift, die Bilanz zieht“: So genau hat man die Mission des neuen Blattes dann doch nicht wissen wollen.

Die Wurzel des Jahres 2001 hat die Dicke von Fischers Weltalamanach und das Gewicht eines Quelle-Katalogs aus den siebziger Jahren. Das Heft zum Preis von DM 98 ist weniger Geschichte als Scrap-book, weniger Werk als eine Art Tagebuch des Kunstbetriebs. Man kann das sympatisch finden oder auch nicht. Auf jeden Fall kann man in dem Infotainment in Sachen Kunst vor- und zurückblättern und sich von all der bunten Kunst hübsch berieseln lassen.

„Kunstjahr 2001“ hat Konfetti auf dem Cover und Konfetti im Inhalt. Es ist alles enthalten, von „Aufsteiger“ bis „Finale“ und von „Architektur“ bis „Schmuck“, von „Markt“ bis „Museum“ und von „Personalien“ bis zu den „Trends“. Sogar für ein paar Seiten Comics, Schmuck und Mode war am Ende noch Platz. Sowie auch für die ewig Untoten des Kunstbetriebs, von Koons bis zu Christo, von Ammann bis Immendorf und von Flatz bis zu den „Körperwelten“. Nach einem flüchtigen Durchblättern des Papierstapels ist einem so wohl wie nach dem Verlassen einer Geisterbahn. Und alle schunkeln fröhlich mit bei der People-Parade, Künstler wie Kuratoren, Autoren wie Galeristen, Sammler wie Kunstlehrer – alle schmeißen ihr Händchen voll Konfetti ins Buch.

Es ist das seltsame an derlei feucht-fröhlichen Jahresrückblicken, dass sie einem das Jahr als eine Serie unablässiger Ereignisse vorjubeln. Schau, so schön war’s 2001. In der Kunst ist das nicht anders als in anderen Geschäftszweigen. Jeder will seinen Jahrerückblick. Im Jahr 2001 muss ein Event das andere gejagt haben, es gibt ein Januar-Event, ein Februar-Event und ein März-Event. Es gibt den Blick hinter die Kulissen der Galerie, den Blick hinter die Kulissen des Museums und den hinter die Kulissen der Kunsthochschulen.

Doch das Interessanteste ist natürlich der Blick hinter die Kulissen derartiger Publikationen. Der wird dem Leser auch nicht lange vorenthalten. Um zu sagen, wer das Konfetti schmeißt im Kunstjahr 2001, lichtet sich die gesamte Redaktion des Hauses Lindinger + Schmid auf den ersten Seiten doppelseitig ab. Doch schlimmer noch als deren Selbstfeier und schlimmer auch noch als deren „Kunst-Zeitung“, der absoluten Schwundstufe der derzeitigen deutschsprachigen Kunstpublikationen, ist, was auf den nächsten 320 Seiten folgt. Unangenehmer als die intellektuellenfeindlichen Anspielungen, die einem stets weiss machen wollen, dass die sinnliche Kunst das Gegenteil des abstrakten Geredes ist, ist die leichte Anzüglichkeit von Texten und Bildern. Neben dem Faible für grobschrötige Texte gibt es eine stärkere Schwäche für nackte Haut auf diesen Seiten. Nach dem zweiten Durchblättern fühlt man sich schon nicht mehr wie in der Geisterbahn des Kunstbetriebs, sondern wie in dessen Video-Kabine. Bevor man es ein drittes Mal versucht, sollte man sich den Stapel buntes Papier vielleicht tatsächlich als Konfetti für Sylvester aufheben.

Kunst Jahr 2001 – Die Zeitschrift, die Bilanz zieht, Verlag Lindinger + Schmid, 320 Seiten, DM 98,-.