Ein Bild aus Berlin 1

Pixelpark: Angela Bulloch in der Berliner Galerie Schipper und Krome

Nach dem Ende der mehr oder weniger rauschenden Eröffnungsparties des Berliner Kunstherbstes läßt sich zumeist besser sortieren, welche Ausstellungen denn nun wirklich sehenswert sind und welche nicht. Die einhellige Meinung war, dass die Kunst-Institutionen der Stadt fast völlig versagt haben; weder im Hamburger Bahnhof noch in der Nationalgalerie erfuhr man Neues zum State of the Art. So blieben nur mal wieder die privaten Galerien, die den guten Ruf von Berlin als Kunstmetropole wieder blankpolieren durften. Die derzeit spannendste Ausstellung des Berliner Kunstherbstes ist derzeit bei Schipper und Krome unter dem vielsagenden Titel „Blow_Up_TV“ in der Auguststraße zu sehen.

Blow-Up nennen Fotografen die Vergrößerung eines Fotos, dessen Details nicht gut sichtbar sind. In dem gleichnamigen Streifen Blow-Up von Michelangelo Antonioni von 1967 – der als „bester Film aller Zeiten“ gefeiert wurde – spielt eine solche Vergrößerung die Hauptrolle: Ein Fotograf kommt zufällig einem Mord auf die Spur, indem er ein unscheinbares Foto dermaßen vergrößert, daß darauf ein Revolver – die Mordwaffe – sichtbar wird.

Nun wird man bei Schipper und Krome in der Berliner Auguststraße nicht direkt mit einer Mordwaffe konfrontiert. Keine Angst, man wird nicht gleich abgeknallt, wenn man über den Hof der alten Wäscherei geht. Wenn die kanadisch-britische Künstlerin Angela Bulloch eine Szene aus Blow Up zum Ausgangsmaterial ihrer neuen Arbeit wählt, dann geht es eher um die technische Sublimierung des Mediums, als um die Message des Mords. Trotzdem kommt dabei eine der besten Ausstellungen des Berliner Kunstherbstes heraus.

In der Schlüsselszene des Films versteckt sich der Hauptdarsteller hinter einem Baum, um das entscheidende Foto zu schiessen: Diese Szene, die wie der ganze Film Verborgenheit und Entbergung, Verstecken und Entdecken verschränkt, nimmt Angela Bulloch als Ausgangsmaterial ihrer neuen Arbeit „Blow_Up T.V.“ Doch Bulloch hält sich nicht lange bei der Film-Philosophie auf, sondern rückt dem Filmbild direkt mit modernster Technik zu Leibe: Sie macht einen Ausschnitt der Szene mit dem Fotografen und digitalisiert ihn zunächst im Computer. Beim Übergang von der analogen Bildwirklichkeit des Fotos zur digitalen Bildtechnik des Computers werden 1,8 Millionen Pixel auf ganze 16 Pixel runtergerechnet: Die Technik macht’s möglich.

Die Technik sorgt aber auch dafür, daß man in Bullochs Radikal-Blow-Up nichts mehr erkennen kann: Bei Schipper und Krome leuchten und blinken die 16 Pixel auf Bildschirmen in den hübschesten Pastellfarben; das Geblinke, das man sieht, ist reines Rechnen. Die technische Abstraktion ist ausgesprochen eindrucksvoll; doch erkennen, dass es sich hier um das Bild eines fotografierenden Fotografen handelt, kann man nicht mehr. Das ist die Dialektik zwischen Erkennen und Verkennen: Während die Vergrößerung des Bildes in Antonionis Film noch eine Erkenntnis zutage gefördert hat, erkennt man in der heftig übertriebenen Vergrößerung nichts mehr.

Auf dem Hamburger Spiegel-Hochhaus ist derzeit eine ähnliche Arbeit Bullochs zu sehen: Und zwar unterhält sich die englische Künstlerin mit Stefan Aust über Medien, Realität und Authentizität; doch die Gesichter der beiden Gesprächspartner sind ebenso gepixelt und aufgeblasen wie der Fotograf aus Antonionis Film. Steht man zu nah am Spiegel-Haus, erkennt man auf dem vier mal vier Meter großen Bildschirm trotz Medienwand nichts; etwa auf der Höhe der Deichtorhallen am Hafenausgang erkennt man vage zwei Personen. Auch hier landet Bulloch mit der modernsten Technik bei der schlichtesten Maxime: Auf’s richtige Maß kommt’s an.

Wer die Arbeit der 1966 in Ontario geborenen und in England aufgewachsenen Künstlerin kennt, wundert sich ein wenig über Bullochs neues Interesse am Bild: Jahrelang war sie mit Kugeln, die ebenso blinken wie jetzt ihre Bildschirme, durch Galerien und Museen gepilgert. Doch die Verwandtschaft liegt auf der Hand: Während die Leuchtkugeln akustische Codes veranschaulichten, wendet sich Bulloch nun der Programmierung des Visuellen zu. Ausgehend von der medienhistorischen Maxime, dass kein Bild möglich ist ohne Programm, läßt sich Bullochs Intervention in die Geschichte der Malerei zurückverfolgen. Plötzlich blinkt alles nur noch, bunt gepinselt oder gepixelt. (Preis Gesamtinstallation DM 140.000, je Monitor DM 48.000)

Schipper und Krome, Auguststraße 91, Di-Sa 11-18 Uhr, bis 18.November
schikro@aol.com

(c) Knut Ebeling, 18.10.2000