Deutsch singen

„Mein größter Fehler war das Kleid bei Gottschalk“, erzählte Schlagersternchen Sarah Connor der Bild-Zeitung. Das war fast durchsichtig und brachte sie in die Schlagzeilen. Dann heiratete sie. Und dann, ja dann versang sie die Nationalhymne. Beim zweiten Eröffnungsspiel in der Münchner Allianz-Arena schmetterte sie „Brüh im Lichte dieses Glückes“ in die verdutzten Ohren und eroberte Seite eins der Tageszeitungen. Die Krönung einer Karriere. Wahre Kunst hat immer einen kleinen Fehler.


Aber hätte sie es besser machen können? Kennt überhaupt noch jemand den richtigen Text? Hat nicht erst kürzlich Noch-Kanzlerkandidatin Angela Merkel betrübt festgestellt, dass den Deutschen die Textkenntnis ihres eigene Liedguts fehle, „die Kenntnis der vierten und fünften Liedstrophe“, viele nur noch erste Strophen kennen? Dass man im Ausland oft so fröhlich singe, hier aber gar nicht mehr wisse, was? Ja, hat sie. Und sogleich hat sich Heino als Volkslied-Beauftragter des Bundestages selbst vorgeschlagen. Fehlt ihm doch noch ein Bundesverdienstkreuz.


Daraus ist zwar nichts geworden, aber das Gesangsdefizit blieb auf der Tagesordnung. Zumindest die Nationalhymne ist schließlich dazu da, Nationalbewusstsein zu vermitteln. Das, was uns Deutschen zu fehlen scheint. So haben sich nun die höchsten Stellen das Staates der Sache angenommen. Immer das harmlose Liedchen auf den Lippen und nie echten Patriotismus im Sinn. Oder doch?


„Ich liebe unser Land“, sagte etwa der Bundespräsident. Was soll er sonst sagen? Aber nein, manche meinen, schon damit habe er zu mehr Patriotismus aufgerufen. Zum Beispiel die Junge Union der Hansestadt Hamburg, die nun im Namen des Präsidenten die Beflaggung der Schulhöfe und Unterricht im Singen der Nationalhymne diskutiert wissen will.


Viele fänden das gar nicht schlecht, so jedenfalls das Ergebnis einer aktuellen repräsentativen Umfrage, die die Leipziger Volkszeitung in Auftrag gegeben hatte. 77% der Befragten sprach sich für den Hymnenunterricht aus. Gar nicht schlecht fände das auch der neue Bundestagspräsident Norbert Lammert, jedenfalls laut dem Magazin Cicero, dem er anvertraute, dass es schon „schlimmere Fehlentwicklungen“ im deutschen Bildungssystem gegeben habe als das Absingen der Nationalhymne zum Unterrichtsbeginn. „Aufschlussreich“ sei, so Lammert, die Zurückhaltung der Bevölkerung in Sachen Flagge und Hymne.


Die hat ihre nur zu gut bekannten Gründe. Freiheit, Demokratie, Menschenrechte waren in der deutschen Geschichte, anders als etwa in der englischen, oft nur gegen den Staat zu haben, dessen Symbole damit dem Kaiser näher waren als dem Volk. Dann kamen Fahnen- und Führereide, das Horst-Wessel-Lied und der Marsch in den Massenmord, stets mit Flaggen und Standarten voran und nationalem Liedgut auf den Lippen.


Die junge Bundesrepublik hingegen begann mit Aufräumarbeiten, dem Wunsch nach Vergessen und einer weit reichenden Skepsis dem Nationalen gegenüber. Der Bürger in Uniform war so wenig fahnentreuer Untertan wie der zu Aufklärung und Vernunft verpflichtete Pädagoge. Der Ruf nach Flagge und Hymne, von der man ohnehin bloß die erste Strophe sang, blieb vorerst der äußersten rechten Ecke vorbehalten.


Das Ende der Wirtschaftswunderjahre, die Integration der Bundesrepublik in die europäische Union, vor allem aber das allmähliche Verschwinden der Generationen, die den Krieg und die NS-Herrschaft noch selbst erlebt oder mitgetragen hatten, haben die Verhältnisse geändert. Unter anderem Botho Strauss (in seinem viel beachteten ‚Anschwellenden Bocksgesang‘) und Martin Walser begannen, das Nationale zu rehabilitieren.


Walser ging so weit, den deutschen Intellektuellen eine Mitschuld an der mangelnden Begeisterung für die deutsche Identität und die Symbole des Staates vorzuwerfen. Spätestens mit dem Applaus der Spitzen der Gesellschaft zu seiner Frankfurter Friedenspreisrede war der Damm gebrochen. Das wiedervereinigte Deutschland, das sich der Globalisierung von Wirtschaft, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation gegenüber als Bündel von Altlasten empfand, brauchte wieder Identität, Stolz und Gesang.


Bald ist es zu spät. Wo doch die Texte vergessen sind. Vielleicht sogar die Melodien. Kaum noch zu schaffen. Schon gar ohne Heino. Da muss ein Ruck durch unser Land gehen. Ein ungeheurer Kraftakt uns zu dem verhelfen, was wir einst hatten. In wenigen Monaten. Bis zum Anpfiff der Fußballweltmeisterschaft mitten in Deutschland. Zum Glück genügt der Hymne ja die erste Strophe. Die anderen wollen wir gar nicht singen.