Ein Bild aus Berlin 10

Es ist wie verhext: Einerseits lebt man in einer Stadt, man sieht sie jeden Tag. Man reibt sich an ihr, man denkt über sie nach. Andererseits findet man alle Bilder, die von ihr gemacht werden, kitschig und indiskutabel. Mit keinem der Bilder über Berlin kann man sich anfreunden. An diesem Phänomen arbeitet sich eine Ausstellung wie „Remake Berlin“ ab, die derzeit im Neuen Berliner Kunstverein und in der daadgalerie gezeigt wird: Je eindringlicher die Bilder versuchen, eine Stadt wie Berlin abzubilden, desto größer wird die Gefahr des Klischees; je ausdrücklicher ein Mythos zu Bildern verwurstet wird, desto mehr daneben findet man sie. Mit dieser Schwierigkeit wird jedes Projekt konfrontiert, das sich einer Stadt und ihrem Mythos anzunähern versucht. Es ist wie mit dem Satz von Alexander Kluge, der einmal von Deutschland sagte, je mehr man sich diesem Begriff anzunähern versuchte, desto unwiederbringlicher würde er einem entrücken. Doch eigentlich hat keines der Bilder über Berlin je eine Chance gehabt. Man könnte meinen, nach Berlin kommen die Bilder, um zu sterben.

Vielleicht versuchte ein Großprojekt wie „Remake Berlin“ deshalb, sich ganz aus der Ferne an die Stadt anzunähern. Die Ferne hat in diesem Fall den Namen Zürich; Zürich, Sitz der Bank Hofmann AG, die offenbar ein Herz hat für Städte und ihre Kunstbilder. Und ein großes Portefeuille. Aus diesem bezahlte die Schweizer Bank bereits eine Großausstelllung zu Zürich im Bild der Kunst; nun folgt das Projekt Berlin. Eigentlich wurde die Ausstellung für die Ferne, für das renommierte Kunstmuseum Winterthur konzipiert; daß man nun auch in Berlin sehen kann, was man sich andernorts unter dem Slogan „Berlin“ vorstellt, ist eher glückliche Begleiterscheinung – und natürlich das Engagement der Berliner Kuratorin Kathrin Becker und ihrer Kollegen vom Neuen Berliner Kunstverein und der daadgalerie, wo das Projekt an zwei Orten simultan gezeigt wird.

Das Phänomen, daß Berlin als Köder für künstlerische Themenausstellungen herhalten muß, ist alles andere als neu. Es gibt eine ganze Reihe von Versuchen, Kunst der neunziger Jahre mit dem Begriff Berlin aufzupeppen. In diesem Sommer campiert das artistische Jungberlin in London im renommierten Institute of Contemporary Art. Doch im Unterschied zu den Themenausstellungen mit Berliner Jungkunst geht es in NBK und Daad nicht um Kunst aus Berlin. Eher geht es um Berlin als Gegenstand von Künstlern, die in Berlin leben oder auch nicht. Acht Fotokünstler wurden eingeladen, ihr Bild der Stadt zu machen, sechs Autoren, um den monumentalen Katalog zu betexten. Dabei kann natürlich nichts anderes herauskommen als jener durchgekaute Berlin-als-Stadt-der-Widersprüche-Brei, den man schon allzuoft von dieser und von anderen Städten gehört hat – nur daß es hier vielleicht ein paar mehr Widersprüche sind als anderswo.

Aus diesem Grund war von vornherein klar, daß die Gäste von einer Stadt im Umbau kein schlußendliches Bild machen würden. Außer den Stadt-als-Baustelle-Klischees war nichts definitives zu erwarten. Vielleicht haben die Kuratoren ihrem Kind mit „Remake Berlin“ deshalb einen zugleich distanzierten wie schlagkräftigen Titel gegeben; verweist doch Remake auf etwas Gemachtes, Hergestelltes, auf eine Konstruktion – auf eine Konstruktion, die aber im Gegenzug schon das Potential hat, zum wirklichen Gegenstand zu werden. Es geht also um das Gießen und Wiederaufgießen des ewigneuen Mythos dieser Stadt. In diesem Sinne verstehen die Organisatoren ihren Titel programmatisch als Statement für ein Neues Berlin. Kämpferisch schreiben sie im Klappentext: „Das alte Berlin ist verloren, ist zerstört worden, mehrfach, endgültig; kein ‚Remake‘ kann dies ändern. Will das neue Berlin nicht als falsche Maskerade, als Fassadenkleisterei des alten in die Geschichte eingehen, sollte es seinen vielleicht tatsächlich in Neu-Berlin ändern.“

Am meisten überrascht im Neuen Berliner Kunstverein in der Chausseestraße sicher eine Fotoserie der israelischen Fotokünstler Clegg & Guttmann. Die Beiden repräsentieren die Stadt, indem sie stilvolle Aufnahmen ihrer gewählten Repräsentanden anfertigten. Ausgewählte Senatoren grüßen in gediegenen Posen – so klassisch und affirmativ, daß die Herrscherposen schon fast wieder subversiv wirken. Auf diese Weise changieren Stölzl & Co zwischen Abziehbild und Absturz. Während Clegg & Guttmann das klassische Format des Herrscherporträts neu beleben, fertigte die Holländerin Céline van Balen porentiefe Porträts von Berlinerinnen wie Du und ich an. Gerade die Abwesenheit des Berlinischen in diesen Porträts läßt die Aufmerksamkeit zur Verfertigung einer Identität beim Hinschauen wandern.

Zwischen ausgesuchter Beliebigkeit und zufälliger Treffsicherheit auch die Schnappschüsse des Engländers Stephen Wilks. Seine losen Impressionen beim Spazierengehen in Berlin von persilkaufenden Türkinnen oder Vogelschwärmen über Plattenbauten passen noch am ehesten in die Klischeevorstellung des leeren und tristen Berlin, die man sich allerortens von dieser Stadt macht. Wie auch die Architekturfotos von Frank Thiel, die die Stadt in ihren Bauten spiegeln. Seine modischen Fassadenraster zwischen Mitte und Kreuzberg, Neubau und Abriss, ewig und provisorisch illustrieren die These von der Stadt im Umbau. Gekrönt wird sie von einem vierteiligen Panorama des Potsdamer Platzes von der – nun schon historischen – Infobox bis zur Tiergartengrenze.

Auch der Fotostar Juergen Teller nähert sich der mythischen Dimension des Alltäglichen. Die jungen Menschen, die Teller für die glamourösesten Auftraggeber in den verlorensten Situationen ablichtete, streunen nun auch in Berliner Clubs und Hinterhöfen herum – und natürlich auch auf Baustellen wie dem Potsdamer Platz: Zu sehen im westberliner Teil der Ausstellung, der in der daadgalerie untergebracht ist. Wie auch Boris Mikhailov, ehemaliger Gast im Hause Daad, der Berlin durch das Phänomen des Fußballs porträtiert: Fußball in Parks, Fußball im Stadion, Fußball vor dem Schloss Bellevue – ja, Deutschland ist ein fußballverrücktes Land. Auf der Suche nach Berlin kann man sich wie Mikhailov in der Alltags-Ethnologie verlieren oder wie Astrid Klein in der Geschichte: Die läßt die Kölner Fotografin in ihrem Bilderbogen bei Schinkel und Henriette Herz anfangen, einer der berühmtesten Berliner Salonnièren, führt ihn über das jüdische Berlin der Mendelssohns, Benjamins, Cassirers und Einsteins weiter zu den Leibesübungen der zwanziger Jahre. Ihr Berliner Bilderbogen endet jäh und düster in jenem Fluchtunnel aus Ostberlin anno 1961, jenem schwarzen Loch namens „Tunnel 28“.

NBK, Chausseestraße 128, Di-Fr 12-18 Uhr, Sa-So 12-16 Uhr. daadgalerie, Kurfürstenstraße 58, täglich 12.30-19 Uhr, bis zum 29.April. Katalog mit Texten von Lázló Földényi, Paul Virilio, Monika Maron, Matthias Zschokke, 236 Seiten, DM 58,-. Am 18. April 19 Uhr Gespräch zwischen Kuratoren und Künstlern der Ausstellung, NBK.