Deborah Sengl Die letzten Tage der Menschheit

31.01.2014 - 25.05.2014
An der Donau-Au 1, Klosterneuburg / Wien
http://www.essl.museum/

Für ihre erste große Museumspräsentation hat die österreichische Künstlerin Deborah Sengl eine
raumgreifende Arbeit geschaffen, die Geschichte, Literatur und zeitgenössische Kunst auf
außergewöhnliche Weise miteinander verbindet. Mit rund 200 präparierten weißen Ratten inszeniert
sie „Die letzten Tage der Menschheit“ nach Karl Kraus in 44 Einzelszenen.

Erster Weltkrieg und 200 Ratten
2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkriegs zum hundertsten Mal. Wohl kein anderes
literarisches Werk hat die Stimmung der damaligen Zeit sowie die Unmenschlichkeit und Absurdität
des Krieges so komprimiert und präzise eingefangen wie „Die letzten Tage der Menschheit“ (1915 –
1922) von Karl Kraus. Sengl reagiert in ihrem bisher größten Werk mit unverwechselbarem Gespür
auf Kraus’ Text und interpretiert Szenenausschnitte und Dialoge künstlerisch neu. Begleitet von
Zeichnungen und Malereien lassen sie die Protagonisten von Kraus’ Werk lebendig werden. Sengl hat
ein Jahr lang an diesem aufwendigen Projekt gearbeitet, das eigens für das Essl Museum entstanden
ist. Als Vorlage dient ihr die Bühnenfassung von „Die letzten Tage der Menschheit“.
„Wir beide beobachten von außen und dokumentieren, was wir sehen“, sagt Sengl über ihre
Verwandtschaft zu Karl Kraus. „Ich stelle eigentlich immer nur das dar, was ich erlebe, was ich
in unserer Zeit, in unserer Gesellschaft sehe. Ich erfinde nichts dazu. Das hat auch Karl Kraus
gemacht, ‚Die letzten Tage‘ sind hauptsächlich eine Ansammlung von Zitaten und gesprochenem
Wort.“ Sengl sieht ihre Arbeit als eine „freie künstlerische Interpretation“ von Kraus’ Werk,
wobei sie darin sehr viel Aktuelles und Zeitgemäßes entdeckt hat: „Das Werk liegt zwar hundert
Jahre zurück, aber für mich ist es immer noch zeitaktuell. Wir haben vielleicht keinen Krieg in
unmittelbarer Nähe, aber der Krieg in uns ist nach wie vor genau so stark, wenn nicht stärker,
vorhanden wie damals.“ Bei der Auswahl der Szenen (41 Szenen und drei apokalyptische
Monumentalszenen) hat die Künstlerin versucht, einen Querschnitt der verschiedenen
Handlungsspielräume zusammenzustellen. Sie reichen von Straßen- und Magistratsszenen über
Geschehnisse im Lazarett bis zu den Gräueltaten an den Kriegsschauplätzen.

Karl Kraus neu verkleidet
Deborah Sengl arbeitet eng mit einem Tierpräparator zusammen, der für sie die Rattenfelle anhand
von genauen Vorgaben vorbereitet. Die Tiere wurden nicht für die künstlerische Arbeit getötet. Es
handelt sich um Futterratten für die Greifvogel- und Reptilienzucht. „Die Entscheidung für die Ratten
fiel relativ schnell, weil ich finde, dass sie den Menschen ähnlich sind. Sie sind von den Tieren
sicher die egoistischsten Wesen, die zuerst an sich selber denken.“ Die Wahl für weiße Ratten erklärt
Sengl damit, dass sie keine Hierarchien oder Wertungen schaffen wollte. Alle sind – so wie es auch
Karl Kraus beschreibt – an dem Krieg gleich mitschuldig: die Soldaten, die morden, aber auch die
propagandistische Presse oder die Zivilisten, die sich nicht dagegen wehren, Meinungen kolportieren
und wiedergeben. Sogar Karl Kraus gibt sich selber in der Schlussszene eine Mitschuld. Dennoch hat
sich Sengl dafür entschieden, den „Nörgler“ als schwarze Ratte auftreten zu lassen, da er jene
Person ist, die das Geschehen von außen betrachtet. In akribischer Detailarbeit gestaltet Sengl
Fahnen und Zeitungen, Möbel und andere Gegenstände wie Hüte oder Schmuck, um die
Protagonisten lebendig und die einzelnen Szenen erkenn- und lesbar zu machen. Auch die gebauten
Requisiten sind weiß, doch in vereinzelten Szenen kommen Blut, Urin und Alkohol als farbliche
Stilmittel vor, um zu verdeutlichen, dass das Grauen immer mehr auch in den Alltag hereinbricht und
diese „Reinheit“ gebrochen wird.

Deborah Sengl hat bei Christian Ludwig Attersee studiert. Sie lebt und arbeitet in Wien. In ihren
Malereien, Zeichnungen und Skulpturen überträgt sie immer wieder allgemein menschliche
Fragestellungen auf das Tierreich und untersucht das Rollenverhalten in der Gesellschaft. „Ich
bediene mich deswegen des Tiers als Metapher, weil ich finde, dass man ablenkt, wenn man
Menschen darstellt. Man lenkt mit der Physiognomie ab, jeder beginnt, seine subjektive Sicht auf
diesen Menschen zu haben.“ Das sei bei einem Tier nicht der Fall, so Sengl, „es ist nur mehr ein
Stellvertreter für einen Charakterzug, für eine Handlungsform, für ein Verhalten.“ Die Arbeit für das
Essl Museum ist eine konsequente Weiterentwicklung dieses Themas. Sengl gelingt dabei eine
künstlerisch mutige Sicht auf Kraus’ Werk und lässt uns dessen Aktualität neu entdecken.
Die Ausstellung eröffnet das Ausstellungsprogramm des Essl Museums für das Jahr 2014, das unter
dem Motto >made in austria< steht.
Katalog
Zur Ausstellung erscheint ein Katalog mit zahlreichen Abbildungen der einzelnen Szenen und Szenenausschnitte, wie auch
der Zeichnungen und Malereien. Der Katalog gibt auch Einblick in die Arbeit und das Atelier der Künstlerin, sodass der
Entstehungsprozess der Werke nachvollziehbar wird. Daneben umfasst er den einleitenden Text aus Kraus’ Bühnenfassung,
ein Vorwort von Karlheinz Essl, Aufsätze von Meinhard Rauchensteiner und David Schalko sowie ein Gespräch, das die
Kuratoren Andreas Hoffer und Günther Oberhollenzer mit der Künstlerin geführt haben.