Earth Dance in Worcester

Nach einem langen, feuchten und kühlen Winter warten am Kap alle auf sonnige, warme Tage. Der Frühling hat zwar offiziell am 1. September begonnen und die Schwimmbäder wurden pünktlich eröffnet. Aber bei 17 Grad ist der Sprung in ebenso kaltes Wasser kein verlockendes Vergnügen.

Eine Psy Trance Dance Party in einer verregneten Nacht bei Temperaturen um 14 Grad erschien mir eigentlich auch wenig verlockend: Earth Dance bei Nekkies in Worcester. Mehr wusste ich nicht als ich um zwei Uhr Nacht zu meinen Freunden ins Auto stieg und wir Richtung Worcester losfuhren. Unterwegs erfuhr ich, dass ich mir um Speis und Trank keine Sorgen machen müsse, das Angebot sei reichlich. Dann erstickte der harte und stampfende Rhythmus von Trance Musik aus dem CD-Spieler jede weitere Unterhaltung im Auto. Montagu, Ashton, Robertson, Worcester südlich umfahren, über den Breede River und siehe da, da ist die Einfahrt zu Nekkies. Ein Tor, ein beleuchtetes Wachhäuschen und ein Torsteher, der für jede Person im Wagen 150 Rand kassiert. Fast 20 Euro für ein Konzert in der Pampa? Es dauert zwei volle Tage mit zahllosen DJ’s und Bands, klären mich die Freunde auf. Es sei ein faires Preis-Leistungsverhältnis und außerdem ginge ein großer Teil des Ertrags in die Wohlfahrt.

Nekkies entpuppt sich als sehr geräumiger Campingplatz, der auf Terrassen über den Auen des Breede Flussbetts angelegt ist. Dutzende große, bunte Zelte stehen dort neben Bakkies, wie die hier recht beliebten Pick-ups genannt werden, oder den hier ebenso beliebten klobigen SUV´s aller Art. Natürlich sind alle Strassen und Stellflächen zugeparkt. Wir finden dennoch einen Parkplatz unweit des Psy Trance Floors, packen unsere Taschen, Kissen und Klappstühle und streben im Schein unserer Taschenlampen den Hang hinab der mit einigen tausend Watt verstärkten Musik entgegen.

Ich erfahre, dass Earth Dance eine globale Veranstaltung ist, die zeitgleich an vielen Orten der Erde stattfindet und ihren Höhepunkt im globalen Singen und Tanzen des Friedensgebets findet:

„We are one global family
All colours, all races
One world united.
We dance for peace and the healing of our planet Earth
Peace for all nations.
Peace for our communities.
And peace within ourselves.
As we join all dance floors across the world,
let us connect heart to heart.
Through our diversity we recognize Unity.
Through our compassion we recognize Peace.
Our love is the power to transform our world
Let us send it out
NOW…“

Auf der Homepage der Organisation http://www.earthdance.org/ kann man eine beeindruckende Liste von Ländern und Orten sehen, die sich daran beteiligen. Auch Germany ist mit den Städten Berlin, Düsseldorf, Köln und Frankfurt aufgeführt, allerdings ohne jedweden Link. Vielleicht hat das globale rhythmische Stampfen von hundert Tausenden Füssen ja doch einen positiven Einfluss auch wenn er nur für die in Trance Tanzenden erfahrbar ist. Die Erforschung der Auswirkungen auf das Wohlbefinden der Regenwürmer steht noch aus.

Es ist etwas nach drei Uhr. Die Tanzfläche vor der Bühne, auf der die DJ’s an ihren Mischpulten vor den flackernden Bildern der auf die Rückwand projektierten Videos stehen, ist noch gut besetzt. Das Red Bull Zelt etwas weiter daneben ebenso. Um diese Zeit gehen wohl viele zu Red Bull Wodka über und bezahlen 25 Rand oder drei Euro dafür. Die anderen Getränke kosten im Schnitt einen Euro.

Wir finden einen trockenen und zugfreien Platz unter einem Zeltdach direkt an der Tanzflache. Dort haben es sich bereits andere Partygäste zu einer Schlummerpause zurückgezogen, denn das Programm auf Bühne und Tanzfläche lauft ohne Pause weiter. Die Luft ist voll von Marihuanaschwaden und aus dem Dunkel kommt immer wieder ein Hand und lädt zum Mitrauchen.

Das Publikum ist so bunt wie es nur in Südafrika sein kann: Von jung bis ganz jung, von alt bis uralt, von elfenbeinweiß bis tiefschwarz. Die Mode bewegt sich zwischen Woodstock und Rap, aber jetzt in den kalten Stunden vor der Morgendämmerung tanzen nur noch die scheinbar extrem abgehärteten Burenkinder barfuss und in kurzen Hosen auf dem kalten Gras. Scheinbar haben die meisten Earth Dance geübt und zu Hause habe ich dann auch eine brauchbare Anleitung für Soweto Earth Dance gefunden: http://klub.folklore.or.at/TBS/Diverse-8/soweto_earth_dance.htm

Zwischen der Trance Bühne und dem Urban and World Beats Floor liegt die Traders Lane, ein etwa 500 Meter langer Wiesenweg, an dem man in bunten Zelten Health Food oder Soul Food, Panninis, Pizza, Farfalle oder Vegetarisches, Cappuccino, Fruchtsäfte ebenso kaufen kann wie Klamotten, Lederwaren, Schmuck, CD’s, Shilums oder äthiopischen Kräutertee, der wohl nur als Deko auf dem Tisch liegt. Die Box mit handelsüblichen Plastikbeuteln voller Dagga, wie Gras hier genannt wird, steht unsichtbar unter dem Tisch. Zehn Gramm kosten etwa fünfzig Rand und die Kids stehen Schlange, vor allem nach Tageanbruch.

Dann füllt sich das Gelände jäh mit fröhlichen jungen Leuten, die in den wärmenden Strahlen der Morgensonne dem Tag entgegentanzen. Andere ziehen sich an das Ufer des Breede River zurück. Die Musik ist auch hier noch gut zu hören, aber erholsam leiser. Die Flusslandschaft mit den Auwäldern vor den schneebepuderten Gipfeln der Langeberge vermittelt tiefen Frieden. Junge Leute gehen am Ufer entlang. Manche entledigen sich ihrer Kleider und springen nackig ins kalte Wasser ohne Geschrei oder Gekreische.

In den zehn Stunden, die ich dort verbracht habe, musste ich keine einzige hässliche Szene erleben: keine Rempelei, keine Pöbelei, keine sabbernden Besoffenen, keine Schnapsleichen und keine Einwegspritzen. Es war auch weit und breit keine erkennbare Ordnungsmacht zu sehen, außer einigen Leuten mit großen Plastiktüten, die unentwegt das Gelände nach leeren Bechern und Dosen absuchten.

Bis Mittag hatten die Veranstalter 9000 Tickets verkauft und das obwohl Worcester gut 100 Kilometer von Kapstadt entfernt ist. Einige Veranstalter gehen mehr und mehr zu Partys über, die von Freitag bis Sonntag Nacht dauern. Die nächste Großparty Rocking the Daisies findet vom 29. September bis zum 1. Oktober in den Hügeln von Darling statt, etwa 80 Kilomter nördlich von Kapstadt. http://www.rockingthedaisies.com Dort gibt es einen Stausee und vielleicht ist der nicht mehr so kalt.

Enjoy it, if you are there!

BJ Huck