Ein Bild aus Berlin 14

In einer Ecke der Galerie Koch und Kesslau (www.kochundkesslau.de) steht ein schwarzer Kubus. Wie ein geteerter Schuppen im Garten steht er da. Einen White Cube macht er gerade nicht aus der Galerie; eher handelt es sich bei dem schwarzgestrichenen Kasten um eine Black Box innerhalb des White Cube. Nun haben Pamphlete wie Brian O’Dohertys Inside The White Cube dem Besucher oft genug vorgebetet, dass die museale Architektur des Ausstellungsraumes die in ihm gezeigte Kunst diskret beeinflusst. Jüngere Publikationen lassen sich gar zu der Vermutung hinreissen, es sei allein der kahle weisse Raum, der die Kunst der Moderne produziert hätte. Doch die verschiedenen Ein- und Umbauten, die der junge Berliner Künstler Tilman Wendland im Galerieraum vorgenommen hat, werden bei ihm nicht zur trockenen Art & Architecture-Aussage.
Stattdessen entfaltet Wendlands Zimmererkunst im Galerieraum eine eigenartige räumliche Poesie, in der sich Tag und Traum, Zitat und Zierrat, Proportionen und Projektion sanft wie im Traum verschieben. Der schwarze Kubus bei Koch und Kesslau ist auch kein Ausstellungsstück, sondern die Toilette der 1997 in einer Remise in der Weinmeisterstrasse gegründeten Galerie. In die Decke ist wie in eine barocke Mini-Kapelle eine kreisförmige Öffnung eingelassen, die die Grundform von Wendlands Interventionen in den Ausstellungsraum vorgibt. Der Kreis ist die Grundform derjenigen sichtbaren und unsichtbaren Manipulationen, die im und am Raum vorgenommen wurden.

Was das alles soll, weiss freilich niemand – und es interessiert auch niemand, denn klugerweise kommt Wendland als Subjekt in seiner Arbeit kaum vor. Jede seiner Interventionen ordnet sich der vorgefundenen Form eines Gegenstandes nach, jeder hinzugefügte Kreis schmiegt sich an einen bestehenden an. Und wenn er einmal etwas hinzufügt, dann sieht es so aus, als sei es schon immer dort gewesen. Wendland taucht in die Welt der Gegenstände ein und arbeitet wie aus ihrem Innenleben heraus.

Diese Poesie der Dinge vermag Wendland in Räumen verschiedensten Formates zu entfalten. Letzten Sommer hatte er im Künstlerhof Buch der Akademie der Künste eine ganze Halle zur Verfügung, um das Eigenleben der Objekte zu zelebrieren. Seine Wüste von architektonischen Versatzstücken liess das Zitat einer Sprache der Baukunst im Gestammel enden. Ohne den biographischen Ballast von Gregor Schneiders Totem Haus Ur im deutschen Pavillon der Biennale in Venedig – aber auch weniger verstörend wie dieses -, wird die Architektur hier wie dort zu einer alptraumhaften Angelegenheit.

Wendland blendet das bizarre Eigenleben der Dinge ein, das man sonst übersieht. Dabei entfaltet er eine Ästhetik aus Din und Norm, aus Din-A-4 und 0-8-15. Das Geheimnis seiner – zwischen strenger Architektur und minimalistischer Spielerei – changierenden Kunst besteht darin, dass sie die subjektive Arbeit an der Form in ein scheinbar subjektfreies Spiel mit Formaten überführt. Auf diese Weise entsteht so etwas wie eine spielerische Strenge, die man heute selten sieht.