Die lange Nacht der Münchner Museen, Samstag 20.10.2001

Zum dritten Mal kam es in München zum Großevent: die Lange Nacht der Münchner Museen. Achtzig private, staatliche und städtische Museen, Sammlungen und Galerien haben sich mit unterschiedlichen Präsentationen beteiligt. Es gab wie im Vorjahr das 20 DM Kombiticket für Museumsbesuch wie Benutzung des MVV zur Anreise und Rundreise zwischen den Veranstaltungsorten, die auch trotz des großzügigen Zeitrahmens von 19 bis 2 Uhr unmöglich alle besucht werden können. Allein die Fahrtzeiten zwischen etwa Nymphenburg und Ostbahnhof oder Goetheplatz und Petuelring sind lang. Zudem hat das wundervolle, milde Herbstwetter mehr Besucher aus München und dem Umland angelockt als je zuvor. Selbst, wenn man sich eine volle Rundtour vorgenommen hätte, wäre man vielerorts an den Schlangen gescheitert.

Ein übersichtlicher Führer durch die Nacht, hundertzehn Seiten mit Kurzdarstellungen anschaulichen Bildern aller Darbietungen, gut geordnet nach Stadtgebieten und mit entsprechenden Karten erleichtert die Übersicht und die Planung. Das Ganze gibt´s zudem im Internet. Allerdings sollte man nicht zuviel Information erwarten: mehr als im gedruckten Bücherl gibt’s auch auf den jeweiligen Homepages der Teilnehmer kaum zu sehen d.h. viele Namen im Text und wenig bzw. gar keine Bilder. Geradezu erschütternd etwa die sklerotische Präsenz des Lenbachhauses im WWW.

So rudimentär vorinformiert machen wir uns auf den Weg. Parken am Jakobsplatz und eilen hurtig zur Galerie Ruf um Grazyman-Sixhandpainting: Rainer Gramlich, Echhard Zylla und Michael Manning bei der Arbeit zusehen. Im engen Raum der Galerie haben sie ihre Malblätter am Boden ausgebreitet und betreiben parallele Bildverarbeitung: Jeder beginnt ein Bild und überlässt es mehr oder weniger vollendet dem nächsten Maler, um sich seinerseits einem ebenso unvollendeten Werk eines Kollegen zuzuwenden. Der weißbärtige Galerist, Gefährtin und Besucher stehen ringsum, albern oder sind ernst, besehen Bilder, blättern in Prospekten, während der Malprozess sich heftig entwickelt. Irgendwie tut diese Erinnerung an die Zeiten des Happenings als avantgardistischem Akt ganz gut, wenn man aus der Galerie kommt und über eine ganze Hauswand am Jakobsplatz eine Videoprojektion erblickt in der drei Hühner unentwegt nach Körnern picken und kleine Zählwerke im unteren Bildbereich die Zahl der jeweils geschluckten Körner mitzählen. Einige stehen zwischen den parkenden Autos und zählen mit.
Viele streben schnell vorbei, denn in der Kunsthalle der Hypostiftung lockt die Ausstellung „Loop – Alles auf Anfang“. Ringsum in der Theatinerstraße und der Passage lebhaftes Treiben und entsprechend groß der Andrang. Im großen Vitrinenglas des Eingangs zur Kunsthalle durchschwimmt in der Videoprojektion die „Schwimmerin“ von Heike Baranowsky das tiefe Blau der Projektionsfolie. Da sie aus diesem Viereck nicht rausschwimmen kann, scheint sie trotz eifriger Bewegung im Wasser stehen zu bleiben. Man könnte ebenso den 26 Stunden Weltrekord durch den Ärmelkanal aufnehmen und hätte dasselbe matte Ergebnis. Wahrscheinlich guckt deshalb auch fast niemand hin, aber gleich nach den Rolltreppen im ersten Stock bleiben dann alle fasziniert vor drei TV-Geräten auf Säulen hängen. Lachfalten in fast allen Gesichtern: Die endlose Wiederkehr des Büroalltags im Video von Bruce Naumann wird als komisch empfunden: Da purzeln die Akten von Tisch und Stuhl und täppisch versuchen Herren in dunklen Anzügen von neuem die Akten zu bündeln, zu fassen und auf den ordentlichen Dienstweg zu bringen. Naumann lässt sie immer wieder auflaufen, asynchron auf den drei Bildschirmen. Ist auf dem einen Fortschritt zu sehen, fällt er auf dem nächsten schon wieder zusammen, während auf dem dritten ein neuer Anfang geprobt wird. Wer hier und bei den anderen Exponaten von Marina Abramovic , Heike Baranwosky oder Santiago di Serra an Sisyphos denkt, der sei daran erinnert, dass Sisyphos auch ein glücklicher Mensch war: Er hatte seine Arbeit, er kannte seinen Job und konnte sich in ihm verfeinern.

Von der Hypokunsthalle geht es nun in schnellem Schritt Richtung Maximiliansstraße zur Galerie der Künstler, denn dort geht es ums Essen. „Mit vollem Munde spricht man nicht“ ist das Motto und wenn man hungrig ist, wird einem der Hunger alsbald vergehen: Wieder ein Videotriptychon, diesmal eine Versuchsanordnung, die an die drei Hühner erinnert, doch Hühner reden nicht. Hier sollen die Versuchspersonen mit vollem Mund reden und dabei wurden sie gefilmt. Das zieht die Leute an, sie stehen in Trauben davor und können nicht aufhören zuzusehen, wie die Mäuler gestopft werden, um dabei unverständliche Laute auszustoßen. „Beim Essen spricht man nicht“ heißt diese Videoinstallation von Ingrid Haufe, Daniel Hermann, Andeas Löschner-Gornau und Ralf Wendt.

In der Mitte des Raumes steht ein großer Glastisch und über die einige Meter lange Glasplatte liegen lose gestreut Streifen aus Gummibärchensubstanz, leuchtend in allen Farben. Michael Dörner hat das angerichtet und das sieht aufs erste ganz faszinierend aus, bis man die erste Hand erblickt, die in die Installation greift, sich so ein giftgrünes Tagliatelli Fruchtgummi rauspolkt, um es in den Mund zu schieben. Angesichts der vielen prüfenden Finger, die vorher die merkwürdige Substanz betatscht haben und erst recht in den Tagen gefährlicher weißer Pulver nicht unbedingt eine Attraktion. Die weiteren Ausstellungsobjekte wie Heike Breitenfelds doppeltes Band „Japanese Lunch Boxes“ , Fotos von Variationen der Grundsubstanzen asiatischen Fastfood auf weißen Schalen appetitlich angerichtet oder eine dicht gestellte Anhäufung von 30 Tischen unterschiedlichster Form, bedeckt von bunten Tischtüchern nebst 50 Sitzkissen mit 50 Vornamen von Regina Pemsl bestickt oder gar die sehr hübsche Gruppe von von drei runden Esstischen von Patricia Waller mit bunt umstricktem Geschirr und Besteck gedeckt und lecker gestricktem Obst, Gemüse oder gefüllten grünen Paprika zum Essen ladend sind hübsch anzusehen und auch witzig. Der Zusammenhang mit dem Motto der Ausstellung oder gar der Bezug zur Welt und ihre übersättigten wie ihre hungernden Bewohner bleiben unklar. Der Gesamteindruck kippt schließlich vollends in die Beliebigkeit, wenn man die Videoinstallation, – sofern man schlichte Beamer-Projektionen so nennen kann – von Milo Köpp erblickt. Witzig ja sicher, aber wieso ereignet sich der Witz von „Wetten Dass?“ in einer Galerie? Sicher komisch wenn fünf Personen durch ihre Speisen durch ein Esslabyrinth von etwa 40 cm Höhe manövrieren müssen und die Regeln verbieten, dass man die Schöpfkelle nicht einfach höher hebt und das Labyrinth so umgeht. „Tischzucht“ soll also ein Spaß also für die ganze Familie sein und ob das dazugehörige Gerät ab sofort bestellt werden kann ist aus der Preisliste der Galerie nicht ersichtlich. Wahrscheinlich auf Anfrage. Auf dem Tiefpunkt ist man schließlich einen Raum weiter: Ein ganzer Raum für ein Objekt, so etwas wie ein integriertes Wohn- und Bürobaumhaus in drei Etagen samt Zwischenetagen für Waschbecken, Bücherregale, Werkzeug. Das Ganze grob aus Vierkanthölzern schlank bis unter die Decke aufgebaut. Auf der obersten Etage geht der Schöpfer und Bewohner, Benjamin Bergmann seinen gewohnten Tätigkeiten nach: Fernsehen und zugleich mit dem Handy telefonieren und wohl auch SMS versenden. Der Sinn des Ganzen? Unbekannt und unerklärt und auch der Titel könnte vom frühen Achternbusch sein: „Ich mach ma` noch was zum Essen und dann geh ich ins Bett.“ Preis für das Objekt: auf Anfrage.

Nichts wie raus also und mit der U-Bahn vom Isartor zum Königsplatz. Der Bahnhof wie immer geschmückt mit den Bildern von Ausstellungsobjekten in den Sammlungen ringsum. Das Kunstforum dicht verrammelt, aber oben auf dem Platz vor den Propyläen volles Leben rings ums Lenbachhaus. Eine Jazzband spielt auch noch um Mitternacht dicht umringt von fröhlichen Menschen, das Lenbachhaus hell erleuchtet, ein ebenso reger wie bunter Besucherstrom bewegt sich in beide Richtungen. Im Garten kann man innehalten und sich mit kühlen Getränken auf den Besuch der Übermalungen von Arnulf Rainer vorbereiten, die dicht an dicht an die Wände der Säle des Erdgeschosses gehängt sind. Der etwas schale Geschmack den der Fruchtgummi oder die unverständliche Wohnetagiere der Galerie der Künstler hinterlassen hat, ist schnell verflogen. Die Bibelübermalungen Rainers ziehen magisch an, seine großen tropfenden Kreuze rufen nach Einkehr; vor allem, wenn man schweigend aus dem Saal kommt, der der unendlichen Düsternis der Hiroshima-Übermalungen gewidmet ist. Dort hängen die dunklen Bilder der Apokalypse, die immer noch mitten unter uns lauert: Großformatige schwarz-weiß Photos vom Tag nach dem Abwurf der Atombombe und ihrer Explosion wenige hundert Meter über Ground Zero. Arnulf Rainer hat das Grauen der Originalbilder durch seine Übermalung ins Metaphysische gesteigert, die Ankunft des unsichtbaren Todes ins Bild gerückt: filigran wirkende Aschewirbel und von Schwärze schwere Wolken der Druckwelle künden zugleich von den kommenden Jahrzehnten des Leidens unter den Folgen des Fallouts, der alles zersetzenden Radioaktivität.

Im Kunstbunker Tumulka, nicht weit hinter dem Prinzregentenplatz kann man weiter abtauchen, diesmal in die Düsternis der ganz nahen Vergangenheit. Der ganze siebenstöckige Hochbunker, der renoviert und zum Kulturraum umfunktioniert an der Prinzregentenstraße steht, wird zur Zeit durch die Videoinstallation Dennis del Favero belegt, der zeitgleich auch in der Galerie Binder ausstellt. Favero hat das Gebäude mit Lautsprechern verkabelt; viele kleine Hochleistungstöner sind in den Etagen des Treppenhauses angebracht, das wohl kürzlich vollständig mit blassgrüner Ölfarbe gestrichen wurde, denn Video riecht ja nicht nach Ölfarbe. Das dickwandige Monster von Bunker, der solide Beton, der Trichter des Treppenhauses verstärken den Schall zu einem finsteren Dröhnen. Der ganze Bau, unerschütterlich von außen, bebt von innen. Favero nutzt die räumlichen Gegebenheiten des Weltkriegdinos bis an die Grenze. Sein Requiem für ein von Serben überfallenes und zerstörtes Dorf im Kosovo, dessen Einwohner ermordet aufgefunden wurden bis auf einen sechszehnjährigen Jungen, der das Grauen überlebt hat, umfängt den eintretenden Besucher wie ein düsterer Kriegsalltag. Wer von Etage zu Etage steigt wird mit kleinen Dosen darauf eingestimmt, dem Grauen entgegenzusehen, das am Ende atemnah vor ihm stehen wird.

Im Erdgeschoss sind die Bilder des Videos ganz klein: jeweils zweimal sechs Videomonitore im Format einer Zigarettenschachtel zwingen den Besucher näher zu treten, um Umrisse des Kriegsgrauens en miniature zu erkennen: mahlende Panzerketten, brennende Dörfer, einstürzende Landschaften, verwundete, geschändete, ermordete Menschenleiber. Bis in den siebten Stock steigert sich das Ganze schließlich ins Breitwandformat gebeamt auf zwei Wände. Man steht eingekreist vom Krieg und Schlachtenlärm. Die massive Gegenwart des Bunkers und der Lärm der ihn erfüllt sind wie eine Projektion alter Schrecken in die Gegenwart: Bombennächte in Schutzräumen und Schutzsuchende, die auf Videomonitoren der Zerstörung zusehen können, die außerhalb der Bunkerwände die Erde unbewohnbar macht, ihre Bewohner verschlingt.

„Willste nicht noch ein Bier für zu Hause mitnehmen?“ fragt mich der Mann, der vor den Toren des Bunkers die Einlasskarten kontrolliert und die Besucher mit Getränken versorgt hat und nun um 2 Uhr nachts seinen Stand abbaut. Doch mir ist weder nach Münchner noch nach mexikanischem Bier und auch nicht nach Spätnachrichten und fruchtgummigrünen Bildern vom „Krieg gegen den Terror“ in Afghanistan.