Ein Bild aus Berlin 15

„Auf einer Rampe bleibt nichts liegen. Es ist der Ort der Lieferung, des Übergangs und des Austauschs.“ In dieser nomadischen Diktion beginnt nicht der Beginn, sondern der temporäre Abgesang auf eines interessantesten Berliner Kunstprojekte der letzten Jahre. Die Rampe (http://www.rampe003.de) hatte sich 1997 als eine Gruppe von Künstlern und Kommunikationsdesignern formiert, um mit der Grenzüberschreitung zwischen angewandter und ernster Kunst ernstzumachen, die auch in der übrigen Kunstwelt praktiziert wurde.

Doch wenn man am Ende der neunziger Jahre in der Rampe in ihren provisorischen Räumen in der mittlerweile fast legendären Schlegelstrasse 26/ 27 Hamburger Kutteln kochte oder eine finnische Sauna einrichtete, wenn man Auktionen veranstaltete oder einen „Interaktiven Imbiss“ zubereitete – dann geschahen diese aufsehenerregenden und merkwürdigen Dinge nicht zum Zwecke der Kunst. Das war das Entspannende an den ersten Jahren der Rampe: dass man sich vordergründig von den Verwandlungskünsten der Projekte verzaubern lassen konnte, ohne sich sofort über den Kunstcharakter dieser Aktionen den Kopf zu zerbrechen. Kunst stand hier nicht verkrampft im Vordergrund, sondern war immer Effekt, Folge, Beiläufigkeit. Daher der überaus lässige Charakter, den man den meisten ausgerichteten Veranstaltungen oder eher Situationen nachsagen konnte.

In diesem Projektraum mit dem ephemeren Charme einer temporären Untergrundbar ging es weniger um die Produktion von Kunst, als um das Generieren von undurchschaubaren kommunikativen Situationen; eher um die Steuerungsmechanismen von sozialem Verhalten als um soziale Kunst; vielmehr um die Codierung von Handlungsweisen als um die Codes des Kunstwerks. Man machte das Soziale zum Medium, indem man dessen Formen hinterlistig verdoppelte und sie einer diskreten Verschiebung anheimfallen liess. Die Rampe war ein Labor für diskrete Experimente am sozialen Terrain, dessen Unbekanntheit und Neuheit man mit einer „Ethnologie der eigenen Kultur“ (Michel Foucault) neu entdeckte und verzeichnete. Sie ermöglichte die Erfahrung des Eigenen unter veränderten Bedingungen.

Alles änderte sich, als 1998 die Rampe 002 ihre provisorischen Räume in der Schlegelstraße verlassen mußte und 1999 den hart umkämpften modernistischen Pavillon vor der Volksbühne bekam. Weil man aus dem Glaskasten nicht mit Steinen werfen soll, begnügten sich immer mehr Projekte mit den konservativen Begrenzungen der Kunst; mehr und mehr Künstler nutzten den von drei Seiten einsehbaren Pavillon in zentraler Lage als Ausstellungsraum; irgendwann war aus dem Labor eine Vitrine geworden. Vom Werkzeugkeller in den Wintergarten – so liesse sich der Umzug mit allen Vor- und Nachteilen umschreiben.

Vermutlich fiel die Überlegung dass es wieder Zeit zum Umziehen wäre, in diesen Abschnitt. Anstatt sich im immer gut gefüllten Pavillon der Volksbühne gemütlich einzurichten, entschied man sich für eine virtuelle Rampe 004 an ungewissem Ort. Wie die Hobbyhandwerker, die sich obsessiv eine neue Bleibe suchen, sobald sie ihre alte fertig renoviert haben, zieht es die drei Macherinnen der Rampe 003, Julia Rahne, Annette Maechtel und Kristin Wegeland Krog weiter. Anders als die meisten Projekträume, die über kurz oder lang entweder eingehen oder Galerie werden – besonders dann, wenn sie eine so attraktive Immobilie bespielen wie den Pavillon der jugendkulturbewegten Volksbühne – besinnt sich die Rampe auf ihr ureigenstes Konzept, zu dem das transitorische Motiv ebenso gehört wie die Verladung an einen anderen Ort.

Bevor jedoch die Rampe 004 sich selbst an einen anderen Ort verlädt, wird die alte verpackt. Und das mit einem für eine Verladestation fast sentimental wirkenden zweimonatigen Abschlussprogramm, das mit einer melancholischen Musse alte und neue Rampe-Qualitäten verbindet: Als offiziellen Teil lieh man sich Anfang Juni eine Abschieds-Zeremonie bei der norwegischen Botschaft; da jedes Ritual informationstheoretisch identisch ist, spielte es eine beigeordnete Rolle, dass eigentlich eine Abschlussklasse einer Kunstakademie mit öffentlichen Weihen verabschiedet wurde, und kein Projektraum sich selbst Adieu sagte.

Da man sich selbst schlecht die Hand schütteln kann, hat man weitere Künstler zur Vernagelung der Rampe eingeladen: Sybil Kohl baute eine neue Rückwand an den Pavillon und setzte diesen so in Bezug zu dem dahinterliegenden Off-Space, einem verlorenen Kinderspielplatz zwischen PDS-Headquarter und der Volksbühne. Nataly Hocke wird anschliessend die künstliche Rückwand des Pavillons versetzen, vor der im Laufe dreier Rampe-Jahre an der Volksbühne einige Dutzend Künstler geschwitzt und geflucht haben.

Doch nicht nur die Hardware, auch die Software der Rampe wird verramscht: So stellte Sofia Hulten das Lager der Rampe zwischen Abschied und Entsorgung aus, indem sie liegengebliebene Malerkleidung als Fadensammlung ausstellte oder übriggebliebene Flyer vom Dach hinuntersegeln liess. Danach wird Philip Horst die begrifflichen Konstruktionen zwischen Kunstdiskurs und Off-Space durch den Raum segeln lassen, der durch die begrifflichen Konstruktionen verdoppelt werden soll. Um alle Formalitäten zu erfüllen und sich am Ende doch noch selbst die Hand zu schütteln, veranstaltet die Rampe zum Schluss die obligatorische Party mit dem noch obligatorischeren Abschlussfoto: Lächeln bitte!

Ausstellung „Leergut abholen“: Sybil Kohl, Adalgisa Campes, Sofia Hulten, bis 8. Juli; „Wand und Strasse“: Nataly Hocke, Philip Horst, vom 14.-28. Juli, Do-So 18-20 Uhr. Abschlussfeier „Polaroid“ am 28. Juli ab 18 Uhr.