Der böse Expressionismus – Trauma und Tabu

11.11.2017 - 11.03.2018
Kunsthalle Bielefeld
Artur-Ladebeck-Straße 5 , Bielefeld
http://www.kunsthalle-bielefeld.de

Mit der Ausstellung «Der böse Expressionismus – Trauma und Tabu» ruft die Kunsthalle Bielefeld die antibürgerliche Wucht in Erinnerung, die vielen expressionistischen Kunstwerken inhärent ist. Einst skandalträchtige Außenseiter, sind die Expressionisten heute gesellschafts-fähig, ihre Bilder Millionen wert; als Zeugnisse pittoresker Bohème, farbenfroher Idyllen und Ansichten einer vermeintlich guten alten Zeit werden sie verharmlost und je nach Möglichkeit als dekorative, verlässliche Geldanlagen gesucht. Die Brisanz der Bilder droht im Wohlgefallen zu verschwinden.
«Wir wollen die Bürger nicht unterhalten. Wir wollen ihnen ihr bequemes, ernst-erhabenes Weltbild tückisch demolieren», propagiert Herwarth Waldens Sturm-Zeitschrift im Jahr 1910, eine der wichtigsten Publikationen des Expressionismus. Dies ist die Kampfansage einer neuen Zeit an die Überzeugungen und Werte der alten; das Kampfmittel ist die Kunst.
«Der böse Expressionismus – Trauma und Tabu» versammelt ca. 200 Werke, darunter hochkarätige Leihgaben aus Privatbesitz, aus der Sammlung der Deutschen Bank, den Staatlichen Museen zu Berlin, dem Kirchner Museum Davos, der Kunsthalle Bremen, dem Brücke-Museum Berlin u.a.
Die Ausstellung wird gefördert von der Stiftung der Sparkasse Bielefeld. Der Katalog wird gefördert von der Ernst von Siemens Kunststiftung. «Mit dieser Ausstellung gelingt es der Kunsthalle Bielefeld die «Zeiterscheinung» Expressionismus aus einem neuen, anderen Blickwinkel zu beleuchten. Die bedeutenden expressionistischen Werke der eigenen Sammlung, ergänzt durch teils erstmalig präsentierte Leihgaben, beleuchten ganz hervorragend die kulturellen und gesellschaftlichen Hintergründe und die Spannungen der Zeit. Die Ernst von Siemens Kunststiftung hat deshalb gerne den begleitenden Katalog ermöglicht», freut sich Dr. Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung.
Die Anfangsjahre des 20. Jahrhunderts waren eine Zeit größter Herausforderungen und existenzieller Verunsicherung, geprägt von Industrialisierung und proletarischem Massenelend, Landflucht, ausufernden Großstädten und Wohnungsnot. Die rückständige, an feudalen und militaristischen Idealen orientierte Gesellschaftsordnung des wilhelminischen Kaiserreiches war mit den rasanten Veränderungen heillos überfordert, der Kollaps kam mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Sommer 1914. Der Expressionismus war unter solchen Vorzeichen die Kunstform, mit der sich die Rebellion im Felde der Kultur Bahn brach; nach 1919 gewann er unter den neuen politischen Vorzeichen noch einmal an Vehemenz.

Die jungen KünstlerInnen, DichterInnen, SchauspielerInnen und TänzerInnen, selbst Bürgersöhne und -töchter zumeist, erlebten Bürgerlichkeit als Trauma und probten den Aufstand gegen rigide Normen und verlogene Konventionen. Die KünstlerInnen brachen Tabus, nahmen Drogen und beendeten Prüderie und Triebverzicht, um anstelle von Verdrängung und Neurose aus den Kräften des Trieblebens die Kraft für ihre Kunst zu ziehen. Sie lebten, frei nach Nietzsche und ermutigt von Sigmund Freud, die „Umwertung aller Werte“ auf der Suche nach einem selbstbestimmten Dasein in einer Gesellschaft ohne Klassenschranken, zu ihrer Zeit nichts mehr als eine Utopie. Weil die Impulse, die vom Expressionismus ausgingen und die Fragen, die er in schonungsloser Offenheit gestellt hat, bis heute relevant und wichtig sind, will die Ausstellung an die Virulenz und die Intentionen dieser „Zeiterscheinung“ erinnern: Internationalität, Individualität, gesellschaftliches Miteinander und Toleranz stehen auch ein Jahrhundert später, und gerade heute, immer noch auf der Agenda.
Das umfangreiche Begleitprogramm zur Ausstellung bezieht auch den expressionistischen Film, den Tanz und die Literatur in das Thema der Ausstellung mit ein. Zwei Konzertabende mit der Cooperativa Neue Musik und den Bielefelder Philharmonikern sind dem Expressionismus und der Musik gewidmet. In Zusammenarbeit mit der Universität Bielefeld findet vom 17. bis zum 19. Januar 2018 das Art/Science-Festival zum Thema «Identität» statt. Jutta Hülsewig-Johnen wird hier einen Vortrag halten, in dem sie untersucht, inwieweit die Frage nach der Identität auch für die Expressionisten wesentlich war und welchen Ausdruck sie in ihren Bildern gefunden hat.
Künstlerliste: Max Beckmann, Rudolf Belling, Otto Dix, Conrad Felixmüller, Otto Gleichmann, George Grosz, Erich Heckel, Jacoba van Heemskerck, Walter Jacob, Alexej von Jawlensky, Ernst Ludwig Kirchner, Emmy Klinker, Oskar Kokoschka, Else Lasker-Schüler, Wilhelm Lehmbruck, August Macke, Ludwig Meidner, Paula Modersohn-Becker, Otto Mueller, Emil Nolde, Max Pechstein, Hans Richter, Christian Rohlfs, Karl Schmidt-Rottluff, Jakob Steinhardt, Hermann Stenner, Georg Tappert, William Wauer, Marianne von Werefkin, Gert H. Wollheim

Kuratorin: Jutta Hülsewig-Johnen Kuratorische Assistenz: Henrike Mund

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Hirmer Verlag mit Beiträgen von Leonie Beiersdorf, Nils Emmerichs, Wolfgang Henze, Jutta Hülsewig Johnen und Henrike Mund. Buchhandelspreis: 45 Euro Preis in der Kunsthalle: 38,90 Euro