Ein Bild aus Berlin 22

Als die beiden Berliner Künstlerinnen Christina Zück und Nada Sebestyén vor kurzem nach Pakistan flogen, hatten sie keinen Schimmer davon, unter welchem Stern sie schon wenige Tage später nach Berlin zurückkehren würden. Noch weniger wußten sie davon, welche Aktualität das Thema ihrer Reise bei ihrer Rückkehr haben würde: War „das Fremde“ noch vor kurzem ein schwach glimmender Dauerbrenner in akademischen und künstlerischen Diskursen, der niemand mehr vom Hocker riß, vermag man sich heute kaum noch künstlerische oder wissenschaftliche Artikulationen zu einem anderen Thema denken: Das Fremde steht plötzlich wieder ganz oben auf der Tagesordnung.

Nada Sebestyén, in Berlin studierte Bildhauerin und Performerin, hatte ein halbes Jahr in Istanbul verbracht, wo sie sich permanent auf dem Präsentierteller fühlte. „Ich hatte ständig den Eindruck, beobachtet zu werden, ohne den eigentlichen Grund für die Beobachtung zu kennen“ sagt sie und erzählt von dem Stress der Unkenntnis der Normen und Regeln der Fremde. Ihre Freundin, die Fotografin Christina Zück, vergleicht die Situation mit der Kindheit, wo man nichts weiß und alles lernen kann: Ja, es ist schon schwierig, ein Fremder zu sein unter Fremden.

Aus diesem Grund entwarfen die Beiden ein Projekt, das sich in einem Punkt von der Vielzahl der Projekte zum Fremden unterschied: Zück und Sebestyén wollten weniger ihren eigenen Blick auf das Fremde thematisieren, als vielmehr den Blick, mit dem die Fremden zurückschauen. „Das Fremde zu betrachten bedeutet immer, als Fremder betrachtet zu werden“ steht in ihrem Konzept, das sie an das Institut für Auslandsbeziehungen und diverse Goethe-Institute in der fernen Welt schickten. Prompt wurden sie von den beiden Institutionen eingeladen, ihr Projekt zu verwirklichen.

Die ersten beiden Stationen ihrer Recherche bildeten zwei gemäßigt islamische Städte, Istanbul in der Türkei und Accra in Ghana. „Zu Beginn stellte ich mich in bewußt außerirdischem Aufzug – Roller-Blades mit Schutzpolstern – mitten in die Menge“ erzählt Nada Sebestyén. „Ich fühlte mich wie auf einer Bühne.“ Später in Ghana merkten die Beiden, daß es auch weniger theatralisch geht und spazierten in der Kleidung, die für sie normal war – blauer Rock und T-Shirt – durch die Straßen. Die beiden Berliner Frauen verkleideten sich also als sie selber. Doch auch hier wieder die Verunsicherung, auch hier wieder das leicht paranoische Gefühl, von fremden Blicken verfolgt zu werden. „Ein Tourist stellt sich ständig in Frage: Bewege ich mich richtig oder falsch? Bewege ich mich anders als die Stadtbewohner?“ schreiben die Beiden in ihrem Papier.

Vermutlich weil sie auf diese Fragen nie eine Antwort bekommen haben, begannen Zück und Sebestyén, nicht die Fremden zu fotografieren, sondern den Blick, mit dem die Fremden sie, die Fremden, beobachteten. „Ich habe einfach meine Kamera ausgepackt und habe zurückgeschaut“ sagt Christina Zück. Eine erste Abteilung dieser Fotos wurde dann im National Museum in Accra gezeigt. „How are you, Obroni“ nannten die Beiden die Ausstellung – so wie es ihnen, den „Obroni“ tagtäglich auf der Straße zugerufen worden war.

Die nächste Ausstellung sollte eigentlich Ende September im Goethe-Institut in Karachi, Pakistan stattfinden, nach wohin Zück und Sebestyén anschließend flogen. Der Folder des Instituts hatte die Ausstellung bereits angekündigt. „Our aim is to get to know the unknown“ sagt Sebestyén dort noch selbstbewußt im Programm. Das Unbekannte sah dort zunächst so aus, daß die Beiden es gar nicht so einfach fanden, dort als Frau herumzulaufen. „Was sich in Istanbul oder Accra bereits angedeutet hatte, wurde in Pakistan deutlicher spürbar. Dort ist keine Frau auf der Straße zu sehen – es sei denn an den Orten, an denen Schleier verkauft werden“ sagt Christina Zück. Natürlich weiß sie, daß sich dahinter nichts Feindseliges verbirgt. „Spricht man mit den Leuten, merkt man schnell, daß es keine Aggression gibt.“

Aggression gab es dann aber doch – zwar nicht in Pakistan, aber einen Tag später via CNN. „Das Seltsame war, daß wir von der Katastrophe auf der Straße nichts mitbekommen haben. Tagsüber haben wir Fotos gemacht und es erst am Abend haben wir es im Fernsehen erfahren“ sagt Christina Zück. Ihre Freundin meint, ihre Situation in Pakistan sei aber nicht bedrohlich geworden. „Die Leute waren in derselben Situation wie wir. Nur über ihre Gelassenheit haben wir uns gewundert – offenbar sind sie Gewalt mehr gewöhnt als wir.“ Zück und Sebestyén arbeiteten zunächst weiter an ihrem Projekt; ein paar Tage darauf verließen sie Pakistan. „Wenn wir nach draußen vor die Tür gingen, war alles ganz normal. Wenn wir aber nach Hause telefonierten oder CNN schauten, hatten wir den Eindruck, unverzüglich zurück nach Hause zu müssen.“

So ganz ungefährlich war ihr Projekt also nicht. „Durch die Kamera wird man immer etwas anderes. Fotografieren hat immer etwas mit Schießen zu tun“ sagt Nada Sebestyén. Es habe wie ein makabrer Kommentar auf diesen Satz gewirkt, als sie erfahren habe, daß der Führer der pakistanischen Opposition, Massoud, während eines Interviews vor laufenden Kameras von einem Sprengsatz ermordet wurde, der sich in einer Kamera befunden hatte.

Die beiden Berlinerinnen verließen mit dem letzten Flug Karachi, ohne ihre Serie dort gezeigt zu haben. Sie zeigt stets dasselbe Motiv, eine der beiden Künstlerinnen in der Menschenmenge. Man erkennt sie auf jedem Bild sofort, schon weil sie keine weißen Tücher tragen und weil sie die einzigen unverhüllten Frauen sind. Schockiert ist auf den Fotos darüber niemand. Eine Waffe zückt auch keiner. Aber einen Blick bekommt auf jeden Fall ab, wer sich in dieser Weise als Köder exponiert. Doch das Experiment funktioniert, die Leute beißen an. Es ist ganz offensichtlich, daß die beiden Berliner Künstlerinnen ein Ereignis darstellen, das Schmunzeln oder verlegenes Gelächter hervorruft. In diesen Bildern wird aus der Unmöglichkeit, kein Fremder zu sein, die Möglichkeit einer genauen Verzeichnung der Begegnung mit dem Fremden destilliert: Man muß schon versuchen, in den Gesichtern der Menschen zu lesen, um ihre Entgegnung auf die beiden Fremden zu erkennen.

Die beiden Künstlerinnen fotografieren nicht sich in der Menge, sondern die Reaktion, die ihre Anwesenheit in der Fremde hervorruft. Daher sind ihre Serien, die hoffentlich auch bald in Berlin zu sehen sein werden, weniger eine Dokumentation des touristischen Blicks als eine Dokumentation des Spiegels dieses Blickes. Die Bilder versuchen weniger das Fremde substantiell zu fassen, als die flüchtige Begegnung einzufangen, die es verursacht: Einmal starrt ein Mann auf einem Motorrad die Künstlerin wie ein UFO unvermittelt an; ein anderes Mal geht sie an einer ganzen Reihe gaffender Männer vorbei. Ist eine Begegnung mit dem Fremden möglich? „Ich glaube schon. Es gibt immer einen Austausch, die Begegnungen waren ungeheuer vielschichtig“ sagt Nada Sebestyén. „Ansonsten könnte man ja Marsmensch werden.“