Candida Höfer

„Ich möchte etwas zeigen, das eigentlich nicht modern ist, etwas, das eine Langlebigkeit hat.“

Candida Höfer, geboren 1944 in Eberswalde, lebt in Köln. Sie gehört neben Thomas Ruff, Thomas Struth und Andreas Gursky zu den prominentesten Künstlern, die aus der Fotografie-Klasse der Bechers an der Düsseldorfer Kunstakademie hervorgegangen sind. In der Auseinandersetzung mit den strengen Konzepten ihrer Lehrer, deren Methodik sich zunächst an einer direkten, dokumentarischen Photographie orientierte, entwickelte sie eine ganz eigene Bildsprache, ein präzise kontrollierter Blick für Details, formale Strukturen, Rhythmus, Licht, Formen und Farben. Um ihren Bildern eine innere Form zu geben, zeigt sie die spezifische Ordnung der Dinge.

Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht das kulturelle Umfeld und der gemeinsame soziale Lebensraum des Menschen, der sich in der Architektur ebenso wie in der Einrichtung von öffentlichen Gebäuden und Räumen widerspiegelt.

Ausgehend von den vorgefundenen Bedingungen entwickelt die Künstlerin neue, nur im Bild existierende Räume. Die „dokumentarischen“ Fotografien erzählen von Zeit und Geschichte. Höfer geht es nicht um die Ästhetik, d.h. dem Zusammenspiel von Gegenständen und Raum. Sie interessiert die Raumsituation als visuell erfahrbare Struktur und Ordnung im Zusammenspiel mit den jeweiligen Lichtverhältnissen. Meist sind es Orte in denen Dinge gesammelt, bewahrt oder aufgehoben werden, also „etwas das eine Langlebigkeit hat“. Es sind ruhige, keine aufgeregten Bilder. Seit über 20 Jahren setzt die Fotografin mit ihrem Werk Langsamkeit und Kontinuität gegen die Bilderflut der Medien. Spannend ist es zu beobachten, wie die Fotografien in den unterschiedlichsten Galerie- und Museumsräumen die Austellungsorte verändern und die Arbeiten immer wieder anders wirken.

Aufnahmetechnik

Die Künstlerin fotografiert meistens mit einer normalen Kleinbildkamera, manchmal mit einem leichten Weitwinkelobjektiv. Eine Rolleiflex war mit 17 Jahren ihre erste Kamera. Sie nimmt ihre Motive aus der freien Hand auf, was manchmal zu leichten Unschärfen führt, damit hat sie aber eine größere Bewegungsfreiheit und Spontaneität. Da sie ohne zusätzliches Kunstlicht und Blitzgerät arbeitet, benutzt sie lichtstarke Filme. Das hat zur Folge, dass sie die Aufnahmen nur eingeschränkt vergrößern kann, damit die Körnung des Films nicht zu stark sichtbar wird. In letzter Zeit benutzt sie häufiger ein Stativ und eine Mittelformatkamera. Oft werden von ihr parallel Schwarz-Weiß Aufnahmen gemacht, die sie jedoch nicht, oder selten für ihre künstlerische Aussage benutzt, da die Farbbilder für sie mehr aussagen.

Wichtig ist Höfer bei der Beleuchtung die Vermischung der vorhandenen Lichtquellen mit dem natürlichen Licht, was den Bildern oft eine fast malerische Eigenschaft gibt. Die Fotografien werden bewusst in Augenhöhe aufgenommen. Es gibt keine feste Perspektive, sie sucht ‚ihre‘ Perspektive. Daher ist der Standpunkt für den Betrachter nachvollziehbar. Jedoch sind ihre Aufnahmen keine Schnappschüsse, sondern gezielte Momentaufnahmen.

Mit den Jahren sind ihre Formate größer geworden. Große Abzüge macht sie von Bildern, die weniger von den Räumen und mehr aus Flächen bestehen.

Das Standartmaß ist 38 x 57 cm. Das Papierformat hat 50×60 cm und eine Auflage von ca. 6 Exemplaren. Sie kosten etwa 2 500 Euro.

Werke

Türken-Serie, Dia-Projektion mit 80 Bildern (75)Die Motive fand sie in der Kölner Südstadt, die sie meist mit zwei Kameras fotografierte. Es entstanden Schwarz-Weiß-Abzüge und Farbdias. Die Bilder zeigen Läden, Gaststätten, Straßenszenen und nachdem Höfer Kontakt zu türkischen Familien bekommen hat, auch deren Wohnungen. Sie wollte die verschiedenen Strukturen sichtbar machen, Eindrücke aus ihrem speziellen Blickwinkel zeigen und den faszinierenden ständigen Wandel festhalten. Die Künstlerin fuhr sogar in die Türkei, um zu sehen, ob die Menschen dort anders als in Deutschland lebten. Sie konnte keinen Unterschied feststellen.

Aus diesen Aufnahmen hat die Künstlerin 80 Aufnahmen zu einer Diaprojektion zusammengestellt, die in der Kunstakademie in Düsseldorf gezeigt wurden. Anschließend stellte die Galerie Konrad Fischer, Düsseldorf ihren Tunnelraum, der durch eine große Glastür abgeschlossen war, für die Ausstellung zur Verfügung. Die Idee war die Doppeldia-Projektionen – Raumbilder verbunden mit Wortbegriffen -, die im Dunkeln gezeigt wurden, durch die Glastür zu betrachten. Da die Lage des Raum, in einem Kneipenviertel, sehr günstig war, wurde die Arbeit von vielen Leuten gesehen.

Zoo-Bilder

Im Grunde interessieren Höfer Tiere nicht. Interessant werden die Tiere erst während des Fotografierens, wenn die Bewegung und Haltung zum Stillstand kommt, ähnlich einer Skulptur. Die Künstlichkeit des Zoos, eine Ausstellung der Tiere wie z.b. im Naturhistorischen Museum wird zur Aussage der Bilder. Höfer fotografierte exotische Tiere in 16 Zoologischen Gärten in sieben Ländern.

„Zoologischer Garten London III“, 92 (26x44cm)
Zwei kleine Pinguine stehen wie Requisiten verloren in der gewaltigen Architektur des Zoos.

Natural History Museum London II, 90 (36x52cm)

Gezeigt wird ein historischer Raum mit einer Vitrine, in der ein ausgestopfter Windhund steht. Begeistert haben Höfer die Lichtverhältnisse in diesem Raum. Den roten Feuerlöscher hat sie erst später bemerkt, da er ein Detail im Schatten war. Auch hier wurde nur mit dem vorhandenen Licht gearbeitet. Solche Eigenheiten der Räume werden erst durch die Betrachtung der Fotografien wahrgenommen und ergeben das langsame Sehen.

Räume

Für Candida Höfer sind Räume ein grundlegendes Thema und nicht nur ein bestimmtes Motiv, dessen sie sich seit Jahren intensiv und ausschließlich widmet. Die Künstlerin fotografiert ausnahmslos in öffentlichen Gebäuden: Bibliotheken, Sanatorien, Museen, Universitäten, Sitzungssälen und Warteräumen. Sie nutzt den Moment, der vom Fehlen jeglichen Lebens gekennzeichnet ist, indirekt jedoch zeigt, wie der Mensch sich in seiner Welt „eingerichtet“ hat. Dadurch entsteht die eigentümliche Distanz und Kühle ihrer Bilder. Das Abbild von Menschen lenkt Höfer von ihrer Wahrnehmung ab. Die Wahl des Betrachterstandpunktes entspringt ihrer persönlichen Sehweise und ist keinem bestimmten Schema untergeordnet, so zeigt sie die besondere Atmosphäre und Individualität der Räume.

Sie ist immer wieder neu fasziniert von Räumen mit einer starken Ausstrahlung, die sie für sich mit ihrer Kamera erobern kann. Gerne gibt man dieser bekannten Foto-Künstlerin die Möglichkeit außerhalb der Öffnungszeiten zu fotografieren.

Einen historischen Bezugspunkt solcher Blickweisen findet man bei dem französischen Fotografen Jean-Eugène Atgets (1857-1927), der als Autodidakt in Paris hauptsächlich Straßen, Parks, Läden, Schaufenster und Menschen in der Vorstadt fotografierte.

„Die Bürger von Calais“

Für die Documenta11 hat Candida Höfer die Skulptur von August Rodin an zwölf Orten unter anderem in Calais, London, Basel, Tokio fotografiert. Die Verknüpfung der Skulptur mit dem jeweiligen Ort der Zeit und der Geschichte sind Gegenstand dieser Arbeit. Auch greift sie mit der Skulptur ihr Thema der „Langlebigkeit“ auf. In ihrer individuellen Sehweise zeigt sie uns verschiedene Betrachtungsweisen dieser Figurengruppe, die zur Demokratisierung des Denkmals in Frankreich führte.

Die Skulptur „Die Bürger von Calais“ wurde 1886/87 von August Rodin erstellt, hat die Maße 210x190x140 cm. Die Stadt Calais bestellte bei Rodin ein Denkmal für Eustach de Saint-Pierre. Der Ruhm des regionalen Helden geht zurück auf das Jahr 1347. König Euard III von England forderte nach der einjährigen Belagerung der Stadt Calais das Leben von sechs Patrizieren und verprach im Gegenzug, die Stadt zu verschonen. Eustach, der älteste, führte die Gruppe der Bürger an. In letzter Minute wurde die Abordnung von der hochschwangeren Königin begnadigt. Rodin schuf statt der Darstellung des einzelnen, zur Hinrichtung verurteilten Bürgers, eine Gruppe, die die Verzweiflung der ganzen Stadt ausdrückte. „Barhäuptig und nackten Fußes, den Henkerstrick um den Hals und die Schlüssel von der Stadt und dem Kastell in der Hand.“ Auf die wertende Hauptansicht verzichtete Rodin, ebenso auf den Sockel. Damit wollte er die Hierachie zwischen Betrachter und Denkmal aufheben. Um Rodins Aussage zu entkräftigen, haben die Stadtväter 1895 die Figur auf einen hohen Sockel und nicht an dem dafür vorgesehenen Platz aufgestellt. 1924 wurde das „demokratische“ Denkmal auf den ursprünglich vorgesehenen Platz gegenüber dem Rathaus versetzt und der Sockel entfernt.

Johanna Maria Huck-Schade – Juli-2002