Ein Bild aus Berlin 13

Berlins populärstes Monument ist derzeit die Ruine des ehemaligen Palasthotels, Ecke Spandauer/ Karl-Liebknecht-Straße, am Anfang der Linden. Eingehüllt in eine Staubwolke liegt der einstige Koloß in der Sommersonne. Gleich mehrere Bagger krabbeln wie Ameisen auf dem Schutthaufen herum. Einer der Greifarme, die sich in Minutenabständen in die Betonmassen fressen, sieht aus wie ein Dinosaurierkopf. Die Fassade des früheren Palasthotels und späteren Radisson SAS-Plaza ist mittlerweile völlig entkleidet; die Zimmerzellen ragen halboffen in das gleißende Licht. Die aufgerissenen quadratischen Betonschachteln stapeln sich wie Schuhkartons in den Himmel. Wenn der modernistische Klotz von 1979 innen nicht genauso ausgesehen hätte wie außen und die Fassade die Anordnung der kleinen Wohnzellen nicht spiegeln würde, dann würde man das entstellte Gebäude nicht mehr wiedererkennen. Es ist eine Fratze von Haus, dessen unkenntliches Gesicht vom Staub noch mehr verschleiert wird.

Der Abriß zieht eine nicht unbeträchtliche Menschenmenge an. Geschäftsleute und Studenten, Touristen und sonstige Lindenflaneure riskieren durch eine Lücke im Bauzaun einen Blick auf den Trümmerhaufen. An der Spreeseite des Palasthotels ist der Abriß schon weiter. Von dort sieht der wacklige Schuhkarton-Turm aus, als würde er bald in den Fluß kippen – in denselben Fluß, den Michail Gorbatschow sehen konnte, wenn er auf seinen Berlinbesuchen im Whirlpool von Suite 8100 planschte.

Offensichtlich ist der Abriß ein Ereignis. Alles schart sich um etwas, das nicht den Anfang von etwas bedeutet, sondern sein Ende. Wie die Trauergäste auf einer Bestattung gruppieren sich die Leute um eine leere Mitte. Zum Abschied wirft man noch einen letzten Blick auf das Bauwerk, das in der DDR als Stasi-Nest, Bonzen- und Kriminellen-Treff verschrien war. In das Valuta-Hotel kamen die Stars aus dem Westen, wenn sie mal in Berlin-Ost waren, und die Nutten von der Oranienburger Straße, wenn sie mal Deutsche Mark-West brauchten. Karl-Eduard von Schnitzler war ebenso Dauergast wie Schalk-Golodkowski, Udo Lindenberg und Bruce Springsteen. Und nebenan war Katja Epstein untergebracht, Honeckers Lieblingssängerin vom Klassenfeind.

Spießig-plüschig empfing das schwergewichtige Haus seine Gäste aus Ost und West, um sie hinter Stahltüren und schußsicheren Fensterscheiben verschwinden zu lassen. Manchmal waren auch Staatsgäste darunter, denen die berüchtigte Wanzenplage nichts ausmachte. Günter Gaus, der ständige Vertreter der Bundesrepublik in der DDR, stieg stets in Appartment 6178 ab, „weil die Abhörgeräte an meine Stimmlage gewönt sind“, wie er einmal sagte. Vielleicht hat er später mal in der „Sinus-Bar“ vorbeigeschaut, wo die Damen zum Amusement warteten.

Denn das Palasthotel war auch eine gastronomische Oase inmitten der Service-Wüste DDR. Man witzelt, daß es hier mehr Restaurants gegeben habe als im gesamten Rest der Stadt: Es gab ein Märkisches, ein Französisches und ein Chinesisches Restaurant. Heute erzählen die früheren Gäste von Mode-Galas, Haute Couture und rauschenden Festen. Wobei man nie weiß, ob die Üppigkeit der Erzählungen nicht auch von der Dürre drumherum produziert wurde.

Jedenfalls wimmelte es im Palasthotel von Lampen, die nachts in jeder Zimmerzelle zu jeder Jahreszeit gebrannt haben sollen. Das Beleuchtungsspektakel gaukelte den auswärtigen Besuchern vor, sie hätten den Palast der Republik vor sich, der im Volksmund als „Erichs großer Lampenladen“ firmierte. Doch wenn man vom Alexanderplatz kam, stand der auf der linken Seite der Linden, wo er als Spiegel die Domfassade bislang noch so lange zurückwirft, bis auch er geschleift wird. So wirkt der Abriß des Palasthotels wie das Vorspiel des noch gigantischeren Spektakels, das auf seinen größeren Bruder wartet. Dann denkt man, daß es doch merkwürdig ist, daß der kleine Bruder in dem Moment abgerissen wird, in dem die nostalgischen DDR-Fernsehshows aus dem größeren Bruder-Palast im Fernsehen wieder öfters durch die Kanäle flimmern.

Aber alles das ist irgendwie weit weg, wenn man vor dem Gerippe steht. Die barbarische Szene der Zerstörung ist so ungeschönt, daß jede nostalgische Erinnerung sofort verfliegt. Wenn der nächste Dinosaurierbagger seine Zähne in das Zement schlägt, ist der Betrachter wieder ganz im Hier und Jetzt. Die Szene ist so archaisch, daß man meint, in dieser Bauhölle die revolutionären Kräfte zu sehen, die Walter Benjamin 1928 in der abgerissenen Pariser Passage de l’Opéra erblickte. Wie Benjamin seine „Urgeschichte des 19. Jahrhunderts“ dort beginnen läßt, könnte eine Urgeschichte des 20. Jahrhunderts, mit Benjamin und mit Bloch, hier beginnen.

Denn was hier abgeräumt wird, ist nicht nur eine Vergangenheit, der Pfeil weist nicht nur zurück. Es gibt eine seltsame Aktualität in dem ruinösen Anblick. Das Desaströse scheint mehr über den augenblicklichen Moment auszusagen, als über die vielen Momente, deren Andenken gerade beseitigt wird; die Zerstörung zeigt etwas, was das fertige Haus verborgen hatte. So meint man nicht nur das Verschwinden der Vergangenheit vor Augen zu haben, das Zerstörte scheint seine höchste Präsenz erst im katastrophischen Moment zu entbergen. Romantiker und andere Archäologen des Zeitgenössischen kommen vor dieser Ruine auf ihre Kosten.

Die Menschenmenge am Palasthotel bestaunt das Gerippe, als wäre es gerade ausgegraben worden. Als hätte man die Überreste eines modernen Troja vor sich, beugt man sich über den Fund aus der Gegenwart und versucht, in dem Schutthaufen die Zeichen seiner Zeit zu entziffern. So wie Freud die archäologischen Sensationen Schliemanns und Evans feierte, weil er in ihnen Beweise für die Existenz des Unbewußten sah, klicken tausend Fotoapparate vor den Ruinen, weil sie in ihnen die Zeichen einer Archäologie des Gegenwärtigen erkennen. Sie könnte enden wie Blochs Hieroglyphen: „Kein Zweifel: verworfene Ecksteine (nicht immer blasphemischen Sinns) dürften im Trümmerfeld noch findbar sein. (…) Das Bergwerk dieses XIX. Jahrhunderts liefert keine Kunstwerke wie die vorigen, aber Urbilder, Archetypen (menschlicher Expression) aus Einsturz.“