Covered in Time and History: Die Filme von Ana Mendieta

22.04.2018 - 20.07.2018
Gropius Bau
Niederkirchnerstraße 7, Berlin
http://www.gropiusbau.de

Ana Mendieta (1948–1985) gehört zu den herausragenden künstlerischen Positionen der 1970er und 1980er Jahre. Ihr Werk bewegt sich frei zwischen Disziplinen wie Body-Art, Land-Art und Performance-Kunst, ohne sich einem bestimmten Medium oder einer Bewegung zu verpflichten. Verbindendes Element ist der immer wiederkehrende Einsatz der abstrahierten weiblichen Gestalt im Dialog mit der sie umgebenden Natur – nicht zuletzt um die Trennung zwischen Natur und Körper infrage zu stellen. Ihr Werk überschreitet viele Grenzen, einschließlich geografischer und politischer Räume und der Erforschung von Geschichte, Geschlecht und Kultur.

Film und Fotografie spielen für Ana Mendieta eine besondere Rolle. Seit 1973 manifestiert sich ihre künstlerische Praxis in zweierlei Hinsicht: Einerseits existieren ihre Arbeiten als in der Natur geschaffene Werke, die sich allmählich verändern und verschwinden, andererseits überdauern sie als von ihr konzipierte bewegte und unbewegte Bilder. Ana Mendieta spricht bei ihren frühen Arbeiten von Tableaus, später von Skulpturen, betont aber stets die Bildherstellung als grundlegenden Prozess ihres Schaffens. Das Film- und Fotomaterial geht dabei über die bloße Dokumentation hinaus und gewinnt eine eigenständige künstlerische Bedeutung.

Auch wenn Ana Mendietas Arbeiten von ihrer eigenen Biografie und Entstehungszeit in den 1970er und 1980er Jahren geprägt sind, weisen sie eine eigentümliche Aktualität auf. Vor dem Hintergrund gegenwärtiger Migrationsströme stellt ihr Werk eine Auseinandersetzung mit der fortdauernden Suche nach Verwurzelung und dem Gefühl von Zugehörigkeit dar. Ihre Werke zeigen die existentiellen Dilemmata der Moderne: die Erfahrung persönlicher, kultureller und politischer Vertreibung, den Verlust von Verbindung und Kontinuität mit der individuellen und kollektiven Vergangenheit, den Druck, als Migrantin in einem fremden Land eine neue Sprache zu erlernen und mit einem anderen System gesellschaftlicher Normen konfrontiert zu sein.

Ana Mendieta wurde am 18. November 1948 in Havanna, Kuba, geboren. Ihr Vater unterstützte aktiv konterrevolutionäre Aktivitäten, und aus Angst um die Sicherheit seiner Kinder wurden Ana Mendieta und ihre Schwester im Alter von zwölf Jahren in die Vereinigten Staaten geschickt. In Iowa wuchs Ana Mendieta in Waisenhäusern und Pflegeheimen auf, bis fünf Jahre später schließlich auch ihre Mutter in die USA immigrierte. Das Exil scheint sich mit ihrem künstlerischen Schaffen in einer vornehmlich weißen und männlich dominierten Kunstwelt fortzusetzen. Ana Mendieta besuchte das Intermedia-Programm an der University of Iowa, wobei schon hier ihre Arbeitsweise und Auseinandersetzung mit dem weiblichen Körper in starkem Kontrast zu dem Verständnis ihrer männlichen Kollegen hinsichtlich der Mittel und Möglichkeiten von Konzeptkunst stand. Ihre frühen Arbeiten Sweating Blood und Moffitt Building Piece, beide 1973, zeigen den für sie charakteristischen Gebrauch von Blut als ein Material, das sowohl Bilder von Traumata und Transformation heraufbeschwören als auch auf spirituelle Ekstase und physische Brutalität hinweisen kann. Während Ana Mendieta zu diesem Zeitpunkt noch oft ihren eigenen Körper inszenierte, wurde ihre Formsprache zunehmend abstrakter und entwickelte sich von den ihr nachempfunden Umrissen als Chiffre hin zur weiblichen Gestalt an sich.

In den 1970er Jahren reiste Ana Mendieta fast jeden Sommer nach Mexiko, wo viele ihrer bedeutendsten Werke entstehen. In den Filmen Creek, Silueta del Laberinto (Laberinth Blood Imprint) und Burial Pyramid aus dem Jahr 1974 etablierte sie ihre außergewöhnliche Earth-Body-Ästhetik, die ihr fortdauerndes Bestreben beschreibt, sich in die sie umgebende Natur zu vertiefen und sich mit der Erde zu verbinden. Spuren des weiblichen Körpers in Form von Silhouetten in der Natur werden zu einem festen Bestandteil ihres künstlerischen Schaffens und versinnbildlichen ihren Zweifel an einer klar konturierten Identität. Für Esculturas Rupestres (Rupestrian Sculptures) kehrt Ana Mendieta 1981 nach Kuba zurück und verbindet mit ihren in Kalksteinwände gemeißelten „Siluetas“ die Mythen über die Jaruco-Höhlen aus frühesten Zeiten mit der Gegenwart. Auch Óchun, benannt nach einer Santería-Göttin, zeigt eine abstrahierte weibliche Gestalt am Strand der Insel Key Biscayne, Florida und gen Kuba gerichtet. Das Wasser, das diese „Silueta“ umspült, berührte die Küsten beider Länder und wirkt wie eine Allegorie für Exil und Rückkehr in dieser letzten realisierten Arbeit aus ihrem 104 Filme umfassenden Werk.

Ana Mendieta gehört zu einer Zeit historischer multidisziplinärer Verschiebungen in der Kunstpraxis. In ihrer kurzen Schaffensphase erarbeitete sie ein außergewöhnliches Werk, das erst Jahre später gebührende Beachtung fand. Ana Mendietas fortdauernde Auseinandersetzung mit dem Element der Zeit und den Themenkomplexen Vergangenheit und Vergänglichkeit tritt am deutlichsten in ihren Super 8-Filmen zutage, die neue Verständnisweisen hinsichtlich Performance, Skulptur, Film und Fotografie anregen. Die bisher umfangreichste Präsentation ihrer Filme, begleitet von drei fotografischen Serien, ist das Ergebnis einer dreijährigen gemeinsamen Forschungsarbeit der Estate of Ana Mendieta Collection, der Galerie Lelong & Co. und der University of Minnesota, in deren Rahmen das gesamte filmische Werk der Künstlerin digitalisiert und in einer Filmografie erfasst wurde.

Eine Ausstellung in Kooperation mit der Katherine E. Nash Gallery an der University of Minnesota, kuratiert von Lynn Lukkas und Howard Oransky.