Ein Bild aus Berlin 23

Beim ersten Betreten des Galeriekomplexes, den die Akira Ikeda Gallery jüngst in Berlin eröffnet hat, hat man schon das Gefühl, als sei auf dem Gelände des Pfefferbergs im südlichen Prenzlauer Berg ein Raumschiff gelandet. Alles an dem strahlend neuen Galeriekomplex kommt einem unwahrscheinlich vor: das Format, das Programm, die Besatzung. Alles ist so wenig berlinisch, dass man zunächst meint, die Dependance der Akira Ikeda Gallery sei gerade reingebeamt worden – und das in einem Moment, wo es den ohnehin gebeutelten Berliner Galerien ökonomisch ebenso mittelprächtig geht wie ihren Sammlern und Käufern in Übersee.

Vermutlich brauchte es ein wenig japanische Disziplin, um ein Unternehmen dieser Größenordnung mit einem derartigen Understatement durchzuführen. Jedenfalls haben Präsentation und Presseinformation der Galerie das unterkühlte Pathos einer japanischen Teezeremonie. Wer würde sonst einen Galeriekomplex von der doppelten Größe der Berliner Guggenheim Foundation Unter den Linden eröffnen und davon nicht halb soviel Aufhebens machen? Wer würde sonst einen Teil des maroden Pfefferbergs auf eigene Kosten umbauen und darauf nicht einmal in einer Fussnote verweisen? Fragen, auf die einem der Portier hinter der großen Stahltür, der weder deutsch noch englisch zu sprechen scheint, keine Antwort zu geben vermag.

Dabei muss man zunächst ein wenig suchen, wenn man auf das leicht verwilderte Gelände des Pfefferbergs mit seinem Netz an soziokulturellen Einrichtungen kommt; erst auf dem zweiten Hof öffnen die eleganten Portiers einem die Pforten in das Ikeda Imperium. Darin reibt man sich zunächst die Augen, wenn man von Raum zu Raum und von Gebäudekomplex zu Gebäudekomplex wandelt: Nichts weniger als ein kleines Privatmuseum hat sich Akira Ikeda, der Gründer und Designer der Berliner Räume, hier eingerichtet – womit ein weiterer Neuzugang in der Liga der privatfinanzierten global players Guggenheim Museum und Vitra Design Museum in Berlin zu verzeichnen ist. Konkurrenz belebt das Geschäft.

Doch genau über dieses ist den Verantwortlichen der kunstbetrieblichen Teezeremonie naturgemäß kaum eine Information zu entlocken. Nach zwei japanischen Galerien und einer Dependance in New York ist der pompöse Komplex auf dem Berliner Pfefferberg die vierte weltweite Galerie des global operierenden Kunstkonzerns. Auf Auskunft wird einem ebenso freundlich wie diskret mitgeteilt, dass die Berliner Zweigstelle bereits seit langem geplant gewesen sei und man aber nur nach passablen Räumen für das Projekt gesucht habe. Und dann sei man eines Tages eher zufällig auf den Pfefferberg mit seinen sanierungsbedürftigen Hallen gestoßen – der Rest lässt sich an dem funkelnagelneu renovierten Hallen ablesen.

Ein wenig ist das ganze Projekt natürlich schon eine Zukunftsinvestition – offenbar hat man weder vor noch nötig, die astronomischen Renovierungskosten durch den Galeriebetrieb wieder einzuspielen. Nach den Kosten der Sanierung gefragt, winkt Kanae Ikeda, die Tochter von Akira Ikeda, dem Kopf des Galeriebetriebs, die seine Berliner Geschäfte führt, ab. „Berlin is going to be an important city“ sagt sie stattdessen. Und da wolle man eben mitmischen. Koste es, was es wolle. „It was quite a lot“, sagt Ikeda junior noch lächelnd.

Dabei verwundert es auch nicht, dass das Programm ebenso hochklassig ist wie die Räume, die man bespielt. Man wird hier Künstler der Galerie zeigen, die bereits im Roulettespiel des globalisierten Kunstbetriebs mitgespielt haben. Es fallen Namen wie Günther Uecker und Imi Knoebel, Kippenberger und Rosemarie Trockel – das Galerieraumschiff bietet keine schlechte Ergänzung für eine Berliner Kunsthalle, die ebenso raumschiffhaft dann und wann wieder im Mund von Berliner Kulturpolitikern auftaucht. Neben den global players werden natürlich auch einige japanische Künstler gezeigt, die das internationale Programm der Galerie ergänzen sollen.

Die erste Ausstellung demonstriert denn auch ziemlich eindrucksvoll, was es braucht, um die Räumlichkeiten zu füllen. Als Eröffnungsfanfare hat man keinen japanischen Bezug gewählt, sondern – ganz im Gegenteil, auch das ist Teil der japanischen Teezeremonie – eine Verbeugung vor der Gastgeberstadt Berlin. Sie ist wiederzufinden in der Heinrich-von-Kleist- Serie Frank Stellas, der von der japanischen Galerie in ganz Asien bekannt gemacht wurde. Die imposante Serie, die bereits in Jena, Hildesheim und Stuttgart zu sehen war, fackelt zunächst ein Feuerwerk ab, das in aller gebotenen Üppigkeit ebenso sich selbst wie die Räumlichkeiten feiert. Die Serie, bestehend aus über hundert Teilen und zusammengeliehen von Museen und Sammlern rund um den Globus, bespielt mit ihrem Neon-Pop die gesamten Räumlichkeiten – und das ist nicht wenig. Dabei beziehen sich fast alle Titel der teils monumentalen, teils kleinformatigen Wandskulpturen sowie die dreidimensionalen Bilder auf die Berliner Werke Kleists, auf „Das Käthchen von Heilbronn“, den „Zerbrochenen Krug“ sowie auf die Briefe Kleists, die einmal in diese Stadt gesendet wurden. Heute wird sein Name von einem Raumschiff verbreitet: www.akiraikedagallery.com.

Akira Ikeda Gallery Berlin, Schönhauser Allee 176, 10119 Berlin