Berliner Mauer und andere Mauern in Kapstadt

 


Nicht nur West-Berlin war von 1961 bis Ende 1989 eingemauert; die Mauer brachte auch Ost-Berlin endgültig hinter den eisernen Vorhang, der seit 1947 ganz Osteuropa von Westeuropa abtrennte. Die Mauer in Berlin war der monströseste Teil dieser Grenze, weil er eine ganze Stadt teilte und Millionen Menschen zwang in ihrem Schatten zu leben.


Mauern, Überwachungstürme, Stacheldrahtrollen, Betonsperren, Todesstreifen, scharfe Schäferhunde an Laufleinen und die stets schussbereiten Grenzschützer gehörten auf beiden Seiten zum täglichen Leben. Die Stadt schien unfähig der langen Gefangenschaft der Gewaltherrschaft u entkommen.


Doch im Sommer 1989 begann etwas, was bald zum Sturz der Mauer führen sollte: Der Ministerpräsident des reformfreudigen Landes Ungarn durchtrennte vor laufenden Kameras einen Teil des eisernen Vorhangs zum Nachbarland Österreich. Wenig später tolerierte seine Regierung, dass ostdeutsche Urlauber die Gelegenheit nutzten und  nach Österreich ausreisten.  Als auch noch Hunderte von ostdeutschen Menschen die Botschaft der Bundesrepublik in Prag  stürmten und die Ausreise forderten und schließlich auch per Bahn ausreisten, wurde langsam deutlich, dass nur grundlegende Reformen die Macht des SED-Regimes sichern könnten. Dazu war Erich Honecker jedoch nicht bereit. Auf dem vierzigsten Jahrestag der DDR im Oktober 1989 prophezeite ihm Gorbatschow auch sein baldiges Ende: „Wer zu spät kommt den bestraft das Leben.“ Der Rest ist Geschichte: Der gewaltlose Aufstand des Volkes, die Montagsdemonstrationen, die Ablösung Honeckers und schließlich das kleine Missverständnis, das zur Öffnung der Mauer und der massenhaften vorübergehenden „Ausreise“ Tausender ostdeutscher Bürger nach West-Berlin führte.


 



 


Inzwischen ist der antiimperialistische, antifaschistische Schutzwall ebenso verschwunden, wie die Schilder, die ankündigen in welchem Sektor man sich befindet, oder dass man demnächst West-Berlin verlässt. Viele Betonsegmente aus dem vom Westen her bunt bemalten Teil der Mauer kann man vor deutschen Einrichtungen im Ausland finden, etwa in Kapstadt vor dem BMW Pavillon, andere in Museen, öffentlichen Plätzen, privaten Sammlungen. Große Teile der Mauer zerlegten „Mauerspechte“ in handliche Teile, die von den herbeigeeilten Touristen aus aller Welt gerne gekauft wurden. Der größte Teil der Mauer wurde jedoch geschreddert und fand Verwendung im Straßenbau. Mit der Mauer ist auch die frühere Grenze verschwunden und aufgegangen in der Stadt und ihrem Grüngürtel.


 


Die Berliner Mauer, obwohl Sujet vieler Bilder wie der Hauptinstallation Marion Bartko-McCabe´s Ausstellung WALL TO WALL WALLS, soll jedoch nur ein Beispiel sein, für die Mauern, die uns auch nach dem Fall der Berliner Mauer trennen:


„Politische Mauern, Mauern der Sicherheit, Mauern der Privatheit, Mauern des Hasses, Mauern der Gier, Mauern der Angst, Schutzmauern, Trennungsmauern, Unterwerfung, Manipulation, Begrenzung……ich kann ihnen nicht entfliehen.“


 



 


Die Ausstellung wurde am 12. Februar 2006 im Castle of Good Hope, im Herzen Kapstadts, durch den deutschen Generalkonsul eröffnet. Das Castle of Good Hope ist ein besonderes Mauerbauwerk. Laut Beadeker ist das Kastell das älteste erhaltene Steingebäude Südafrikas. Es wurde 1666-1679 als Gouverneurssitz und zum Schutz der Siedler errichtet. Einem Angriff war die Festung in  Form eines fünfzackigen Sterns jedoch nie ausgesetzt. Nun könnte man sagen, das spricht für die abschreckende Wirkung der Festung, dass ein Angriff nie stattgefunden hat, so wie man das auch von der chinesischen Mauer sagen könnte. Von dem Verteidigungswall Maginot Linie, die Frankreich nach dem 1. Weltkrieg an der Westgrenze gegen Deutschland errichtete, kann man das nicht sagen. Sie führte lediglich dazu, dass der Angriff sich auf einen weniger befestigten Grenzabschnitt richtete bzw. sich auf andere Ziele verlagerte.


So ähnlich mag  es auch in Kapstadt gewesen sein. Das Kastell dient zwar noch immer als Hauptquartier der südafrikanischen Streitkräfte in der Provinz Western Cape und die Zugangskontrollen am Dienstboteneingang sind entsprechend militärisch. Der überwiegende Teil der Gebäude wie des Geländes wird jedoch für museale Zwecke genutzt. Die drei Räume, in denen die Ausstellung WALL TO WALL WALLS stattfindet liegen in einem rückwärtigen Hof nur eine Tür von der ehemaligen Folterkammer entfernt, über deren Verwendung dreisprachige Tafeln Auskunft geben. Man kann auch hineingehen und versuchen zwischen den kahlen, rohen, fensterlosen Mauern des Gewölbes die Schreie der früher hier Gefolterten zu hören. Der Zusammenhang zwischen Mauern, die Schutz geben sollen und der Pervertierung dieses Zwecks wird hier deutlich sichtbar.


 



 


Mit diesem Gefühl nun kann man eintauchen in die Ausstellung von Marion Bartko-McCabe, irgendwann in den Siebzigern geboren in Berlin-Ost und irgendwann in den Jahren nach der Wende ausgewandert nach Südafrika. Sie hat keine Akademie besucht, ist aber deshalb weder Autodidaktin noch Hobbymalerin, sondern eine professionelle Malerin mit eigenem Können und eigenem Anspruch. Von Technik und Komposition her erinnern einige ihrer Bilder an Anton Kokoschka, andere an Georg Baselitz. Der Kern der Ausstellung aber, die Mauerbilder, zeigen eine eigenständige Sprache wie die Fähigkeit sie einzusetzen. Das scheinen auch viele Besucher so gesehen zu haben, die die Gelegenheit nutzten und so viele Bilder zu moderaten Preisen kauften, dass nach kurzer Zeit viele rote Markierungspunkte zu sehen waren.


 



 


Besonderen Zuspruch fand die Installation einer Mauer Hohlblocksteinen, die die Künstlerin im zweiten Raum aufgebaut hatte. Ein halbes Jahr lang hat sie an dieser Mauer gebastelt, in deren Hohlräume sie Bilder eingefügt hat, die sie in den letzten anderthalb Jahren an verschiedenen Plätzen in Südafrika sowie in Israel fotografiert hat. Die Sujets der Fotos beziehen sich auf Mauern und Sicherheitsanlagen, von den prunkvollen Umgrenzungsmauern der Villen von Sandton bei Joahnnesburg bis zu den mit Grafitti besprayten Barrikaden aus Wellblech in den Townships der Cape Flats.


Über diese, ihre Mauer schreibt Marion McCabe: „In einigen meiner Bilder versuche ich die Absurdität mancher Anstrengungen einzufangen, gefängnisähnliche Zäune oder Mauern ästhetischer zu gestalten: zum Beispiel kitschige Sachen wie künstliche Weinranken oder Efeu, die die spitzen Stacheln der Sicherheit verdecken sollen. Andererseits kann man in der bestürzenden Sicherheit einer Rolle Stacheldraht unerwartete Schönheit entdecken. Ob klein oder groß, sichtbar oder unsichtbar, wir alle bauen Mauern, um `Unerwünschtes` abzuhalten, um uns vor unseren Feinden zu schützen oder um nur ein Stück Land als unseres zu kennzeichnen. Regierungen errichten Grenzen und machen uns glauben, dass sei nötig zum Besten unserer Kinder, zum Besten unserer Nation.


 



 


Die Idee zu dieser Arbeit hat seine Wurzeln in meiner eigenen Herkunft: Ich bin jenseits der Mauer in Ost-Berlin groß geworden, bin nach West-Berlin entkommen und in der Zeit nach der Apartheid nach Südafrika gezogen. Hier, wie in Deutschland wurde mir klar, dass man die physischen Mauern, die ein Regime errichtet hat spurlos verschwinden lassen kann, dass die Mauern in den Köpfen der Menschen viel stärker sein können und es viel länger braucht, um sie nieder zu brechen. Diese unsichtbaren Mauern sind aus Angst gebaut: Angst davor, in einer unkontrollierbaren Umgebung zu leben, Angst davor anderen Nachbarn in die Augen zu sehen.“


 


Der Erlös aus dem Verkauf der Mauersteine geht übrigens an ein guten Zweck, das Entwicklungsprojekt Valley Development Project, das von der katholischen Initiative Catholic Welfare and Development Project wie den Norbertinern des nahe gelegenen Klosters in Kommetje unterstützt wird. Das DVP besorgt die Betreuung von Kindern und Jugendlichen der Townships Masiphumelele und Ocean View, nicht unweit der Villensiedlungen der Wohlhabenden in Nordhoek und Kommetje gelegen.


Im Rahmen des Projekts werden missbrauchte und vernachlässigte Kinder betreut und davon gibt es viele in der Township mit Meerblick, aber extremer Armut, Kriminalität und einer hoehn Drogenrate. Auch und insbesondere an den Schulen.


 


Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser auch noch einen Mauerstein haben, den sie kaufen, loswerden oder spenden wollen, beteiligen Sie sich an diesem Projekt. Auch kleine Beträge haben große Wirkung.


Valley Development Project


Registered Non Profit Organisation


06 Flamingo Way


Ocean View


7976


Cape Town


0027-21-7832292


Fax: 0027-21-7832687


vdp@netactive.co.za


Standard Bank, Fish Hoek


Cheque Account No.: 270386939


 


Sincerely yours


BJ Huck