Ein Bild aus Berlin 12

Während sich das Berliner Kunstgespräch derzeit auf den Neuanfang in der Zimmerstraße konzentriert, leert sich das ehemalige Hauptquartier der neuen Berliner Galerienlandschaft zusehends. In der Auguststraße eröffnen kunstgewerblich ausgerichtete Galerien, angestammte Häuser verlassen das Quartier. Wie beispielsweise die Galerie Arndt & Partner (www.arndtundpartner.de), die aus den Hackeschen Höfen in die Auguststraße gekommen war und demnächst in der Zimmerstraße eröffnen wird.

Arndt & Partner verabschieden sich aus der Augustraße jedoch alles andere als still und heimlich. Wie um zu zeigen, welche Lücke in der Galerienmeile klaffen wird, greift die letzte Ausstellung in den alten Räumen noch einmal in die Vollen. Mit Olaf Breuning hat man einen vielbeachteten Newcomer ausgewählt, der zuletzt in „Let’s entertain“ in Paris und in „Hypermental“ in Hamburg aufgefallen war. Während auf der Auguststraße gegenüber ein Postershop aufmacht, verwandelt Breuning in seiner ersten Einzelausstellung in Deutschland die Galerie nocheinmal in eine Geisterbahn. Bizarre Geschöpfe und noch merkwürdigere Special Effects bevölkern alle seine Videos und Fotoarbeiten.

„King“, die zentrale Videoinstallation der Ausstellung, kopiert wild Verweise auf unterschiedlichste Gegenstandsbereiche und Filmformate in einem Loop zusammen: Durch eine wüstenhafte Marlboro-Landschaft fährt ein Typ, der aussieht wie aus einer Grunge-Band, in einem Landrover umher, der aussieht wie aus einer Autowerbung. Bald trägt er eine Ritterrüstung wie in einem Fantasy-Film (die zudem vor der Videoleinwand in der Galerie herumliegt), bald werden Turnschuhe wie in einer Turnschuhwerbung durch die Luft gewirbelt. Stetig ist hier nur der beständige Wechsel der Anspielungsebenen. Ehe man sich’s versieht, ist der Film schon woanders. Bei Breuning sieht alles aus wie und ist aber doch etwas ganz anderes.

In „Ugly Yelp“, einem Videofilm in wüstem Flimmerformat, treibt Breuning seinen ästhetischen Horrortrip noch weiter. Diesmal entführt er den Betrachter in ein surreales Waldreich, das an „Blair Witch Project“ erinnert. Auch wer den schauderhaften Homevideo-Streifen nicht kennt, wird Zeuge von verwackelten Vergewaltigungsszenen und Kinderwagengeschleuder, von Fesselungsritualen und Kettensägenmassakern. Breunings überspannte Gewaltvisionen sehen aus, als wäre einem Videofreak die Sicherung seines Bildgedächtnisses durchgeknallt. Sein unablässiges Anspielungsspiel, das Partikel aus Film und Videoclip, Mode und Massenmedien, Kunst- und Filmgeschichte aufgreift, wechselt die Ebenen so schnell, wie andere vor dem Fernseher hin- und herzappen. Sobald der Betrachter dem Verweis auf die Spur kommt, schaltet Breuning weiter. Im Duell mit dem Betrachter zieht der Künstler immer schneller.

Man kann sich aussuchen, ob man diese Alpträume einer narkotisierten Couch Potatoe als zeitgenössische Version von Goyas „Krankheiten des Kopfes“ betrachtet, oder als groteskes Wildern in einer noch groteskeren Medienlandschaft . Am Ende kann man sich angesichts der Stapelung von Krudität und Monströsität, von Horrortrip-Ästhetik und eingebauter Motorsägen-Dramatik, ein Lächeln nicht verkneifen. Wie schrieb noch Hans Brittnacher in seiner Ästhetik des Horrors? „Eine Ästhetik des Horrors darf ihren Gegenstand nicht beschönigen, sondern muss den Skandal der Abweichung ernst nehmen: Sie fragt nach der Attraktivität des Hässlichen, des Bösen und des Irren – und damit auch nach der Gewalt des Schweigens, das der Horror mit seinen bizarren Metaphern von Gewalt und Extase, von Blut, Sex und Tod durchbricht.“

Auguststraße 35, Di-Sa 11-18 Uhr, bis 26.5.2001.