dOCUMENTA (13) gibt ihr kuratorisches Team und ihre weiteren Aktivität

Die dOCUMENTA (13) besteht aus einer Reihe künstlerischer Akte und Gesten, die bereits jetzt stattfinden, und aus einer Ausstellung, die am 9. Juni 2012 für die Dauer von 100 Tagen eröffnet wird. Die dOCUMENTA (13) folgt nicht einem einzigen, übergreifenden Konzept, sondern führt, wie in einer Choreografie, vielfältige Materialien, Methoden und Wissensformen zusammen.

Worum geht es bei der dOCUMENTA (13)?

Im Entstehungsprozess der dOCUMENTA (13) werden Fragen der individuellen und kollektiven Emanzipation durch Kunst aufkommen, indem eine Reihe heterogener Ontologien durchdacht werden, die die paradoxen Bedingungen des heutigen Lebens und der aktuellen künstlerischen Produktion hervorbringen. Diese umfassen:

Teilhabe und Rückzug als simultane Modi heutiger Existenz
Verkörperung und Entkörperlichung und ihre wechselseitige Abhängigkeit
Verwurzelung und Heimatlosigkeit als doppelte Verfasstheit des Subjekts
Nähe und Distanz und ihre Relativität
Zusammenbruch und Erholung, die gleichzeitig oder nacheinander auftreten können
die Flut von unkontrollierten Informationen und die gleichzeitige Fixierung auf Kontrolle und Organisation
Übersetzung und Unübersetzbarkeit, und wie man diese verhandelt
Inklusion und Exklusion, und wie sie miteinander zusammenhängen
Zugang und Unzugänglichkeit, und ihre Koexistenz
das Anachronistische des eurozentrischen Kunstbegriffs und das paradoxe Aufkommen von Praktiken, die heute weltweit auf diesen Kunstbegriff verweisen
das menschliche Leben und andere Lebensformen angesichts einer gemeinsamen Geschichte wechselseitiger Abhängigkeiten
hoch entwickelte Wissenschaften/Technologien und ihre Verwandtschaft mit alten Traditionen
materielles und immaterielles kulturelles Erbe und seine Verbundenheit mit der zeitgenössischen Kultur
die Spezifität des Künstlerseins und die Nicht-Spezifität künstlerischer Praxis

Die Ausstellung, die diese heterogenen Ontologien und Faktoren erforscht, wird an verschiedenen Schauplätzen und Orten stattfinden und neue Arbeiten von mehr als 100 KünstlerInnen aus aller Welt umfassen. In einigen Fällen werden diese als Teil von Gemeinschaftsprojekten mit anderen Künstlern, „Agenten“ oder Personen präsentiert, die im kulturellen Feld – wie etwa Wissenschaft und Literatur – tätig sind. Darüber hinaus wird eine Anzahl historischer Kunstwerke im Kontext dieser miteinander zusammenhängenden Ideen, Gespräche und parallelen Geschichten ausgestellt werden.

Als Vorspiel zur Ausstellung und als Teil der dOCUMENTA (13) hat bereits hat eine Reihe öffentlicher Aktivitäten begonnen, darunter eine Konferenz in Turin im September 2009, die AND AND AND Projekte, die seit Juni 2010 stattfinden, die Installation eines Kunstwerks von Guiseppe Penone im Karlsaue-Park im Juni 2010 sowie die Publikation eines Künstlerbuchs von Guillermo Faivovich und Nicolás Goldberg (The Campo del Cielo Meteorites – Band I: El Taco) im September 2010.

Das kuratorische Team und der weitere kuratorische Prozess

Die dOCUMENTA (13) wird von der künstlerischen Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev zusammen mit einer Reihe von „Agenten“, Beratern und Künstlern geplant. In den Jahren 2009 und 2010 reiste Christov-Bakargiev viel und hielt zahlreiche Vorträge; auf diese Weise baute sie eine Gruppe von Personen auf, die an diesem Prozess teilhaben. Mehr als die Hälfte der teilnehmenden Künstler ist bereits eingeladen und bereitet Projekte für die dOCUMENTA (13) vor.

Die dOCUMENTA (13) Agenten tragen auf unterschiedliche Weise zu diesem Prozess bei und sind unterschiedlich stark involviert. In einigen Fällen ist die Zusammenarbeit eng und kontinuierlich, in anderen eher lose und sporadisch, sodass der Entstehungsprozess der dOCUMENTA (13) organisch und affektiv ist und offen für Veränderungen bleibt. Im Lauf der kommenden Jahre können weitere Agenten hinzukommen und eine flexible kuratorische Einheit bilden. „In kleinen Systemen“, erklärt Christov-Bakargiev, „handelt ein Agent auf der Grundlage einer Vollmacht und wählt unter mehreren Alternativen, sodass Handlungsmacht delegiert wird; das impliziert ein Moment der Ungewissheit, durch das das System funktioniert. In der Biologie löst ein Agens (engl. agent) eine Reaktion aus; in der Literatur ist ein Agent jemand, der im Verborgenen oder verdeckt agiert und seine Identität nie ganz preisgibt. Im Lateinischen bedeutet agere handeln.“ Derzeit handelt es sich bei den Agenten um Leeza Ahmady, Ayreen Anastas & Rene Gabri, Sofía Hernández Chong Cuy, Sunjung Kim, Koyo Kouoh, Joasia Krysa, Marta Kuzma, Raimundas Malašauskas, Chus Martínez, Lívia Páldi, Hetti Perkins, Eva Scharrer, Kitty Scott und Andrea Viliani.

Das dOCUMENTA (13) Honorary Advisory Committee versammelt eine Reihe von Intellektuellen und Praktikern so unterschiedlicher Felder wie Kunst, Anthropologie, Biologie, Quantenphysik, Literatur und Archäologie. Ihre spezifischen Kenntnisse und Standpunkte eröffnen einen umfassenderen kulturellen Kontext der Kultur unserer Zeit und prägen die Prozesse des Denkens und Handelns der dOCUMENTA (13), aus denen sich künstlerische Praktiken und zeitgenössische Kunst entwickeln. Aktuell besteht das Komitee aus Mario Bellatin, Iwona Blazwick, Ali Brivanlou, Donna Haraway, Salah Hassan, Pierre Huyghe, Michael Petzet, Alexander Tarakhovsky, Michael Taussig, Jane Taylor und Anton Zeilinger.

Überlegungen zum Hintergrund der dOCUMENTA (13)

„In einer Kunstwelt, die vom Prinzip des Kuratorischen beherrscht wird“, sagt Christov-Bakargiev, „bietet ein Agieren ohne vorgefasstes kuratorisches Konzept die Möglichkeit, die Netzwerk-Anschlussfähigkeit des digitalen Zeitalters aufzugreifen und dabei gleichzeitig einen kritischen Blick auf seine Schwächen und Implikationen zu richten.“ Darüber hinaus „bot die Geschichte Kassels, die Geschichte der documenta, die 1955 begann, einen Ausgangspunkt, um darüber nachzudenken, wo wir standen, wo wir heute stehen und wohin wir möglicherweise gehen. Denjenigen, die (meinetwegen auch drahtlos) ‚vernetzt‘ sind, mag der Besuch einer Kunstausstellung wie eine anachronistische Erfahrung des 20. Jahrhunderts vorkommen. Wie kann eine Ausstellungsplattform im Herzen Europas wie die documenta auch im 21. Jahrhundert weiterhin bedeutungsvoll sein, in einer Zeit, in der Kulturgeschichten aus unterschiedlichen und manchmal widersprüchlichen Perspektiven neu geschrieben und korrigiert werden – wo nichts vorausgesetzt werden kann, nicht einmal die Definition des Feldes der zeitgenössischen Kunst?

Doch der physische Charakter einer Ausstellung, bei der Menschen zusammenkommen, um Kunst zu erleben, und ihre gemeinsame körperliche Anwesenheit zelebrieren, um eine materielle und immaterielle Kultur zu teilen, ist zur Grundlage eines performativen Rituals geworden, das der atomisierten, molekularen Organisation menschlicher Transaktionen im Internet widersteht – bis zu dem Punkt, an dem die ‚Ausstellung‘ als Format zu neuem Leben erwacht, während sie sich in eine Situation höchster Verdichtung verwandelt. Diese Reflexion wird erweitert durch die Möglichkeit, in einer Ausstellung verschiedene kulturelle Entwicklungslinien zu vergleichen, und durch die Gelegenheit, an der Realisierung nachhaltiger Projekte in aller Welt teilzunehmen. Währenddessen vollzieht sich die dOCUMENTA (13) erneut und stellt die Vorstellungskraft, das intellektuelle Abenteuer und die Handlungsmacht wieder in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten.“

 

Link: http://d13.documenta.de/