Ein Bild aus Berlin 11

Es gab einmal eine Zeit, in der die deutsche Fahne in der Kunst verboten
war. Entweder kam das schwarz-rot-goldene Trauertuch in der Kunst nicht vor,
die sich als das Ausserhalb jener graumelierten humorlosen Zone definierte,
die mit der bundesdeutschen Fahne verbunden wurde. Die Fahne, das war wie
Boris Becker und Bier zur Sportschau. Besser ist ohne. Und wenn die Fahne
doch einmal verwendet wurde, dann wurde sie verhöhnt und verlacht von
bundesdeutschen Berufskünstlern an Kunsthochschulen.

Jetzt scheint die Zeit der Fahnenfreiheit für die Kunst abgelaufen. Man
staunte nicht schlecht, als der junge Berliner Künstler René Lück die
überdimensionierte Einladungskarte seiner Ausstellung bei Koch und Kesslau
(www.kochundkesslau.de) fett mit schwarz-rot-gold bedruckte. Volltreffer,
der Schlag in die Magengrube westdeutscher Verdrängungskünste sass genau.
Lück nahm seine Provokation mit keiner Geste zurück. Nichts wies darauf hin,
dass es sich hier nicht um ein künstlerisches Vertriebenentreffen
westdeutscher Republikflüchtlinge handelte. Der Schock über die ungebrochene
Verwendung der nationalen Signalfarben zeigte, dass Lück offenbar den
blinden Fleck des artistischen Selbstverständnisses vor und nach dem
Mauerfall getroffen hatte: Kunst hatte nicht national zu sein und was etwas
mit Nation zu tun hatte, konnte unmöglich Kunst sein.

Was man bei Lück noch für einen vereinzelten Gag halten mochte, kehrte
wenige Wochen später verstärkt zurück. Die Galerie Mehdi Chouakri
verschickte zu ihrer Ausstellung ²Berlin Republic² ebenso grossformatige
Folder, die aussen im diskreten Weiss der Galerie gehalten waren. Sobald man
sie entfaltete, funkelte einem das Schwarz-rot-gold einer fotografierten
Deutschlandfahne entgegen. Stolz flatterte die Fahne im Winde, von der Sonne
beschienen. Es hätte sich auch um ein Wahlplakat der CDU handeln können.
Was war geschehen? Hatte sich der Wind in der Kunstwelt gedreht? Hatte man
nach all den öden Jahren wieder Lust, Flagge zu zeigen oder war die
Nationalstolz-Debatte peinlicherweise in den Kunstkontext gekippt? War das
alles ein derbdeutscher Spass oder wollte die Berliner Kunstszene, nach
vielen Flautengerüchten, pünktlich zur Berlin Biennale zeigen, von wo der
Wind weht?

Ein Mitarbeiter der Galerie Chouakri liess verlauten, die Fahne, das sei
Berlin ­ und fügte augenzwinkernd hinzu, man wisse selber, dass es sich bei
der Einladung auch um ein CDU-Plakat handeln könne. Tatsächlich brauchte man
sich nicht zu wundern. Spätestens seit die Volksbühne mit gutgesonnten
Köpfen der DaimlerChrysler-Generation für sich wirbt, wusste man, welches
ästhetische Potential die Motiv-Verkehrung von Bankwerbung zu Kunsteinladung
haben konnte. Doch die Zeichenvertauschung ist selber nur das Zeichen einer
ästhetischen Krise: Wo nichts mehr geht, geht nur noch, was gar nicht geht.
Getreu dem Motto, dass nichts so subversiv ist wie das Affirmative, wird die
Fahne plötzlich zum letzten Schrei. Wer zuletzt schreit, schreit am besten.

Berlin Republic: New Art from Germany, Galerie Mehdi Chouakri, Gipsstr. 11,
Di-Sa 11-18 Uhr, bis 19. Mai; Réné Lück bei Koch und Kesslau:
www.kochundkesslau.de