Ein Bild aus Berlin 19

Eine Person, die andere durch eine komische Situation zum Lachen bringt,
scheint für Künstler eine adaptionsfähige Gestalt zu sein. Auch der
zeitgenössische Künstler hat alle Hände voll damit zu tun, sein Publikum zu
unterhalten und ihm in immer neuen Posen die Absurditäten des modernen
Lebens vorzugaukeln. Wie der Clown weiß er, dass das Geschäft des Gelächters
eine harte Arbeit ist. Bleibt der Beifall einmal aus, fliegt der Künstler
aus der Manege: Die nächste Nummer bitte.

Vermutlich aus seiner Affinität für das Tragische am Komischen begeistert
sich der Schweizer Künstler Ugo Rondinone für die Figur des Clowns. Seit
geraumer Zeit bevölkern die Schwerstarbeiter in Sachen Humor die Videos und
Installationen des Schweizer Künstlers, der innerhalb von ein paar Jahren
zum everybody¹s darling des Kunstbetriebes wurde. Die Mischung aus
Melancholie und Scharfsinn, die in allen seinen Arbeiten auftaucht, passt
offenbar allzu gut in eine Situation, in der man die niederschmetternden
Kommentare zum Stand der Dinge nur noch gepaart mit einem Schuss süßlichen
Selbstmitleids erträgt.

Auch im Zentrum seiner Berliner Ausstellung bei Schipper und Krome steht die
Figur des Clowns. Vielmehr liegt Rondinones Clown am Rand des fünf Meter
hohen Ausstellungsraums: Eine lächerliche Unperson mit aufgeplatzter
Fellhose und gruseligem Haarbewuchs auf der Brust. Rondinones Clown von der
traurigen Gestalt liegt neben einer riesengroßen Wand, auf die ein ebenso
großes Mosaik aus Scherben von Spiegeln aufgebracht ist. Drei Tage soll
Rondinone samt Assistent an der Scherbenwand gebastelt haben. Doch die
Scherben reflektieren kein Bild; sie brechen das Antlitz dessen, der sich
darin spiegelt, in tausend Teile. Zum Beispiel die Fratze des Clowns.

Nun wirkt der Dialog zwischen Clown und zerbrochenem Spiegel ­ zwei
hinlänglich durchgespielten Themen nicht nur der zeitgenössischen Kunst ­
noch wie eine brav gelöste Schulaufgabe über das Verhältnis von Realität und
ihrer Brechung; denn wie der Spiegel verfielfacht auch der Clown das Bild
dessen, der sich in ihm spiegelt. Und wie der Spiegel bricht auch der Clown
das Bild dessen, der schließlich in Lachen ausbricht. Zur Kür läuft die
Installation Rondinones durch ein drittes Element auf, das die spielerische
Virtuosität des Schweizer Künstlers vorzüglich demonstriert. Und zwar spielt
Rondinone über zwei in die Wand versenkte Lautsprecher einen Dialog ein, der
mindestens so gebrochen ist wie die Spiegelscherben an der Wand und sicher
so komisch wie die Fratze seines Clowns auf dem Boden.

Zwei Personen unterhalten sich darüber, was sie eigentlich wollen. „What do
you want?“ sagt die eine. „I don¹t want anything“ sagt die andere. Im
Verlauf des zunehmend absurder werdenden Gesprächs stellen beide fest, dass
sie eigentlich nicht wissen, was sie wollen. Und sie wissen auch nicht, wie
sie darüber sprechen sollen, dass sie nichts wollen. So holpert das Gespräch
in beckettscher Manier dahin, ohne Richtung und ohne Entwicklung, und
verliert sich zwischen den Beinen, die sich die beiden Gesprächspartner
gegenseitig stellen.

Man kann in dieser brilliant-belanglosen Schleife mit genauso viel Recht
eine nihilistische Bestandsaufnahme der Bodenlosigkeit der Existenz sehen
wie eine luzide Paraphrase auf die Situation der zeitgenössischen Kunst. Wie
sie wendet sich das Gespräch stets auf sich selbst zurück und verplempert
sich zwischen den Gesprächsebenen, so dass am Ende überhaupt kein Gespräch
mehr möglich ist. „Why?“ sagt die eine Stimme. „Why what?“ erwidert die
andere. (Preis auf Anfrage)

Schipper und Krome, Linienstraße 85, Di-Sa 11-18 Uhr, bis 31. Oktober