Die Stadt ist ein hart umkämpftes Terrain

Die Stadt ist ein hart umkämpftes Terrain ­ das gilt weder nur für Berlin, noch ausschließlich für die Stadt als Wirtschaftsstandort. Die Stadt ist auch in symbolischer Sicht ein Ort, um dessen angemessene künstlerische Darstellung heftig gestritten wird. Diesen Kampf der Repräsentationsformen des Städtischen macht kaum eine Ausstellung so deutlich wie eine jüngst an einem historisch höchst prominenten Stadtquartier eröffnete Ausstellung: „Layered Histories“ im Gebäude der ehemaligen preußischen Staatsbank am Platz der Akademie in der Französischen Straße. Dabei war es noch nicht einmal die Stadt oder das Städtische selbst, die zu diesem Kampf geführt hatten, der bald in einen Krampf ausarten sollte. Vielmehr waren es die Rahmenbedingungen dieser hochspannenden Themenausstellung, die die Repräsentation des Städtischen so elektrisiert hatten.

Eigentlich hätte sich der Ausrichter der Ausstellung, der Ur-Berliner Verband Bildender Künstler (VBK) in der Tat freuen können, daß die Berliner Kuratorin Ulrike Kremeier, die für die feierliche Jubiläumsschau engagiert worden war, das Thema „Stadt“ für ihre Ausstellung erkoren hatte. Schließlich ist es kein Geheimnis, daß sich dieses Thema auch heute noch im ehrwürdigen VBK, 1841 gegründet, großer Beliebtheit erfreut: Respektable Bildansichten Berlins stellen ­ das hat sich seit Schinkel und Schadow kaum geändert ­ seit eh und je eine Spezialität des Vereins dar. Genau die mochte die Kuratorin in ihrer Ausstellung aber nicht sehen ­ oder nur in ihrer historischen Form billigen.

Mit diesem Stein des Anstoßes kam es also zu der Denkwürdigkeit einer Jubiläumsausstellung, in der die Jubilierenden nicht oder ganz am Rande vorkommen. Denn dem VBK verging in der Tat aller Jubel, als man die Künstlerliste Kremeiers vorgelegt bekam: In der Ausstellung kommt genau jene Künstlergeneration zwischen dreißig und vierzig zum Zug, die jede beschauliche Postkartenproduktion radikaler verwirft als jede vor ihr ­ eine Tatsache, die niemand in Erstaunen versetzt, der mit der Arbeit der Kuratorin vertraut ist, die sich gerade durch ihre kompromißlose und diskursiv aufgerüstete Arbeit in der „Plattform“ in der Chausseestraße einen Namen gemacht hatte.

Vermutlich war es das Begehren des VBK nach mehr Repräsentation ihrer Repräsentationskunst in der wenig repräsentativ geratenen Jubiläumsausstellung, das zu einem gewagten Schachzug führte: Und zwar einigte man sich darauf, den Bezug zum VBK zu historisieren und nur einige gewesene Größen zuzulassen. So gruppieren sich die 38 urbanistischen Positionen der Jungkunst auf zwei Stockwerken um jenen großen Oberlichtsaal herum, in dem nun 65 historische Stadt- und Architekturansichten des 19. Jahrhunderts gezeigt werden. Allein diese Sahnestücke preußischer Druckgraphik zwischen Schloß und Brandenburger Tor, Schinkel und Lütke mochte die Kuratorin als VBK-Anteil gelten lassen ­ schließlich stammen einige der hübsch anzuschauenden Graphiken von einstmals prominenten Mitgliedern des Berliner Künstlerklubs. Was jedoch heute von Mitgliedern des Druckgraphiklieferanten VBK zum Thema „Stadt“ gepinselt wird, wurde in einen Anhangband des Kataloges verbannt.

Dabei bleibt fraglich, wem mit dieser häßlichen Geste inklusive der krassen Gegenüberstellung von Jungkunst und Repräsentationskunst gedient ist. Auf der einen Seite wird man mit der pubertären Präsentation der beschaulichen Druckgraphik der Kunst des 19. Jahrhunderts natürlich kaum gerecht. Sie verkommt zu einem Display für die zeitgenössischen Strategien der Stadtbeschau ­ eine Verniedlichung, die um so schmerzlicher ist, als die Kunstgeschichte die Kunst des vorletzten Jahrhunderts in ihrer ganzen Komplexität zum gegenwärtigen Zeitpunkt gerade erst wiederentdeckt. Zum anderen haben die allesamt sehenswerten jungen Positionen mit ihrem Augenmerk auf soziale und politische, auf strategische und operationale Faktoren der Stadtvermittlung das alte Schema der Repräsentation nun schon wieder so lange hinter sich gelassen, daß auch ihnen mit diesem Pappkamerad kaum geholfen ist. Vor der Folie der biedermeierlichen Postkartenproduktion auf dem Prachtboulevard Unter den Linden erwecken die jungen Künstler den Eindruck, als seien sie vom Weg des Sahnestücks abgekommen und hätten sich im Hochsicherheitstrakt des Städtischen verirrt ­ wenigstens dieser Eindruck wird seinem Ort gerecht.

Staatsbank, Französische Straße 35, Di-So 14-20 Uhr, bis 16. Juni 2002.