ECHTE GEFÜHLE: DENKEN IM FILM

23.02.2014 - 27.04.2014
Auguststr. 69 , Berlin
http://www.kw-berlin.de

Kuratiert von Ellen Blumenstein, Franz Rodenkirchen und Daniel Tyradellis

Seit seiner Erfindung hat der Film das Denken über das, was die Welt ist und sein kann, beeinflusst. Als Massenmedium, das die Gefühle der Menschen unmittelbar anspricht, prägt es die kollektiven Erfahrungen, sodass Filme nicht nur vor der Folie der Realität betrachtet werden, sondern ihrerseits unser Bild der Wirklichkeit beeinflussen.

ECHTE GEFÜHLE: DENKEN IM FILM widmet sich den Affekten und Emotionen im bewegten Bild. Die Themenausstellung geht der Frage nach, wie Filme Emotionen vermitteln und eine Authentizität erzeugen, an der individuelle und kollektive Erfahrungen aufeinandertreffen. Allen voran sind sie es, die geläufige Erfahrungen und gängige Erklärungsmuster bestätigen, verändern oder grundsätzlich infrage stellen und so zum Denken herausfordern. Dass in der Ausstellung die Grenzen zwischen Kinosaal und Ausstellungsraum ebenso durchlässig werden wie zwischen Filmkunst und Kunstfilm, zwischen professionellem Publikum und neugierigem Laien, ist ausdrücklich erwünscht. Denn der Film dient gleichermaßen der Normierung unserer Phantasien wie ihrer Freisetzung, der Einübung von Verhaltens- und Deutungsmustern wie deren Außerkraftsetzung. Er stellt damit ein außerordentlich wirkmächtiges Medium dar, in dem sich ein graduell oder radikal anderes Denken über die Welt erprobt.

Auf der gesamten Ausstellungsfläche setzen die KW Institute for Contemporary Art in Berlin das Potenzial des Films in Szene: Die Schau untersucht zum einen, wie Mainstream- und Arthouse-Filme die menschlichen Grundemotionen in Bilder und Narrationen übersetzen und dabei Erwartungen sowohl bedienen als auch kontinuierlich modifizieren. Zum anderen präsentiert die Ausstellung Werke von Künstlerinnen und Künstlern, die zwar nicht den Massengeschmack bedienen, aber den gleichen Fragen wie das Kino verpflichtet sind: Wie erzähle ich eine Geschichte? Wie gelingt es, eingespielte Seh- und Denkmuster infrage zu stellen, ohne die Aufmerksamkeit des Betrachters zu verlieren? Diese Arbeiten thematisieren auf je unterschiedliche Weise die Konstruktion von Gefühlen und nutzen das Medium Film, um die Differenz zwischen Film und Wirklichkeit, echtem und gespieltem Gefühl und gleichermaßen deren nicht auflösbare Abhängigkeit voneinander sichtbar zu machen.

Anders als im Kino, das die Zuschauerposition fixiert, bezieht die Ausstellung Bewegung und körperliche Erfahrung im Raum mit in das Sehen ein. Aus ihrem filmischen Ganzen gerissene Einzelszenen werden zu Attraktoren der Wahrnehmung, denen sich der Betrachter individuell zuwenden kann. Sie unterlaufen die Selbstverständlichkeit filmischer Narration und machen die Konventionen der Darstellung von Emotionen sichtbar – und die Versuche, über sie hinaus zu gehen.

So hat Loretta Fahrenholz für ihren aktuellen Film DITCH PLAINS (2013) beispielsweise das menschenleere New York nach dem Hurrikan Sandy als Bühne benutzt, um dort Erinnerungen an filmische Genres, Szenen oder Begegnungen zu reinszenieren. Eine Wirklichkeit, in der der Alltag plötzlich durch ein extremes Ereignis aus den Fugen geraten ist, bietet gleichzeitig Raum dafür, das eigene Tun neu zu erfinden und Beziehungen zu anderen Menschen und zur Welt mit den Mitteln filmischer Vorbilder vergleichbarer Szenarien filmisch neu zu beschreiben.
Das Video UNTITLED. STRAWBERRY POISON DART FROG: DEMUXED (2008–11) von Ed Atkins und Simon Martin reduziert den Film auf seine elementaren Bestandteile: einen Protagonisten und ein Setting. Das Zusammenspiel von Bild und Ton wird hier zum wesentlichen Element, das Ansätze eines Plots immer wieder andeutet, um dann doch jede Form der Narration zu unterlaufen. Insbesondere der Ton erzeugt emotionale Spannung und Erwartung und verleitet den Betrachter zu Hypothesen darüber, was das Ereignis ist, um den der Film sich dreht. Die Arbeit benutzt die cineastischen Erwartungen, lässt sie jedoch unbefriedigt und fordert das Denken heraus.
Die Doppelprojektion CASTING JESUS (2011) von Christian Jankowski thematisiert den auf unserer christlichen Tradition beruhenden Glauben an das „echte Bild“: Eine dreiköpfige Jury aus dem Vatikan kürt den besten Jesusdarsteller einer Castingshow. Der beste ist der, der als „echtester“ wirkt, der also die mit der Gestalt von Jesus Christus verbundenen Emotionen am intensivsten zu verkörpern vermag.

Auf die Ausstellung reagieren zwei essayistische Bände der Publikationsreihe FERENZ. ZUR KRITIK DES KURATORISCHEN, in denen sich die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen und der französische Philosoph und Filmtheoretiker Jean-Louis Schefer mit Fragen des Ausstellens von Film auseinandersetzen. Ein Rahmenprogramm begleitet die Ausstellung.

Ellen Blumenstein ist seit Januar 2013 Chefkuratorin der KW Institute for Contemporary Art. Sie ist Gründerin des Veranstaltungsortes Salon Populaire, eine der BegründerInnen der Initiative Haben und Brauchen und hat unter anderem den Isländischen Pavillon auf der Biennale di Venezia (2011) kuratiert und mit anderen die Talkshow KLAU MICH! der spanischen Künstlerin Dora García auf der dOCUMENTA (13) (2013) in Kassel moderiert.
Franz Rodenkirchen arbeitet seit 1995 als freier Filmdramaturg und Berater für Drehbuchentwicklung. Von Mai bis September 2013 war er Artist in Residence an der Filmakademie Amsterdam. Als Tutor war er unter anderem für das TorinoFilmLab (Script&Pitch Workshops, FrameWork), das Binger Filmlab, Amsterdam, für CineLink, Sarajevo sowie bei der Script Station der Berlinale Talents tätig. Zwischen 1986 und 1993 war er Co-Autor der Spielfilme von Jörg Buttgereit. Seit 2009 ist er Mitglied der Europäischen Filmakademie.
Daniel Tyradellis ist Philosoph und Kurator. In seinen Arbeiten setzt er sich mit den unterschiedlichen Denkweisen von Kunst, Wissenschaft und Philosophie auseinander. Ausstellungen versteht er als Experimente eines mit-teilenden Denkens im Raum und die „Pädagogik des Begriffs“ (Gilles Deleuze) als eine zentrale kuratorische Aufgabe. Jüngste Ausstellungen von Tyradellis waren WUNDER in den Deichtorhallen Hamburg (2011/12) und MS REICHTUM im Deutschen Hygiene-Museum Dresden (2013). Zu seinen aktuellen Publikationen gehören WAS HEISST UNS DENKEN? (gemeinsam mit Jean-Luc Nancy, diaphanes, 2013) sowie MÜDE MUSEEN (edition Körber, 2014).

Mit Arbeiten von: Chantal Akerman, Ed Atkins und Simon Martin, Sue de Beer, Harry Dodge und Stanya Kahn, Loretta Fahrenholz, Christian Jankowski, Jesper Just, Peter Roehr, Roee Rosen, John Smith und Mark Wallinger.