Das engagierte Bild. Die Sammlung Fotografie im Kontext

01.08.2014 - 18.01.2015
Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Steintorplatz, 20099 Hamburg
http://www.mkg-hamburg.de

In den 1950er und 1960er Jahren erlebt die Reportagefotografie durch die Aufträge vieler neu gegründeter Zeitschriften wie Kristall, Revue, Quick oder Stern eine Blütezeit. Inspiriert von der Idee, dass Fotografie eine universell verständliche Weltsprache sei, sehen viele Bildjournalisten ihre Arbeit als Ausdruck von sozialem Engagement und politischer Verantwortung. Sie verstehen ihre Fotografien als authentische Dokumente, die den Betrachter mit Missständen, Leid und Gewalt konfrontieren und über ihren Informationswert hinaus an Mitgefühl und Verantwortungsbewusstsein appellieren. Die Ausstellung „Das engagierte Bild“ richtet den Blick auf den Bildjournalismus der Nachkriegszeit. Sie stellt darüber hinaus einen Schwerpunkt der Sammlung Fotografie und neue Medien des Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) vor, der mit ersten Ankäufen schon in den 1960er Jahren begründet wurde. Gezeigt werden über 40 Arbeiten von Jürgen Heinemann, Ryuichi Hirokawa, Thomas Hoepker, Kaku Kurita, Robert Lebeck, Peter Magubane, Marc Riboud, Sebastião Salgado und Max Scheler, die die Entwicklungen und ästhetische Strategien des Genres seit den 1960er Jahren aufzeigen. Die Ausstellungsreihe „Die Sammlung Fotografie im Kontext“ begleitet die wissenschaftliche Erschließung der Sammlung und stellt unterschiedliche Gebrauchsweisen der Fotografie vor.

Als es nach der Erfindung des Rasterdrucks Ende des 19. Jahrhunderts möglich wird, Fotografien zu drucken, entwickelt sich der Bildbericht neben dem geschriebenen Wort zu einer eigenen erzählerischen Form. Er erlaubt es den Lesern, selbst zu „Augenzeugen“ der Ereignisse zu werden, von denen sie sich vorher kein Bild machen konnten. In der Nachkriegszeit sind es auch die Macher des Stern, die diese Entwicklung vorantreiben, indem sie ihren achtzehn hauseigenen Fotografen bis zu zehn Doppelseiten einräumen, die den Texten im Heft vorangestellt sind. Robert Lebecks Bilder vom Leben auf den Straßen und Wasserwegen Hongkongs von 1961 veranschaulichen beispielhaft, wie die Fotografie sich endgültig aus ihrer illustrierenden Funktion löst und zum eigenständigen Medium der Berichterstattung wird. Es sind jetzt die Bilder selbst, die die Geschichte erzählen.

Wie Robert Lebecks Serie aus Hongkong funktionieren viele Reportagen zunächst noch als „Schaufenster“ zu einer fremden Welt. Aber im Laufe der 1960er Jahre verschiebt sich der Akzent hin zu einer tagesaktuellen Berichterstattung. Uneinigkeit besteht dabei in der Wahl der Mittel. Während die Verfechter der „totalen Fotografie“ die Kamera mitten im Geschehen wissen wollen, bestehen zugleich Zweifel an der Wirksamkeit solcher „Schockfotos“, die dem Betrachter durch ihre Überdeutlichkeit keinen Raum für eigene Deutungen lassen. Ryuichi Hirokawas Bilder etwa zeigen die Opfer eines Massakers im Libanon 1982 in schonungsloser Direktheit. Marc Riboud verzichtet dagegen in seinen Fotografien aus dem Bangladesch-Krieg von 1971 auf die unmittelbare Zurschaustellung von Gewalt.
Die Rolle der Zeitschriften wird von verschiedenen Fotografen von Beginn an kritisch gesehen. Schon 1947 wird in Paris die Foto-Agentur Magnum gegründet, die es ihnen ermöglichen soll, unabhängig von Magazin-Aufträgen zu arbeiten. Viele Bildjournalisten veröffentlichen ihre Arbeit darüber hinaus in Büchern, bei deren Gestaltung sie freie Hand haben. Neben Jürgen Heinemanns Bildern aus Südamerika entstehen etwa Sebastião Salgados Fotografien aus der Sahelzone im eigenen Auftrag. 1986 gibt er diese Serie in Zusammenarbeit mit der Organisation Ärzte ohne Grenzen als Buch heraus.

Wegen ihrer ästhetisierenden Aufnahmen von Elend und Gewalt wird die Arbeit der Bildjournalisten immer wieder kritisiert. Ihnen wird vorgeworfen, das Leid der Gezeigten für eigene Zwecke zu instrumentalisieren. An dieser Stelle setzt auch die zeitgenössisches Kritik der sozialdokumentarischen Fotografie an: Die klischeehaften Bilder von Opfern humanitärer Katastrophen seien ungeeignet, etwas zu verändern, da sie die jeweiligen Ursachen außer Acht lassen. Als Reaktion hierauf haben etwa die Akteure des arabischen Frühlings 2011 in Kairo die Dokumentation ihres Kampfes gegen die Mubarak-Herrschaft selbst übernommen. Bilder des ägyptischen Fotografen Aly Hazza’a von einer Demonstration von Frauen gegen Polizeigewalt zählen zu den jüngsten Ankäufen des MKG. Ein frühes Beispiel für fotografisches Engagement im eigenen Land findet sich auch in den Arbeiten des Fotografen Peter Magubane, der als schwarzer Südafrikaner selbst von den Auswirkungen des Apartheid-Regimes betroffen war. Magubane zeigt in seinen Bildern die Gegenwehr gegen das bestehende System und betreibt so „Politik mit der Kamera“.