Deutscher Liederabend in Swellendam

„Duitse musici tree hier op“ meldet der Suid/South Courant, ein kleines Werbeblatt, das in Swellendam aber auch in Montagu, Robertson und anderen Städten an der Route 62 bis nach Albertinia kostenlos in den Läden ausliegt. Ein paar Seiten davor konnte man erfahren, wieviel die Bürger der jeweiligen Stadtteile Swellendams der Gemeinde für Strom, Wasser und Abwasser schulden: 13 Millionen Rand im Februar 2005. Eine Steigerung von 25% gegenüber dem Vorjahr. Den größten Anteil daran haben die Bürger der Township Railton: Ihre ausstehenden Zahlungen erhöhten sich von 6,7 Millionen auf 7,7 Millionen in 2005. Die Ursachen dafür? Increased poverty and increasing unemployment: „Lots of people just do not have money to pay their debts” said a municipal official.
Da ist es doch erfrischend zu hören, daß Deutsche Musiker nach Swellendam kommen um deutsche Lieder zu singen. Am selben Tag drückt mir Dick Pointer, Bass im Barrydale Community Choir eine Kopie in die Hand, die ankündigt: „Lieder Singer to Come to Swellendam“. Aus dem Text wird klar, dass nicht der Musikantenstadl hier anrückt, sondern dass die Veranstaltung ein ambitioniertes Unternehmen in Rahmen des deutsch-südafrikanischen Kulturaustausches ist. Es ist der Auftaktabend zu einer Reihe von Liederabenden, die der Veranstalter Cape Classic www.cape-classic.com/progr-volleng.htm in Stellenbosch und Somerset Wes organisiert. Aber Lieder von Beethoven, Mozart, Schubert und Mendelsohn-Bartoldy in der Moederkerk der Niederländisch-Reformierten Kirche, der geistlichen Speerspitze der Kolonisation und auch späteren Apartheidpolitik, das klingt doch etwas ungewohnt. Wieviele Menschen werden sich wohl in Swellendam einfinden um zwei Stunden Liedern deutscher Komponisten und Texten deutscher Dichter von Goethe, Lenau, Heine oder Rückert zu lauschen?

Samstag der 12. Februar ist ein schöner sonniger Sommertag. 34 Grad Celsius um die Mittagszeit sind doch gut warm, aber abends nach sieben Uhr beruhigt sich die Temperatur bei 25 Grad. Die Abendsonne färbt die strahlend weiße Mutterkirche in Swellendam in zartes Rosa. Alle Fenster strahlen hell erleuchtet. In frische Hemden gekleidete Herren und Damen in Abendkleidern ersteigen die von beiden Seiten zum Eingang leitenden Treppen. Eine große, schlanke dunkelhäutige Dame in schwarzem langen, ärmellosen Abendkleid steht an einem kleinen Tisch im Eingangsbereich und übergibt die Eintrittskarten. Dann betritt man den fast halbrunden Innenraum der Kirche. Die Raumaufteilung scheint in allen Kirchen der NG-Moedergemeente derselbe zu sein: zehn bis fünfzehn ins Halbrund gebogene Sitzreihen ohne Kniegelegenheit. Darüber eine ins Halbrund geschwungene Empore. Der Hauptraum von zwei hohen Säulen getragen. An der Stirnwand eine Orgel, darunter erhöhte Sitze mit rotem Plüsch beschlagen, davor ein Lesepodium in Richtung der Gemeinde. Darunter auf der freien Fläche eine Art Bühne und mittendrin ein Konzertflügel, Notenhalter und eine große Vase mit Sonneblumen im Hintergrund. Bis auf eine Goldstickerei auf weinrotem Brockat „Vrede vir Jullet“ der einzige Schmuck. Dass zehntausend Kilometer von Deutschland entfernt in einer Kleinstadt weit weg von Kaptsatd über hundert Menschen kommen würden, um an einem solchen Sommerabend deutschen Liedern zu lauschen hat mich als Deutschen überrascht: ich fand es weder einfach den gesungenen Text zu verstehen noch die unerwiderte Sehnsucht der Texte aus der Romantik nachzuvollziehen. Der größere Teil des Publikums der auf den nicht unbequemen Kirchenbänken Platz genommen hatte waren sicher keine Deutschen, sondern Afrikaaner und einige musikliebende englischstämmige Südafrikaner. Aber auch ein Dutzend nichtweiße Zuhörer waren im Publikum zu finden.

Nach acht Uhr geht es dann, nach einführenden Worten von Gabi Zahn von Cape Classic und des Kulturattaches des deutschen Generalkonsulats in Kapstadt, Erika Dierke sowie eines aus Deutschland mitgebrachten Professors, dessen Namen ich nicht erfahren konnte, aber der eine gewisse Ähnlichkeit hatte mit Hermann Hesse und auch sehr sachkundig und in perfektem Englisch den weiteren Abend moderierte in den ersten Liederblock: „Two Songs for Bariton and Piano „Adelaide“ and „An die ferne Geliebte“ by Ludwig van Beethoven“.

Es singt Jochen Kupfer, begleitet von Susanne Giese am Piano. Kein Mikrophon weit und breit, die großen Lautsprecher an der Stirnwand unplugged, die Akustik des Raumes alles andere als ideal. Kupfers Stimme tastet sich an die ungewohnte Akustik und nach wenigen Minuten füllt sie den Raum. Die Worte verlieren ihre Bedeutung, Stimme und Töne gewinnen dazu. Das Publikum ist fasziniert, der Beifall vorerst verhalten. Der Professor kündigt eine Programmänderung an: es folgen nicht sechs Lieder von Schubert, sondern acht Lieder von Mozart, in italienisch, französisch aber auch deutsch, gesungen von Isa Katharina Gericke begleitet von Sweinnung Bjelland am Piano werden vorgezogen. Eine kluge, wie auch immer begründete Entscheidung; denn: Mozartl gfoit imma=Mozart gefällt immer. So auch in Swellendam. Da ist Heiterkeit, Witz und Leichtigkeit zum Greifen nah, stürmischer Applaus für Sopranistin wie Pianisten nach dem zweiten Lied sicher. Auch Schuberts Lieder, vor allem aber wohl die Interpretin, die Altistin Franziska Gottwald, wie „Gretchen am Spinnrad“ nach Goethe aber auch die sperrige Geschichte „Der Zwerg“ heimsen spontanen Applaus ein. Jochen Kupfer hat es nun mit Mendelssohn Liedern sichtlich schwerer, der Abend ist auch schon fortgeschritten, das Publikum gelegentlich in weite unbekannte Ferne träumend. Die Hände mögen trotz großer Leistung Kupfers nicht mehr so recht applaudieren.

Das ändert sich nach fünf Duetten Mendelsohn-Bartodly´s, vorgetragen von Gericke und Gottwald, begleitet von Bjelland. Die rührenden Worte von Heinrich Heines „ Wasserfahrt“ in Musik gefasst von Mendelsohn scheinen nicht nur mich, sondern trotz Sprachbarriere auch die Herzen vieler Anwesender getroffen zu haben: Ich stand gelehnet an den Mast,
Und zählte jede Welle.
»Ade! mein schönes Vaterland!
Mein Schiff, das segelt schnelle!«
Ich kam an schön Liebchens Haus vorbei,
Die Fensterscheiben blinken;
Ich guck mir fast die Augen aus,
Doch will mir niemand winken.
Ihr Tränen, bleibt mir aus dem Aug‘,
Daß ich nicht dunkel sehe.
Mein krankes Herze, brich mir nicht
Vor allzugroßem Wehe. Das danach folgende Abendlied endet in standing ovations, Blumensträuße werden überreicht, die Veranstalter bedanken sich, am Empfangstisch am Eingang liegen CD´s der beteiligten Künstler und finden guten Absatz, man führt small talk und dann lockt der milde Abend einen Teil des Publikums in die wenigen Restaurants, die um diese Zeit noch Tische unter gut beleuchteten Bäumen gedeckt halten. Man trinkt ein Fläschchen und hört von weitem deutsche Sätze wie: „Aber sehr schön haben sie es gemacht!“