Ein Bild aus Berlin 2

Michel Houllebecq war nicht da, aber dafür Chus López Vidal. Wer von den Besuchern der ausverkauften Volksbühne an jenem Freitagabend Ende Oktober rechtzeitig bemerkte, dass das wirkliche Event des Abends nicht in der Volksbühne stattfand, sondern im nahegelegenen Pavillon der Volksbühne, der suchte bald die Ausstellung der Rampe 003 auf (http://www.rampe003.de, Rampe 003 am Rosa-Luxenburg-Platz, Do-Sa 18-20 Uhr, bis 18.11). Anstatt sich über das Konzert ohne Frontmann zu ärgern und über die Anziehungskraft des Namens Houllebecq zu sinnieren, der die skandalhungrigen Besuchermassen hatte in die Volksbühne strömen lassen, konnte man lieber in einer Ausstellung der Spanierin Chus López Vidal über das Mirakel der Identität nachdenken.

In ihrer Arbeit „Ea/ID“ stellte sich die Spanierin in unterschiedlichen Identitäten nach, deren Requisiten im Pavillon zu sehen sind; sie zeigt sich als Japanerin, als Russin und als Deutsche in den jeweiligen Formaten der unterschiedlichen Reisepassdokumente. The ID makes your identity, so könnte das Motto der Ausstellung lauten. Im Österreichischen heisst der Personalausweis übrigens Identitätsausweis.Nur schade, dass sie es nicht mit Houellebecq versuchte. Dann hätte sie mit Perücke und falschem Ausweis die Bühne der Volksbühne stürmen können und der Houellebecq-hungrigen Masse geben können, wonach sie verlangte: Identity. Und wenn man sie gefragt hätte, ob sie wirklich Houellebecq sei, so hätte sie ihren gefakten Ausweis gezeigt, und gesagt: My ID makes my Identity!

Wer an diesem Abend keine Lust mehr hatte, sich zu fragen, wer er eigentlich ist, konnte noch in der Galerie Koch und Kesslau vorbeischauen. Auf einem von Stefan Beuchel kunstvoll-montagnemäßig drapierten Teppich liess es sich wunderbar abhängen. Dabei will seine Ausstellung „Indoor“ (http://www.kochundkesslau.de, Weinbergsweg 3, Mi-Sa 15-20 Uhr, bis 25.November) den Kunstraum in Beziehung setzen zum bürgerlichen Wohnzimmer, dessen Konturen sich unter dem Teppich abzeichneten. Doch wenn Beuchel den Teppich weggenommen und die Sofas und Sessel real dagestanden hätten, hätte man nicht dieses tolle flauschige Ambient-Gefühl gehabt, das alle Gegenstände ineinander zerfließen ließ. Am Ende hätte die gemütliche Besuchermasse noch fast die Vitrine gestürmt, in der Beuchel aus dem Material der Salzstange einige Jäger-Hochsitze als Landschaftszubehör gebastelt hatte.

Weniger wohnzimmerlich, dafür ungemein rasant präsentierte sich Stefan Hoischen bei seiner ersten Einzelausstellung in der Galerie Kapinos (http://www.kapinos.de, Gipsstraße 3, Di-Sa 13-19 Uhr, bis 25.November). Der Newcomer, der schon bei German Open in Wolfsburg dabei war, ist mit einer Arbeit mit dem wohlklingenden Titel „Übel“ bekanntgeworden, die in museal-ungewöhnlicher Tonlage die Äußerungen einer Couch-Potatoe zu Medienbildern von Gewalt und Elend verbreitet hatte. Bei Kapinos drückt Hoischen vollends auf die Prolet-Tube und stellt einen unfertigen Prototyp eines Super-Turbo-Rennautos in den Galerieraum: Tiefgetönte Scheiben, Breitreifen, Drecksspuren. Prolliger geht’s kaum. Wie um das Gepöbel der „Übel“-Arbeit noch zu übertrumpfen, wirkt das Ding noch übler, noch fieser, noch machohafter. Die Krönung des überlebensgroßen Monstrums im Maßstab 1:120 sind absurde meterhohe Spoiler – allein bei dem Wort „Spoiiiiler“ denkt man unversehens: „Üüüübel.

Dabei läßt Hoischen zunächst dahingestellt, ob es sich bei dem Bild der Geschwindigkeit – das vom Titel seiner Show „Abrieb und Beschleunigung“ noch unterstrichen wird – um seine eigene Geschwindigkeit im Kunstbetrieb handelt:Immerhin war er einer der jüngsten Teilnehmer bei den German Open; jetzt präsentiert er seine erste Einzelausstellung bei Kapinos. Mit Vollgas auf den Kunstmarkt?

Das glasfaserne Ding steht da in seiner Unfertigkeit, als hätten es Bankräuber reingefahren und stehengelassen; wie das leicht verrutschte Modell eines Tatfahrzeugs aus „Aktenzeichen XY“ scheint es sich selbst zu fragen, ob es einen Kommentar zum Thema der allgemeinen Jugendeuphorie und Beschleunigungskultur darstellt. Auf den ersten Blick gibt es keinen Zweifel: Hier drückt ein Thirty-Something zynisch aufs Vollgaspedal des Kunstmarktes. Wo es darum geht, mit möglichst viel Power möglichst schnell zu werden, stellt man am besten sofort das Vehikel der Beschleunigung aus. Bevor man lange um den heißen Brei herumredet, sagt man lieber gleich, wo’s langgeht. Als Fetisch von Erfolg und Potenz steht das Auto da wie der Erlkönig einer Künstlerkarriere. Man muß nur einsteigen. Und los geht’s.

Wenn da nicht die Sache mit dem Abrieb wär. Plötzlich entdeckt man Bremsspuren und Lackschäden an der Karosserie, und denkt neben den aufheulenden Drehzahlen des fiebergläsernen Boliden auch an Verbandsmaterial, an Unfall und Zerbrechlichkeit. Handelt es sich um einen melancholischen Kommentar zu den zahllosen Opfern des Kunstbetriebes? Das unausweichliche Scheitern, das Unglück im Geschwindigkeitsrausch? Der Kunstbetrieb als Monstrum der Beschleunigung, das seine Insassen verschleißt? Oder hat da einfach einer keinen Bock mehr auf die hochtheoretische Diskurskultur, die jedes triviale Werk ästhetisch umwebt? Einfach eine auf die Fresse oder was? Man weiß es nicht. Man kann keiner Lesart des metaphysischen Rennwagens den Zuschlag geben. Hoischen verschanzt sich hinter den getönten Scheiben seines getunten Monsters und prollt weiter rum.

Doch was auf den ersten Blick so prollig daherkommt, ist stets nach dem selben Verfahren der Kontextverschiebung gearbeitet. Der neue prollige Ton in der Kunstszene ist ein alter; seit Duchamp und Kippenberger besteht der Trick darin, in den Kunstkontext Elemente einzuschleusen, die in ihm absolut verpönt sind – und gerade deshalb skandalös und reizvoll wirken. Im Unterschied zum Proletkult der klassischen Avantgarden beinhalten die aktuellen Verschiebungen jedoch keine politische oder moralische Geste mehr; eher geht es um eine zynische Koketterie mit dem diskreten Charme des Proletarischen. Den Prototypen dieses Verfahrens hat Hoischen bereits 1997 an die Wand der Projektgalerie SOMA gepinselt: In infantiler Schreibschrift stand da schlicht und einfach „Klinsmann“ – Mal sehen, wann das erste Schultheiss auftaucht.

Events im November:

Beatrice Wrobel, Une vie plus ordinaire, Eröffnung am 15.11, 20-22 Uhr, Tucholskystr. 31, Mitte

Look and Feel-Screening: Inventory, 23.November, 20 Uhr, Büro Friedrich, Gipsstraße 5, Mitte

Thomas Ravens, Nature is what green is, 10.11.19 Uhr, WBD, Brunnenstraße 9, http://www.webede.com

(c) Knut Ebeling, 2.11.2000