BORIS LURIE. ANTI-POP

17.03.2017 - 18.06.2017
NEUES MUSEUM
Luitpoldstraße 5 , Nürnberg
http://www.nmn.de

Der US-amerikanische Künstler Boris Lurie (1924-2008) hat ein radikales Werk hinterlassen,
das in Bild und Wort den bürgerlichen Kunstbegriff attackiert. Ein unbedingter Anspruch auf
Wahrhaftigkeit durchzieht das Schaffen des jüdischen Künstlers, dessen Leben unter dem langen
Schatten des Holocausts stand. Der Künstler, in Leningrad geboren und in Riga aufgewachsen,
überlebte von 1941 bis 1945 verschiedene Lager und KZ; seine Mutter, seine Großmutter,
seine Schwester und seine Jugendliebe wurden Opfer des Holocausts. Nach der Befreiung emigrierten
Vater und Sohn nach New York, wo sich Boris Lurie ab 1946 der Kunst zu widmen begann.
Allen idealistischen Erwartungen an Kunst, jeder Form von Ästhetizismus, aber auch dem
kapitalistischen Kunstmarkt erteilte Lurie eine unmissverständliche Absage. Im Jahre 1959 begründete
der Künstler zusammen mit Sam Goodman und Stanley Fisher die „NO!art“-Bewegung
und trat für eine soziale Kunst ein, die ästhetische Innovation als Nebenprodukt ungehemmten
Ausdrucks erzielt. Ausgesprochen kritisch stand Boris Lurie der Pop Art gegenüber,
die in den 1960er Jahren den Markt und die Museen eroberte.
Früh schon entwickelte er eine sehr eigenständige Kunst, die sich Ende der 1950er Jahre von der
Malerei ab- und der Collage zuwandte. Seine Werke machen es dem Betrachter nicht leicht, da
sie mitunter ästhetische und moralische Erwartungen verletzen. Die Werkserie der Dismembered
Women, aber auch die zahlreichen späteren Arbeiten mit eincollagierten Pin-Ups belegen ein tiefreichendes Trauma, das auch in einem zwiespältigen Frauenbild zum Ausdruck kam. Luries
Verknüpfung von Pornographie und Fotos aus den Vernichtungslagern ist schockierend,
doch als Aufschrei einer gequälten Seele und als Form des Widerstands nachvollziehbar. Gleichzeitig
diente Lurie die Pornographie auch als Metapher für die kapitalistische Gesellschaft.
Um Luries Standort in der Kunstgeschichte zu beleuchten, stellt die Ausstellung seinen Werken
die anderer Künstler an die Seite. Neben den beiden New Yorker „NO!art“-Mitstreitern Sam
Goodman und Stanley Fisher werden auch Arbeiten von H. P. Alvermann, Jean-Jacques Lebel,
Gustav Metzger, Gerhard Richter und Wolf Vostell gezeigt. Solcherart kontextualisiert erweist
sich Luries Schaffen als Psychogramm seiner Zeit, die den Protest und den Widerspruch herausforderte.
„Die Zeit für YES!art liegt noch in weiter Ferne.“