Die neue Puppe

„Ein neues Gesicht hat es immer schwer“, zitiert der SPIEGEL eine Sprecherin des Süßwarenkonzerns Ferrero, „aber eine Modernisierung stand einfach an.“ Es geht um das Gesicht auf den KINDER-Schokoladen-Verpackungen. Kinder, das Wort ist Eigentum von Ferrero, was in Deutschland auch schon gerichtlich durchgesetzt werden konnte. Das Gesicht ist neu. Und sogleich gab es Proteste. Tausende wollen angeblich das seit Jahrzehnten gewohnte alte Gesicht wieder haben.


 


„Ferrero stiehlt uns einen Teil unserer Identität“, zitiert weiter der SPIEGEL Kritiker von der Protestwebsite weg-mit-kevin.de. Das ist wenig erstaunlich. Wir sind, was wir kaufen und ändert sich das plötzlich, wer sind wir dann? Wirklich wichtig ist dieses Gesicht nicht. Ein anderes ist viel wichtiger und hat sich auch nicht verändert. Aber es hat Konkurrenz bekommen. Vielleicht geht es auch gar nicht um das Gesicht, eher um den ganzen Körper. Vor allem den Körper: Schlank, glatt, langmähnig: Barbie.


 


Barbie, von Ruth Handler nach ihrer Tochter Barbara benannt und seit 1959 im Hause Mattel gefertigt und weltweit vermarktet, ist sicher die erfolgreichste Puppe der Welt. Und darum auch die umstrittenste. In Saudi-Arabien ist Barbie seit dem Jahre 2000 verboten.


 


Mit den Sittenvorstellungen religiöser Fundamentalisten, allerdings nicht nur islamischer Prägung, ist Barbie in der Tat schwer vereinbar. Selbst in den aufgeklärten Industrienationen fühlen sich einige durch so manches Barbie-Kleidchen eher an Bordellmoden, denn an Kinderspielzeug erinnert. Das passt zu einem Selbstverständnis von Frauen als sich selbst verkaufender Ware, um den Fundamentalisten mal ein wenig entgegen zu kommen, aber kaum zu mittelalterlichen Rollenvorstellungen ländlicher Betgemeinschaften.


 


Allerdings kann man nun den Kindern nicht die Puppen verbieten. Kinder brauchen so etwas einfach. Und es können auch nicht Puppen allein davon ausgenommen bleiben, dass alles als Massenware erscheint. So lag es nahe, eine sittsamere, weniger anstößige, kurz gesagt muslimische Barbie zu schaffen, eine Puppe eben, die Barbie und das, was sie erfolgreich machte, kopiert, ohne Barbie zu sein.


 


Diese Puppe hat der amerikanische Versender Noorart (noorart.com) im Programm. Sie heißt Razanne, hat Traummaße wie Barbie, lächelt aber viel züchtiger und ist vor allem auch züchtiger bekleidet. Die Produktvorteile fasst der Hersteller so zusammen: „Builds Muslim identity and self-esteem; Provides Islamic role model; Promotes Islamic behavior; Shapes interactive play.“


 


„Mama! I want the Muslim Barbie!!“ – lautet gleich der erste Kundenkommentar im Webshop. Was ihm in Deutschland eine Abmahnung von Mattel eingebracht hätte. Doch besser ist sie ganz gewiss als keine Puppe. Und als vor einigen Wochen CNN nach dem Erfolg des Modells fragte, zeigten sich eher Liefer- als Absatzschwierigkeiten. In nahezu allen islamischen Ländern ist sie gefragt. Und auch in den USA, auch unter Nichtmuslimen hat Razanne Freunde gefunden.


 


Lieferbar ist sie u.a. als Teacher Razanne, als Praying Razanne, als Scout Razanne, Playday Razanne, Schoolgirl Razanne usw. Zu Preisen, die etwas unter Barbie-Niveau liegen, aber nicht viel. Natürlich gibt es sie auch in Kleidern, die alles andere als grau und unscheinbar sind oder einer Burka ähneln.


  


„Allahu Akbar! God is the Greatest! It’s time to pray and Razanne is ready!“ Noch scheint es um Religion zu gehen, um Landessitten und um kulturell verschiedene Welten. Aber Razanne ist eine schöne Puppe und für all die Eltern im Westen, denen Barbie schon lange auf die Nerven ging, ist sie eine fast echte Alternative. Fast – denn das, was man hierzulande für alternativ hält, ist sie nicht. Aber genug. Sie wird nicht aufzuhalten sein. Tatsächliche Konkurrenz für Mattel. Ein neues Gesicht, ohne dass man auf Altbekanntes verzichten oder sich wie im Falle des Ferrero-Lausbuben umgewöhnen müsste. Denn wer kennt schon wirklich Barbies Gesicht?