Ein Bild aus Berlin 21

Ein Quadrat mit zwei Linien darin, einer verikalen und einer horizontalen,
kann wahlweise als Fenster und Ausblick gedeutet werden oder als Käfig und
Gitter. Betritt man dieser Tage die Galerie Fahnemann in der Fasanenstraße,
so kann man sich entweder beschränkt fühlen oder zum Ausblick ermutigt. Ganz
nach Belieben. Dabei geht die Geschichte um, dass Günther Förg seine
mittlerweile sprichwörtlichen Raster- oder Karo-Bilder weder aus einem
beklemmenden noch aus einem befreienden Kontext ersann: Das Motiv oder eher
die Malweise des Rasters sei ihm in einem Bild von Edvard Munk begegnet, wo
eine Bettdecke mit horizontalen und vertikalen Streifen verziert gewesen
sei.

Mit einfachsten Verfahren die Anlage des Tafelbildes herausfordern: Das ist
das Rezept der Bilder von Förg, die man in Berlin zuletzt in der
Guggenheim-Foundation sehen konnte, wo der Maler, Fotograf und Bildhauer
alle Wände mit Fenstern ohne Ausblick und mit Gittern zum Rausschauen
bevölkerte. Bei Fahnemann hingegen ist es nur eine Handvoll neuer Raster und
neuer Gitter, die Förg präsentiert. Während Raster und Format immer gleich
bleiben, changieren nur die Farben: Raster schwarz auf grau, rot auf
schwarz, schwarz auf weiß. Und der Zustand des Gitters: Manche haben eine
strenge Rasterung, andere wirken eher aufgelockert, wieder andere zeigen ein
völlig versprengtes Gitter. Auf einem Bild sieht man den Grund vor lauter
Gittern nicht.

Natürlich kann man jeden Zustand dieser Raster als einen Kommentar zum
Zustand der abstrakten Malerei lesen. Es ist ja gerade der Trick dieser
Bilder, dass ihre einfache Struktur die kompliziertesten Erklärungen
zulässt. Ihre Einfachheit ist ihre Zier. Schließlich ist die schlichte
Unterteilung in einen monochromen Bildgrund und ein feststehendes Gitter
darüber ­ also in Material und Struktur ­ ein Grundmuster abendländischen
Denkens, das sich die längste Zeit als Abstraktion einer sinnlichen Masse
definierte.

Dass Förgs Malerei auch einfacher beizukommen ist, zeigt eine zweite
Ausstellung von ebenso fangfrischen Bildern mitsamt einigen Skulpturen.
Gezeigt werden sie im geräumigen Show-Room, den Max Hetzler jüngst im
S-Bahn-Bogen 48 an der Jannowitzbrücke eröffnet hat (www. max-hetzler.de).
Bereits das Ambiente wirkt gegenüber dem noblen White Cube von Fahnemann
eher defavorabel für eine Ausstellung abstrakter Malerei; es gibt hier
einfach zuviel Tankstelle und Getränkemarkt und Heizkraftwerk, um sich auf
ein abstraktes Bild zu besinnen. Aber es gibt auch die Spree, die direkt
unter den Fenstern der Ausstellungsräume entlangzieht. Und vor diesen
Fenstern steht bei Hetzler die riesenhafte Wand, mit der jeder seiner
Künstler aufs Neue fertigwerden muss.

Auf die Vorderseite dieser Wand, die der Spree abgewandt ist, hat Förg sein
drei mal fünf Meter grosses abstraktes Bild aufgehängt. Schon durch seine
monumentale Dimension zitiert es die Landschaftsmalerei. Diesmal begnügt er
sich mit einer Unterteilung, einer horizontalen: Sie teilt den schwarzen
unteren Bildstreifen von einem schlammgrauen oberen. Ein Grundton der
Unterscheidung ­ zum Beispiel der im Raum verteilten Sockel von den darauf
stehenden, durchweg scheußlichen Skulpturen oder, einfacher, der dreckigen
Erde vom in Berlin meistens nicht weniger dreckigen Himmel.

Im Unterschied zu den Bildern bei Fahnemann wirkt die Einfachheit an der
Jannowitzbrücke nicht als Zier der Abstraktion, sondern als Ornament des
Realismus. Der schwarze Boden, der dreckige Himmel wirken ­ wie bei Caspar
David Friedrichs Mönch am Meer ­ als einfachste Chiffre für die Darstellung
einer Welt aus Schlammlöchern und Schornsteinen. Es braucht schon drei mal
fünf Meter, um dieser Welt zu trotzen. Wenn man nicht aufpasst, gerät Förgs
Monumentalgemälde aus Erde und Himmel zum ersten Andachtsbild des neuen
Kunstquartiers Jannowitzbrücke.

Und richtig, wenn man um die monumentale Wand herumgeht, befinden sich drei
kleinere Versionen des großen Bildes an die Rückwand gelehnt (je DM
86000,-). Die düsteren Böden mit den raumgreifenden Himmeln stehen genau
gegenüber den Fenstern, unter denen die Spree fließt, deren Wasser so
schwarz sind wie die schwarze Farbe. Auch hier darf man sich entscheiden, ob
die Schwärze Ausblick sein soll oder Grenze.

Galerie Fahnemann, Fasanenstraße etc.
Galerie Max Hetzler, Holzmarktstraße 15-18, S-Bahn-Bogen 48, Di-Sa 11-18
Uhr, bis 22. Dezember.