Das erste Künstlerbuch der dOCUMENTA (13)

Als ein Vorspiel zur Ausstellungstätigkeit im Sommer 2012 wird die dOCUMENTA (13) in den nächsten zwei Jahren eine umfangreiche Serie von Publikationen hervorbringen. Die erste Publikation ist ein Künstlerbuch von Guillermo Faivovich und Nicolás Goldberg, das jetzt anlässlich ihrer Ausstellung im Portikus erscheint und im Hatje Cantz Verlag veröffentlicht wird. Das Buch dokumentiert den „expansiven“ wie kooperativen Charakter der dOCUMENTA (13) und der von ihr initiierten Recherche-Aktivitäten. Auch in ihren editorischen Praktiken bindet sie sich damit nicht an die festen Koordinaten von Raum und Zeit, wie es die eigentliche Laufzeit im Sommer 2012 in Kassel vorgibt, und lässt diese Kooperation mit dem Portikus bewusst schon zwei Jahre vor ihrem Beginn möglich werden. – Mit einem einleitenden Gespräch zwischen Carolyn Christov-Bakargiev und Daniel Birnbaum, Textbeiträgen des Historikers Hernán Pruden und der beiden Wissenschaftler Jutta Zipfek und Timothy McCoy sowie einem Gespräch zwischen Simon Starling und den Künstlern. Herausgegeben vom Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 184 Seiten, mit farbigen Abb., 39,80 Euro.

2000 Jahre v. Chr. wurde Nord-Argentinien von einem großen Meteoriteneinschlag heimgesucht, der von dem zwischen Mars und Jupiter liegenden Asteroiden Belt ausging. Aus einer fernen Welt stammend, 4,5 Billionen Jahre alt, viel älter als die Erdoberfläche, auf der sie landeten, verkörpern diese Meteoriten ein beeindruckendes Zeit-Raum-Paradoxon. Während sie den Ureinwohnern Argentiniens über Jahrtausende bekannt waren, wurden die Meteoriten des sogenannten Campo del Cielo von den Europäern das erste Mal während der Kolonialisierung im 16. Jahrhundert entdeckt. Erneutes wissenschaftliches Interesse am Kraterfeld des Campo del Cielo erwachte in den 1960ern; es folgten fortlaufende Grabungsarbeiten durch die nachfolgenden Jahrzehnte hindurch. Gran Chaco wurde zu einer örtlichen Landmarke. Einer der Meteroiten, genannt “El Taco”, ein 1998 Kilogramm schweres Einzelstück, wurde 1962 von einem Farmer bei Feldarbeiten entdeckt und später von einer gemeinsamen wissenschaftlichen Expedition seitens der USA und Argentinien geborgen.

2006 begannen die Künstler Guillermo Faivovich (1977 in Buenos Aires geboren) und Nicolás Goldberg (1978 in Paris geboren) mit der Arbeit an A Guide to Campo del Cielo – einem Projekt, das sich mit der Erforschung der kulturellen Bedeutung der Campo del Cielo-Meteoriten beschäftigt, indem es ihre visuelle, mündlich und schriftlich festgehaltene Geschichte studiert, rekonstruiert und reinterpretiert. Während ihrer Forschungsarbeit für A Guide to Campo del Cielo haben Faivovich and Goldberg eine Hälfte des Meteoriten “El Taco” im Garten des Planetariums in Buenos Aires vorgefunden. Im Zuge ihrer Nachforschungen zum Verbleib der fehlenden Hälfte entdeckten sie diese vergessen in den Lagerräumen der Smithsonian Institution in der Nähe von Washington D.C. Es stellte sich heraus, dass die Geschichte dahinter sich über drei Länder erstreckt: Argentinien, die USA und Deutschland – mit ihrer jeweils eigenen Kultur und Politik, mit ihren verschiedenen Herangehensweisen, technischen Standards und institutionellen Dynamiken im Umgang mit wissenschaftlichen Phänomenen. Die große Eisendichte der Meteoriten war sowohl Quelle endloser Mysterien sowie Ausdruck des Verlangens nach Wissensaneignung und der damit verbundenen Macht über Natur und Kultur: Die spanischen Eroberer, die Argentinien im 16. Jahrhundert erreichten, kamen wegen der wertvollen Metalle. Im Verlauf der Geschichte wurden einige dieser Meteoriten als Schätze oder für wissenschaftliche Studien nach Europa gebracht und in Naturkundemuseen ausgestellt. Infolge seiner speziellen Geschichte wurde El Taco vom Max-Planck-Institut in Mainz in zwei Hälften geschnitten: Eine Hälfte von El Taco verschlug es nach Argentinien, während die andere in die USA wanderte, was die sehr unterschiedlichen Zustände, in denen sich die beiden Hälften heute befinden, erklärt: Die eine weist Spuren von Zeit und Witterung auf, die andere ist makellos poliert. 276 Kilo Eisenspäne, die bei der Teilungsprozedur entstanden, blieben in Deutschland und werden im Naturmuseum Senckenberg in Frankfurt/Main aufbewahrt. Erst seit kurzem werden die Meteoriten teilweise von der argentinischen Regierung als Teil ihres Kulturerbes geschützt. – „El Tacos“ Schicksal und die Idee der Wiedervereinigung der beiden Hälften ist Thema von Buch und Ausstellung.

Guillermo Faivovich und Nicolás Goldberg und A Guide to Campo del Cielo

Basierend auf dem Verständnis von Kunst als eigenwilliges Mittel der Recherche und Wissenserfassung nähern sich die Künstler der Geschichte der Meteoriten an: mit ihren bibliografischen Nachforschungen, Archivrecherchen, der Aufzeichnung mündlicher Überlieferungen von Menschen, die mit der regionalen Geschichte verwurzelt sind, sowie mit weltweiter Feldforschungsarbeit. Dabei haben sie sich mit einer Reihe von Aktivitäten beschäftigt: So haben sie beispielsweise eine Briefmarke entworfen, die 2007 von der Correo Argentino herausgegeben wurde, und sie haben die Exemplare, die aktuell wieder in der Region des Campo del Cielo platziert wurden, sowie die, die in argentinischen und anderen Sammlungen gefunden werden können, detailliert aufgelistet. Hieraus entstand die Fotoausstellung “A Portrait of La Sorpresa and the Meteorites that are no longer in Campo del Cielo”, die später einem Ausstellungsraum im Epizentrum des Meteoritenschauers gestiftet wurde. Außerdem bereicherten die Künstler zahlreiche Institutionen – von der Smithsonian Institution in Washington, D.C. über das Natural History Museum in London – mit bibliografischem Material sowie eigenen Fotografien.

„Das erste Künstlerbuch der dOCUMENTA 13 ist den beiden Künstlern Guillermo Faivovich und Nicolás Goldberg gewidmet“, erklärt die künstlerische Leiterin der dOCUMENTA (13), Carolyn Christov-Bakargiev. „Es fasst ihre langjährigen Beobachtungen zur Geschichte des El Taco zusammen. Seit über 50 Jahren fordert die documenta Künstler und Besucher dazu auf, die Rolle der Kunst in unserer Zeit zu reflektieren: Mit Projekten, wie dem von Walter de Maria, der mit `The Vertical Earth Kilometer´ (1977) eine 1000 Meter lange Blech-Bohrstange von 5 Zentimetern Umfang in den Boden vor dem Fridericianum bohrte, oder Joseph Beuys’ `7000 Eichen´ (1982), für das er 7000 Bäume pflanzte, jeder in Verbindung mit einem Basaltstein in und um Kassel sowie an weiteren Orten rund um die Welt. Die documenta dient also auch als Ort für künstlerische Reflexionen über die Beziehungen zwischen Menschen und den Dingen und Stoffen ihrer Umwelt.“ Zudem stellt Carolyn Christov-Bakargiev fest: „In unserem digitalen Zeitalter, in dem wir scheinbar schwerelose Güter und immaterielles Wissen in einem dramatisch wachsenden Netz, in einer Art `unverbundener Verbundenheit´ austauschen, denken die beiden Künstler über Gewicht, Materialität und Körperlichkeit, über Stillstand, Beständigkeit und die den Dingen innewohnenden Kräfte nach, die im Gegensatz zu Geschwindigkeit, Bewegung und Vergänglichkeit als Erfahrungsmomente des heutigen Lebens stehen.“ – Das Buch ist der erste Teil eines Projektes der Künstler, das im Verlauf der dOCUMENTA (13) in Kassel 2012 fortgeführt werden soll.

 

Link: http://www.hatjecantz.com