Die Ausstellung “Die Bestie und der Souverän” wurde zensiert.

Die Ausstellung “Die Bestie und der Souverän”, die am 18.3.2015 im
Museum für zeitgenössische Kunst in Barcelona (MACBA) eröffnet
werden sollte, wurde zensiert.
Beteiligte KünstlerInnen: Efrén Álvarez, Angela Bonadies and Juan José
Olavarría, Peggy Buth, Martin Dammann, Ines Doujak and John Barker, Juan
Downey, Edgar Endress, Oier Etxeberria, León Ferrari, Eiko Grimberg, Masist
Gül (presented by Banu Cennetoğlu and Philippine Hoegen), Ghasem
Hajizadeh, Jan Peter Hammer, Geumhyung Jeong, Glenda León, Julia
Montilla, Rabih Mroué, Ocaña, Genesis Breyer P-Orridge, Prabhakar
Pachpute, Mary Reid Kelley, Jorge Ribalta, Hans Scheirl, Wu Tsang,
Stefanos Tsivopoulos, Viktor Vorobyev & Yelena Vorobyeva, and Sergio
Zevallos.
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Der Direktor des Museums für zeitgenössische Kunst in Barcelona (MACBA),
Bartomeu Mari, hat die Ausstellung “The Beast and the Sovereign” (die Bestie
und der Souverän), eine Koproduktion zwischen dem Württembergischen
Kunstverein Stuttgart und dem MACBA, am Tag der Eröffnung (18. März
2015) abgesagt.
In Auseinandersetzung mit Jacques Derridas Seminar “Die Bestie und der
Souverän”1 beschäftigt sich die gleichnamige Ausstellung mit der Bedeutung
des Souveräns und seiner Beziehung zur „Bestie“: Im Hinblick auf das
Heilige, auf Ökonomien der Schuld, den Körper und Institutionen.
Die vier KuratorInnen der Ausstellung, Iris Dressler, Hans D. Christ, Paul B.
Preciado und Valentín Roma, erklären:
Die “unauflösbaren Unstimmigkeiten” zwischen dem kuratorischen Team und
dem Direktor des MACBA beziehen sich auf Ines Doujak’s Skulptur “Not
Dressed for Conquering” aus ihrem langfristigen Kunst- und
Forschungsprojekt “Webschiffe / Kriegspfade”, das unter anderem auf der
letzten Sao Paolo Biennale zu sehen war.
Der Direktor des MACBA hält dieses Werk, das neben vielen anderen Dingen
auch als eine Karikatur des ehemaligen spanischen Königs, Juan Carlos I,
gelesen werden kann, als „unangemessen“ für eine Präsentation im MACBA.
Aus der Sicht des kuratorischen Teams greift “Not Dressed for Conquering”
auf Traditionen von Parodie, Karikatur und Karnevalsfiguren zurück, um
Repräsentationen des Souveräns und souveräner Macht neu zu formulieren.
Die KuratorInnen haben dem Direktor keinerlei Informationen über die
Ausstellung vorenthalten: Er wurde von Paul B. Preciado und Valentín Roma
über das Konzept und die vollständige Werkliste der Ausstellung informiert.
Der Direktor hat das Projekt abgezeichnet. Ein einführender Text zur
1 In der deutschen Ausgabe als „Das Tier und der Souverän“ übersetzt
Ausstellung mit der Künstlerliste wurde vor Monaten auf der Internetseite des
MACBAs veröffentlicht.
Sämtliche Arbeiten der Ausstellung stellen auf je eigene Weise und mit ihren
eigenen Mitteln die verschiedenen Ausprägungen der Souveränität in Frage:
Im Falle von Doujak in erster Linie in der Figur des weißen Mannes im
Hinblick auf postkoloniale und sexuelle Ausbeutung, im Falle der
KünstlerInnen Viktor & Yelena Vorobyeva hinsichtlich der Ausübung von
totalitärer Macht oder im Falle von Sergio Zevallos im Hinblick auf Religion,
Gewalt und normativer Sexualität.
Die Entfernung von Ines Doujaks Arbeit hätte nicht nur das gesamte
Ausstellungskonzept, das explizit um die Machtverhältnisse zwischen der
Bestie und dem Souverän kreist, irreparabel kompromittiert, sondern auch
unser Verständnis von Kunst, Meinungsfreiheit sowie der Rolle des Museums
innerhalb der zeitgenössischen Gesellschaft. Wir verstehen den Akt der
Schließung der Ausstellung als einen Akt der Zensur.
Wir sind davon überzeugt, dass die Bedeutung von Kunstwerken eine Frage
der öffentlichen Interpretation ist und nicht im Vorfeld eindimensional
festgelegt werden kann. Eine Ausstellung sollte einen öffentlichen Raum
bilden, in dem die kritische Debatte darüber stattfinden kann.
Die jetzige Situation macht es unumgänglich, die Beziehungen zwischen
kritischer Praxis, Kunst und Museum neu zu überdenken. Die Entscheidung
des Direktors des MACBAs gefährdet nicht nur diese spezielle Ausstellung,
sondern enthüllt eine undemokratische Wirkungsweise öffentlicher
Kulturinstitutionen. Das kuratorische Team begreift das Museum als eine
öffentliche Institution, deren Grenzen nicht durch private Interessen definiert
werden können.
Das kuratorische Team bedauert die institutionelle Entscheidung des
MACBAs zutiefst und dankt zugleich den verschiedenen Teams sowie den
KünstlerInnen für ihre exzellente Arbeit während der Vorbereitung und
Installation der Ausstellung. Die Direktoren des Kunstvereins haben
entschieden, das Projekt fortzusetzen und die Ausstellung sobald wie möglich
in Stuttgart zu zeigen.
Hans D. Christ, Iris Dressler, Paul B. Preciado und Valentín Roma

Link: http://www.wkv-stuttgart.de