Der Vogelzug

Am Himmel über Berlin sieht man gelegentlich Vogelschwärme dahinziehen, vom Tiergarten zum Reichstag zum Dom und zurück. Dabei macht man sich kaum klar, was das Phänomen des Vogelzugs ­ bei seßhaften sowie bei Zugvögeln ­ eigentlich bedeutet, beziehungsweise was die Vögel eigentlich von den Menschen unterscheidet. Die Berliner Künstlerin Alexandra Trencséni hat es uns klargemacht und dafür jetzt einen Preis bekommen. Den Karl-Hofer-Preis der Universität der Künste ­ genau den Hofer-Preis, der über Jahre hinweg eigentlich für Maler und andere mehr genie- als detailversessene Künstler reserviert war.

Sei es, daß die ehemalige Hochschule der Künste ihrer Umtaufung in Universität Ehre machen wollte, sei es, daß man dort demnächst eine Professur für Ornithologie einrichten wird: Jedenfalls ist die Tatsache erstaunlich, daß man einer bemerkenswerten Künstlerin, die für ihre Kandidatur nichts weiter vorgelegt hat als ein Buch mit dem schlichten Titel „Der Vogelzug“, den rührigen Karl-Hofer-Preis zuerkennt. Denn das Buch hat auf den ersten Blick nichts mit der Kunst gemein; zwar steht der Name der Künstlerin immerhin noch auf dem Cover und auch der Berliner Vice Versa Verlag ist in Kunstkreisen nicht unbekannt. Dennoch ziert das Buch auch der Hinweis auf die Reihe „Die Vorbereitung. Hilfen für den Unterricht in der Volksschule“, die in den sechziger Jahren eigentlich Materialien für den Biologieunterricht in bundesdeutschen Volksschulen verbreitete, die „in der Schulstube erprobt worden sind“, wie es heißt.

Nicht nur auf dem Cover, auch im Inhalt ihres Buches, das als Vogelzug-Buch in die Kunstgeschichte eingehen wird und das 1998 mit der Projektförderung des Berliner Senats bezahlt wurde, hat sich Alexandra Trencséni eine wissenschaftliche Tarnung zurechtgelegt. Dort geht es um „Routenbildung“ und den „Vogel als Apparat“, um „Zugebeobachtung“ und den „Wirkraum des Maulwurfs“. Derlei Grenzüberschreitungen zwischen Kunst und Wissenschaft erfreuen sich ja seit einigen Jahren wachsender Beliebtheit. Doch springt dabei meist nicht viel mehr für die Kunst heraus als ein hochgezüchteter Begriffsapparat mit ein paar hübschen Diagrammen. Und wenn das Buch von Trencscéni zunächst auch diesen Eindruck erweckt, so darf man die diesjährige Jury des Karl-Hofer-Preises doch zu ihrer Fähigkeit beglückwünschen, derlei Oberflächenphänomene einmal durchdrungen zu haben. Vielleicht haben sie zwischendurch einfach nur einmal in den Himmel über Berlin geschaut.

Dabei ist der Jury vielleicht der besagte Unterschied zwischen Mensch und Vogel aufgegangen: Denn der besteht laut ornithologischem Lehrbuch nicht nur darin, daß Menschen vorwiegend seßhaft sind und Vögel vorwiegend hin- und herziehen. Die Differenz zwischen Vogel und Mensch ist auch die, so dachte man immer, daß Menschen sich in Räumen bewegen, Vögel aber nicht. Um sich in der Luft zu orientieren, benötigen sie komplizierte Navigationssysteme, die räumlich nicht zu fassen sind ­ weswegen das seßhafte Heimattier Mensch sich immer gern als das Gegenteil des freien Vogels gesehen hat, nicht ohne sich nach der Freiheit über den Wolken zu sehnen. Allein es ist der Einsatz des Buches von Trencscéni, diese Opposition zwischen Menschenheim und Vogelzug zum Einsturz zu bringen: Ihr Buch, das den „phantasmatischen Grundlagen der Heimatkunde“ gewidmet ist und das natürlich eigentlich den Menschen zum Thema hat, der sich im Vogel spiegelt, macht auf die eleganteste Weise deutlich, daß der Mensch ebenso haltlos ist wie der Vogel und ebenso aus dem Nest geworfen wie ein Küken.

Bei der Lektüre des Buches segeln einem Theorie und Praxis, Original und Zitat, Wissenschaft und Fiktion so stürmisch um die Ohren, daß allein diese Verwirrung ausreicht, um die metaphysische Zugvogelhaftigkeit des Menschen zu demonstrieren. Die Autorin, die eigentlich mehr eine Kompiliatorin ist, hat in einer einmaligen Anstrengung des re-editing, der Wiederherausgabe, einen neuen Text im alten geschrieben. Fragmente des Originaltextes finden sich mit falschen Illustrationen gepaart, Fußnoten heben ab zum Vogelflug, wo sie auf Episoden aus Star-Trek oder auf John Wayne treffen. Folge dieser Para-Wissenschaft ist ein Literaturverzeichnis, das den aktuellsten kulturwissenschaftlichen Forschungen in punkto kruder Disparatheit in nichts nachsteht.

Tatsächlichverschachtelt die Spurensammlerin Trencscéni Imaginationen und Halluzinationen, Imaginäres und Reales, Populäres und Philosophisches so geschickt, daß ihr Buch selbst wie eine Spur ins Ungewisse funktioniert. Im Spiegel des Vogelzugs läßt sich erkennen, was daheim auf der Erde verdeckt bleibt: Indem Trencscéni die Orientierungsforschung der letzten 100 Jahre aufgreift, kann sie deutlich machen, daß der Mensch eigentlich ein völlig orientierungslos umherirrendes Wesen ist, das sich fortwährend neue Trugbilder der Heimat entwirft. Der „invented remix“ der Ornithologie enttarnt dieselbe als einen getarnen Diskurs über die Rückkehr des Menschen. So stellt sich dessen Nachdenken über die Heimat als ein getarnter Diskurs über seine Identität als identitätsloses Wesen heraus; je mehr er von seiner Nestmentalität und Nestbeschmutzerei spricht, desto mehr fällt er tatsächlich aus demselben heraus.

Bei der Preisverleihung würdigte Laudator Michael Thoss denn auch die Kunst Trencscénis als „Versuch, heimzufinden ins Ungewisse“ und diagnostizierte die Praxis einer positiven Heimatlosigkeit, wie man sie bei Kosmopoliten wie Ödon von Horvath oder Villém Flusser in Aktion sehen könne. Oder auch in jenem Vogelschwarm, der das Buch nach eigener Bekenntnis am liebsten sein möchte.

Alexandra Trencscéni, Der Vogelzug. Reihe 5: Natur und Technik. Bd. 9: Die Vorbereitung. Berlin 2000, 174 S., 19 Euro.