Burkhardt J. Huck

 

"Der Traum von der absoluten Freiheit : Eine Studie zur Theorie und Praxis von Anarchismus und Terrorismus in Leben und Werk Michail Bakunins. "[1]

 

Vorwort

 

Inhaltsübersicht

 

1. Bildungsjahre: Ein russischer Adliger entdeckt die Philosophie des deutschen Idealismus

 

1.1 Biographisches Vorspiel

1.2 Philosophisches Vorspiel

 

1.2.1  Erste Bekanntschaft mit der Philosophie Hegels

1.2.2  Die neue Bestimmung und Bedingung der Philosophie

1.2.3  Die Transzendenz des Bewusstseins und die neuen Möglichkeiten der Philosophie

1.2.4  Philosophie als Persönlichkeitsfindung

 

2. Ein Philosoph wird Politiker

 

2.1 Revolutionäre Theorie - die Philosophie der Negativität

2.2 Revolutionäre Praxis - Bakunin in der demokratischen Bewegung:

 

2.2.1  Lehr­ und Wanderjahre im vorrevolutio­nären Westeuropa

2.2.2  Bakunin als Agent der europäischen Revolution

2.2.3  Die Taufe eines internationalen Revolutionärs: Der Dresdener Aufstand

2.2.4  Modell für Rußland: Die Erziehungs­diktatur zur Selbstverwaltung

 

3. Theorie und Praxis der Weltrevolution : Sozialismus und Anarchismus

 

3.1     Revolution und Anarchie -­ der Traum von der absoluten Freiheit:

3.1.1  Freiheit und revolutionäre Gewalt in der kollektivistischen Revolution

3.1.2  Die Gerechtigkeit der Anarchie

3.1.3  Anarchismus und Terrorismus - Netschajew und die Folgen

 

3.2  Bakunin in der 'Internationalen Arbeiter ­Assoziation’: Ein Machtkampf um die Ideologie und Strategie der Arbeiterbewegung

3.3  Lebensabend eines Revolutionärs

3.4  Ein Nachwort von Iwan Turgenjew

 

Verzeichnis weiterer Literatur

 

 

 

 

Vorwort

 

 

Diese Studie soll in der Form einer intellektuellen Biographie die wesentlichen Zusammenhänge und Grund­züge der Theorie und Praxis von Anarchismus und Ter­rorismus durch die synoptische und soweit möglich chronologische Schilderung der Entwicklungen des Le­bens und Werks Michail Bakunins darstellen.

 

Da sich in der schillernden Gestalt Bakunins die Be­wusstseinsströmung eines ganzen Jahrhunderts zu einer explosiven Mischung trifft kann diese Arbeit, die einen ersten geschlossenen Überblick geben soll, nicht alle Aspekte dieser Entwicklung detailliert erfassen. Diese Aufgabenstellung, die die selbstständige Erfor­schung einiger von der Literatur bisher wenig beach­teter Verbindungen erfordert, die Beherrschung der russischen Sprache und Zugang zu den Archiven in Moskau, Prag und Warschau vorausgesetzt, würde den Rahmen dieser Arbeit ins Uferlose verschieben.

 

Es bleibt deshalb einer größeren Arbeit vorbehalten, die bisher fast gar nicht untersuchte Wirkung Baku­nins auf die weitere Entwicklung der Theorie und Praxis des Sozialismus und vor allem der russischen Revolution zu untersuchen.

 

Bakunin hat erst in den letzten Lebensjahren begonnen sein theoretisches Vermächtnis in einem fragmentarisch gebliebenem, umfangreicherem Werk skizzenhaft zu um­reißen. Bis zu dieser Zeit lässt sich sein Wirken und seine Anschauungen nur aus weit verstreuten Quellen meist in Form von Briefen, Proklamationen, Programmen oder Zeugnissen von Zeitgenossen rekonstruieren.

 

Da in vielen Fällen die Quellen mehr für sich sprechen als nicht belegbare Erörterungen, zitiere ich viel und ausführlich aus den für die jeweiligen Abschnitte aufschlussreichsten Schriften und entsprechenden Dokumen­ten, die die Sekundärliteratur bisher sichten konnte. Zitierungen aus Bakunins Schriften oder Briefen sind kursiv gesetzt.

Die nicht im Text angeführte aber zum Verständnis und zur Einführung in die weitere Thematik berücksichtigte Literatur ist im Anhang verzeichnet.

 

 

Danksagungen

 

Ganz besonders danke ich Herrn Priv.Doz. Dr.Karl G. Bal­lestrem. Er hat mich trotz der längeren Unterbrechung meiner wissenschaftlichen Arbeit in den Kreis seiner Doktoranden und Magistranden aufgenommen und es mir durch die Teilnahme an seinem Oberseminar ermöglicht wieder Anschluss an die wissenschaftliche Arbeit und Diskussion zu finden.

Herrn Prof.Dr. Klaus Ritter danke ich dafür,  dass er mir als freiem Mitarbeiter der Dokumentation der Stiftung Wissenschaft und Politik, 8026 Ebenhausen die Gelegenheit gegeben hat meine Kenntnisse der historischen und gegenwärtigen Situation und Entwicklung Osteuropas und Russlands zu vertiefen.

 

Schließlich sei noch vermerkt dass diese Arbeit ohne die ermunternde Aufmerksamkeit meiner Lebensgefährtin Giséle Schrama wohl kaum zustande gekommen wäre.


1 .  Bildungsjahre: Ein russischer Adliger entdeckt die Philosophie des deutschen Idealismus

 

1 .1  Biographisches Vorspiel:

 

Sechs Wochen nachdem die vereinigten russischen. preußischen und englischen Truppen in Paris einmarschiert waren und das politische Weltbild mit der Thronbestei­gung Ludwig des XIII. wieder ins recht Lot gebracht werden konnte, wurde Michail Alexandrowitsch Bakunin 1814 in Prjamuchino geboren. Prjamuchino war ein Marktfleck von etwa tausend Ein­wohnern. Das einzige fest gemauerte Gebäude, ein einstöckiges, großes Landhaus mit hohen Dach und klassizistischem Säulenaufgang, ist der Erbsitz der Bakunins, dem die meisten der Einwohner als Leibeigene untertan sind. Die nahest liegende Stadt ist der Gouvernementsitz Tver (heute Kalinin) etwa zweihundert Kilometer nördlich von Moskau an der Wolga gelegen.

Alexander Bakunin, Michails Vater, war achtjährig von seinem Vater, der es unter Katharina bis zum Minister gebracht haben soll[2], jedoch in der Verwaltung seines Vermögens wenig Glück hatte, nach Italien ge­schickt worden. Er wuchs dort in der Obhut hochgestellter Verwandter auf und fand später als Attaché an der russischen Botschaft in Florenz Anstellung. Anscheinend promovierte er zu dieser Zeit an der Universität in Padua zum Doktor der Medizin. Etwa um 1805 muß er nach St.Petersburg zurückgekehrt sein und dort vorüber­gehend das Amt eines Staatsrates ausgeübt haben. Erst mit vierzig Jahren entschließt er sich, die wesentlich jüngere Warwara aus der weit verzweigten und einflußrei­chen Familie der Murawjews zu heiraten; mit ihr zieht er sich auf das Gut Prjamuchino zurück.

Der Ehe entsprangen vier Töchter, bevor Michail als der Älteste von fünf Söhnen und somit als Gutserbe zur Welt kam. Der viel gereiste und in der italienischen und französischen Philosophie der Aufklärung unterrichtete Vater erzog seine Kinder zwar streng religiös, jedoch im liberalen westlichen Sinne. Die Revolte der Offiziere des Dekabristenaufstandes von 1825, in die einige Mitglieder der Familie Murawjew aktiv ver­wickelt waren, führte zu einer Änderung des Erziehungs­stils. Neben der harten Reaktion Nikolaus I. hat vor allem die Hinrichtung Sergeij I.Murawjew-Apostol, eines nahen Verwandten seiner Frau Warwara, den bisher eher oppositionell eingestellten Vater wohl etwas vorsichtiger in seiner Haltung und Erziehung gemacht.

 

Bis zu seinem Eintritt in die Artillerieschule der Hauptstadt St.Petersburg im Jahr 1828 wächst Michail in der behüteten Athmosphäre des gebildeten und auf­geklärten Gutshaushaltes auf. Er wird durch Bibelstun­den. französische Konversation und Musikunterricht auf einen längeren Aufenthalt in der adeligen Welt der russischen Gesellschaft vorbereitet.

"Als ich das Vaterhaus verließ, sprach ich einiger­maßen französisch... ich konnte auf deutsch ein paar Sätze sagen und verstand englisch. Kein Wort griechisch oder lateinisch. und von der russischen Grammatik hatte ich nicht den geringsten Begriff...Außerdem hatte ich noch einige ungenaue Kenntnisse der Geographie.. Ich war in Mathematik -Dank einem Onkel -ziemlich stark; in der Algebra stand ich bei den Gleichungen ersten Grades und beherrschte die Planimetrie. Das war mein ganzes wissenschaftliches Gepäck. das ich bei vollen­detem 14.Jahre aus dem Elternhaus mitbrachte".[3]

 

Trotz des ihm widerstrebendem harten Drill und Regle­ment der Artillerieschule hält er es dort bis zum Jahre 1836 aus. Er nutzt die Zeit. um seinen Bildungs­hunger zu stillen und ist mit dem Lesen von Büchern so beschäftigt, dass sein Dienst darunter leidet.

"Der Jüngling, zur Erziehung auf die Petersburger Artillerieschule gegeben. verlor seinen Glauben bei der Schullektüre von Heiligengeschichten und lang­weilte sich, ein angehender Moralist, im St.Peters­burger Gesellschaftsleben. Mit aller Macht strebte er nach dem 'Wesentlichen' ."[4]

 

Das enge Garnisonsleben, dessen er sich nach Litauen strafversetzt erfreuen darf, vermag dem nun erwachendem wissenschaftlichen Ehrgeiz Michail Bakunins kein Be­tätigungsfeld mehr zu vermitteln. Außerdem gerät er durch die Ausschweifungen seiner zumeist adeligen Mit­schüler in immer stärkeren Konflikt mit den durch das Elternhaus überlieferten Moralvorstellungen.

"Auf der Artillerieschule lernte ich plötzlich alles kennen, was das Leben Finsteres. Schmutziges und Hassens­wertes darstellen kann. Und ohne die Laster zu übernehmen, deren Zeuge ich oft war, gewöhnte ich mich auf jeden Fall derart daran, dass sie mir keinen Ekel und nicht einmal mehr Erstaunen mehr verursachten. Ich gewöhnte mich sogar daran zu lügen...Während der Jahre meines Studiums habe ich fast nicht getan. und ich arbeitete immer erst die letzten drei Monate des Jahres, um das Examen bestehen zu können "[5], berichtet er später seinem Vater.

 

Wegen Vernachlässigung seines Dienstes muss er ohnehin um Entlassung bitten und kehrt ins Elternhaus zurück. Dem Vater kam die Rückkehr des gescheiterten Sohnes äußerst ungelegen, da Michail noch dazu in geradezu tyrannischer Weise seinen Einfluss auf die Geschwister weiter auszuüben versuchte. Auch Michails Absichten seine Laufbahn als Offizier in Tver, ganz in der Nähe von Prjamuchino fortzusetzen, stößt auf Widerstand[6]. Peter Scheiberts Einschätzung der Bedeutung, die die Trennung von der Familie für Michail Bakunin hatte, klingt zwar in ihrer Pauschalisierung etwas übertrieben, trifft aber vor allem im Hinblick auf seine späteren Vorstellungen und Bemühungen eine internationale Fa­milie zu gründen Wesentliches:

"Die Familie umfing ihn und hielt ihn immer wieder fest; einmal aus ihr entlas­sen, konnte der zur Gründung einer eigenen Familie Unfähige nie zu einer neuen Bindung zurückfinden. Man hat Bakunins geistige Entwicklung aus dem Ödipus­komplex erklären wollen; bei aller Oberspitzung dieser Betrachtungsweise trifft diese wesentliches seiner Persönlichkeit. Der dumpfe, immer von halb echten, halb verspielten Versöhnungen verschleierte Haß auf den Vater stimmt zusammen mit dem beständigen Drang, die Schwestern vollständig zu beherrschen[7]."

 

1.2  Philosophisches Vorspiel :

 

"Gelernt hat jeder von uns allen

sein Pröbchen, minder oder mehr.

drum ist durch Bildung aufzufallen

bei uns, Gottlob, nicht eben schwer.“[8]

 

Michail Bakunin entschließt sich, nach Moskau zu ziehen. Nach kurzer Zeit findet er Anschluß an einen jener philosophisch-literarischen Zirkel, deren Einfluß die geistige Entwicklung Russlands im 19. Jahrhundert so besonders geprägt hat. Der Kreis um Nikolaj V. Stankevic fand seinen Zusammenhalt durch das gemeinsame Interesse seiner Mitglieder für die deutsche Literatur und Philoso­phie. Die junge Moskauer Universität war eben dabei der Universität der Hauptstadt. St. Petersburg als intellektuelles Zentrum des jungen Russland den Rang streitig zu machen. In der Mitgliederliste des Stankevic-Zirkels stehen viele später berühmt gewordene Namen: Der Litera­turkritiker Belinskij, der Historiker Granovskij, der Journalist Katkov, die Slawophilen Aksakov und Samarin. der Erzähler Turgenjev und vor allem Alexander Herzen und Nikolaj Ogarjev. In diesem erlauchten Kreis hat Michail nicht nur eifrige Mitschüler sondern auch einen großen Freundeskreis, der ihn auch in seinen späteren Lebensjahren begleiten und unterstützen wird.[9] Unter Anleitung von Stankevic studiert der Kreis die damals moderne deutsche Philosophie. Von Kant lernt Bakunin die "Kritik der Urteilskraft" kennen, von Fichte die "Anleitung zum seligen Leben" und "Die Bestimmung des Gelehrten", die er auch auszugsweise übersetzt und in Professor Nadeshdin's Zeitschrift "Telescope" veröffentlicht. Obwohl Fichte das starke religiöse und mysthische Bedürfnis Bakunins zeitweise bis zum äußersten steigerte, finden dessen Werke ebensowenig wie die von Kant in Bakunins späteren Schriften keine weitere direkte Würdigung.

 

1.2.1 Erste Bekanntschaft mit der Philosophie Hegels :

 

In einem Vorwort zu Hegels Nürnberger „Gymnasial­reden“, die Bakunin 1838 übersetzt und in den „Vater­ländischen Annalen“ veröffentlicht, fasst er die Ergeb­nisse seiner ersten Studienzeit zusammen[10]. Angesichts des Hegelschen Systems, das „das lange Ringen der Vernunft um die Wirklichkeit krönt[11]“, bezichtigt er „die subjektiven Systeme Kants und Fichtes der Zerstörung aller Objektivität, aller Wirklichkeit und der Versenkung des abstrakten, leeren Ich in empfind­same, egoistische Selbstbetrachtung, der Zerstörung aller Liebe und folglich auch jeden Lebens und jeder Glückseelig­keit, weil Liebe eben nur dort ist, wo zwei einander äußerliche Gegenstände in Einem vereinigt werden durch das Verstehen, ohne daß sie aufhören unterschieden zu sein, aber nicht dort, wo, der eine vom anderem absieht  und sich in Selbstanschauungen versenkt.[12]“.

 

Bakunin erwartet von der Philosophie, daß sie aus dem Menschen „ein nützliches und zwar ein in der Tat nütz­liches Glied der Gesellschaft macht.[13]Im Hegelschen Sinne definiert er als das Ereignis, das der Philosophie diese neue Aufgabe einbrachte, die Erschütterung der Autorität des Papsttums durch die Reformation, die damit „auch jede Autorität erschütterte und den Anlaß gab zu unbegrenzten Forschungen in alle Sphären des Lebens. Hierher gehört die Wiedergeburt der empirischen Wissenschaften und der Philosophie[14]“.

Der Zweifel und das nun durch die Anwesenheit des Er­kennenden notwendig bedingte Wissen sind die Grund­bedingungen der durch die Reformation befreiten Vernunft. Der Mensch verlor nun vorerst auch die Anschauung des Un­endlichen und „versunken in die endliche Anschauung der endlichen Welt fand er und konnte er keine andere Stütze finden außer sein Ich, das abstrakt und gespenstisch ist, wenn es sich in Feindschaft mit der Wirklichkeit befindet[15].

Nur die Philosophie, die das Ich in neue Beziehung zu Unendlichkeit und Wirklichkeit zu setzen vermag, kann dem denkenden endlichen Ich auch eine aktive Rolle zuweisen. Dazu muss sie die Erschütterung der Reformation, die zu den zwei konkurrierenden Lagern von Empirismus und subjektiver Identitätsphilosophie geführt hat, vollenden und das in seiner einseitigen Identität oder materialistischer Endlichkeit befangene Subjekt zum wirklichen vernünftigen Wesen machen, das fähig ist, „das Absolute, das Unbedingte zu begreifen[16]“. Das Wissen des Absoluten ist die Voraussetzung der Erkenntnis der vernünftigen Wirklichkeit. „Was wirklich ist. das ist vernünftig; und was vernünftig ist, das ist wirklich. Das ist die Grundlage der Philo­sophie Hegels[17] von der aus Bakunin mit Vehemenz mit der bisherigen russischen Erziehung im Geiste der französischen Aufklärung abrechnet:

„Statt in ihm ein tiefes ästhetisches Gefühl zu bilden, das den Menschen von allen gemeinen, unklaren Seiten des Lebens rettet, füllt sie es an mit leeren, sinnlosen französischen Phrasen, welche die Seele im Keim töten und verdrängt aus ihr alles, was in ihr an Heiligem und Schö­nem existiert...Ist es verwunderlich, dass eine Erzie­hung dieser Art nicht einen kräftigen und wirklichen russischen Menschen bildet, der Zar und Vaterland hingege­ben ist. sondern so irgend etwas Durchschnittliches. Farb­loses und Charakterloses?[18]“.

Die sofort zur neuen Religion erhobene Philosophie Hegels gibt Bakunin nicht nur Antwort auf „alle Fragen seines eigenen Lebens - sogar der Frage, wie er sich einem wach­gewordenem Gefüh1 der Liebe gegenüber verhalten soll[19], sondern auch auf die Fragen der russischen Wirklichkeit.

Für die in Moskau neugewonnene Unabhängigkeit ist bezeich­nend, daß das Problem der Freiheit, das er später so radi­kal zu lösen versucht, keinerlei Erwähnung findet, noch dazu zu einem Zeitpunkt, an dem die russische Regierung das „Telescope“ verbot und seinen Redakteur, Professor Nadeshdin, verbannte. Wissarion G. Belinskij,  einer der engsten Freunde Bakunins aus dem Stankevic-Zirkel,  dem Bakunin während eines Sommeraufenthaltes in seinem Elternhaus in Prjamuchino, das ihm nun wieder offenstand, diese neue Versöhnung mit der Wirklichkeit offenbarte, schildert die Wirkung in einem späteren Brief an Bakunin folgendermaßen:
„Ich blicke auf die zuvor von mir so verachtete Wirklichkeit und zittere in geheimnisvollem Entzücken, da ich ihre Vernünftigkeit anerkenne und sehe, daß man aus ihr nichts fortnehmen und nichts in ihr schmähen und ablehnen darf...Wirklichkeit! wiederhole ich oft beim Aufstehen und beim Schlafengehen; bei Tag und bei Nacht - und die Wirklichkeit umgibt mich; ich fühle sie überall und in allem.[20]“.

 

1.2.2 Die neue Bestimmung und Bedingung der Philosophie :

 

In den folgenden beiden Jahren eignet sich Bakunin Hegels "Enzyklopädie" und "Die Philosophie des Geistes" an.

In zwei Abhandlungen "Über die Philosophie[21]" kenn­zeichnet er welche neue Bestimmung die Philosophie hat und wie diese Bestimmung erfüllt werden kann:
 "Die Sache der Philosophie ist ebensowenig das abstrakt Endliche wie das nicht abstrakt Unendliche, sondern die konkrete untrennbare Einheit des einen und des anderen: die wirk­liche Wahrheit und die wahre Wirklichkeit.  Also ist die Philosophie Erkenntnis der Wahrheit.[22]“.

In Abgrenzung gegenüber den in seinen Einzeldisziplinen befangenen Empirismus wird Wahrheit als die „absolute d.h. die eine notwendige allgemeine und menschliche Wahr­heit begriffen. die sich in der Mannigfaltigkeit und Endlichkeit der wirklichen Welt verwirklicht. Philosophie ist also das Wissen der absoluten Wahrheit.[23]“.

Bakunin betont dabei, daß abstrakte Formeln, die sich nicht ins Leben zurück vermitteln lassen, diesem Wissensbegriff nicht entsprechen:  „Die Gegenwart hat  - Gott sei Dank ­-  begriffen, daß nur lebendiges Wissen wahr und wirklich ist, daß das Leben jene unermessliche, ewig sprudelnde Quelle ist, die ihr ihren unendlichen, einzig würdigen Inhalt gibt.[24]“.

 

Philosophisches Wissen unterscheidet sich vom Wissen von den Tatsachen und Einzelgesetzen des Empirismus, die stets den Bedingungen von Raum und Zeit unterworfen sind, gerade durch seine Fähigkeit „bis zum wahren all­gemeinen und einen Ursprung aufzusteigen...und Notwendigkeit der Entwicklung und Verwirklichung dieses Prinzips in der Mannigfaltigkeit der Welt aufzuzeigen.[25]“. Der Charakter der Notwendigkeit und der Allgemeinheit kann also nur einem Wissen eigen sein, das keinen Bedingungen unterliegt, die Gesetze apriori erkennt und in dem die Entwicklung der Idee als notwendige zugleich auch ihr Beweis sein muß.

Bakunin kritisiert dem Totalitätsanspruch des Hegelschen Philosophiebegriffs entsprechend die Unfähigkeit des Empirismus, seine Ergebnisse, die er durch die Abstraktion von den Tatsachen erhalten hat, aus seiner eigenen Abstraktion entstanden zu sehen - das Erkennen selbst also zum Gegenstand seiner Untersuchungen zu machen. Er ver­traut zwar ebenso wie das natürliche Bewusstsein auf das Dasein der Idee in der Wirklichkeit, vermag jedoch nicht „das Geheimnis ihrer Realisation aufzuzeigen.[26]. Das bleibt trotz des gemeinsamen Vertrauens als der Vermittlung zwischen Empirismus und Philosophie, der zur mysthischen Relativitätstheorie verwandelten Philosophie Hegels vor­behalten.

Bakunin führt Hegels spekulative Logik, mit Hilfe derer er später wie Karl Marx die Verwandlung vollenden wird, hier als treffliches Beispiel dafür an, wie sich aus ursprünglich empirischem Material durch die Kategorien ein einziges organisches und notwendiges System zusammen­schließen lässt, „in dem, von der Idee bis zum konkreten Sein alle Kategorien in notwendiger, immanenter Ordnung entwickelt werden.“

 

1.2.3 Die Transzendenz des Bewusstseins und die neuen Möglichkeiten der Philosophie :

 

Die Möglichkeit der Philosophie, als apriorisches Wissen in seiner Entwicklung alle Gesetze zu umfassen,

erklärt Bakunin in der zweiten Abhandlung „Über die Philosophie[27] getreu der „Phänomenologie des Geistes“ aus der selbständigen  und notwendigen Entwicklung des Bewusstseins, das durch den Widerspruch zwischen Wesent­lichkeit und Leere der inneren Welt an seine eigene Grenze gelangt. Durch die Selbstverneinung auf der höch­sten Stufe seiner Entwicklung überschreite es die ihm ge­setzte Grenze und erhebt sich durch die eigene dialektische Bewegung zur „Vernunft und negiert sich in ihr als der Sphäre der absoluten, wahren Erkenntnis[28].“

Das Verstandesbewusstsein, dem die durch die eigene Tätig­keit erkannten Gesetze zuerst als Fremdes gegenüber stehen, wird sie als seine eigenen Gedanken und Mannigfaltigkeiten erkennend, zum Selbstbewusstsein.
„Aber wei1 gerade die innere Welt seine eigene, unendliche Allgemeinheit, die Mannigfaltigkeit aber der Gesetze die Mannigfaltigkeit seiner eigenen Gedanken ist, so bezieht sich das Verstan­desbewusstsein im Bezug zur inneren Welt der Gesetze auf sich selbst und wird Selbstbewusstsein, selbstbewusstes Subjekt.[29]“.

Das einzelne Selbstbewusstsein, das sich „nur an sich, nicht für sich, der Möglichkeit nach, aber nicht der Wirklichkeit nach[30], als beschränkt wahr und vernünftig erweist, ist nur abstrakt. Seine Vernünftig­keit, die ihm wesentlich durch seine Gattung gegeben ist, erweist sich als die eines Kindes. Da diese Vernünftig­keit aber ihre eigene Entwicklung in sich trägt, schränkt die Notwendigkeit die Freiheit des abstrakten Subjekts nicht ein, sondern erweitert sie, weil es sich im Wesent­lichen getroffen weiß. „Daher ist der menschliche Geist als in seiner Einzelheit allgemeiner seinem Wesen nach ebenso frei und ebenso unbegrenzt wie die allgemeine notwendige Wahrheit [31]“. Dadurch ist der Philosophie die Möglichkeit gegeben das Wissen der Wahrheit zu sein, die als absolute sich „als einheitliche notwendige all­gemeine und unendliche Wahrheit in der Mannigfaltigkeit und Endlichkeit der wirklichen Welt verwirklicht[32]“.

 

Der Widerspruch zwischen der göttlichen Innerlichkeit und der endlichen menschlichen Realität wird jedoch als Leiden erfahren und auch die Auflösung des Wider­spruchs  bedeutet Leiden:
„Das Leiden ist die notwendige Bedingung der menschlichen Entwicklung, die ihn in den grenzenlosen und wolkenlosen Himmel des freien und ewigen Gedankens erheben wird[33]“. Bakunin verdeut­licht diese leidensvolle Himmelfahrt durch die Bewegung, mit der sich das abstrakte, aber göttlich vereinzelte Selbstbewusstsein aus dem Widerspruch zu befreien versucht. Die Bewegung führt zu einen Kampf, in dem die zur Ver­wirklichung ihrer inneren, abstrakten Freiheiten angetretenen Subjekte „Schritt für Schritt ihre lebendigen Indi­vidualitäten verneinen müssen, in dem sie sie voneinander abtrennen und als einzelne und unwahre sich der Wahrheit des Selbstbewusstseins unterwerfen; zu einem Kampf, der am Ende gekrönt wird durch die gegenseitige Anerkennung der einzelnen Subjekte in der allgemeinen Sphäre des allgemeinen vernünftigen Selbstbewusstseins, d.h. eines solchen, in dem das eine freie und selbständige Subjekt nicht beschränkt wird durch das andere, ihm entgegen­gesetzte, sondern in ihm sich fortsetzt, findet und erkennt[34]

 

Im sich als vernünftig offenbar gewordenem Selbstbewusst­sein, ist das eine sich im anderen bewusst; dadurch ge­langt es zum Wissen seiner Selbständigkeit.           Die innige Beziehung, in die die vereinten Selbständigkeiten zum Schluß des phänomenologischen Bewußtseinsprozeß getreten sind, belegt Bakunin durch ein Zitat aus Rosenkranz „Psychologie“:
 „Die Identität des Subjekts und Objekts ist die Form jedes geistigen Bewusstseins. Das eine Selbstbewusstsein ist für die anderen dasselbe, was sie für es sind. ... Eines strahlt das andere in sich zurück, spiegelt wiederum sich im anderen. Liebe, Freundschaft, Patriotismus, Glaube, Familie, Staat und alle geistigen Organismen überhaupt ebenso wie auch alle Tugenden haben als Grund­lage diese Einheit des Selbstbewusstseins mit sich und Anderen. Ich ist Wir.[35]
Die Vernunft, die sich in ihrer unendlichen Freiheit und Wahrheit aus solcher neuen Identität und zur Verwirklichung des allgemeinen gott­gleichen Gattungswesen drängt, hebt das Leiden auf. Gegenüber solchen Fortschritten erscheinen die Leiden der Entwicklung als geringfügiges Opfer. Das Gros der Feinde, die seiner Hegelexegese nicht folgen wollen, rech­net Bakunin zur Kategorie derer, „die so arm von Natur aus und durch ihre Neigungen sind, dass sie nicht imstande sind, den Widerspruch zwischen ihrer unendlichen Innerlichkeit und ihrer endlichen Äußerlichkeit zu empfinden und immer ein Stück Beefsteak als etwas absolut Wirkliches vorziehen werden, der Idee, die für sie immer ein Gespenst bleiben wird. ...Deshalb gehört die Antwort auf ihre Einwände mehr in die anthropologische Physiologie[36]“.

 

1.2.4  Philosophie als Persönlichkeitsfindung - Bakunin als Student an der Berliner Universität :

 

Eine dritte Abhandlung über den Nutzen solcher Philosophie, die er dem Leser vorankündigt, kommt nicht zur Veröffent­lichung. Bakunin entschließt sich, auf den Spuren seines Mentors Stankevic nach Berlin zu ziehen.

Als der Vater ihm jeden Unterhalt verweigert, wendet er sich an Alexander Herzen, mit dem er sich, trotz aller Unter­schiedlichkeit der Anschauungen, nach der Trennung von Belinskij befreundet hat. Herzen, illegitimer Sprössling des Grafen Jakovlev, hatte sich, vor die Alternative gestellt, das gutsherrliche Leben der Jagden und Saufe­reien seines Vaterhauses zu ertragen oder sich in Moskau mit der Literatur zu beschäftigen, für letzteres ent­schieden und war erst vor kurzer Zeit zum Kreis um Stankevic gestoßen. Ursprünglich von Saint-Simon ge­prägt, war er durch die Bekanntschaft mit der Hegel­kritik von A. v. Ciszkovski zum kritischen Hegelianer geworden, der, wie viele seiner Generation die Antwort des Meisters auf ihre Fragen nach „der Geschichte der Zukunft und der Selbstbehauptung in ihr[37] erhoffte.

Herzen borgt Bakunin die erbetenen fünftausend Rubel für seine Pilgerfahrt nach Berlin, dem Mekka der neuen Lehre. Kurz nach Anlegen des Schiffes in Hamburg erreicht ihn die Nachricht vom Tode Stankevic in den Armen seiner Schwester Warwara[38]. Er befreundet sich mit Turgenjev, der schon längere Zeit im Ausland und seit zwei Jahren in Berlin lebt. Er war mit Stankevic zusammen aufgewachsen und hatte ihn auch auf seiner Europareise begleitet. Bakunins Ankunft kurz nach dem Tode seines Freundes war für ihn deshalb doppelt bedeutsam[39].

Auf dem Divan liegend führen sie tagelange Gespräche über ihre gemein­same Geliebte, die Hegelsche Metaphysik; wie ihr Vorbild Stankevic, lassen sie sich von Karl-Friedrich Werder, einer eher unauffälligen Gestalt der jungen Professorenschaft, die die Nachfolge des Meisters in der Lehrverkündigung angetreten hatte[40], in die letzten Geheimnisse dessen Philosophie einführen.

Auch im Salon des liberalen preußischen Staatsrates Varnhagen von Ense, der als Diplomat am Wiener Kongreß teilgenommen hatte, finden die Freunde herzliche Auf­nahme und lernen die führenden Vertreter Jungdeutschlands und der deutschen Literatur und Kunst kennen[41]. Nach dem Regierungsantritt Friedrich-Wilhelm IV. hatte sich das politische Klima der Hauptstadt der jungen Großmacht so verändert, daß Arnold Ruge sogar die vom König verordnete Revolution erwartete[42]. Doch schon im Mai 1841 hat sich der preußische Himmel wieder bewölkt. Nach Turgenjevs Abreise gerät Bakunin in den Bannkreis Arnold Ruges, der sich nach konservativen Anfängen zu einer der herausragenden Persönlichkeiten der Linkshegelianer gewandelt und maßgeblich zur Verschärfung „des geistigen Bürgerkrieges [43]“ mit den Rechtshegelianern beigetragen hat. Die ‚Deutschen Jahrbücher’, die Ruge nach dem Verbot seiner ‚Hallischen Jahrbücher’ und dem Verlust seiner Professur im sächsischen Dresden heraus­gibt, werden bald zum radikal Sprachrohr der Linkshegeli­aner.

Bakunin wird in Dresden, wo sich auch seine ältere Schwester Warwara und sein jüngerer Bruder Paul vorübergehend auf­halten, mit Ruge bekannt. Diese erste Begegnung bleibt vorerst durch    die persönlichen Probleme Bakunins ohne Be­deutung, denn seit Tugenjevs Abreise ist die Finanzierung seines Aufenthalts völlig ungesichert. Zudem weigert sich auch der Vater, Alexander Bakunin, den Deutschlandaufent­halt der Geschwister zu finanzieren und fordert ihre so­fortige Rückkehr. Warwara und Paul folgen dem Befehl des Vaters; Michail bleibt zum erstenmal allein und ganz auf sich gestellt zurück und reist wieder nach Berlin. Im Winter 1841 scheint er dort endlich an das Ziel seiner Wallfahrt zu den Quellen preußischer Bildung gelangt zu sein. „Das Wesen des Christentums“ von Ludwig Feuerbach und „Das Leben Jesu“ von David F. Strauß stehen Pate zu Bakunins Wiedergeburt - der Entdeckung seiner Persön­lichkeit :
Menschwerden, das ist der höchste Beruf des Menschen; seinen Genius, den in seiner Persönlichkeit vor aller Ewigkeit gewordenen Gott zum bewußten Inhalte seines Lebens zu machen - das ist die einzige Aufgabe des Lebens, - alles Große, Geheimnisvolle und Heilige liegt in der undurchdringlichen und einfachen Eigentümlichkeit, die wir Persönlichkeit nennen; das Allgemeine, abstraktfür sich genommene, bleibt doch immer seicht, flach und tot; nur der persönlich geoffenbarte Gott, nur die un­sterbliche und vom Geist Gottes verklärte Einzelheit und Eigentümlichkeit des persönlichen Menschen - ist lebendige Wahrheit und die Verwirklichung dieser Wahrheit ist einzig und allein die Liebe[44]“.

Doch die Offenbarung solcher Persönlichkeit unterliegt denselben Prämissen, denen auch die Geburt des allgemeinen vernünftigen Selbstbewußtseins unterworfen ist. Die Philosophie des Leidens als Notwendigkeit der Entwicklung wird überhöht und trifft sich mit dem Kreuz der Erlösung. Als Höhepunkt des Leidens erscheint der Tod als negativer Katalysator der schöpferischen Zerstörung, die die Individualität aus ihrer sinnlichen Vereinzeltheit in die feste Burg wahrer Persönlichkeit führt.
„Die Individualität muß vergehen, verschwinden, um zu einer Persönlichkeit zu werden, nicht aber zu einer Persönlichkeit überhaupt, sondern zu dieser individuellen Persönlichkeit ...Die Selbstnegation ist das allgemeine und höchste Gesetz jedes Geisteslebens ...Der Geist hat nur das, was er weggibt. Und der Tod, diese vollständige Zerstörung der Individuali­tät, ist die höchste Erfahrung dieses Geheimnisses und darum die höchste Erfüllung der Persönlichkeit. Deshalb ist der Tod in seiner positiven Bedeutung in den höchsten, seligsten Momenten des Lebens anwesend.[45]

 

 

2. Ein Philosoph wird Politiker

 

2.1 Revolutionäre Theorie: Die Philosophie der Negativität

 

„Unsere Zeit ist die Zeit der Revolution. Nicht ‚unter anderm’, sondern wesentlich. Hier kann der Punkt aus­gemacht werden, um den sich alles Denken der revolu­tionären Intellektuellen zwei Jahrhunderte lang bewegte, ein Drehpunkt, an dem Enthusiasmus als auch Verblendung zustande kamen. ‚Fusionspunkt’ zwischen wissenschaftlicher Theorie und der Bewegung der Volksrevolutionen. Punkt der Konfusionen zwischen Ansprüchen des Theore­tikers und Forderungen des kleinen Chefs als Menschen­führers. Diese um zwei Jahrhunderte gealterte Ent­deckung vergeht nur auf kaum merkliche Weise, denn sie konnte noch einmal als etwas ‚Unerhörtes’ entdeckt werden[46]“.

 

Im übrigen aber heilte mich Deutschland selbst von der philosophischen Krankheit, an der es litt; als ich mit den methaphysischen Fragen näher vertraut wurde, über­zeugte ich mich ziemlich rasch von der Nichtigkeit und Eitelkeit der ganzen Methaphysik: ich suchte Leben in ihr, aber sie ist langweilig, wirkt tödlich; ich suchte Taten, sie aber ist die absolute Untätigkeit. Ich gab die Philosophie preis und ergab mich der Politik[47]“.

 

Bakunin verlässt die preußische Hauptstadt und zieht zu Arnold Ruge nach Dresden. Ruge schreibt später, daß sie sich sofort über die Notwendigkeit der bevorstehenden Revolution verständigt hätten[48]. Wenige Monate später erscheint in seinen Jahrbüchern, in Anlehnung an seine eigene Schrift „Die Reaktion in Preußen“, als Fragment eines Franzosen mit Jules Elysard gezeichnet, ein Artikel mit dem Titel „Die Reaktion in Deutschland[49]“.

Die Begegnung mit Ruge, der als Burschenschaftler verur­teilt von 1824 bis 1830 in Colberg hinter Festungsmauern saß, und vor allem mit dem radikalen Dichter Georg Herwegh, der auf der Flucht vor der Polizei bei Ruge Unterschlupf gefunden hatte, mag mit zu dem radikalen Kurzschluß beige­tragen haben, den Bakunin nun zwischen Politik und Philo­sophie verursacht.

Das Pseudonym Jules Elysard. hinter dem sich Bakunin verbirgt, kennzeichnet bereits die Richtung der Verän­derung. Die Französische Revolution, die er wegen ihrer „rasenden und blutigen Szenen[50]“ bisher nur ver­urteilte, rückt nun in den Mittelpunkt seines Interesses : „Freiheit, Realisierung der Freiheit - wer kann es leug­nen, daß dies Wort jetzt obenan steht auf der Tagesord­nung der Geschichte?[51]“ Dem Gegner seiner Kampfschrift, der reaktionären Partei ,„welche in der Politik: Konservativismus, in der Rechtswissenschaft: Historische Schule und in der spekulativen Wissenschaft: Positive Philosophie heißt[52]rechnet Bakunin vor, daß der Weltgeist, „der wackere Maulwurf, der sich in der Französischen Revolution unter den geheimnis­vollen Worten Liberté, Égalite und Fraternité zur gänz­lichen Vernichtung der politischen und sozialen Welt for­miert hat[53], trotz aller Reaktion „erstarkt, jetzt die Erdrinde aufstoßen wird, daß sie zusammen fällt.“

 

Den logischen Nachweis, „daß der Gegensatz der Freiheit und Unfreiheit sich in unserer Gegenwart zur letzten und höchsten Spitze getrieben hat[54]“ und notwendig zu einer neuen Synthese führen muß, erbringt er mit dem ‚Algebra der Revolution’ (Herzen), der Hegelschen Dia­lektik. Wenn sich Bakunin im Rahmen seiner Fragestellung auf die subtile Dialektik des Logik-Kapitels[55] einlässt, so besteht kein Zweifel, daß er den Reflexionscharakter der Kategorie des Gegensatzes völlig unbeachtet läßt und stattdessen ein gleichsam dualistisches Prinzip daraus macht, indem er außerdem davon behauptet, daß es das ganze Hegelsche System als einer der ‚Hauptknotenpunkte’[56] beherrsche[57].

Angeregt von der Gemeinsamkeit. die dem Verhältnis von  - A und + A als A zugrunde liegt, konstruiert Bakunin das Negative zur Gemeinsamkeit, die sowohl Positivem als Negativem inne ist.­ Da beide so nur aus ihrer Negation leben, wird die Negation ihrer Beziehung das Negative als ihre Gemein­samkeit in völlig neue Wirklichkeit setzen. Die Auflösung des Gegensatzes zwischen reaktionärer und demokratischer Partei, die die Freiheit als Prinzip der Möglichkeit nach in der schlechten Existenz des Ne­gativen in sich trägt. wird „nicht nur eine besondere konstitutionelle oder politische-ökonomische Veränderung sein, sondern eine totale Umwandlung desjenigen Weltzu­standes und wird ein in der Geschichte noch nie dagewe­senes ursprüngliches neues Leben verkünden[58]“.

Doch nicht nur der Reflektionscharakter der Kategorien bleibt so also unberücksichtigt, sondern auch Hegels strikter Verweis auf die völlige Verschränktheit seines Modells, in dem „der Gegensatz und sein Widerspruch daher im Grunde so sehr aufgehoben wie erhalten ist[59]“. Bei Bakunin bedeutet der qualitative Sprung, durch den das Negative zum selbständigen Prinzip umschlägt „den Tod dieses bestimmten Organismus ...den Übergang der Natur in eine qualitativ neue Welt[60]“. Bakunin läßt keinen Zweifel daran, daß der „autonome Geist“ die Zeitenwende im Fortschritt der Menschheit im Bewusstsein der Freiheit in Kürze vollenden wird: “Andererseits aber regen sich Erscheinungen um uns her, welche uns verkündigen, daß der Geist, dieser alte Maulwurf, sein unterirdisches Werk bereits vollbracht hat und daß er bald wieder erschei­nen wird, um sein Gericht zu halten[61]".

 

Das Prinzip der Demokratie, „die sich in Freiheit reali­sierende Gleichheit der Menschen“, das durch die Französische Revolution zu seinem politischen und sozialen Bewußtsein und durch die Philosophie von Kant, Fichte,  Schelling und Hegel zum Bewußtsein wahrer Religion gelangt ist, findet sein Subjekt in der Geschichte:

Das Volk, - die arme Klasse, welche ja ohne Zweifel die größte Mehrzahl der Menschheit bildet,  - die Klasse, deren Rechte man schon theoretisch anerkannt hat, die aber bis jetzt noch durch ihre Geburt, durch ihre Verhältnisse zur Besitzlosigkeit und zur Unwissenheit, somit aber auch zur faktischen Sklaverei verurteilt ist, - diese Klasse, welche das eigentliche Volk bildet, nimmt über­all eine drohende Stellung an und beginnt die im Verhältnisse zu ihr schwachen Reihen ­ihrer Feinde zu zählen und die wirkliche Vollführung ihrer ihr von allen schon zugestandenen Rechte zu fordern„ .

 

Gegenüber der Wiedergeburt durch diese "große Kommunion mit der ganzen Menschheit "erscheint das Leid als geringfügiges Opfer für unendlichen Fortschritt. Der Tod des individuellen Lebens als großer Transformator in das freie und wahre Reich des Geistes, findet sein kollektives Ebenbild in dem gesellschaftlichen Tod, den Revolutionen und Kriege für den sozialen und politischen Körper bedeuten. Bakunins dualistisches Modell duldet keine Vermittlungen. Er rechnet den Friedliebenden die internationalen Kriege und Verwicklungen der letzten Jahre vor ihre erfolg­reichen Bemühungen zur Lösung der internationalen Konflikt­situation erscheinen ihm angesichts des bipolaren Gegensatzes kläglich: „Friede sagen sie - ja was man nun so Friede nennt!“.

Der soziale Konflikt beginnt die Welt in unversöhnliche ideologische Lager zu spalten. Durch Napoleon „diesen vermeintlichen Bezähmer des Demokratismus, wurden die nivellierenden Prinzipien desselben in ganz Europa mit siegreicher Hand verbreitet“. Der revolutionäre Geist, der bekannte Maulwurf, hat sich „unter der Erde durch den ganzen Kontinent gegraben“. In Russland, England und Frankreich wird der Ausbruch des Konflikts erwartet.  Der provokative Schlusssatz  - „Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust!“ - muß in diesem Zusammenhang als offene Kriegserklärung gelten, denn er lässt keinen Zweifel daran, daß Bakunin sich an diesem Konflikt in diesem Sinne aktiv beteiligen würde.

 

2.2 Revolutionäre Praxis: Bakunin in der demokratischen Bewegung 1843-1862

 

2.2.1 Lehr­ und Wanderjahre im vorrevolutionären Westeuropa

 

Das in philosophische Sprache verpackte revolutionäre Szenario hatte zwar unbeanstandet die Zensur passiert, erregte dann jedoch beträchtliches Aufsehen und fand in kurzer Zeit auch Verbreitung in Russland[62]. Arnold Ruge begann um die Sicherheit von Bakunin und Herwegh zu fürchten, die nun ihre radikale Überzeugung in aller Öffentlichkeit äußerten und Gefahr liefen, die allgegenwärtigen Polizeispitzel auf sich aufmerksam zu machen. „Ja er pflegte ganz offen auf der Dresdener Promenade, wenn wir uns abends trennten, da, wo, wie er zu sagen pflegte: ‚Russland anfing und Deutschland aufhörte’, mir den auf­ Refrain aus den ‚Hugenotten’ vorzusingen:

„Er nahm den Säbel in die Rechte

Und eilte mutig zum Gefechte;

Es lebe der Vater Coligny!“[63]

 

Herweghs Gedichte dieser Zeit propagieren offenen Haß gegen die Herrschenden:  „Und wo es noch Tyrannen gibt, die lasst uns keck erfassen! Wir haben lang genug geliebt und wollen endlich hassen.“[64] Die russische Gesandtschaft, die bereits Bakunins ersten Dresdener Aufenthalt aufmerksam registriert hatte, konnte sehr bald die Identität des anonymen Verfassers der „Reaktion in Deutschland“ feststellen. Bakunin erfährt, daß man in der Gesandtschaft „von meiner unvermeidlichen Rückbeorderung nach Russland sprach. Aber die Rückkehr nach Russland erschien mir der Tod! In Westeuropa hatte sich mir ein unendlicher Horizont eröffnet, ich spürte Leben, Wunder, weiten Spielraum“[65].

Im Januar 1843, kurz vor dem Verbot der ‚Deutschen Jahr­bücher’, reisen Bakunin und Herwegh von Ruge finanziell unterstützt über Karlsruhe und Straßburg nach Zürich. Herwegh gerät dort aus unbekannten Gründen in den Streit zwischen Demokraten und Konservativen. Der Staatsrat und Staatsrechtlehrer Bluntschli und Führer der konservativen Partei, veranlasst die Ausweisung Herweghs aus Zürich. Bakunin findet Anschluß an das Ehepaar Pescatini, das er noch in Dresden kennen gelernt hatte und verbringt den Sommer auf dessen Landsitz in Nyon am Genfer See[66]. Die romanische Schweiz bringt ihn in ersten Kontakt mit der französischen Kultur. In einem Brief von der Peter­insel im Bieler See, auf der auch Rousseau einst philoso­phierte, beschwört er die Leser der ‚Deutsch-französischen Jahrbücher’, die Ruge inzwischen mit Marx in Paris heraus­gibt, sich mit der französischen Philosophie auseinander­zusetzen.
„Jetzt sind die Franzosen noch unsere Lehrer.
Sie haben in politischer Hinsicht einen Vorsprung von Jahrhunderten... Wir müssen nachholen, wir müssen unserem metaphysischen Hochmute, der die Welt nicht warm macht, die Rute geben. Wir müssen lernen, um es dahin zu bringen, wie Menschen mit Menschen zu leben, frei zu sein und frei zu machen. Wir müssen unsere Zeit mit unseren Gedanken in Besitz nehmen. Dem Denker und Dichter ist es vergönnt, die Zukunft vorweg zu nehmen und eine neue Welt der Freiheit und Schönheit mitten in den Wust des Untergangs und des Moders, der uns umgibt, hineinzubauen[67].“

 

Er bezeichnet Rousseau und Voltaire als die Begründer des neuen Humanismus, der die Menschen zum Maß aller Dinge und zum Prinzip des Staates macht. George Sand, „diese Dichterin, Prophetin ..Offenbarerin[68]“, deren Bücher er in tagelanger Lektüre auf dem Divan verschlingt, gibt Bakunin mit ihrem Begriff der Emanzipation das nötige Bindeglied zwischen Humanismus und Revolution. Im Gegen­satz zu Karl Marx, der in seinem Aufsatz zur Judenfrage die menschliche Emanzipation gegenüber der rein poli­tischen vornehmlich als gesellschaftliches Problem ver­steht, findet bei Bakunin jede Emanzipation ihren Grund im Willen des Einzelnen zur Freiheit:
„Lieben heißt die Freiheit wollen, die völlige Unabhängig­keit des Anderen - der erste Akt der wahren Liebe ist die völlige Emanzipation des geliebten Objekts; man kann nur etwas vollständig Freies lieben, das nicht nur von allen Anderen, sondern vor allem auch von dem Geliebten frei ist. Das ist ein politisches und soziales Glaubensbe­kenntnis...Alles ist wahr, was die Menschen emanzipiert, was sie zu sich selbst zurückbringt und so in ihnen ihr eigenes Lebensprinzip erweckt[69].

 

Doch andere Aspekte der französischen Wirklichkeit, die er bisher durch Lorenz von Steins Werk „Die Sozialisten in Frankreich“ nur oberflächlich kennen gelernt hatte, geraten jedoch in den folgenden Monaten in den Mittelpunkt seines Interesses. Durch Wilhelm Weitling, der von dem inzwischen in den Kanton Basel übersiedelten Herwegh zu Bakunin ge­schickt worden war, erfährt er die letzten Neuigkeiten der politischen und sozialen Lage Frankreichs: „Er erzählte mir viel von den französischen Kommunisten, vom Leben der Arbeiter überhaupt, von ihrer Mühsal, von ihren Hoffnungen und Unterhaltungen.[70]  Weitling, preußischer Staatsbürger, Sohn einer Magdeburgerin und eines napoleo­nischen Offiziers, der in seinen Lehrjahren in Paris Mit­glied des  ‚Bundes der Gerechten’ geworden war, der sich mit Louis Blanqui´s  ‚Gesellschaft der Jahreszeiten’ am Pariser Aufstand von 1839 beteiligt hatte, führt Bakunin auch in die Welt der geheimen Arbeiterorganisationen ein[71].

In einem Artikel im ‚Schweizerischen Republikaner’ schätzt er Weitlings Begriff des Kommunismus sehr positiv­ ein: „ Wir sind durchaus überzeugt, daß der Kommunismus Elemente enthält, die von höchster Wichtigkeit für uns sind­ und dieses Wort scheint mir noch schwach:­ Er ist auf den heiligsten Rechten. den menschlichsten Forderungen. Gegründet.[72] Doch Weitlings gesellschaftliche Vorstellungen. Vor allem aber seine Einstellung zur staat­lichen Verwaltung finden bei Bakunin ebenso wenig Anklang wie Bakunins Ideen über die Gesetzlichkeit der Entwicklung in das herrschaftsfreie Reich des Geiste, die er Weitling durch einen Hegelkurs vermitteln will[73]. Das Wahl­- und Stimmrecht, das nicht nur in Weitlings, sondern auch in Saint-Simon´s und Fouriers Systemen als Funktion der Selbstverwaltung der neuen Gesellschaft eingesetzt wird, führt nach Bakunin zu reiner Despotie: „Es wäre keine freie Gesellschaft freier Menschen, sondern durchaus eine Horde durch Zwang gehaltener Tiere, die nur die materielle Be­friedigung im Auge hätte[74]“. Die Konsumdiktatur des Weitlingschen Arbeiterstaates, als Verwaltungsdemokratie der Experten politisch verfasst, lehnt Bakunin ebenso ab wie Saint-Simon´s neuen Kirchenstaat, „der sich auf dem mysthischen Kult des Fleisches gründet[75].“ Seine Meta-Utopie übersteigt alle Systeme der utopischen Sozialisten. Er hält es für völlig unsinnig, „sich einzubilden, man könne theoretisch im vor­herein ein soziales Paradies konstruieren, das die ganze künftige Welt aufnehmen würde. Sie begreifen nicht, daß wir wohl die großen Grundsätze ihrer Entwicklung verkünden können, daß wir aber der Erfahrung der Zukunft die praktische Verwirklichung dieser Grundsätze überlassen müssen.[76]

 

Durch die Revolution erfährt das Volk die Zukunft und die Möglichkeit seiner Emanzipation: „Nur das Volk sage ich,  ist immer der einzige fruchtbare Boden gewesen, aus dem­ und nur aus ihm alles hervorkam. Was die Würde des Menschen ausmacht, alle großen Taten der Geschichte, alle befreienden Revolutionen.[77]

Das Volk, unter dem Bakunin die gewaltige Masse der Armen und Unterdrückten versteht, ist das Ziel revolutionä­rer Organisation, deren einzige Aufgabe dessen Emanzipation ist. Bakunins Konzeption dazu mag zu dieser Zeit neben Weitling vor allem durch die Bekanntschaft mit den Schriften von und über Buonarrroti (1759 -1837), „dem größten Ver­schwörer des Jahrhunderts[78]“, beein­flußt worden sein. Buonarrroti hatte aktiv an fast allen europäischen Revolutionen und Aufständen seiner Zeit teilgenommen. 1828 veröffentlichte der überlebende Mitver­schworene der ‚Conspiration des Egaux’ Babeufs seinen Bericht darüber. Er war auch der Gründer der ‚Gesellschaft der Vierjahreszeiten’, die Blanqui 1838 übernahm. Max Nettlau schätzt Buonarrotis Einfluß auf Bakunin besonders hoch ein: „Seine vierzigjährige stille Verschwörertätigkeit machte offenbar großen Eindruck auf ihn und mag ihn bei der Konzeption der Idee der ‚internationalen revolutionären Gesellschaft’ mit inspiriert haben, indem Buonarroti’s Gruppe seinerzeit grade einen solchen hinter den weniger vorgeschrittenen geheimen Gesellschaften ihrer Zeit stehen­den intim verbundenen sozialrevolutionären Kreis dar­stellte.[79]

 

Bakunins Situation läßt eine systematische Ausarbeitung der neuen Eindrücke nicht zu. denn zu den akuten finanziellen Sorgen. - die Schulden an verschiedene Gläubiger, unter denen Ruge der Ungeduldigste ist, belaufen sich in zwischen auf fast zehntausend Rubel, kommt ab Mitte 1843 auch noch die Verfolgung durch die schweizerischen Behörden, die nach der Verhaftung Weitlings auf ihn auf­merksam wurden. In Weitlings Papieren werden Unterlagen von Bakunin gefunden unter anderem auch eine begonnene Übersetzung einer Geschichte der französischen Revolution ins Russische.[80] Bluntschlis Kommissions­bericht „Über die Umtriebe der Kommmunisten in der Schweiz“, der nach seiner Veröffentlichung in Europa große Verbrei­tung fand, erwähnt Bakunin mehrfach. Er zieht es deshalb unter diesen Umständen vor, Zürich ohne seinen Paß abzuholen. zu verlassen. Doch die Überwachung durch die Schweizer Behörden ist nicht weniger effektiv als die der russischen und Metternichschen Informations­büros, die mit einem beachtlichen Heer von Spionen ihre Staatsbürger auch im Ausland nicht unbeobachtet ließen. Die Kantonalpolizei von Bern und Waadt meldet Bakunins jeweiligen Aufenthaltsort nach Zürich[81]. Im Februar 1844 wird Bakunin zum letzten mal aufgefordert, in der russischen Gesandtschaft in Bern die offizielle Aufforderung zur Rückkehr in sein Vaterland entgegen­zunehmen. Bakunin kommt der drohenden Verhaftung zuvor und reist nach Brüssel; der Musiker Adolf Reichel, ein passionierter Beethovenjünger, der eben aus Dresden in die Schweiz gekommen war, begleitet ihn.

 

In Brüssel, der liberalen Hauptstadt des jungen fort­schrittlichen Königreichs Belgien, die neben London zum bedeutendsten Zufluchtsort der europäischen Emigration geworden war, trifft Bakunin auf den polnischen Historiker und Revolutionär Joachim Lelevel, der ihn sehr heftig mit der politischen Wirklichkeit seiner Heimat konfrontiert, die Bakunin bisher völlig aus seinen Gedanken ausgeklammert hatte. Wohl auch aus Furcht vor dem langen Arm des Zaren hatte er bisher den endgültigen Bruch mit seinem Vaterland vermieden und jede Stellungnahme abgelehnt und selbst das, in Anbetracht seiner katastrophalen finanziellen Lage, lukrative Angebot eines schweizer Verlegers, eine Geschichte Russlands zu veröffentlichen, ausgeschlagen[82].  Angeregt durch die Bekanntschaft mit Lelevel und der polnischen Freiheitsbewegung beschäftigte er sich „zum ersten Male mit dem Problem Russland und Polen, erst jetzt betrachtete ich auch diese Länder vom demokratischen Standpunkt, wenn auch noch sehr verschwommen[83].“

 

Bakunins Aufenthalt war nur von kurzer Dauer, denn es drängt ihn nach Paris, „der Stadt, von der ich jetzt wie einst von Berlin und dann von der Schweiz, Rettung und Erleuchtung erhoffte.[84]“ Paris, die Hauptstadt der Revolution, empfängt ihn zwar nicht gleich mit offenen Armen, doch nach kurzer Zeit hat Bakunin Zugang zu vie­len Zirkeln gefunden. Sein Freund Ruge macht ihn nicht nur mit dem Kreis der deutschen Demokraten, unter ihnen auch mit Karl Marx, bekannt, sondern auch mit der viel­ bewunderten und einflußreichen George Sand, in deren Salon fast die ganze progressive Intelligenz der Stadt verkehrte[85]. Die Auflistung bekannter Persönlichkeiten, mit denen er in Paris Kontakt hatte, füllt in seiner Beichte an den Zaren fast eine ganze Seite[86]. Die folgenreichste Bekanntschaft ist die mit Jean-Pierre Proudhon, dem „Vater des Anarchismus“, mit dem er sich in Nachfolge von Karl Marx, der Paris 1845 wegen eines Ar­tikels in den ‚Deutsch-französischen Jahrbüchern’ verlassen mußte, in nächtelangen Gesprächen über Philosophie und Ökonomie unterhält[87]. Proudhon, der bereits in seiner Schrift „Qu’est-ce que la proprieté?“ von 1842 die Anarchie als positives Moment gesellschaft­licher Ordnungsprozesse erkannt hatte, findet in Bakunin einen überaus aufmerksamen Zuhörer.
„Da erschien aber Proudhon: Sohn eines Bauern und in Tat und Instinkt hundertmal revolutionärer als all diese doktrinären und bourgeoisen Sozialisten, bewaffnete er sich mit ebenso tiefer und eindringender als unerbitt­licher Kritik, um all ihre Systeme zu zerstören. Er stellte diesen Staatssozialisten gegenüber die Freiheit der Autorität entgegen und proklamierte sich kühn Anarchist...Sein Sozialismus, begründet auf der indi­viduellen und kollektiven Freiheit und der Spontantätig­keit der freien Assoziationen, außerhalb jeder Reglemen­tierung durch eine Regierung und jeder Protektion des Staates, die Politik den ökonomischen, geistigen und moralischen Interessen der Gesellschaft unterordnend, dieser Sozialismus müsse später mit notwendiger Folge­richtigkeit in den Föderalismus enden.[88]

 

Proudhon brachte Bakunin nicht nur in Kontakt mit dem theoretischen Anarchismus sondern auch mit Louis Blanc, Flocon und Cavaignac, den Herausgebern der Zeitung ‚Reforme’, die zu den Anführern der Revo­lution von 1848 werden. In der ‚Reforme’ erscheint auch Bakunins erster Artikel seit seiner Verurteilung Ende 1844 in St. Petersburg zu Zwangsarbeit und Aberkennung der Adelsrechte. Als die Pariser ‚Gazette des Tribunaux’ den Urteilsspruch des Zaren über Bakunin veröffentlicht, nimmt der nun völlig mittellose und entrechtete Emigrant Stellung zum Geschehen in seinem Heimatland: Er prophezeit dem barbarischen System des Zarismus die Ausweitung der ver­einzelten Bauernaufstände zur Revolution, in der, „wenn die Regierung sich nicht eilt, das Volk zu emanzipieren, viel Blut fließen wird.[89]“ In einem weiteren Artikel bespricht er die Lage in Polen und Weißrussland „und beginnt seit dieser Zeit mit Bewußt­sein zu sündigen, absichtlich und mit einem mehr oder minder bestimmten Ziel.[90]

Auch die Diskussionen, die der russische Freundeskreis um Herzen, Ogarjev, Annenkov und Sasanov, die sich eben­falls inzwischen nach ihren Berliner Studienjahren in Paris eingefunden haben, über die Möglichkeiten der Abschaffung der Leibeigenschaft und der Industrialisierung Russlands führt, vermögen die jetzt offen und konkret beginnende Radikalisierung Bakunins nicht zu bremsen[91]. Er intensiviert seine Kontakte zu den Gesellschaften der Exilpolen und versucht sie im Frühjahr 1846 erfolglos zu gemeinsamer Aktionsplanung zu überreden:

Ich wollte ihnen eine Gesamtaktion in allen slawischen Randprovinzen vorschlagen, im Königreich Polen, in Litauen, in Podolien, da ich annahm, sie verfügten in diesen Provinzen über ausreichende Verbindungen, um eine aktive und erfolgreiche Propaganda entfalten zu können. Das Ziel sollte die russische Revolution und die republikanische Föderation sämtlicher slawischer Länder sein, die Schaffung einer einigen und unteilbaren slawischen Repu­blik, föderativ nur in administrativer, zentralistisch in politischer Hinsicht.[92]

 

2.2.2 Bakunin als Agent der europäischen Revolution von 1848-49

 

Am 29.11.1847 hält Bakunin zum Jahrestag des polnischen Aufstands von 1830 in Versailles vor Polen und Franzosen eine öffentliche Rede, in der er zum Volksaufstand gegen das zaristische Regime aufruft und erneut die Polen als Bündnispartner zu gewinnen versucht. Er beteuert die Unschuld des russischen Volkes an den Massakern der russischen Armee und beruft sich auf die Dekabristen Peste1, Ryleff, Mouraviev-Apostol und Kochoffsky, deren Aufstand für eine föderalistisch-konstitutionelle Monarchie 1825 gegen den neuen Zaren Nikolaus I. scheiterte[93]. Die Emanzipation Polens kann nur durch den Sturz des preußisch-mongolischen Zaren erreicht werden, ruft er sei­nem Publikum unter tosendem Beifall zu[94]. Die Rede, wenige Tage später in ‚Reforme’ im Wortlaut abgedruckt, führt zu massivem Protest der russischen Regierung. Ministerpräsident Guizot verfügt die Auswei­sung Bakunins aus Frankreich. Die Rede selbst und die heftige Debatte, die am Vorabend der Februarrevolution in der Abgeordnetenkammer über den Ausweisungsbeschluß geführt wird, machen Bakunin zu einer der bekannteren Gestalten der europäischen Linken[95].


Bakunins neuerliche Exilierung nach Brüssel war nur von
kurzer Dauer. Nach der Ausrufung der Republik am 25.2.1848 eilt er zurück nach Paris und ist so gefesselt von der Revolution, „diesem Fest ohne Anfang und Ende“, daß er die ganze Zeit über „in einem geistigen Rauschzustand lebt.[96]“. „Die ungeheure Stadt, das Zentrum der europäischen Aufklärung, war mit einem Male zum wilden Kaukasus geworden: An jeder Straße, beinahe über­all, waren Barrikaden berghoch aufgetürmt und reichten bis zu den Dächern hinauf und zwischen ihren Steinen und dem zerbrochenen Hausgerät bewegten sich Arbeiter in ihren malerischen Blusen. vom Pulverdampf geschwärzt und von Kopf bis Fuß bewaffnet.“

Hatte Bakunin sich bisher hauptsächlich in intellektu­ellen oder adeligen Kreisen aufgehalten, so nimmt er nun die Einladung eines bekannten Demokraten, der eine Abteilung von fünfhundert Arbeitern kommandierte, an, einige Zeit in einer republikanischen Kaserne zu leben. „Dort hatte ich Gelegenheit,  die Arbeiter von morgens bis abends zu sehen und zu studieren.Die Arbeiter, die Avantgarde der armen Klasse, das neue historische Subjekt, das er dort beobachten kann, er­weisen sich durch ihren „ tiefen Instinkt für Disziplinund ihren „Ordnungssinn“ als äußerst schlagkräftige Truppe, deren Erfolg allerdings von ihrem Führer abhängt : „Ein der französischen Arbeiter überhaupt würdiger Führer, der sie verstanden und geliebt hätte, würde mit ihnen Wunder verrichtet haben.“

Der Anschauungs­unterricht, den Bakunin durch diese erste, mit Hilfe der organisierten Arbeiterschaft durchgeführte moderne Revo­lution erhält, wird zum Fundament seiner weiteren revo­lutionären Praxis. Durch den scheinbar mühelosen Sieg der Revolution begeistert, fordert Bakunin wenige Tage später in der ‚Reforme’ in einem Artikel, der als außenpolitisches Manifest gelten kann, die Ausbreitung der Revolution über ganz Europa. Die revolutionäre Außenpolitik zielt zwar auf den völligen politischen Umsturz, hat aber die Prinzipien der Unabhängigkeit der Völker zu respektieren und muß sich jeder materiellen Intervention in den Monarchien ent­halten, „damit man sie nicht verdächtigen kann, sie wol1e ihr Territorium vergrößern. Demokratie schließt Eroberungen aus“. Ziel der Außenpolitik ist eine demokratisch-föderierte europäische Republik, in die sich nach der Gründung des deutschen, italienischen und polnischen Nationalstaates schließlich selbst Russland integrieren wird. Die außen­politische Lage erscheint Bakunin zurecht durch die aus Russland zu erwartende Reaktion als äußerst zugespitzt. Mit einem Zitat Napoleons veranschaulicht er die Not der Stunde: „In fünfzig Jahren wird Europa entweder republi­kanisch oder kosakkisch sein.[97]

 

Der provisorischen Regierung unter Flocon, Chaussidier und Arago, die nach dem erkämpften Sieg möglichst schnell „aus der Unordnung Ordnung zu schaffen suchte“ und der jede Verschärfung der innen­ und außenpolitischen Lage sehr unwillkommen war, ist Bakunin, der zudem „in einem fort den Kommunismus et l’egalité du salaire, die Nivel­lierung im Namen der Gleichheit, die Befreiung aller Sklaven. die Vernichtung aller Staaten a la Österreich, die Revolution en permanence und den Kampf bis zur Aus­rottung des letzten Feindes predigte[98]“, ein zu gefährlicher Freund. ­Sie entspricht des­halb seinem Antrag auf finanzielle Unterstützung für die polnische Revolution. Flocon gibt ihm Pässe und zwei­tausend Frank, damit er im Großherzogtum Posen den Kampf der Polen organisieren kann.

Auf der Reise durch das Deutschland der Märzrevolution, die Bakunin über Frankfurt und Köln nach Berlin führt, lernt er nun die konkrete deutsche Revolution kennen und ist entsetzt über ihren zügellosen Charakter: Verschwörungen oder ernsthafte Unternehmungen gab es bei ihnen nicht, dafür viel Lärm, Singen, Biertrinken und Prahlereien.[99]“ Die Berliner Polizei, die Bakunin versehentlich verhaftet, findet die verschiedenen Pässe, die er mit sich führt, verdächtig und unter­sagt ihm die Weiterreise nach Posen. Er wendet sich nach Breslau und zweifelt dort, nach der Niederschlagung des Krakauer Aufstands durch österreichische Truppen und den Niederlagen im Westen, zum erstenmal am Erfolg[100].

 

Ein in Prag geplanter ‚Slawischer Kongress’ scheint ihm die letzte Chance zu bieten, die zersplitterten Aufstandsbewegungen in Böhmen, Mähren, Polen, Schlesien, Weißrussland, Slowenien, Serbien und Kroatien gegen Russland und Österreich zu vereintem Kampf zu organisieren und „den Panslawismus der deutschen Einheit ent­gegenzusetzen.[101]. Bakunins Versuche, den Interessenstreit der bunt zusammengewürfelten Schar zu beenden, bleiben erfolglos. Engels mokierte sich besonders über die Verständigungsschwierigkeiten, die schließlich dazu führten, daß das verhasste Deutsche zur Kongressprache wurde.[102] Karl Marx, dem die panslawistischen Umtriebe Bakunins nie geheuer waren, nutzt nun die Gelegenheit, den unlieb­samen Konkurrenten in der deutschen demokratischen Bewe­gung zu desavouieren und kolportiert in der von ihm in Köln herausgegebenen neuen ‚Rheinischen Zeitung’ vom 6.7.1848 das Gerücht, Bakunin sei ein Spion des Zaren[103]. Nach dem Scheitern des Prager Pfingst­aufstandes, der von prager Studenten unabhängig vom slawischen Kongress organisiert worden war und von Bakunin tatkräftig unterstützt wurde, flieht er zurück nach Breslau und stößt in den dortigen demokratischen Klubs mit seinen Versuchen, die deutsche und slawische Bewegung zu koordinieren, auf feindselige Abweisung[104]. Wenn auch das von Marx verbreitete Gerücht, das seinen realen Grund in einer Verwechslung von Bakunins Mentor aus seiner pariser Zeit, Graf Tolstoi, einem reichen Grundbesitzer aus Kasan mit dem russischen Poli­zeispitzel Tolstoi hatte, durch die energische Gegen­darstellung George Sands im August 1848 berichtigt wurde, so hat es doch Bakunins Vertrauensposition nachhaltig erschüttert und wird von Marx zu diesem Zweck später nochmals eingesetzt werden[105].

 

Auch die III. Abteilung in St. Petersburg, die im Gefolge der Karlsbader Beschlüsse und des Dekabristen­aufstandes zu einem schlagkräftigen Geheimdienstappa­rat ausgebaut worden war, beobachtet Bakunin mit miß­trauischer Aufmerksamkeit. „Das öftere Auftauchen des gefährlichen Konspirateurs Bakunin längs der russisch-polnischen und der preußisch-russischen Grenze“ wird von ihr registriert und der preußischen Gesandt­schaft gemeldet[106]. Angesichts der Unruhe in den westlichen Ländern ordnet Zar Nikolaus I., dem bereits in den ersten Monaten des Revolutions­jahres ein Aufstand der Bauern drohte, vorsorglich die Mobilisierung der Armee an; auch die Aus-­ und Einreise­bestimmungen werden restriktiv gehandhabt und im Ausland lebende Russen unter Androhung der Enteignung nach Russ­land beordert; die Zensur wird verschärft. Der bloße Verdacht revolutionärer Agitation und Propaganda genügte, daß die betreffende Person nicht nur festgesetzt, sondern auch in die Verbannung geschickt wurde. Nikolaus I. sah gegenüber der Revolution nur zwei Handlungsmöglichkeiten: „Entweder marschieren wir ohne jede Aufforderung direkt nach Deutschland, überschwemmen alles mit unserer Flut, gebieten schlagartig der Revolution Einhalt und lassen alle nach unserer Pfeife tanzen, oder wir stehen bewaff­net an der Grenze und warten. bis dieses schreckliche Ungeheuer, das sich Revolution nennt. Heranrollt, alles über den Haufen wirft und uns zum Zweikampf herausfor­dert.[107]

 

Wenige Wochen nach dem blutigen Ende der Pariser Revo­lution im Juni 1848 fordert der Zar unter Hinweis darauf, daß Bakunin zwei Emissäre zu seiner Ermordung ausgeschickt hätte, von der preußischen Regierung dessen Ausweisung. Diese kommt im Oktober 1848 der Aufforderung nach, ver­haftet Bakunin in Berlin und schickt ihn mit den ent­sprechenden Ausreisevermerken nach Belgien. Seine Protestnoten an die preußischen und sächsischen Kammern, in denen er sich als „russischer und politischer Ver­brecher und Flüchtling“ dagegen wehrt, als Untertan des Zaren behandelt zu werden, dem im Falle einer Rückkehr nach Preußen oder Sachsen die Auslieferung nach Russland droht, bleiben ohne Erfolg, da der preußische König die Nationalversammlung am 8.12.1848 auflöst[108]. Bakunin macht Station in dem kleinen Ländchen Anhalt, das damals nicht nur die freieste Konstitution Deutsch­lands, sondern der ganzen Welt.[109]“ hatte. In diesen Freihafen der deutschen Demokratie flüchteten Ende 1848 mit der zunehmenden Reaktion eine große Zahl verfolgter preußischer Demokraten. „Etwa anderthalb Stunden von Köthen entfernt an der Straße nach Bernburg  lag das Pachtgut der Eltern des Dr. Enno Sanders, der radikaler Deputierter im Dessauer Konvent und später in Dresden Bakunins Mitkämpfer war; im Kreise dieser Menschen brachte Bakunin den Winter zu.[110]  Die Diskussionen des Kreises um den blauäugigen sechsund­zwanzigjährigen Sander drehen sich um die Fortsetzung der Revolution in Deutschland. Bakunin sieht gegenüber dem „offiziellen Deutschland“ der um politische Gleich­berechtigung kämpfenden Bourgeoisie nur eine Möglichkeit: „Nur ein anarchischer Krieg der Stadtproletarier und Bauern einerseits und die Verbesserung der Bourgeoisie durch die Bankrotte andererseits können Deutschland retten.[111]

 

Es gelingt ihm, seine neuen Freunde davon zu überzeugen und „die Gruppe orga­nisiert den bewaffneten Widerstand gegen die immer offener zutage tretende Reaktion.[112]“ Die Gruppe um Hexamer, O’Ester, Jacoby und Stein unterhält intensive Kontakte mit den zahlreichen demokratischen Vereinen in Preußen, Sachsen und Westdeutschland, in denen sich Ende Oktober 1848 bis fünfzigtausend Mitglieder organisiert hatten[113].Über Leipzig und Köthen finden sogar kistenweise Handgranaten, die der Kapellmeister Richard Wagner und der Musikdirektor Röckel in Dresden bestellten, ihren Weg nach Berlin[114]. Bakunin koordiniert die Aktionen der Gesellschaften in Prag und Böhmen. Sein „Appell an die slawischen Völker“, der trotz der strengen Beaufsichtigung des Pressemarktes in verschiedene Sprachen übersetzt, in Osteuropa inner­halb kürzester Zeit Verbreitung fand, beschwört die Mitglieder dieser Gesellschaften, die Koalition mit den Bürgern, die bisher die Bewaffnung des Proletariats ge­schickt zu vermeiden wussten, aufzulösen und durch bewaff­neten Kampf die Revolution „durch die Errichtung der allgemeinen Föderation der europäischen Republiken“ zu vollenden. In Anbetracht der aussichtslosen Lage nach dem Putsch Louis Bonapartes in Paris, der Niederschlagung der Aufstände in Wien, dem Erlaß der preußischen Verfassung und der Unfähigkeit des Frankfurter Parlaments sich von der nationalistischen Engstirnigkeit zu befreien, empfiehlt Bakunin sein Allheilmittel:
Es kommt gegenwärtig darauf an zu zerstören. diese alte Welt zu zerstören, die unter der Last ihrer eigenen Ungerechtigkeit zusammenbricht. Man muß tabula rasa machen, Platz schaffen für eine neue Welt. Man muß die materiellen und moralischen Bedin­gungen unserer jetzigen Existenz umstürzen, man muß diese altersschwache soziale Welt, die impotent und steril ge­worden ist, von Kopf bis Fuß umkrempeln. Vorher muß man noch die Atmosphäre reinigen und das Milieu, in dem wir Leben, vollständig verändern, denn es korrumpiert unsere Instinkte und unseren Willen, es läßt unsere Herzen und unsere Intelligenz verkommen[115].

Um Böhmen näher zu sein zieht Bakunin nach Dresden, wo sich viele Versprengte des Prager Pfingstaufstandes und der polnischen Aufstände eingefunden hatten. In der ‚Dresdener Zeitung’, für die er schon früher über die Vorgänge innerhalb der tschechischen demokratischen Gesellschaften mehrfach gearbeitet hatte, kommentiert er die politische Lage, die sich im Frühjahr 1849 durch den Vormarsch einer hunderttausend Mann starken russischen Armee durch Galizien nach Ungarn deutlich verschärfte[116]. Am 20.4.1849 ruft Bakunin die Tschechen und Slowaken zum letzten Mal dazu auf, den be­drängten Ungarn durch einen Aufstand gegen Österreich zur Hilfe zu eilen. „Die ‚Dresdener Zeitung’ strotzte geradezu von radikaler Schärfe. Eine Steigerung war kaum mehr möglich.[117]

 

2.2.3 Die Taufe eines internationalen Revolutionärs: Der Dresdener Aufstand von 1849

 

Die Vorbereitungen der geplanten revolutionären Früh­jahrsoffensive steckte organisatorisch, ideell und materiell noch in den ersten Anfängen, als der sächsische König am 28.4.1849 das Parlament auflöst. Da nach der Auflösung des Frankfurter Parlaments und dem Angebot des preußischen Königs, jedes Land gegen irgendwelche Aufstände zu unterstützen, zu erwarten war, daß auch die anderen deutschen Herrscher nun die Gunst der Stunde nützen würden, um ihre inneren Schwierigkeiten im Handstreich zu lösen, geraten die Rebellen in Zugzwang. Bakunin, der über Arnold und die Brüder Straka auf die in ganz Österreich-Ungarn tätige Gesellschaft ‚Slawische Linde’ großen Einfluß auf den geplanten Aufstand in Prag hatte, der zum Zentrum einer gegen Rußland gerich­teten deutsch-slawischen Revolution werden sollte, schickt den sächsischen Abgeordneten August Röckel mit Briefen nach Prag, um die Vorbereitungen zu synchronisieren[118]. In der „Beichte“ beklagt Bakunin später den völligen Mangel an Zentralisation in der deutschen demokratischen Bewegung, den auch die Arbeit des im November von D’Ester und Hexamer ins Leben gerufenen demokratischen Zentralkomitees nicht beheben konnte[119].

Am 1. Mai findet in Dresden ein Treffen zwischen D´Ester, dem Frankfurter Abgeordneten Schlutter, Bakunin und Vertretern der sächsischen, berliner und westdeutschen Linken statt, das eine gemeinsame Aktion in mehreren Städten und die Verteilung von der polnischen Zentralisation in Paris vermittelten kampferfahrenen Offizieren vorbereiten sollte. Die Versammlung konnte sich jedoch nicht über ein gemeinsames Vorgehen einigen, so dass „die Sachsen noch immer keinen Plan für ihr Handeln besaßen, dieses vielmehr noch immer nach dem der Gegenseite ein­richteten.[120]

 

Als sich am 3. Mai eine große Volksmenge vor dem Dresdener Schloß versammelt, um die Antwort des Königs auf eine Petition zur Annahme der Frankfurter Reichsverfassung zu hören und sich nach der Bekannt­gabe der völligen Ablehnung das Gerücht verbreitet, preußische Truppen seien im Anmarsch, nutzen die überraschten Anführer die Gunst der Stunde und er­richten Barrikaden. Ein Sturmversuch auf das nahe dem Schloß gelegene Arsenal wird von der Garde zurück­geschlagen; die Aufständischen haben zwar fünfzehn Tote zu beklagen, doch ein Teil der Garde läuft zu ihnen über[121].

Weder in Dresden noch in den übrigen sächsischen Städten hatte jemand eine Ahnung, daß eben die Revo­lution begonnen hatte. Und nach ihrem Ausbruch wusste niemand, was er tun sollte, wohin er sich wenden soll­te; jeder handelte nach seinem Instinkt, nichts war vorgesehen...Waffen und Munition bereitzustellen war überflüssig, weil ganz Sachsen, wie auch ganz Deutschland nach von der letzten Revolution her be­waffnet war. Hingegen hätte man einen Aufstandsplan vorbereiten müssen, einen für ganz Sachsen, aber auch für jede einzelne Stadt. Man hätte Führer wählen, einen revolutionären Stab formieren, die ersten Schritte, die ersten Maßnahmen der geplanten Revolution verein­baren müssen; die revolutionäre Propaganda hätte von den Städten aufs Land hinausgetragen werden müssen. ..Nur so wäre es zu einer unaufhaltsamen Revolution des ganzen Volkes gekommen, nicht aber zu einem leicht niederzuwerfenden Aufstand einzelner Städte.[122]

An den ersten beiden Tagen hält Bakunin sich zurück und wird erst aktiv, als sich nach der Flucht des Königs am 4. Mai auf dem Balkon des Rathauses eine provisorische Regierung vorstellt, die sich unter dem Stadtrat Heubner und dem Kammermitglied Todt von der konstitutionell-monarchischen Partei und dem Demo­kraten Tschirner gebildet hat. Im Auftrag der provi­sorischen Regierung gründet er mit polnischen Offi­zieren einen revolutionären Generalstab der dem pol­nischen Offizier und Oberbefehlshaber Poninski bera­tend zur Seite steht und die Koordination der Aktionen plant. Erst am 5. Mai kann sich jedoch der General­stab gegen die verhandlungsfreudige Regierung durch­setzen und eine militärische Offensive vorbereiten. Ein Trupp Aufständischer bereitet die Sprengung des Königsschlosses vor, in dem sich fast die Hälfte des sächsischen Heeres aufhält, doch die Übermüdung der Beteiligten, die seit zwei Tagen und Nächten die Barri­kaden verteidigen mußten, erzwingen den Abbruch der Aktion.

 

Am folgenden Tag greifen die sächsischen mit den inzwischen eingetroffenen preußischen Truppen die von den Aufständischen besetzten Stadtteile mit schwe­rem Geschütz an. Eine Barrikade nach der anderen muß geräumt werden, im Rathaus beginnt Tschirner revolu­tionäre Akten zu verbrennen; als Bakunin mit Heubner von einer Frontinspektion zurückkehrt, haben sich Tschirner, Todt und die polnischen Offiziere bereits abgesetzt. Bakunin, der sich bisher nur zögernd eingesetzt hatte, um jederzeit zu dem in Prag geplanten zentralen Aufstand zu eilen, übernimmt nun, „nicht weil er noch auf Erfolg hoffte, sondern weil er sich ver­pflichtet fühlte[123]“, die Leitung des Aufstandes. Auch der eher gemäßigte Heubner hat „nun wohl eingesehen, daß nötigenfalls die denkbar energischsten Maßnahmen ergriffen werden mussten und schreckte vor keinem Vorschlage, den Bakunin in die­ser Richtung machte, zurück.[124]“ Am 7. Mai geht das Opernhaus in Flammen auf, dabei geraten auch der Zwinger und weitere Gebäude in Brand. Bakunins mehrfache Beteuerung, er habe die Brände nicht befohlen, ist wenig glaubwür­dig, denn am selben Tag läßt er zum Schrecken der An­lieger die neue Allee an der Maximilianstraße fällen, um den Stellungen der Aufständischen ein besseres Schussfeld zu schaffen und um damit Barrikaden zu errichten[125]. Als die Munitionsvorräte entgültig zur Neige gehen, schlägt er der provisorischen Regierung vor, sich mit den letzten Beständen „mit dem Rathaus in die Luft zu sprengen... Man wollte aber nicht.[126]“ In einer Droschke, in Begleitung von Bewaffneten, setzen sich Bakunin, Heubner und Richard Wagner, der als Meldegänger diente, nach Freiberg ab. Wagner eilt voraus nach Chemnitz und findet Unterschlupf bei seinem Schwager, ­einem Polizisten. Als Bakunin und Heubner am folgenden Tag in Chemnitz eintreffen und sich unter ihren vollen Namen in einem Gasthaus einmieten, werden sie aus dem Bett heraus verhaftet[127].

 

Die von Dichtern und Denkern geleitete Rebellion für eine schnellere Zukunft scheitert in ganz Deutschland unter den Bajonetten der preußischen Ordnungsmacht, die mit einer Brutalität vorging, die das kommende Jahrhundert kennzeichnet. Das Gemetzel unter General Cavaignac in Paris im Juni 1848, mit dem die Burgeoisie auf die Meuterei der Arbeiter gegen die Schließung der National­werkstätten reagierte, hatte Bakunin nicht miterlebt. Die Dimension, in der sich Bürgerkriege ab jetzt abspielen,  kennzeichnet er erst nach dem Scheitern der Pariser Kommune in seiner Spätschrift „Staatlichkeit und Anarchie“ 1873 : „Um erfolgreich gegen militäri­sche Gewalt kämpfen zu können, die künftig vor nichts mehr Achtung hat und zudem noch mit den schrecklichsten Vernichtungswaffen ausgerüstet und bereit ist, bei der Zerstörung nicht nur von Häusern und Straßen, sondern von ganzen Städten mit all ihren Bewohnern von ihnen Gebrauch zu machen, muß man eine andere, nicht weniger wilde, dafür aber gerechtere Bestie haben: Die orga­nisierte Revolte des ganzen Volkes.[128]

 

Aus der Gefangenschaft in der Festung Königstein bei Dresden, wo er seit August 1849 in Einzelhaft einsitzt, wendet er sich mit einer ‚Schutzschrift’ an das könig­liche Appelationsgericht. Den Hauptton legt er auf den Nachweis, er habe ein moralisches Recht zur Revolution gehabt[129]. Doch die Sieger, die die Reform zum zentralistischen Reich ohne Einmischung der Bevölkerung wünschten, ließen solche Argumente nicht gegen die Rädelsführer gelten und gingen hart vor. Am 14.1.1850 werden Heubner, Röckel und Bakunin wegen Hoch­verrats zum Tode verurteilt. Die Berufung wird im April abgewiesen und erst ein Gnadengesuch an den sächsischen König bringt im Juni die Begnadigung zu lebenslänglichem Zuchthaus. Bereits während des sächsischen Untersuchungsverfahrens hatte die österreichische Regierung der nach der Aufdeckung der geplanten Aufstände in Prag und Galizien die Auslieferung Bakunins beantragt. ­Die sächsische Regierung gab schließlich nach seiner Begnadigung, da ihr der lebenslängliche Gefangene in der Festung nicht ausbruchs­sicher verwahrt schien, dem österreichischem Antrag nach und übergab Bakunin im Juli 1850. In Prag wird er, wie die Gebrüder Straka und Arnold in Einzelhaft isoliert schwer bewacht; der Aufent­halt bot nichts von den Annehmlichkeiten, die auf der Festung Königstein das Häftlingsleben erträglicher machten. „Am 25.12.1850 ordnete das Landesmilitär­kommando auf das Gerücht von einem neuen Befreiungs­versuche weitere Bewachungsverschärfungen an. Die ‚St. Georg-Arrestantenwache’ bestehend aus 1 Feldwebel. 1 Korporal. 1 Anführer und 15 Mann - davon waren die drei Chargen und sechs Mann ausschließlich zur Bewachung von Zelle No.2 bestimmt - wurde eingerichtet. Niemand, auch keine Amtsperson, durfte allein das Zimmer Bakunins betreten...Jedesmal hatten alle sechs Mann vor der Zelle ins Gewehr zu treten.[130]“ Da die Chefs der Polizei verschiedener Länder davon über­zeugt waren, daß eine „internationale Verschwörung aller revolutionären Anführer“ besteht, die auch an der Befreiung  Bakunins arbeitete, wurde das „wilde Tier im Mai 1851 in die sichere Festung Dlmütz verlegt, wo er wieder in Isolationshaft von einem noch stärkerem Kommando bewacht wird. Kurz darauf wird er von einem österreichischem Kriegsgericht wegen Hochverrats verurteilt und noch am selben Tag wird dem russischen Auslieferungsantrag wegen Hochverrats und Majestätsbeleidigung entsprochen. Ende Mai trifft Bakunin in St. Petersburg ein, wo er in den Kasematten der Peter-Pauls-Festung eingekerkert wird.

 

2.2.4 Modell für Rußland : Die Erziehungsdiktatur zur Selbst­verwaltung

 

Der revolutionäre Wille, ungehemmt von doktrinären Ideen über das historisch Notwendige, erlaubte Bakunin eine sehr erhebliche Breite an politischer Phantasie... Es ist das erste Auftreten der Magie des isolierten Willens, die in Nietzsches 'Magie des Extrems' wieder erscheint ebenso wie in Lenins Ausharren durch die hoffnungslosen Jahre, bis seine Stunde kam und in Hitlers Beharrlichkeit und Sieg des Glaubens.[131]

 

Zar Nikolaus I. fordert als Oberhaupt der ortho­doxen Kirche von Bakunin eine Beichtschrift, die damals übliche Form, in der den politischen Verbre­chern die Möglichkeit gegeben war, durch die Schil­derung ihrer Taten und Motive das Strafmaß mitzubestimmen. ­Im Sommer 1851 kommt Bakunin der Aufforderung nach und beschreibt auf hundertfünfzig Seiten nur seine eigenen und "deutschen" Sünden, die er seit 1840 auf seiner Europareise begangen hat. Seine Beich­te ist nicht nur die umfangreichste Schilderung seiner organisatorischen Absichten und Ziele dieser Zeit, son­dern auch die erste kritische Durchsicht seiner Erfah­rungen mit der westeuropäischen revolutionären Theorie und Praxis, vor allem aber seine Erfahrung der deut­schen Revolution, für deren Scheitern er primär die typisch deutsche Anarchie, die jede Zentralisation der Führung verhinderte, verantwortlich macht:

"Bei den Deutschen hingegen herrscht die Anarchie vor. Die Frucht des Protestantismus und der gesamten politischen Entwicklung Deutschlands ist die Anarchie, sie ist der Grundzug des deutschen Geistes, des deutschen Charakters und des deutschen Lebens... Anarchie in jedem einzelnen Deutschen, in seinem Denken, seinem Herzen und seinem Willen. 'Jeder darf und soll seine Meinung haben!’ das ist der erste Glaubenssatz des deutschen Katechismus, so lautet das Prinzip von dem sich jeder Deutsche ohne Ausnahme leiten läßt. Deshalb war eine politische Einheit unter ihnen nicht möglich und wird nie möglich sein[132].".

 

Das mag der Grund sein, weshalb sämtliche Organisations­pläne Bakunins aus dieser Zeit einen Führer mit dikta­torischen Rechten direkt fordern oder nicht ausschließen, die diesen befähigen sollten, die regionalen und frak­tionellen Streitigkeiten um Kompetenzen und Zuständig­keiten mit "eiserner Hand" zu schlichten. Ob Bakunin sich selbst über die 'slawische Linde' eine solche Organisation in Böhmen schaffen wollte, "in der alle Fäden in seiner Hand zusammengelaufen wären", oder ob er dem Zaren die Führung der allslawischen Befreiungsfront anbietet, keine einzige Orga­nisationsform zeigt konsequent Merkmale des späteren Anarchismus.

Auch nach der gelungenen Machtergreifung hätte der eiserne Diktator jede „geschwätzige Anarchie abgeschafft, alles hätte einzig und allein eine diktatorische Macht niedergehalten“, die sich auf ein für den Partisanenkampf bewaffnetes Volk und ein Revo­lutionsheer gestützt hätte. Vor allem um die Rückständigkeit Rußlands zu überwinden und es über das Niveau der europäischen Länder zu heben, erscheint Bakunin eine drakonische Erziehungsdiktatur unumgänglich:
Ich glaube, daß in Rußland mehr als irgendwo eine starke diktatorische Macht notwendig ist, die sich ausschließlich mit der Hebung und Aufklärung der Volksmassen befasst, eine ihrer Tendenz und ihrem Geiste nach freie Macht, aber ohne parlamentarische Formen; eine Macht, die Bücher freien Inhalts druckt ohne die Druckfreiheit einzuführen; eine von Gleich­gesinnten umgebene. beratende und durch deren freie Mit­arbeit gestärkte Macht, die jedoch von niemanden und durch nichts eingeschränkt ist (80)“.
Nur für die Revo­lution selbst fordert Bakunin eine spezifisch anarchis­tische Vorgehensweise: Nach der vollständigen Enteig­nung der besitzenden Klassen und der Landverteilung an die Bauern wollte er „alle Schlösser vernichten, sämt­liche Verwaltungs-, Gerichts­ und Staatsakten sowie die herrschaftlichen Papiere und Dokumente verbrennen und alle Hypotheken samt den übrigen, eine gewisse Summe nicht übersteigende Schulden, etwa tausend bis zwei­tausend Gulden, für getilgt erklären.
Kurz die Revolu­tion, die ich plante, war schrecklich und unerhört in der Weltgeschichte, obgleich sie sich mehr gegen Dinge als gegen Menschen richtete“.

 

Zar Nikolaus I. liest die Schrift mit gemischten Ge­fühlen, denn trotz Bakunins Beteuerungen der Aufrich­tigkeit seiner Ratschläge und seiner Reue benützt er seine Beichte, um seinem Landesherrn nicht ohne Ironie die erbärmlichen Zustände Rußlands vorzuhalten[133] und so zugleich die moralische Rechtfertigung seiner Sünden mitzuliefern. Sehr geschickt vermeidet er jede weitere Majestätsbeleidigung - d.h. er vermeidet jede Beziehungs­setzung zwischen den russischen Zuständen und dem Zaren, ­läßt aber offen durchscheinen, daß seine Bemerkungen zwar den Sack schlagen aber den Esel meinen. Auch Graf Orlow, der Chef der zaristischen Geheimpoli­zei, liest Bakunins Beichte sehr genau und drängt den Zaren „sich nicht von seinem guten Herzen bestimmen zu lassen, sein Schicksal entgültig zu entscheiden. Ich würde es aber für möglich halten ihm aus Gnade mit der Zeit ein besseres Unterkommen in der Festung zu geben, reine Luft zu atmen und später einmal seine Verwandten zu sehen“.

Bakunin bleibt zwar in Einzelhaft, aber er darf nun sei­ne Eltern und seine Geschwister sehen, die auch einige Hilfe für ihn organisieren. „Durch Turgenjevs Vermitt­lung bekommt er sogar ein Klavier in die Zelle gestellt[134]“ und komponiert, wahrscheinlich durch die herzliche Bekanntschaft mit Richard Wagner angeregt, eine Oper: „In den Mauern seines vom Meer umbrandeten Ker­kers, weil er für die Freiheit der Völker gekämpft hatte, fühlte er sich eins mit dem Prometheus der Sage, der den Menschen das Feuer vom Himmel holte und von den herr­schenden Göttern zur Strafe an den Kaukasus geschmiedet wurde[135]“. Doch statt nach der Leber pickt der Adler an Bakunins Zähnen, die den Aufenthalt in der un­geheizten kargen Zelle zur Qual machten.

 

Als mit dem Krimkrieg 1854 auch eine Beschießung St. Petersburgs zur greifbaren Gefahr wird, wird Bakunin in die noch be­rüchtigtere Festung Schlüsselburg im Landesinneren umquartiert, in der in den siebziger Jahren ganze Banden von Terroristen der dritten Generation angekettet werden[136]. Erst eine Bittschrift vom Februar 1857 an den neuen Zaren Alexander II., der seinem Bruder Nikolaus, der während des Krieges gestorben war, in der Herrschaft folgte, führt zu Begnadigung und Verschickung nach Sibirien. In Tomsk am Ob in Westsibirien macht der inzwischen Vierundvierzigjährige Bekanntschaft mit Antonia Kwiatkowska, der achtzehnjährigen Tocher eines polnischen Industriebuchhalters, der er Nachhilfeun­terricht in Französisch erteilt. Wenig später heiratet Bakunin sie[137]. 1860 folgt Bakunin einer Einla­dung seines Cousins, Nikolaus N. Mouraviev, Gouverneur von Ostsibirien, der es in den Jahren von 1847 bis 1860 durch seinen geschickten Einsatz verstanden hatte, die russische Grenze bis an Amur und Ussuri vorzuschieben und das Ergebnis von China und Japan diplomatisch aner­kennen zu lassen[138]. Er läßt sich in Irkutsk am Baikalsee nieder, um von dort aus im Dienste der Amurgesellschaft ganz Transbaikalien bis hin zur Mongo­lei zu bereisen.

 

 

Seine politischen Sympathien gelten zu dieser Zeit sei­nem Protektor General Muraviev. den er „als erfahrenen und erprobten Staatsmann, der kein Geschwätz duldet...und dessen Geist ans Geniale grenzt[139]“, besonders schätzt. In ihm findet er die Gestalt und ein Programm, das sich konstitutionell für die bereits in der „Beichte“ für Rußland empfohlene Erziehungsdik­tatur einsetzt, die nicht nur zur Durchsetzung radikaler innenpolitischer Reformen als notwendig erachtet wird, „sondern auch um Rußlands Macht in Europa herzustellen und diese Macht vor allem gegen Österreich und die Türkei zu kehren, um die Slawen zu befreien und nicht eine panslawistische Monarchie, sondern eine freie, wenn auch festgeschlossene slawische Föderation zu gründen.[140]“ Muravievs „demokratische Reformen“ sehen die vollständige Landverteilung an die befreiten Bauern, öffentliche Gerichtsverfahren, Volksunterricht und „Selbstverwaltung des Volkes, Abschaffung der Bürokra­tie und Dezentralisation vor[141]. 

 

Zar Alexander II., der kurz nach seinem Regierungsan­tritt unter großen Verlusten gegenüber den modern ausgerüsteten Truppen der zum erstenmal gegen Rußland alliierten Westmächte den Krimkrieg 1856 erfolglos be­enden musste, hat durch das Desaster gewarnt  in den folgenden Jahren durch die überfällige Reform der Justiz­ und Agrarverfassung und des Verwaltungs-­ und Bildungssystems einen großen Teil der innenpolitischen Forderungen der Opposition zu erfüllen versucht. Doch vor allem die Agrarreform, die über das System der ‚obscinas’ eine gerechtere Landumteilung zugunsten der Dorfgemeinschaften herbeiführen sollte, belastete die Bauern, aus denen durch „Zahlungen für Loskauf, Kauf und Pacht ein gewaltiger Tribut herausgepresst wurde[142]“, in einem ganz anderem Maße als die Leib­eigenschaft. Dem Gesetz nach waren die Mushiks nun zwar frei, aber die finanziellen Lasten und die „hohen Ablö­sungszahlungen an ihre ehemaligen Herren und die am Sub­sistenzprinzip orientierte Landausstattung machte für die Mehrheit der Bauern einen wirtschaftlichen Fort­schritt unmöglich[143]“.

 

Die vollständige Bauernbefreiung ist deshalb der Haupt­programmpunkt aller oppositionellen Gruppierungen, „die sich weniger durch gemeinsame Taktik, als durch dieses Programm vereinigten[144]“. Die russische Dissidentenzeitschrift ‚Kolokol’, die Alexander Herzen mit Dgarjew inzwischen in London herausgibt und die zu dieser Zeit mit einer Auflage von etwa dreitausend Exemplaren zum einflußreichsten Sprachrohr der Oppo­sition geworden war, ruft unter der Losung „Land und Freiheit“ zur radikalen Vollendung der Agrarreform auf. Unter dem russischen Namen dieser Losung bildet sich die geheime Organisation ‚Semlia i Volia’, die auf den Dörfern Bauernaufstände gegen die zaristische Reform zu organisieren beginnt. Obgleich sich als strukturelles Haupthindernis für die Modernisierung der russischen Landwirtschaft in zunehmenden Maße die bäuerliche Dorfgemeinschaft erwies, beginnt ein maß­geblicher Teil der Radikalen das System der dörflichen Mir-Verfassung als ein spezifisch slawisches Modell natürlicher Assoziation zu mysthifizieren und dieses „Selbstverwaltungsprinzip und das Wahlprinzip in der russischen Lokalverwaltung“, das auch zur Basis der kaiserlichen Agrarreform wurde, zum Charakteristikum neuen slawischen politischen Denkens zu machen[145].

 

Auch Bakunin bekennt sich in seinen ersten Veröffent­lichungen seit 1849 in der ‚Kolokol’ zu „diesem all­slawischen Grundprinzip des Gemeinbesitzes, das wohl ausreichen wird, allen slawischen Stämmen zu brüderlicher Vereinigung zu helfen.[146]“ Das sich selbstverwaltende System, „das mit der Gemeinde beginnt, der sozialen und politischen Einheit, diesem Eckstein der ganzen russischen Welt und sich von unten herauf und nicht von oben herab, wie es bis jetzt in Europa zu geschehen pflegte, organisch nach freiwilliger Ver­einbarung aufbaut“, wird zum Fundament Bakunins neuer Lehre[147].

 

Im Sommer 1862 erreicht Bakunin nach einer waghalsigen Flucht von Irkutsk über Yokohama, San Francisco und New York, London. Nach seiner Ankunft im Orsett-House, dem Sitz der Redaktion der ‚Kolokol’,  stürzt sich Bakunin mit garadezu ekstatischer Intensität[148] in neue Aktivitäten zur Herbeiführung das Umsturzes in seinem Vaterland, der zwar die Ausrottung das Adels, der Obrigkeit und der Popen, aber nicht unbedingt des Zarentums vorsieht[149]. Bakunin wünscht sich erneut, daß Alexander II. als Volkszar der Bewegung von unten nach oben entgegenkommt, „denn blutige Revolutio­nen sind dank der menschlichen Dummheit manchmal notwendig, doch sind sie immer von Übel...nicht nur in Anbetracht der Opfer, sondern auch um der Reinheit der Ziele willen, in deren Namen sie geführt werden.[150]

Doch obwohl Zar Alexander II. durch die Reform des Rei­ches Kongreßpolen und Finnland partielle Autonomierechte zurückgeben wollte, war abzusehen, daß er aus Gründen der Staatsraison jede revolutionäre Volksbewegung, die die Struktur des Reiches gefährdet hätte, ebenso unterdrücken würde, wie sein Vorgänger Nikolaus I.. Der polnische Aufstand, dessen nationalistische Tendenzen sich nach kurzer Zeit offen zeigten und für den sich Bakunin mit einem maritimen Expeditionskorps einzusetzen versuchte[151], beendet 1863 nicht nur den kurzen russischen Reformfrühling, sondern führt auch wegen einer befürch­teten Intervention der Westmächte zu einer Welle groß­russischen Nationalismus, der jede noch so kleine Auto­nomiegewährung an nichtrussische Völker blockierte[152].

 

Bakunins Bemühungen, seine neuen Beziehungen zu den im Exil lebenden Russen und Polen und zu ‚Semlia i Volia’ zu nutzen, um die Aufstände in Polen und Finnland zu lenken und den Zaren zu zwingen, haben das völlige Gegenteil erreicht: Finnland bleibt im russischen Reichs­verband und „Polen verlor den letzten Rest seiner Auto­nomie. Anstelle Kongreßpolens trat die Bezeichnung Weichselgebiet, das Land wurde in zehn Gouvernements auf­geteilt.[153]“ Selbst Bakunins beste Freunde, die sozial-liberalen Demokraten Herzen und Ogarjew, deren Zeitschrift durch den neuen Mitarbeiter so plötzlich zum Sprachrohr zweifelhafter radikaler Gruppierungen geworden war und dadurch mehr als drei­viertel ihrer Leserschaft einbüßte, legen nun keinen Wert mehr auf seine Mitarbeit[154].

Pierre J. Proudhons Werk „Über das föderative Prinzip und die Notwendigkeit des Wiederaufbaus der revolutio­nären Partei“, das im selben Jahr erscheint, mag dazu beigetragen haben, daß Bakunin seinen Standpunkt gegen­über den nationalen Befreiungsbewegungen, deren Haupt­ziel die Lösung der nationalen und nicht der sozialen Frage war, überprüft[155]. Den letzten Anstoß dazu, daß Bakunin nun mit aller Kraft am schnellen Auf­bau einer internationalen Organisation arbeitet, die in der Lage ist, die verschiedenen Bewegungen unter dem Aspekt der „sozialen Weltrevolution“ zusammenzu­fassen, hat sicherlich ein Treffen mit Karl Marx im November 1864 in London gegeben: „Bakunin hat sich an­scheinend dazu entschlossen, - seit der polnischen Niederlage - sich von nun an nur noch sozialistischen Bewe­gungen anzuschließen.[156]“ Obwohl Marxsens Ge­sprächsnotiz keinerlei Anhaltspunkt gibt, daß er mit Bakunin über seine Gründungsarbeiten für die Inter­nationale Arbeiterassoziation gesprochen hat, äußert er später noch öfter die Hoffnung, daß er „Bakunin benutzen könne, um die Position Mazzinis in Italien zu erschüttern und einige lebendige Italiener für die Internationale zu rekrutieren.[157]

 

 

3. Theorie und Praxis der Weltrevolution: Anarchismus und Sozialismus

 

3.1 Revolution und Anarchie - der Traum von der absoluten Freiheit

 

3.1.1 Freiheit und revolutionäre Gewalt in der kollek­tivistischen Föderation

 

Nach einem kurzen Aufenthalt in Florenz, der damaligen Hauptstadt des vereinten italienischen Königreichs, lässt sich Bakunin mit seiner inzwischen aus Russland nach Europa nachgefolgten Frau Antonia in Neapel nieder, wo ihm sein Ruf und seine offene, kontaktfreudige Art bald Zugang zu          vielen republikanischen und libe­ralen Gruppierungen verschafft. Nach Giuseppe Mazzini, mit dem er’ sich bereits in London getroffen hatte, lernt er in Capri auch den zweiten großen Führer der italienischen Unabhängigkeitsbewe­gung, den Freischärler und General Giuseppe Garibaldi kennen, dem es nach seinem kühnen Landeunternehmen 1861 in Neapel gelungen war, die Bourbonen aus Süditalien und Sizilien zu vertreiben. Doch von dem Republikaner Garibaldi, der sich langsam mit der von seinem Erzfeind Cavour begründeten Monarchie abzufinden beginnt, ist er nach kurzer Zeit ebenso enttäuscht wie von Mazzini, dessen ‚Bund der italienischen Arbeitervereine’ sich nach dem Austritt aus der ‚Internationalen Arbeiter­assoziation’ mit der Bourgeoisie zu einer Einheitsfront gegen die Monarchie verbündete[158].

 

„Die Tradition der Verschwörung, der Geheimbünde und des Aufruhrs, die Methode des bewaffneten Handstreichs und der ‚Propaganda durch die Tat’, die in den Geheimbünden Mazzinis und Garibaldis gepflegt worden war[159]“, und die Bakunin so angezogen hatte, erwies sich auf die Erreichung nationaler Ziele beschränkt. Durch das Scheitern seiner Arbeit für den polnischen Aufstand gewarnt beginnt er den „Kampf gegen die so­genannten nationalen Leidenschaften und Ideen und die von Mazzini und Garibaldi sehr stark angefachte abscheulichste Bourgeoisie-Rhetorik[160]“ und gründet deshalb im Mai 1866 in Neapel die ‚inter­nationale sozial-revolutionäre Geheimgesellschaft’. Obwohl sich im Mai mit dem Beitrittsantrag der italie­nischen Arbeiterassoziation aus Neapel zur IAA auch Marxens Hoffnungen auf „some live Italians“ erfüllen[161], galt Bakunins Hauptarbeit dem Aufbau seiner eigenen konspirativen Gesellschaft, deren napolitanische Familie in den aktiven Brüdern Gambuzzi,Fanelli,  Costa, Nabruzzi und dem jungen Malatesta bald einen schlagkräftigen Kader fand. Nach schwerer drei­jähriger Arbeit ist es Bakunin auch gelungen „Freunde in Schweden. Norwegen, Dänemark, England, Belgien, Frankreich und Spanien[162]“ zu gewinnen. Die seine Gesellschaft als ‚internationale Titularbrüder’ nicht nur als Korrespondenten unterstützen.

Alle aktiven und passiven Mitglieder dieser Gesell­schaft haben nämlich als ‚Brüder der internationalen Familie von Herzen. mit Leidenschaft, Willen und Verstand alle Grundprinzipien des revolutionären Katechismus angenommen,[163]der in dreizehn Artikeln „die wesentlichen, absoluten Bedingungen vorstellt, außerhalb welcher die praktische Verwirklichung und Organisation der Freiheit und die Neubildung zunächst der europäischen, dann der univer­sellen Gesellschaft auf den Grundlagen der Freiheit, der Vernunft, der Gerechtigkeit und Arbeit...immer un­möglich sein werden.[164]“ Obwohl Bakunin die vielen, durch die spezifische ita­lienische Situation bedingten. überflüssigen Einzelheiten des ‚revolutionären Katechismus’ bemängelt[165], ist er doch sein erster konsequenter Entwurf einer politischen und sozialen Neuordnung. Die das Prinzip der Arbeit zum Ausgangspunkt einer gesell­schaftlichen Organisation macht, die sich von jeder anderen Autorität befreit hat.

Die vollständige Enteignung der Toten. d.h. die voll­ständige Abschaffung des Erbrechts, die schon in seinem Programm zur Revolution von 1848 an zentraler Stelle stand, wird in den neuen Statuten zum Ausgangspunkt einer totalen Vernichtungsaktion, die nicht nur jede irdische, sondern auch jede himmlische Autorität entthront.

Die Verneinung des Vorhandenseins des wirklichen und persönlichen Gottes und daher auch aller Offenbarung und allen göttlichen Eingreifens in die Angelegenheiten der Welt und der Menschheit[166]“, ist die letzte Konsequenz einer Unabhängigkeitserklärung, mit der der mündige Mensch seine „individuelle und kollektive Freiheit zur einzigen Schöpferin seiner Ordnung“ bestimmt. „Die Freiheit, das absolute Recht aller erwachsenen Männer und Frauen für ihre Handlungen keine andere Bewilligung zu suchen, als die ihres eigenen Gewissens und ihrer eigenen Vernunft,  nur durch ihren eigenen Willen zu ihren Handlungen bestimmt zu werden. und folglich nur verantwortlich zu sein sich selbst gegen­über, dann gegenüber der Gesellschaft“, steht dabei im Mittelpunkt des Verfassungsentwurfes, der „die radikale Auflösung aller gegenwärtigen bestehenden religiösen. politischen. ökonomischen und sozialen Organisation und Einrichtungen“ voraussetzt.

 

Nach der Entmündigung Gottes zu Gunsten der menschlichen Gesellschaft, die ihre Freiheit in der Gleichheit der vernünftig geregelten Arbeit findet, verkündet der revolutionäre Katechismus „nur ein einziges Gesetz, eine einzige moralische Grundlage, die Freiheit. Die Freiheit seines Nächsten zu achten ist die Pflicht, ihn zu lieben ist die Tugend.“ Doch diese freie Moral der Freiheit kann sich im Willen des Einzelnen nicht wiederfinden, solange die Bedingungen seines gesellschaftlichen Daseins ihm diese Moral nicht darstellen. „Um die Menschen moralischer zu machen. muß man sich nicht so sehr um ihr Gewissen kümmern, als vielmehr um ihre sozialen Existenzbedingungen. Es gibt in der Gesellschaft wie für den Einzelnen keinen anderen Erwecker der Moral, als die Freiheit inmitten der vollsten Gleichheit.“ Die politische und soziale Gleichheit werden so zur Prämisse jeder Neuordnung der Gesellschaft, die den Einzelnen von seiner naturhaften Veranlagung befreit „aus der Möglichkeit des Schlechten unfehlbar die Wirklichkeit des Schlechten hervorzubringen “ und die so „eine Gerechtigkeit schafft, die sich in der Verwirklichung der Freiheit in der rechtlichen und tatsächlichen Gleichheit“ findet. Als politische Organisation entwirft Bakunin in etwa eine basisdemokratische, sozialistische föderative Republik, in der das Volk ohne Unterschied von Geschlecht und Stand „durch direkte und unmittelbare Wahl alle öffentlichen. gerichtlichen und zivilen Funktionäre sowie alle nationalen, provinzialen und kommunalen Vertreter und Räte“ bestellt.

 

Die Gesellschaft in den autonomen Gemeinden und koope­rativen Arbeiterassoziationen. die nach der Enteignung allen privaten, staatlichen und kirchlichen Vermögens und Besitzes zu den allein Verfügungsberechtigten über Kapital und Produktionsmittel werden, verwaltet sich als Erbe der Rechte und der Macht von Staat und Kirche selbst.Sie sorgt dafür, „daß jedes menschliche Wesen, wenn es auf die Welt kommt, dort die gleichen Mittel findet zur Entwicklung seiner Kindheit und Jugend bis es erwachsen ist; zunächst für seine Erziehung und seinen Unterricht, später zur Übung in den verschiedensten Kräften, die die Natur in jeden für die Arbeit gelegt hat.“ Da von nun an jedoch „alle politischen und sozialen Rechte nur noch den Arbeitern allein gehören sollen, “ verpflichtet dieses gesell­schaftliche Startkapital dann allerdings auch jeden, „von seiner Arbeit zu leben“.

Damit die Gesellschaft, die nach der „Abschaffung des repressiven Autoritätsprinzips auf die Strenge einer in die individuelle Freiheit eingreifenden Gesetzgebung verzichtet“ jedoch nicht waffen­los ist gegen „schmarotzende, schädliche und bösartige Personen“, die es nach der optimalen Regelung der sozialen Existenzbedingungen gar nicht mehr geben dürfte, wehrt sie sich gegen Arbeitsunwillige durch den Ent­zug der politischen Rechte:
Im Falle der Untreue gegen frei eingegangene Verpflichtungen, oder offenen und bewiesenen Angriffs gegen das Eigentum. die Person und vor allem die Freiheit eines Bürgers“, wendet die Gesellschaft „die von ihren Gesetzen bestimmte Strafe“ mit besonderer Härte an, wenn der Verurteilte von seiner Freiheit Gebrauch macht, die Strafe nicht anzunehmen. „In einem solchen Fall wird die Gesell­schaft das Recht habe, ihn aus ihrem Schoße auszu­stoßen und ihn außerhalb ihrer Garantie und ihres Schutzes stehend zu erklären. Der Widerspenstige, der so unter das Naturgesetz, Auge um Auge, Zahn um Zahn, zurückgefallen ist - wenigstens auf der von dieser Ge­sellschaft eingenommenen Terrain, kann ausgeraubt, misshandelt, geplündert, selbst getötet werden, ohne daß  sich die Gesellschaft  darum kümmern würde. Jeder kann sich seiner entledigen, wie eines schädlichen Tieres, nie aber darf einer ihn knechten, ihn als Sklave verwenden.“

Dieser merkwürdige Strafvollzug, durch den sich die kollektivistische, atheistische Arbeitsgesellschaft im Innern gegen die Anarchen zur Wehr setzt, die ihre Vormundschaft nicht akzeptieren, findet seine außen­politische Entsprechung im revolutionären Befreiungs­krieg. „der manchmal allerdings erzwungen, aber immer und trotzdem heilsam sein wird, weil er als Ziel und Resultat nur die Zerstörung der Staaten und ihrer uralten Grundlage haben wird, die von der Religion ge­weiht, immer die Quelle aller Sklaverei war“.

Nach der Abschaffung aller Autorität und auch der Staatsraison. bleibt als einzige Autorität die Idee der sozialen Revolution, die sich zu ihrer Durchführung und zu ihrer Selbstbehauptung sogar der repressivsten Mittel bedienen muß. Bakunins neuer rätesozialistischer Himmel, „der Zusammenschluß der multinationalen Arbeiterassoziationen zu einer ungeheuren ökonomischen Föderation, mit einem Parlament, das durch die ebenso umfassenden wie ge­nauen und detaillierten Daten einer Weltstatistik informiert, Angebot und Nachfrage kombinierend, die Produktion der Weltindustrie leiten, bestimmen und zwischen den verschiedenen Ländern verteilen kann...eine solch vollständige und radikale Umwandlung...kann natürlich nicht mit friedlichen Mitteln erreicht wer­den “. Der Friede, den Bakunin auf den fünfundsechzig Seiten seines Katechismus nur an dieser einzigen Stelle an­führt, ist nur noch im Jenseits nach den Endsieg zu finden, denn die Föderation der befreiten Gebiete wird vom Anfang der Revolution an „das Schwert erheben und nicht niederlegen vor der Zerstörung aller Staaten und aller religiösen. politischen und ökonomischen Einrichtungen in Europa und der ganzen zivilisierten Welt...Es spaltet die Welt in zwei Lager, das des neuen Lebens und das der alten Privilegien; zwischen diesen beiden entgegengesetzten Lagern, die wie zur Zeit der Religionskriege nicht mehr durch nationale Anziehungen, sondern durch Gemeinschaft der Ideen und Interessen gebildet werden, muß ein Vernichtungs­krieg entbrennen, ein Krieg ohne Gnade und Stillstand“.

 

Die negative Dialektik Bakunins, die die Auflösung des Gegensatzes nur durch den Tod des ganzen Organismus erreichen kann, oktroiert so der Gesellschaft die revolutionäre Gewalt nicht nur als Geburtshelfer, sondern macht sie durch ihre ständige Anwendung nach innen und außen zu ihrem beständigen Vormund. Auch Bakunins Versuche in seinen späteren Schriften die Gewalt als unblutige nur gegen die Stellungen und Dinge gegenüber der jakobinischen und Blanquistischen blutigen Revolution, „die auf die Errichtung eines mächtigen zentralisierten Staates aus ist“, relativie­rend abzugrenzen, führen im Gegenteil zu einer Syste­matisierung der Gewalt, die die Konzeption des Anar­chismus zwangsläufig dem Terrorismus öffnet[167].

 

3.1.2 Die Gerechtigkeit der Anarchie

 

Im Herbst 1867 sieht Bakunin mit dem Angebot der ‚Frie­dens-­ und Freiheitsliga’, an ihrem Kongreß in Genf teilzunehmen. den Zeitpunkt für sein come-back in Mittel­europa gekommen und lässt sich in Vevey am Genfer See in der Schweiz nieder, dem einzigen Staat. den seine generelle Vernichtung aller Staaten nicht betreffen soll[168]. Die Liga war ein lockerer Zusammenschluß zumeist pazi­fistischer Schweizer Demokraten, die jedoch auch in vielen europäischen Ländern von so unterschiedlichen Persönlichkeiten wie Victor Hugo, Louis Blanc, John Stuart Mill, Garibaldi und anderen unterstützt wurde. Ziel ihres Kongresses war es: „die politischen und ökonomischen Bedingungen des Friedens der Nationen und der Errichtung der vereinigten Staaten von Europa zu determinieren.[169]“ Bakunin gelingt es durch eine äußerst zurückhaltende Rede, in der er lediglich die Wahrung völliger Autonomie gegenüber jeder Zentralisation fordert, in das Zentralkomitee der Liga gewählt zu werden. In dem folgendem Jahr lassen sich jedoch seine Absichten aus der Liga eine ideologisch einheitliche und eigenständige Kampforganisation zu formen nicht durchsetzen[170].

In den Reden, die er auf dem zweiten Kongreß der Liga 1868 in Bern hält, vertritt er deshalb offen die Prinzipien des föderalistischen Kollektivismus und legt einen Resolutionsentwurf zur Abstimmung vor, der „die Notwendigkeit politischer und sozialer Reform zu einer sozialistischen Demokratie[171]“ zum Programmpunkt der Liga machen sollte. Die Mehrheit der Liga lehnt es jedoch ab „das Grund­prinzip der Arbeitergenossenschaften, dieses Prinzip der ökonomischen und sozialen Gleichheit der Klassen und Individuen“ in das Programm aufzunehmen[172]. Die 35 Mitglieder der Minderheit treten daraufhin mit Bakunin aus der Liga aus und be­gründen mit ihm die ‚internationale Allianz der sozialistischen Demokratie’, die als öffentliche Unter­organisation der ‚Geheimorganisation der Internationalen Bruderschaft’. die Aufnahme in die IAA beanträgt, deren sämtliche Statuten sie laut Programm übernimmt.
Marx und Engels sind zu Recht beunruhigt über den neuen Bundesgenossen, denn im geheimen Programm seiner ‚Internationalen Bruderschaft’ grenzt Bakunin seinen neuen Revolutionsbegriff, wie schon in seinen Reden vor dem Kongreß der Liga. scharf gegen jede Idee des Staatskommunismus ab und macht die bisher stets negativ eingestufte Anarchie, „diese Manifestation des Lebens und der Aspiration des Volkes“ zur Grundlage und Bedingung jeder gesellschaftlichen Neuordnung und zum einzigen Ziel der revolutionären Avantgarde.

 

Wir fürchten die Anarchie nicht. wir rufen sie an. Überzeugt, daß aus der Anarchie. das heißt aus der voll­ständigen Äußerung des entfesselten Volkslebens. Die Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, die neue Ordnung und die Kraft der Revolution selbst gegen die Reaktion hervorgehen müssen. Dieses neue Leben - die Volksrevo­lution - wird nicht zögern sich zu organisieren, aber es wird seine revolutionäre Organisation von unten nach oben und von der Peripherie zum Zentrum hin nach dem Prinzip der Freiheit vornehmen.“ Als „Organ der Einheit des revolutionären Gedankens und der revolutionären Aktion“ trägt die revolutionäre Avantgarde der internationalen Brüder lediglich dafür Sorge, daß „die in der Volksanarchie entfesselten bösen Leidenschaften im Sinne der Zerstörung der öffentlichen Ordnung“ sich von Anfang an gegen den eigentlichen Gegner richten: Den Staat und das Eigentum.

Die natürlichen und notwendigen Folgen dieser Zer­störung werden sein:

-        Staatsbankrott;

-        Aufhörung der Bezahlung privater Schulden durch Staatsintervention;

-        Aufhören jeder Steuerzahlung und der Erhebung direkter oder indirekter Kontributionen;

-        Auflösung der Arme, des Gerichtspersonals, der Bürokratie,  der Polizei und des Klerus;

-        Abschaffung der Justiz;

-        Suspendierung aller sogenannten juristischen Rechte und ihrer Aus­übung,folglich:

-        Abschaffung und Verbrennung aller Be­sitztitel, Akten über Erbschaften, Verkäufe und Schen­kungen, aller Prozessakten;

-        Konfiskation des pro­duktiven Kapitals und der Arbeitswerkzeuge zum Besten der Arbeiterassoziationen;

-        Konfiskation allen Besitzes von Kirche und Staat und der wertvollen Metalle in Privatbesitz zum Besten der Gemeinde;

-        Erklärung der als Kommune organisierten Hauptstadt, daß sie auf ihr Recht verzichtet die Provinzen zu regieren und be­steuern“.


Das sind die Hauptbedingungen von Bakunins Vorstellung der Anarchie als systematischer Herrschaftslosigkeit, die Macht und Recht an die Basis zurückführen und die dezentralisierte autonome Verwaltung der „Föderation der Barrikaden in Permanenz, die sich ohne Rücksicht auf die territorialen Abteilungen und gegenwärtigen Staaten“  zusammenschließen, ermöglichen soll. Die spontane Föderation organisiert sich nach dem Räte­prinzip durch „gewählte ausführende Komitees für Nahrung, Arbeit, öffentliches Verkehrswesen, Unter­richt und Organisation der Gemeinde, Internationale Beziehungen etc.“ Die ‚internationale Bruderschaft’, die „vor während und nach der Revolution durch ihre gemeinsame und kombinierende Tätigkeit an Stelle jeder Diktatur“ die blutige Revolution der Blanquisten und Jakobiner ver­hindern soll, versucht auch dann nicht in den Prozeß der anarchischen Selbstfindung einzugreifen, „wenn das empörte Volk im ersten Augenblick viele seiner Gegner tötet“.
Da sich Gerechtigkeit erst nach der wirklichen Befreiung „durch die immer vernünf­tigere Organisation der Gesellschaft in der positiven Lösung der Freiheit, Moralität, Intelligenz und dem Wohlstand eines jeden durch die Solidarität aller in der menschlichen Brüderlichkeit“ finden kann, gibt es während der Übergangszeit zu diesem paradiesi­schen Zustand kein Recht „in der genauen Bedeutung des Wortes, sondern nur natürliche, bedauerliche, aber unvermeidbare Tatsachen, Zeichen und Werk der Ohnmacht und der Dummheit der gegenwärtigen Gesellschaft“.

Auch das einzige Recht, das Bakunin der Gesellschaft in diesem gegenwärtigen Zustande zuerkennen kann, das Recht, die von ihr “selbst hervorgebrachten Verbrecher (zu denen er auch die Könige, Unterdrücker und Ausbeuter aller Art zählt) zu ermorden,  nicht aber sie zu richten und zu verurteilen“ wertet er nur ebenso als eine bedauerliche Tatsache, die die unausgereifte revolutio­näre Gerechtigkeit als sozusagen negative Übergangsidee unvermeidlich hervorbringt.

 

3.1.3 Anarchismus und Terrorismus: Netschajew und die Folgen

 

In den Monaten nach der Gründung der Allianz beginnt Bakunin seinen Mitbrüdern gegenüber „den individuellen Aufstand gegen die Bürger, der im Notfall auch zur Plün­derung und Tötung führt, gutzuheißen und sie zu ermuntern diese besondere Art der Vollstreckung unter der Be­dingung, daß sie der Sache diene, auszuführen[173]“. Doch die Mehrheit der ‚internationalen Bruderschaft’ verwirft solche Methoden und zu einem Treffen im Januar 1869 erscheinen nur noch zehn der 82 Gründungsmitglieder. „Die offensichtliche Absicht dieses Treffens war es. die Statuten der internationalen Bruderschaft zu revidieren; es scheint sich jedoch zu einem Protesttreffen gegen die diktatorischen Methoden Bakunins entwickelt zu haben, der die Bruderschaft als seine persönliche Domäne betrachtete und jede Entscheidung in Bezug auf sie in seinen Händen zu halten suchte.[174]“ Es kommt zum Streit zwischen Bakunin und der Mehrheit der Mitglieder, der noch im Januar zur Auflösung der internationalen Bruderschaft und im März auch zur Auflösung der ‚internationalen Allianz der sozialistischen Demokratie’ führt, so daß die öffentliche Allianz der sozialistischen Demokratie als einzige Organisation übrigbleibt.

 

Zu dieser Zeit trifft in Genf der junge russische Stu­dent Sergeij Netschajew ein, der 1868 begonnen hatte

in St.Petersburg eine kleine Gruppe von zumeist Hoch­schülern und Literaten um sich zu scharen, aus der wahr­scheinlich die Organisation ‚Narodnaio Rasprava’ (Volksgericht) hervorging[175], die die konspirativen Aktivitäten in ganz Russland zur Entfesselung eines Bauernaufstandes zu koordinieren versuchte. Nach der Verhaftung seines Mitkämpfers Pjotr Tkatschow während der Studentenunruhen des Winters 1868 war es Netschajew gelungen rechtzeitig in die Schweiz zu fliehen, „die geistige Heimat aller politischen Märtyrer (Carr)“. Bei Bakunin, der bereits in seinen Reden vor dem Kon­greß der Liga große Erwartung in die neue kleinbürger­liche und bäuerliche russische Intelligenzschicht ge­setzt hatte, die ihren Protest gegen die Abschaffung der Autonomie der Hochschulen und die Änderung des Hochschulprogramms, der vor allem die Naturwissenschaften und modernen Sprachen zum Opfer fielen, mit summarischer Bestrafung zur Relegation von den Hochschulen und der Verbannung nach Sibirien bezahlen musste, findet Netschajew überaus herzliche Aufnahme[176]. Mit Netschajew begegnet ihm zum ersten Mal einer jenen jungen Fanatiker, die nach dem wenig erfolgreichen Gang ins Volk, durch den die Landbevölkerung aufge­klärt und aus seiner Lethargie gerissen werden sollte, zu dem Schluß gekommen waren, „daß man die Revolution nur noch durch die Tätigkeit kleinerer Gruppen und durch einzelne Terrorakte auslösen könne[177]“. Aus dieser Hoffnung heraus entstanden die ersten Atten­tate auf den Zaren (z.B. 1866 durch Karakazov), die nach der Entdeckung des Dynamits 1867 auch wesentlich effektiver durchzuführen waren[178].

 

Die eiskalte Logik, mit der Netschajew das Prinzip auf­stellt, „daß viele, viele von ihnen unter der Hand der Regierung untergehen müssen, daß man aber nicht einen Augenblick ruhen darf, bis sich das Volk erhoben haben wird[179]“. findet in Bakunin ihren Meister. In den vier Flugschriften an die Studenten und Brüder in Russland, in denen Netschajew und Bakunin dieses Prinzip zur einzigen Möglichkeit der russischen Revo­lution machen, begründen sie ein spezifisch russisches revolutionäres Denken und Handeln, das sich erst nach dem gelungenen Attentat auf Zar Alexander II. und dem Ende der terroristischen Organisation ’Narodnaia volia’ (Volkswille) unter dem Einfluß der 1883 in die Schweiz geflohenen Mitglieder Plechanow, Axelrod und Vera Sas­sulitsch wieder der Theorie und Praxis der westlichen Arbeiterbewegung öffnen konnte[180].

Mord, Raub und Totschlag, bisher nur ein unvermeidliches Unglück der in der Revolution entfesselten kreativen Leidenschaften und Instinkte, wird nun zum systematischen Mittel einer kleinen Verschwörergruppe „die die Zer­störungswut in sich nicht unterdrücken kann und die noch vor Ausbruch des eigentlichen Kampfes schleunigst den Feind ausfindig macht und ohne zu denken vernichtet. Zuerst gleichsam als Ausnahmefälle, die von den Zeitgenossen als Handlungen des Fanatismus oder der Wut betrachtet werden, müssen sie immer mehr und mehr in verschiedenen Formen wiederkehren, um dann gleich­sam zu einer epidemischen Leidenschaft der Jugend zu werden und sich schließlich in einen allgemeinen Auf­stand verwandeln. Dies ist der natürliche Weg. Die Vernichtung hochstehender Personen, in denen die Regierungsform oder die Formen der ökonomischen Zersetzung sich verkörpern, muß mit Einzeltaten begonnen werden. Weiterhin wird diese Arbeit immer leichter werden; in dem selben Maß, in dem Panik in der Gesellschaftsschicht um sich greift, die dem Untergang geweiht ist. Taten zu denen Karakasov, Beresowski u.a. die Initiative ergriffen haben müssen sich beständig häufen und ver­mehren und zu Taten von kollektiven Massen werden, wie die der Kameraden von Schillers Karl Moor[181].“
Diese radikale Propaganda durch die Tat, „die jeden Idealismus durch kalte, logische Konsequenz ersetzt“,  duldet kein Zögern und keine Kritik. “All diese Schwätzer, die dies nicht begreifen sollten, daß jede Betrachtung über eine nebelhafte Zukunft verbrecherisch ist, da sie der Sache der Revolution als solcher hinderlich ist,  den Gang der Zerstörung aufhalten und dadurch ihr Ende in weite Ferne rücken...werden wir mit Gewalt zum Schweigen bringen.[182]“ Es ist den Verfassern gleichgültig, ob ihre Gegner diese Vernichtungsstrategie „Terrorismus nennen oder ihr einen anderen tönenden Spitznamen geben, wenn nur der gesunde unverdorbene Verstand der Jugend begreift, daß es be­deutend menschlicher ist Dutzende, ja Hunderte von Verhassten zu erdolchen und zu ersticken, als im Verein mit ihnen sich zu systematischen gesetzlichen Mordtaten, an dem Quälen und Foltern von Millionen Bauern zu be­teiligen![183]

 

Obwohl die meisten Biographen und bis auf Marx und Engels auch die meisten Rezensenten[184] Bakunins Mitautorschaft an den Flugschriften zu deminuieren suchen, kann kein Zweifel daran bestehen, daß diese zum Terrorismus gesteigerte Praxis der Revolution auch eine notwendige Folge seiner Theorie und organisatori­schen Vorstellungen ist, die, weil sie den Tod und die vollständige Vernichtung der lebendigen Individualitäten zur Voraussetzung des Lebens der neuen Allgemeinheit macht, das sich in keiner gegenwärtigen Konkretheit finden lässt, zwangsläufig die revolutionäre Politik zur nihilistischen Aktion verstümmeln muß. Bakunin, der von Anfang merkte, daß Netschajews Orga­nisation nur eine unbedeutende Gruppierung und er selbst zwar ein junger Fanatiker,  aber alles andere als ein erfahrener Revolutionär war, hoffte dennoch wie auch Herzen und Ogarjew, die inzwischen mit der Redaktion der ‚Kolokol’ ebenfalls nach Genf gezogen waren, in Netschajew ein willfähriges Instrument gefunden zu haben, das ihm zur Wiedererlangung seines Einflusses auf die russische revolutionäre Bewegung verhelfen könnte. Fasziniert von Netschajews Energie und konsequentem Fanatismus übernimmt er sogar das ultra-autoritäre Or­ganisationsmodell des ’Katechismus der Revolution[185]’, in dem Netschajew die Mitglieder seiner Truppe nicht nur zu bedingungslosem Gehorsam gegen die anonyme Füh­rung verpflichtet, sondern sogar den vordringlich zu tötenden Gegner in sechs Kategorien pedantisch genau aufzählt. Im Februar 1870 schreibt er aus Locarno an Albert Richard, der in Frankreich einige Sektionen der ‚internationalen Allianz der sozialistischen Demokratie’ aufgebaut hat:
Ach mein Lieber,  wie diese Jungen ar­beiten, welche disziplinierte und ernste Organisation und welche Macht gemeinsamer Aktion, bei der alle Individua­litäten ausgelöscht sind, selbst auf ihren Namen verzich­tend, auf ihren Ruf, auf jeden Glorienschein und Ruhm, nur das Risiko, die Gefahren,  Verdrießlichkeiten und härtesten Entbehrungen für sich nehmend, dabei aber haben sie das Bewusstsein, eine Kraft zu sein und zu handeln.­ Du hast meinen jungen Wilden nicht vergessen. Und sie sind alle so. Das Individuum ist verschwunden und an seine Stelle trat die unsichtbare, unbekannte, überall gegenwärtige Legion, die überall handelt, jeden Tag stirbt und wieder geboren wird: man verhaftet Dutzende, Hunderte erstehen wieder. Die Einzelnen gehen zugrunde, aber die Legion ist unsterblich und täglich mächtiger. Weil sie tiefe Wurzeln in der Welt der schwarzen Hände ge­schlagen hat und aus dieser Welt eine Masse Rekruten schöpft. - Das ist die Organisation, die ich geträumt habe, die ich noch träume und die ich für euch will[186]“.

 

Bakunin beginnt sich erst von Netschajew zu distanzieren, nachdem die Schweizer Behörden einem russischen Auslie­ferungsantrag gegen Netschajew wegen Mordes an dem Stu­denten Iwonow und wegen Urkundenfälschung  nicht nach­ geben und Netschajew das russische Revolutionsrezept ausgerechnet in der Schweiz anwenden will[187]. Nachdem sich zudem noch die ganze Organisation in Russland als Potemkinsches Dorf erweist und Bakunin entdeckt, daß Netschajew den Bachmetjewschen Fond von 12500 Frank, den Herzen und Ogarjew ihm auf seine Vermittlung hin zu ihrem Aufbau zur Verfügung gestellt hatten, mehr oder weniger veruntreut hat und auch im Anschluß durch Betrug und Erpressung weiteres Revolutionskapital ein­zutreiben versucht, kommt es zum endgültigen Bruch der Beziehungen. Doch obwohl Bakunin alle Freunde vor Netscha­jew, “diesem verlorenen Menschen“ warnt, nimmt er nach dessen Verhaftung im August 1872 in Zürich nochmals für seinen konsequentesten Schüler Partei und versucht ihn durch mehrere Flugschriften „als politischen Ver­brecher“ vor der Auslieferung an Russland zu bewahren[188].

Als Netschajew schließlich doch nach dreimonatiger Haft an Russland ausgeliefert wird ist Bakunin bereits wieder davon überzeugt, „daß er als Held zu Ende gehen wird und diesmal nichts und niemanden verraten wird. Wir werden bald sehen ob ich recht habe[189]“. Diesmal erfüllt Netschajew die Erwartungen seines Meisters. „Der Prozeß gegen ihn begann am 20.1.1873. Der Mord an Iwanow wurde als gemeines Verbrechen bewertet. Der Angeklagte rief bei der Urteilsverkündung: “Nieder mit dem Despotismus! Das Urteil lautete auf zwanzig Jahre Zwangsarbeit und Deportation nach Sibirien auf Lebenszeit. Am Pranger ausgestellt wurde er von der Menge in St.Petersburg beschimpft. Alexander II. änderte das Urteil ab in lebenslange Kerkerhaft in der St.Peter­-Pauls-Festung, im Alexis Ravelin, in dem auch Bakunin ge­sessen hatte. Netschajew blieb unbeugsam. Er ohrfeigte einen Gendarmerie-General. Er wurde an Händen und Füßen in Ketten gelegt. Aber seiner ungebrochenen Suggestiv­kraft gelang es unter den Wärtern und Wachsoldaten Proselyten zu machen. Am Januar 1881 konnte er durch herausgeschmuggelte Briefe Kontakt mit dem Exekutivkomitee des ‚Volkswillen’ aufnehmen; er hatte einen Fluchtplan bis ins einzelne entworfen, er verzichtete jedoch darauf, weil er dem Attentat auf den Zaren Priorität zubilligte. Das Attentat tötete den Zaren, die Attentäter und ihre Hintermänner wurden gefasst. Netschajews Haftbedingungen wurden verschärft. Zudem verriet ein Mitgefangener den Fluchtplan. Dreißig  Soldaten und vier Gendarmen wurden wegen Begünstigung aufs schwerste bestraft. Der Gefangenen wurde die ohnehin kärgliche Nahrung um zwei Drittel gekürzt. Er starb am 21.November 1882 an Skorbut und Unternährung in Ket­ten[190]“.

 

„Das ungeheure Phänomen der Netschajew-Bewegung, das durch die Verwandtschaft und Kontinuität der Ideen, die von den Vätern auf die Söhne übergegangen sind, in unserer seltsamen Gesellschaft möglich ist[191]“, ließ dem Zaren Alexander III. keinerlei innen­politischen Spielraum mehr. Die Uberwachung durch den Polizeistaat, durch die bereits Alexander II. Ende der sechziger Jahre die Ausbreitung der von deklassierten Studenten provozierten Bauernaufstände zu verhindern suchte, wird unter seinem Nachfolger beinahe totalitär gehandhabt. „Die Verfassungspläne wurden zu den Akten gelegt, das Reformwerk durch einschränkende Maßnahmen Schritt für Schritt unterbunden. Die Selbstherrschaft wurde noch einmal für ein Menschenalter lang stabili­siert[192]“.

Bakunins Wirken in Russland hat so, wie schon 1848 und nach dem polnischen Aufstand 1863, statt zu Fortschrit­ten zur unerbittlichsten Reaktion geführt, die jede Reformpolitik unmöglich machte und damit die Voraus­setzung schuf, die der leninistischen Revolution ‚von oben’ die Machtübernahme erleichterte. „Russland, das Vaterland Bakunins, sollte für seine Lehre die Grabstätte werden[193]“.

 

3.2  Bakunin in der ‚Internationalen Arbeiter-Assoziation’: Ein Machtkampf um die Ideologie und Strategie der Arbeiterbewegung

 

Im März 1869 war Bakunin eher unfreiwillig der Auflage, die der Generalrat der IAA in London am 22.12.1868 Zur Bedingung der Aufnahme gemacht hatte, durch die Auflösung der internationalen Organisationen der ‚Allianz der sozialistischen Demokratie’ nachge­kommen. Nun wendet er sich an Perron, den Herausgeber der Zeitschrift ‚Egalité’, Organ der neu be­gründeten ‚Romanischen Föderation der Sektionen der IAA in der Westschweiz’, erneut mit der Frage nach Aufnahme seiner Allianz an den Generalrat. Am 9.3.1869 entscheidet dieser, daß er unter der Vor­aussetzung, daß die Allianz die „Abschaffung der Klas­sen“ in ihrem Programm durch „die Gleichmachung der Klassen“ ersetzt, kein weiteres Hindernis für den Übertritt der Sektionen der Allianz zur IAA sieht[194].

Am 28.Juli wird die Allianz mit 104 Mitgliedern offiziell als Sektion von Genf in die IAA aufgenommen.

Bereits auf dem vierten Kongreß der IAA im September 1869 in Basel, auf dem Bakunin und die Allianz zum ersten Mal vertreten war. kommt es zu einer Kraftprobe zwischen dem Mitglied des Generalrats und Sekre­tär für Deutschland, Karl Marx, der der Aufnahme auf Anraten seines Freundes Engels schließlich nur wider­willig zugestimmt hatte[195], und Michail Bakunin, der durch seine journalistische Arbeit in Genf und den ‚Progress’ in Le Locle für die ‚Egalité’ bereits eine größere Anhängerschaft in der Romanischen Föderation hatte. Für die Genfer Sektionen legt er einen Resolu­tionsentwurf zur Abstimmung vor, der die völlige Ab­schaffung des Erbrechts zum Programmpunkt der IAA machen sollte[196]. Marxens Sekretär Eccarius stellt einen Gegenantrag, „der mehr praktische Reformen, wie Erbschaftssteuern oder die Begrenzung des Erbrechts empfahl[197]“. In einer Kampfabstimmung entscheidet sich die Mehrheit für Bakunins Antrag. Doch das ist nicht sein einziger Erfolg, Liebknecht und Bebel, die ihn möglicherweise auf Betreiben von Marx erneut als russischen Spion zu desavouieren versuchten, müssen sich auf dem Kongreß vor einem Ehrengericht verantworten und die Belei­digung öffentlich zurücknehmen[198].

Nach diesem positiven Test der Mehrheitsverhältnisse und dem geglückten Versuch das Programm der IAA um eigene politische Forderungen zu erweitern, wird Bakunin jedoch sofort klar, „daß es trotz aller Achtung, die er für Marx, als einer der sichersten, einflußreichsten Stützen des Sozialismus hat, es wahrscheinlich vorkommen wird, daß ich mich bald in einen Kampf mit ihm werde ein­lassen müssen, nicht für persönliche Beleidigung, sondern einer prinzipiellen Frage halber, der des Staatskommunismus, dessen eifrige Verfechter er, sowie die von ihm geleitete Partei, die englische wie die deutsche, eint. Dann aber wird es zu einem Kampf kommen nicht auf Leben, aber auf Tod. Doch alles zu seiner Zeit und jetzt ist die Zeit noch nicht gekommen[199]“.

 

Im März 1870 ergreift Marx die Initiative. In einer ‚konfidentiellen Mitteilung an die deutschen Sektionen’, die es an Beschuldigungen und Animositäten gegen Bakunin und die Mitglieder der Allianz nicht fehlen lässt, ver­kündet er die Aufnahme der Emigrantenkolonie um den Russen Utin in Genf als russischer Branche in die IAA.

„Sie hat angezeigt, daß sie nächstens Bakunin öffentlich die Maske abreißen müsste, da dieser Mensch zweierlei ganz verschiedene Sprachen führt, eine andere in Russland, eine andere in Europa[200]“.

„Der kleine Jude Nikolaus Utin“ war nach seiner Teilnahme an der Bewegung ‚Land und Freiheit’ 1863 in die Schweiz geflohen und hatte mit Bakunin zusammen in Vevey im Kreise der gemeinsamen Wohltäterin Fürstin Dbolonska gelebt. „Nicht wegen seiner Ideen - er hatte keine - ,sondern durch eine völlige Unvereinbarkeit der Gefühle, Temperamente und Werte[201]“, war er zum Feind Bakunins ge­worden. Utin, der stets beredt über „Bakunins schwache Seiten, seine Intrigen, seine diktatorischen Methoden und sein skrupelloses Verhältnis zum Geld[202] zu berichten wusste, löst sein Versprechen bereits auf dem Kongreß der Romanischen Föderation am 3.4.1870 ein. Der Kongreß sollte entsprechend den Statuten die Aufnahme der Allianz bestätigen. Utin versucht mit der bereits erwähnten Beredsamkeit eine Majorität für die Ablehnung der Aufnahme zu gewinnen. Als ihm das jedoch nicht gelingt, verlässt er den Kongreß mit der in der Minderheit gebliebenen Fraktion und lehnt jede weitere Zusammenarbeit ab. Wie zu erwarten war, stellte sich der Generalrat nicht auf die Seite der kollektivistischen Mehrheitsfraktion, sondern bestreitet ihr das Recht, die ganze Romanische Föderation zu repräsentieren[203].

Bakunin, der zu dieser Zeit weitab vom Kongreß in Locarno am Luganer See mit dem Ausbau seiner Allianz durch Gambuzzi in Italien und Albert Richard in Frankreich  beschäftigt und außerdem noch durch die intensive Zusammenarbeit mit Netschajew völlig okkupiert war, erschien weder auf dem Kongreß, noch zeigte er sich von der Spaltung besonders getroffen[204].

 

Zudem lenkte der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich (19.7.1870-28.1.1871) die Kontrahenten für einige Zeit voneinander ab. Wenige Wochen nach Ausrufung der Republik kann Bakunin nichts mehr in der relativen Abgeschiedenheit Lucarnos halten. Er eilt zu seinem Freund Albert Richard nach Lyon und „entfaltet sofort größte Aktivität. Man hält eine Sitzung nach der anderen, einige öffentlich, andere geheim, und errichtet schließlich ein ‚Zentralkomitee zur Rettung Frankreichs’, das überall wo es möglich war Unterkomitees gründen sollte[205]“. Der anschließende Versuch, das Rathaus zu besetzen und die revolutionäre Kommune zu proklamieren[206], scheitert jedoch an der repu­bliktreuen Nationalgarde. Bakunin entgeht einer Arrestierung und versucht von einem Vorort aus das Geschehen weiter zu beeinflußen. Als nach der Verhaftung der Mitaufrührer Blant und Balance jedoch ein revolutionäres Dictionaire gefunden wird, das nicht nur die Namen aller Beteiligten, „sondern auch die sehr kompromitierenden Worte: Mord, Raub und Brand etc. enthält[207]“, zieht er es vor nach Marseille weiterzureisen. Der Aufstand für eine revolutionäre Kommune, den er dort organisiert, bricht nach wenigen Tagen zusammen.

 

Über Italien kehrt er nach Lucarno zurück, wo er den ganzen Winter über an verschiedenen Teilen eines von ihm selbst nicht genau betitelten monumentalen Werks arbeitet, dessen erster Teil in Form eines Briefes an einen französischen Freund unter dem Titel „Das knutogermanische Kaiserreich und die soziale Revolution“ 1871 in französischer Sprache erscheint[208]. Unter dem Eindruck der durch den deutschen Sieg gründlich veränderten internationalen Lage konkretisiert er in dieser ersten umfangreicheren Schrift seit seiner ‚Beichte an den Zaren’ einige Voraussetzungen und Bedingungen einer im Sinne des Anarchismus kompromiss­losen Bürgerkriegsstrategie, die einen „barbarischen Krieg bis aufs Messer“ gegen die deutsche Besatzung und den „despotischen republikanischen Staat“ ermöglichen soll[209]. Als Hauptvoraussetzung bezeichnet er ein Bündnis zwischen den Arbeitern und Bauern, das nur zustande kommen kann, wenn die Arbeiter ihre Enteignungspolitik revidieren und statt dessen den Bauern „den ganzen Grund und Boden der großen Herren und Bourgeois zuteilen“. Durch die gleichzeitige Abschaffung des Staates, “durch die das Privateigentum von keiner höheren, politischen, administrativen und gerichtlichen Autorität mehr garantiert ist... wird jeder sich des Guts des anderen zu bemächtigen ver­suchen, die Stärksten werden die Schwächsten vernichten[210]“,

 

Den totalen Bürgerkrieg, der aus dieser „Störung der öffent­lichen Ordnung. der heiligen Arche der Bourgeois“ ent­steht, sieht er als die einzige Möglichkeit der Rettung Frankreichs. „Man müsste selbst, um es zu retten, es in eine Wüste zu verwandeln, alle Häuser in die Luft sprengen, alle Städte zerstören und anzünden, alles was einem Bourgeoisherz so teuer ist ruinieren: Eigentümer, Kapitalien, Industrie und Handel, mit einem Wort. das ganze Land in ein ungeheures Grab verwandeln, um die Preußen darin zu begraben[211]“. Damit die Arbeiter und Bauern dieses Grab ungestört schaufeln können und nicht wie 1848 am besser organisiertem politischem Gegner scheitern. empfiehlt er ihnen sich deren Mittel zu bedienen, von vornherein durch Massenverhaftungen reinen Tisch zu machen, Terror durch Gegenterror zu beantworten.

Wie aber sind soviele Leute ohne Gerichtentscheid zu ver­haften und im Gefängnis zurückzuhalten? Ach! Das darf nicht stören! Wenn man in Frankreich eine genügende Anzahl von lauteren Richtern findet, und wenn die sich die Mühe machen, die vergangenen Taten der Diener Napoleon III. zu unter­suchen, so werden sie ohne Zweifel etwas finden, das drei Viertel zu Zuchthaus und viele von ihnen zum Tode verurteilt, wenn sie einfach und ohne irgendwelche übertriebene Härte das Kriminalrecht auf sie anwenden[212]“.

 

Der Aufstand der Pariser Arbeiter, der noch während der Friedensverhandlungen am 18.März 1871 zur Proklamation der Kommune führte, verwirklichte Bakunins Ratschläge, deren linksfaschistische Tendenzen sich auch durch seine elo­quenten Rationalisierungsversuche, die jede andere Hand­lungsmöglichkeit nur ausschließen sollen, nur zum Teil. Nach der Niederschlagung der Kommune durch die Truppen der Republik, die vierzehntausend Verteidigern das Leben kostete und ebenso viele in die Gefängnisse oder die Verbannung brachte, beginnt sich Bakunin konsequent von den autoritären Kommunisten, vor allem aber von der Politik des Generalrats abzusetzen, der den Arbeitern nach der Aus­rufung der Republik empfohlen hatte, „sich zurückzuhalten und ruhig und entschlossen die Mittel auszunützen, um die Organisation ihrer eigenen Klasse auszuführen[213]“. Erst jetzt kommt es zu dem prophezeiten Kampf gegen den Staatskommunisten Marx, der diese Empfehlung in sehr realistischer Einschätzung der Situation gegeben hatte[214].

In Bakunins knapper, fragmentarisch gebliebener Analyse der Kommune[215] und drei im Anschluß vor Arbeitern des Tals von St.Imier im Schweizer Jura gehaltenen Vorträgen[216] macht er neben der jakobinischen Majorität im Rat der Kommune vor allem die „unvollkommene Organisation der IAA, die die sofortige Abschaffung von Kirche und Staat, die absolute Grundbedingung seiner Revolutionstheorie, verhindert hat, direkt für das Scheitern der Kommune mitverantwortlich[217]. Er wahrt sich gegen jede „Lehre der gewaltsam von der Macht des Staates eingeführten Gleichheit“, gleich­gültig, ob diese Macht durch einen Staatsstreich oder auf demokratischem Wege erobert wurde. Ohne die völlige Ver­nichtung aller Autoritäten wird „die Autoritätsverehrung, diese historische Quelle aller Verderbnis und aller Knecht­schaft des Volkes“, zwangsläufig einer neuen Autorität huldi­gen[218]. Auch eine repräsentative Demokratie auf der Basis des allgemeinen Stimmrechts führt aus diesem engen Blick­winke1 nur „zu einer neuen regierenden Aristokratie d.h. einer ganzen Klasse von Leuten, die mit der Masse nichts ge­mein haben, sondern ganz gewiss wieder beginnen würden das Volk auszubeuten und untertänig zu machen unter dem Vorwand des allgemeinen Wohls oder um den Staat zu retten[219]

 

Die bedingungslose Ausrottung des Autoritätsprinzips als Voraussetzung der Selbstorganisation des Volkes ohne jede Einwirkung ‚von oben’  wird nach dem Sieg des von Preußen geführten Deutschland über Frankreich, in dem Bakunin den Anfang einer Epoche autoritär geführter industrieller Militärstaaten sieht, zu dem Hauptansatzpunkt seiner Kritik an der Stellung und Führung des Generalrats der IAA in London. Nach dem Scheitern der Kommune und der sich anschließenden drakonischen Verfolgung der IAA in den meisten Ländern Mitteleuropas[220] tendierten nach der deutschen Sozialdemokratie auch Marx und Engels immer mehr dazu, durch die Beteiligung nationaler sozialistischer Parteien an der politischen Macht die Situation und Organisation der Arbeiter und die spätere Machtübernahme zu erleichtern. Solche Parteipolitik bringt jedoch nach Bakunins Ansicht die sozialistische Bewegung des Proletariats nicht nur „an das Schlepptau des bürgerlichen Radikalismus, sondern beraubt sie auch ihrer ursprünglichen Kraft, die ihr aus dem Glauben an die Möglichkeit baldiger Befreiung erwächst[221].

Durch die Arbeit einer politischen Partei würde der Organisation zwangsweise die Struktur der bestehenden Ordnung aufgezwungen. Die unwissenden und gleichgültigen Massen wären nur noch imstande eine fiktive, nicht eine wirkliche Macht zu bilden. Diese fiktive Macht ist eine abscheuliche und unvermeidliche Folge des einmal in die Organisation der IAA eingedrungenen Autoritarismus[222]..

 

Für Marx sind solche Überlegungen „demokratisches Gekohle und politische Faselei[223]“. Nach seiner Ansicht bleibt die Entwicklung der Gesellschaft als naturgeschicht­licher Prozeß[224]  „ohnehin in steter Abhängigkeit von seinen ökonomischen Grundlagen. Bakunins Theorie der sofortigen Verwirklichung der absoluten Freiheit durch die ungezügelte Spontanität der sozialen Massenrevolution übersieht völlig seine historischen Bedingungen der ökonomischen Entwick­lung[225]“ und führt deshalb nur zu einem voluntaristischen Aktionismus[226], der vor allem nach der Zirkularnote des französischen Präsidenten Thiers, in der er die Initiative zur Gründung eines europäischen Antikominternpaktes ergriff,  verhängnisvolle Folgen für die Arbeiterbewegung haben könnte. Es ist anzunehmen, daß vor allem das drohende Verbot und die gänzliche Unterdrückung der IAA, wie sie Thiers in Frankreich bereits praktizierte, der­ Hauptgrund war, der ­die Mehrheit des Generalrats überzeugte, daß die IAA in ihrer von Marx geprägten Form nur durch den Ausschluß der Bakunisten gerettet werden könnte.

Im August 1871 verfügt der Generalrat „eigenmächtig, den einzuberufenden Kongreß der IAA durch eine am 17.9.1871 in London zusammentretende Delegiertenkonferenz zu ersetzen. Unter den insgesamt 23 Mitgliedern saßen 13 Mitglieder des Generalrats.[227]“ Die Romanische Föderation war nur durch die Delegierten der dem Generalrat treuen Minorität, Utin und Perron vertreten. Mit dieser Mehrheit gelingt es Marx, einige Resolutionen zu verabschieden, die ihm weiterhin die Vorhand in der Auseinander­setzung mit der bakunistischen Opposition sicherten. Vor allem die fünfzehnte Resolution, die dem Generalrat die Vollmacht verschaffte, den Tagungsort und -termin der Kon­gresse festzulegen, soll Bakunins Position entscheidend schwächen. Den Haag, der Kongressort des nächsten Jahres­treffens, war für Bakunin, gegen den in Deutschland und Frankreich Haftbefehle vorlagen, unerreichbar und vermochte auch einige Delegierte aus den südlichen Ländern, in denen die Bakunisten die Mehrheit hatten, von der langen und kostspieligen Reise abzuhalten[228].

 

Eines der für den weiteren Verlauf wichtigsten Ergebnisse war jedoch eine Resolution, die der Majoritätsfraktion der Romanischen Föderation die „Wiedervereinigung mit der Genfer Sektion im Schoße der alten Romanischen Föderation nahe legte. Andernfalls hatte sich die kollektivistische, dissidente Partei unter dem Namen ‚Föderation des Jura’ neu zu konstituieren[229]“. Die Kompetenzanmaßung des Generalrats, in das Geschehen der Sektionen einzugreifen, sollte die künftige ‚Föderation des Jura’ unter der Leitung von Bakunins Vertrautem und gelehrtestem Schüler[230], James Guillaume, besonders empören. Auf dem Gründungs­kongreß beschloss die Föderation ein Zirkular an alle Sektionen der IAA zu versenden, „des Inhalts, daß in kürzester Zeit ein interner Kongreß der IAA abgehalten werden sollte, um gegen die Allmacht des Generalrats und seine Kompetenz­überschreitungen vorzugehen und die Autonomie wiederherstellen[231]“.

 

In einem Brief an N. Nabruzzi und die eben der IAA beige­tretenen Sektionen der Romagna grenzt sich Bakunin noch weit deutlicher als das Sonvillierzirkular, das sich inhalt­lich auf seine Schrift „Protest der Allianz„ bezog, von der „jüdisch-deutschen oder Marxschen Gruppe“ ab:
„Marx ist auto­ritärer und zentralistischer Kommunist. Er will, was wir wollen: den vollständigen Triumph der ökonomischen und sozialen Gleichheit, aber im Staat und durch die Staats­macht, durch die Diktatur einer sehr starken und Sozusagen despotischen provisorischen Regierung, das heißt durch die Negation der Freiheit. Sein ökonomisches Ideal ist der Staat als einziger Besitzer von Grund und Boden und jedem Kapital, das Land bebauend durch gut bezahlte und von seinen Ingenieuren geleitete landwirtschaftliche Assoziationen mit dem Kapital alle industriellen und Handelsassoziationen kommanditierend[232]“.
Doch wie Bakunin sich in Marxens Werk eingelesen hat, so hat sich auch Marx in Bakunins Schriften eingearbeitet, nur das er die Exegese nicht den Privatbriefen überlässt, sondern in aller Öffentlichkeit zelebriert. Auf dem Haager Kongreß, auf dem Bakunin nicht anwesend war und sich verteidigen konnte, legt er den Delegierten die sehr eindeutigen Belegstücke über die Affäre Netschajew, die Utin eifrig gesammelt und übersetzt hat, vor und  - um das Maß voll zu machen, auch die Statuten der ‚Internationalen Bruderschaft und Allianz der sozialis­tischen Demokratie’. Marx wirft Bakunin vor, eine Gesellschaft geleitet zu haben, “die unter der Maske des extremsten Anarchismus ihre Angriffe nicht gegen die bestehende Ordnung richtet, sondern gegen die Revolutionäre, welche sich nicht ihrer Orthodoxie und Leitung unterwerfen. Von der Minderheit eines Bourgeois-Kongresses gegründet, schleicht sie sich in die Reihen der internationalen Organisation der Arbeiterklasse ein, versucht zuerst sich ihrer Leitung zu bemächtigen, und arbeitet auf ihre Desorganisation hin, sobald sie diese Pläne scheitern sieht. In schamloser Weise sucht sie ihr sektiererisches Programm und ihre beschränkten Ideen dem umfassenden Programm, den großen Anstrebungen unsere Assoziation unterzuschieben...Um zu ihrem Zweck zu gelangen, weicht sie vor keinem Mittel, vor keiner Unredlichkeit zurück. Lüge, Verleumdung, Einschüchterung, Gewalttat aus feigem Hinterhalt sind ihr in gleicher Weise recht. Endlich in Russland, setzt sie sich ganz an die Stelle der IAA und begeht unter ihrem Namen gemeine Verbrechen, Gaunereien und einen Mord, für den die Regierungs-­ und Bourgeoispresse unsere Organisation verantwortlich gemacht hat[233].“

 

Die Mehrheit des Kongresses billigt denn auch die von Marx und Engels eingebrachte Resolution, die den Ausschluß Bakunins „wegen Gründung einer geheimen Allianz, deren Statuten denen der Internationale völlig entgegen­gesetzt sind,...von J.Guillaume und A.Schwitzguebel wegen Mitgliedschaft...und von Mallon, Bousquet und Marchand wegen desorganisatorischer Umtriebe, vorschlägt[234]“. Zudem gelingt es Marx eine Mehrheit für die Verlegung des Generalrats in das entferntere New York zu finden, obwohl in London niemals die Gefahr einer Verfolgung oder eines Verbots bestand[235]. Marx ist es damit zwar gelungen die IAA vor „auflösenden Elementen“ zu schützen. doch zugleich hat er durch diese Art Vorgehensweise gegen die Opposition, „diese heilsame Kontrolle[236]„ den Kommunismus auf die erste Etappe eines Weges geführt, der ihn schließlich seiner letzten demokratischen Impulse beraubte und damit direkt dem Zugriff das Totalitarismus aussetzte.

 

3.3 Lebensabend eines Revolutionärs

 

„Es ist eine müßige Frage, ob die Allianz tatsächlich auf­gelöst wurde, wie Bakunins Anhänger beteuerten, oder ob sie weiterbestand, wie Marx und seine Anhänger behaupteten. Es war der faszinierenden Persönlichkeit Bakunins ein leichtes, glühende Apostel um sich zu scharen, mit denen er natürlich in engstem Kontakt stand.[237]“ Mit einer kleinen Truppe treuer Anhänger der Propaganda durch die Tat gründet Bakunin zusammen mit Guillaume durch „die gemeinsame Unterzeichnung eines Freundschafts-, Solidaritäts-­ und Hilfspaktes[238]“ eine anti-autori­täre Gegeninternationale, „die strikt jede Politik zurück­weist, die nicht zum unmittelbaren und direkten Ziel die ökonomische und soziale Revolution haben würde[239]“. Bakunin selbst beteiligt sich nach dem Gründungskongreß jedoch nicht mehr aktiv an dieser Orga­nisation, die erst nach Bakunins Tod und der endgültigen Auflösung der alten Internationale größeren Einfluß auf die sozialistische Bewegung und den Aufbau der Gewerk­schaftsbewegung in Südeuropa, Frankreich und Belgien er­langte[240]. Nach der Veröffentlichung mehrer Erklärungen, „daß er sich vom Kampf und vom öffentlichen Leben zurückziehe, um die letzten Jahre seines Lebens in Frieden abzuschließen[241]“, widmet er sich auf seinem, von Carlo Cafiero erworbenen Alterssitz ‚La Baronata’ in Locarno ganz der Abfassung seines politischen Testaments.

Gegen Ende des Jahres 1873 veröffentlicht er sein in russischer Sprache geschriebenes, einziges vollendetes Werk, „Staatlichkeit und Anarchie“, das noch im selben Jahr, wahrschein­lich durch einige der damals sehr zahlreichen russischen Studenten der Züricher Universität, in größerer Zahl nach Russland gelangte[242]. Leszek Kolakowski, der dieses Werk als „eine im Grunde ge­nommen chaotische Ansammlung von Bemerkungen zu unter­schiedlichsten Themen: europäische und Weltpolitik, Deutschland, Russland, Polen, Frankreich, China, die Pariser Kommune, Angriffe auf den Kommunismus und ver­schiedenerlei philosophische Betrachtungen[243]“ ad acta legt, verschweigt das Hauptthema, unter dem Bakunin diese Vielzahl von Linien zusammenfasst: Das wechselseitige Verhältnis von Deutschland-Preußen und Russland. Die Auswirkung, die die Änderung des europäischen Kräftefeldes, das seinen Schwerpunkt von Paris nach Berlin verlagert hat, auf dieses Verhältnis hat, steht dabei im Mittelpunkt seiner Analyse der  künftigen Möglichkeiten der revolutionären Bewegung in Russland.

 

Durch die Gründung des deutschen Reiches unter dar Führung Preußens,  durch die Deutschland einen Platz eingenommen hat, den bisher kein Staat gehabt hat, nicht einmal das Spanien Karls V., nur vielleicht das Reich Napoleons I. kann sich mit ihm an Macht und Einfluß messen[244]“,  scheint ihm das europäische Gleichgewicht unwiederbringbar zerstört. Nach dar Erprobung langfristig unmöglicher diverser Bündnis­konstellationen muß die deutsche und russische Expansions­politik zwangsläufig zum Krieg zwischen diesen beiden Mächten führen, „wenn die soziale Revolution sie nicht vorher versöhnt[245]“.Doch Bakunins früherer revolutionärer Optimismus fehlt in diesem Alterswerk fast völlig. Die Gegner der sozialen Revolution, unter denen er neben Bismarck nun auch Marx,„diesen Konkurrenten und Neider“, findet, erscheinen übergroß, die Revolution verschwindend klein. Der „rasche und völlige Gesinnungswandel, der sich in Deutschland in den Jahren von 1864-1866 und 1870 vollzogen hat[246]“ und für den Bakunin durch einen ausgedehnten Exkurs in die Geschichte des deutschen Liberalismus eine Erklärung zu finden versucht, hat jedoch in Deutschland keine Gruppierung übriggelassen, die dieser Versöhnung durch eine russische Revolution entgegenkommen könnte.

Es hat fast den Anschein, als ob Bakunin der russischen Jugend, die er in einem angefügtem Aufruf zum letzten Mal auffordert, ins Volk zu gehen und das Volk zu erziehen[247], sehr ausführlich klar machen will, daß sie keinerlei theoretische oder praktische Hilfe aus dem Westen mehr erwarten kann. Die Verbindung zur revolutionären Bewegung Westeuropas beschränkt sich nur noch auf die Veröffentlichung von Zeitungsnachrichten, „die unseren Bauern und Fabrikarbeitern die Gewissheit geben sollen, daß hinter ihnen die gewaltige Maße der einfachen Arbeiter steht, die sich auf eine weltweite Erhebung vorbereitet[248]“. Der Pessimismus in Bezug auf die Möglichkeit der Änderung der internationalen Situation durch die internationale Solidarität der Arbeiterbewegung, der in „Staatlichkeit und Anarchie“ an allen Ecken und Enden durchschimmert, mündet schließlich in den folgenden letzten drei Lebens­jahren Bakunins in völlige Resignation.

Sein letzter Versuch der Enge von ‚La Baronata’ und den Streitigkeiten mit seinem Mäzen Cafiero zu entkommen und auf den Barrikaden des Aufstands von Bologna wie Rudin, der Held eines gleichnamigen Romans, in dem Turgenjev seinen Freund geschildert hat, zu sterben, scheitert unter geradezu tragikomischen Umständen[249].

In einem seiner letzten Briefe an seinen treuen Freund Elisee Reclus schreibt er im Februar 1875:
„Ich stimme mit Dir überein zu sagen, daß die Stunde der Revolution vorüber ist, nicht wegen des schrecklichen Unheils, dessen Zeugen wir waren, und der furchtbaren Niederlagen, deren mehr oder weniger schuldige Opfer wir waren, sondern weil ich zu meiner großen Verzweiflung konstatiert habe und täglich von neuern konstatiere, daß der revolutionäre Gedanke, die revolutio­näre Hoffnung und Leidenschaft in den Massen sicb absolut nicht vorfinden, und wenn sie fehlen, kann man sich die größte Mühe geben, man wird nichts ausrichten...Außerdem, wie ließe sich eine Revolution machen? Nie war die internationale Reaktion so furchtbar gegen jede Volksbewegung bewaffnet. Sie hat aus der Repression eine Wissenschaft gemacht, die syste­matisch in den Militärschulen den Leutnants aller Länder ge­lehrt wird. Und zum Angriff auf diese unüberwindlichen Stellungen, was haben wir? Die desorganisierten Massen. So bleibt die Propaganda übrig...Das ist gewiß etwas, aber sehr wenig: einige Wassertropfen in den Ozean, und wenn es kein anderes Mittel zum Heil der Menschheit gibt, hat die Menschheit noch zehnmal Zeit zu verfaulen, bevor sie ge­rettet wird. Es bleibt noch eine andere Hoffnung: der Weltkrieg.­ Diese ungeheuren Militärstaaten werden sich früher oder später gegenseitig zerstören und auffressen müssen.­ Aber welche Perspektive[250]...“.

 

3.4 Ein Nachwort von Ivan Turgenjew:

„An Genialität fehlte es ihm nicht, erwiderte Leschnew: ­aber Natur, das ist ja sein ganzes Unglück - Natur hat er nicht. Doch nicht davon, sondern daß er schöne und seltene Wesenszüge hat davon wollte ich sprechen. Er ist voller Begeisterung und das ist in unseren Tagen, sie können es mir, einem phlegmatischen Menschen, glauben, die allerkostbarste Eigenschaft. Wir alle sind unerträglich berechnend, gleich­gültig und träge geworden; wir sind eingeschlafen, wir sind erstarrt und müssen jedem danken, der uns, wenn auch nur für einen Augenblick aufrüttelt und erwärmt! Es ist ja die höchst Zeit? Erinnerst du dich Sascha, ich habe mit dir einmal über ihn gesprochen und ihn der Kälte beschuldigt. Ich hatte damals recht und unrecht zugleich. Diese Kälte liegt ihm im Blut - daran ist er nicht schuld - und nicht im Kopf. Er ist kein Schauspieler, wie ich ihn genannt habe, kein Betrüger, kein Schurke; er lebt auf fremde Kosten, aber nicht als Schleicher, sondern als Kind...Ja er wird irgendwo in Elend und Armut sterben, sollte man aber deshalb einen Stein auf ihn werfen? Er selbst wird nie etwas vollenden. Ausführen, weil er keine Natur hat, kein Blut, aber wer hat das Recht zu sagen, daß er keinen Nutzen bringt oder brachte? Das seine Worte nicht viele gute Samenkörner in junge Seelen gelegt habe denen die Natur nicht wie ihm. Tatkraft und das Vermögen, eigene Pläne zu verwirklichen, versagt hat? Habe ich ja doch, ich vor allem, alles dies selbst erfahren...Sascha weiß, was Rudin mir in meinen jungen Jahren gewesen ist. Bravo! Bravo! rief Bassistow: wie wahr ist das gesprochen! Was jedoch Rudins Einfluß betrifft, so schwöre ich ihnen, daß er nicht bloß einen Menschen aufzurütteln im Stande war, sondern ihn auch weiter trieb, ihm die Zeit nicht ließ, stehen zu bleiben, ihn um und umkehrte, ihn entflammte, begeisterte!

Das Unglück Rudins besteht darin, sagte Leschnew weiter, daß er Rußland nicht kennt - und das ist wirklich ein großes Unglück. Rußland kann ohne jeden von uns auskommen, aber keiner von uns ohne Rußland. Wehe dem, der es glaubt, zweimal wehe dem, der tatsächlich ohne Russland auskommt. Kosmopolitismus­ ist Unsinn, der Kosmopolit - eine Null, weniger als eine Null; außerhalb des eigenen Volkes gibt es weder Kunst noch Wissenschaft, noch Leben, gibt es Nichts. Ich muß aber wieder darauf zurückkommen, Rudins Schuld ist es nicht: es ist sein Schicksal, ein bitteres und schweres Schicksal, für das wir ihn nicht beschuldigen wollen. Es würde uns zu weit führen, wollten wir unter­suchen, weshalb bei uns die Rudins erschienen. Aber dafür, daß er manch Gutes in sich hat, wollen wir ihm dankbar sein. Gebe Gott, daß sein Unglück alles Schlechte in ihm wegätze und nur das Schöne übriglasse! Ich trinke auf Rudins Gesundheit! Ich trinke auf das Wohl des Gefährten meiner besten Jahre, ich trinke auf die Jugend, auf ihre Hoffnungen, auf ihre Bestrebungen, auf ihr Vertrauen und ihre Ehrenhaftigkeit, auf all das, wofür im Alter von zwanzig Jahren unsere’ Herzen geschlagen haben und was im späteren Leben nichts aus unserem Gedächtnis verdrängen konnte, verdrängen wird. Ich trinke auf die goldene Zeit, ich trinke auf Rudins Wohl.[251]

 


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[1] Geringfügig überarbeitete Fassung der schriftlichen Hausarbeit zur Erlangung des akademischen Grades des Magister Artium an der sozialwissenschaftlichen Fakultät der Ludwig-Maximilian-Universität zu München.. Vorgelegt von Burkhardt Joachim Huck am 15. April 1980. Referent: Priv.Doz. Dr. Karl G. Ballestrem

[2] Der Bakuninforschung ist es bisher nicht gelungen. Weder über Bakunins Vorfahren. noch über die Herkunft seiner Familie genaue und übereinstimmende Daten vorzulegen. Diese Angabe bezieht sich Ricarda Huch. Michail Bakunin und die Anarchie. Leipzig 1923. S.2o

[3] Bakunin nach Justus F.Wittkop. Michail A.Bakunin in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Reinbeck 1974. S.1o

[4] Peter Scheibert. Von Bakunin zu Lenin. Leiden 1956

[5] "Ich schrieb, ich versuchte mich begreiflich zu machen. doch man wies mich ab und zweifelte an meiner Auf­richtigkeit - ich war noch immer bereit nach Tver zu­rückzukehren und dort zu dienen; man wollte es nicht und ich beschloss in Moskau zu bleiben." Brief an seine­ Schwester Tatjana vom 8.3.1836. in: Arthur Lehning. Bakoenin. een biografie in tijdsdocumenten. Baarn 1974. S.39

[6] Brief von 1837 an den Vater nach Wittkop, a.a.O., S.11

[7] Peter Scheibert. a.a.O. S.134

[8] Alexander Puschkin. Eugen Onegin. zit. nach Michail Bakunin. Frühschriften. Köln 1973. S. 63.

[9] Edward C.Thadden. Russia since 1801. The making of a new Society. New York 1971. S. 136.

[10] Bakunin. Frühschriften. S. 49 bis 68

[11]  Vorwort zu den Gymnasialreden Hegels. S.57

[12]  a.a.O. S. 56

[13] a.a.O. S.51

[14] a.a.O. S. 52

[15]  a.a.O. S. 54

[16]  a.a.O. S. 58

[17] a.a.O. S. 57

[18] a.a.O. S.64

[19] Dmitrij Tschizewskij. Hegel bei den Slaven. Darmstadt 1961. S. 194

[20] Bernhard Schultze. Wissarion G. Belinskij. Salzburg 1958. S. 55. Brief vom 10.09.1838 an Bakunin

[21] Bakunin. Frühschriften. S. 49 bis 172

[22]. S. 73

[23]  S.79

[24]  S.78

[25]  S.96

[26]  S.105

[27]  S.106-172

[28]  S.129

[29]  S.140

[30]  S.141

[31]  S.147

[32] Tschizeswkij. a.a.O. S. 197

[33] Bakunin. a.a.O. S. 151

[34]  S.149

[35]  S. 163

[36]  S. 161

[37] S. 110

[38] E.H. Carr, Michail Bakunin, London 1937, S. 90

[39] Ivan Turgenjev. Brief an Michail Bakunin 08.09.1840. nach Arthur Lehning. Bakoenin. S. 70

[40] Jürgen Gebhardt. Politik und Eschatologie. München 1963. S. 51

[41] Josef Pfitzner. Bakunin Studien. Prag 1932. S. 14

[42] Michail Bakunin. Beichte aus der Peter-Pauls-Festung an Zar Nikolaus I. .Frankfurt a.M.1973. S.55

[43] Gebhardt a.a.O .S .154 und auch Jürgen Gebhardt (Hrsg.): Die Revolution des Geistes. München 1968; Nikolaus Lobkowicz. Georg F.G. Hegel. S. 101-131; S.111

[44] Tschizewskij. a.a.O. S. 199

[45] a.a.O. S.199

[46] Andre Glucksmann. Die Meisterdenker. Harnburg 1978.S. 126

[47] Michail Bakunin. Beichte. S. 54

[48] Arthur Lehning. Bakoenin. Arnold Ruge in Neue freihe Presse. Wien. 28.09.1876. S. 76

[49] Michail Bakunin. Philosophie der Tat. Auswahl aus seinem Werk. Köln 1968. S. 61 bis 96

[50] Bakunin. Frühschriften. S. 56

[51] Bakunin. Philosophie der Tat. S. 61

[52] a.a.D. S. 63

[53] Bakunin. Philosophie der Tat. S. 93

[54] Bakunin. Philosophie der Tat.  S. 90

[55] G.W.F. Hegel. Werke. Bd. 6. Logik. S 35 bis 79

[56] Bakunin. Philosophie der Tat. S. 77

[57] Oskar Negt (Hrsg.): Aktualität und Folgen der Philosophie Hegels. Frankfurt a.M. 1970; Michael Wolff. Hegel im vorrevolutionären Rußland. S. 151 bis 182, S. 169

[58] Bakunin. Philosophie der Tat. S. 64

[59] G.W.F. Hegel. Logik. S. 69

[60] Bakunin. Philosophie der Tat. S. 88 Vor dieser Einschätzung des Negativen warnt Herbert Marcuse : "Die Negativität scheint eher eine gesicherte Stufe im Wachstum des Geistes zu sein als die Kraft, die ihn weitertreibt; der Gegensatz in der Dialektik erscheint eher als ein vorsätzliches Spiel denn als ein Kampf auf Leben und Tod." Vernunft und Revolution. Neuwied und Berlin 1962. S. 90

[61] weitere Zitate dieses Abschnitts aus „Philosophie der Tat“ S.90-96

[62] Michail Dragomanow, Michail Bakunins Sozial­politischer Briefwechsel mit A. Herzen und Ogarjow. Stuttgart 1895. S. XXVI

[63] Lehning, a.a.O. S. 77

[64] Zit. nach Lehrbuch für den Geschichtsunterricht. Ost-Berlin 1954, S. 171

[65] Bakunin. Beichte. S. 56

[66] Carr. a.a.O. S. 118

[67] Fritz Brupbacher. Marx und Bakunin. Berlin 1922. S. 35

[68] Bakunin an seine Schwestern. nach Pfitzner S. 29

[69] An Paul Bakunin nach Scheibert. S.167

[70] Beichte S. 59

[71] Julius Braunthal. Geschichte der Internationale. Hannover 1961, S. 63

[72] Bakunin nach Wittkop. S. 24

[73] Weitling nach Lehning. S. 81

[74] Bakunin nach Wittkop. S. 24

[75] Michail Bakunin. Staatlichkeit und Anarchie und andere Schriften. Frankfurt-Berlin-Wien 1962. Der Sozialismus, S. 65-71. S. 66

[76] a.a.O.. S. 67

[77] Wittkop. a.a.O.. S. 25

[78] James Joll. Die Anarchisten, Frankfurt-Ber1in 1969.S. 50

[79] Bakunin, Staatlichkeit und Anarchie. Anmerkung von Max Nettlau. S. 66; Werner Hofmann. Ideengeschichte der sozialen Bewegung des 19. und 20. Jahrhunderts. Berlin 1970. S. 44 und 72

[80] Dragomanow. Mitteilungen eines Polizeirates. S. XXVIII

[81] Pfitzner. S. 23

[82] Carr. S.121

[83] Beichte. S. 66

[84] ebda.

[85] Pfitzner. S. 30

[86] Beichte. S. 69

[87] Carr. S. 130 und Herzen in Lehning. S. 100

[88] Bakunin, Staatlichkeit und Anarchie. S. 67

[89] Nach Carr. S. 133

[90] Beichte. S. 75

[91] Scheibert. S.16

[92] Beichte.. S. 76

[93] Thadden. S. 91

[94] Bakunin. Rede am Jahrestag der polnischen Revolution. in Dragomanow. S. 275-284. S. 278

[95] Pfitzner. S. 37

[96] Beichte. S. 81

[97] Bakunin. Manifest vom 13.3.1848. S. 39-41

[98] Herzen in Dragomanow. S XLVI

[99] Beichte. S. 95

[100] Pfitzner. S. 55 f

[101] Sacher-Masoch in Lehning S. 115

[102] Friedrich Engels. Marx-Engels-Werke. Berlin 1960.B.d. 8. S. 54

[103] Pfitzner, S. 31 f.

[104] Beichte. S. 144

[105] Bakunin. Staatlichkeit und Anarchie. S. 404 und S. 824 f.. Pfitzner ebda

[106] Pfitzner. S. 58

[107] A.S. Niftonow. Rußland im Jahre 1848. Berlin 1954. S. 221-241. S. 227

[108] Pfitzner. S. 66

[109] Beichte

[110] Huch. S. 110

[111] Bakunin an Herwegh. Nach Huck. S. 111

[112] Pfitzner. S. 66

[113] Joachim Paschen. Demokratische Vereine und preußischer Staat. München 1978. S. 43

[114] Pfitzner. S. 73

[115] Bakunin. Appell an die slawischen Völker durch einen russischen Patrioten. S. 94-105. S. 102

[116] Nifontow. S. 322 f.

[117] Pfitzner. S. 120

[118] Röckel in Lehning. S. 147 f.

[119] Beichte. S. 181-190

[120] Pfitzner. S. 150

[121] Carr. S. 190

[122] Beichte. S. 191

[123] a.a.O. S. 203

[124] Richard Wagner. In Lehning. S. 123-147. S. 136

[125] a.a.O. S. 142

[126] Beichte. S. 205

[127] Wagner. S. 146

[128] Staatlichkeit und Anarchie. S. 591

[129] Pfitzner. S. 205

[130] vgl. Carr. S. 200-202. Pfitzner. S. 214

[131] Eric Voegelin. Anamnesis - Zur Theorie der Geschichte und Politik. München 1966. S. 233 und 237

[132] Beichte. S. 182 und folgende Zitate: S. 167,137,157,129,156

[133] Beichte. S. 113-134

[134] Wittkop. S. 50

[135] Huch. S. 131

[136] Alphons Thun. Die Geschichte der revolutionären Bewegung in Rußland. Genf 1883

[137] Carr. S. 227

[138] Thadden. S. 260

[139] Bakunin an Herzen. In: Dragomanow. S. 14

[140] a.a.O. S. 38

[141] a.a.O. S. 30

[142] Harry T. Willetts. Die russische Agrarfrage nach der Bauernreform. In Wirtschaft und Gesellschaft im vorrevolutionären Rußland. Köln 1975. S. 168-187. S. 174

[143] Jürgen Nötzold. Agrarfrage und Industria1isierung am Vorabend des Ersten Weltkrieges. a.a.O. s. 228-­251. s. 231

[144] Jerry F. Hugh u. Merle Fainsod. How the Soviet-Union is governed.: London 1979. S. 24

[145] Georg von Rauch. Rußland : Staat1iche Einheit und nationale Vielfalt. München 1953. S. 79

[146] Bakunin. An die russischen, polnischen und alle slawischen Freunde. 1n Dragomanow. S. 295-302. S. 299

[147] ebda

[148] Herzen nach Dragomanow. S. LXX

[149] Bakunin. Romanow. Pugatschew oder Pestel? In Dragomanow. S. 303-309. S. 305

[150] a.a.O. S. 309

[151] Carr. S. 280

[152] von Rauch. S. 95

[153] ebda

[154] Carr. S. 296

[155] von Rauch. S. 101

[156] Marx an Engels. In Lehning. S. 222

[157] Carr. S. 308 und Brupbacher. S 49

[158] Braunthal. Geschichte der Internationale S. 96

[159] a.a.O. S. 225

[160] Brief an A.Herzen vom 19.7.1866. Dragomanow S.117

[161] Braunthal. S. 125

[162] Brief an Herzen. Dragomanow S. 118

[163] Michail Bakunin. Prinzipien und Organisation einer internationalen revolutionär-sozialistischen Geheimgesellschaft (1866) in: Staatlichkeit und Anarchie und andere Schriften. S. 3­-64,

[164] ebda. S. 3/5

[165] wie FN 160

[166] Prinzipien und Organisation. S. 3. Auch die folgenden Zitate beziehen sich auf darauf.

[167] Vgl. dazu: Programm und Reglement der Geheimorganisation der internationalen Bruderschaft und der internationalen Allianz der sozialistischen Demokratie (1868) in: Staatlichkeit und Anarchie...S.72 -94, S.86

[168] Prinzipien und Organisation. S. 51

[169] Carr. S. 329

[170] Rolf R. Bigler. Der libertäre Sozialismus in der Westschweiz. Köln-Berlin 1963. S.68

[171] James Guillaume. L´Internationale.Documents et souvenirs (1864­ 1878). Paris 1905..zit. nach Wittkop. S.74

[172] Pro­gramm und Reglement. S. 92. Daraus auch die folgenden Zitate aus S. 94,73,87,86,87/88,74,77,85,86

[173] Albert Richard nach Arthur Lehhing. Bakoenin. S.236

[174] Carr. S. 353

[175] Thadden. Russia since 1801. S. 244

[176] David Shub. Lenin - eine Biographie. Wiesbaden 1958 .S.17

[177] Dimitrij Tschitzewskij. Russische Geistesgeschichte. München 1974. S. 242

[178] Friedrich Hacker. Terror. Wien-München-Zürich 1973. S. 251

[179] Brief Bakunins an J.Guillaume nach Wittkop.a.a.O..S.80

[180] David Shub. S. 27

[181] Bakunin. Die Prinzipien der Revolution. in: Staat­lichkeit und Anarchie. S.100 -105; S.101

[182] a.a.O. S. 103/104

[183] a.a.O. S. 105

[184] Solche Versuche finden sich bei Dragomanow, Ein­leitung S.XCIII,  Huch. S.205. Carr, S.380, Bigler S.67 und Brupbacher S.90

[185] Sergeij Netschajew, Katechismus der Revolution in: Dragomanow. S.371 -380

[186] Brief Bakunins an Albert Richard vom 7.2.1870 in: Staatlichkeit und Anarchie, S.740 -742; 741

[187] Brief Bakunins an Alfred Talendier vom 24.7.1870 in: Dragomanow, S.222 -226; S. 225

[188] M. Bakunin, Appell russischer Emigranten und ist Netschajew ein politischer Verbrecher oder nicht? in: Arthur Lehning (Hrsg.). Michel Bakounine et ses relations avec Sergej Netschaev 1870-1872, Leiden 1971, S.161 -167;

[189] Brief Bakunins an N.Ogarjew vom 2.11.1872 in: Arthur Lehning. Michel Bakounine et ses relations..., a.a.O. S.273

[190] Wittkop. S. 89/90

[191] Fjodor Dostojewskij über seinen Roman „Die Dämonen“, der sich in seinen Hauptgestalten Nikolai Stavrogin und dessen fanatischem Anhänger Pjotr Verchovenskij ganz eindeutig an das historische Vorbild Bakunins und Net­schajews anlehnt. Zitat nach Janko Lavin, Fjodor Dostojewskij, Reinbeck 1963, S.99

[192] von Rauch. S. 125

[193] Rosa Luxemburg. Ausgewählte Schriften. Berlin-Ost 1955, Band 1, S.164

[194] Karl Marx/Friedrich Engels, Werke, Bd.18. Berlin-O.1964, S.13

[195] Engels an Marx: „trittst Du aber heftig gegen dieser russische Intrige auf, so hetzest Du den unter den Knoten (speziell Schweiz) sehr zahlreichen Gesinnungsphilister nutzlos auf und schadest der Internationale. Einem Russen (und hier sind ihrer vier, die Weiber ungerechnet), einem Russen gegenüber muß man nie sein temper verlieren.“ Brief v.18.12.1868. nach Bigler. S.69

[196] wie FN 194, a.a.O. S. 14 und Michail Bakunin. Politik der Internationale. Beiträge zur ‚Egalite’ in: Staatlichkeit und Anarchie u.a. Schriften. S.159

[197] Brupbacher. Bakunin und Marx. S. 80

[198] Hector Zoccoli. Die Anarchie. Ihre Verkünder - Ihre Ideen - ­Ihre Taten, Amsterdam 1909. Neuauflage Berlin 1976. S S. 121

[199] Brief an A. Herzen vom 28.10.1869. in: Dragomanow, S.175

[200] Karl Marx, Konfidentielle Mitteilung, nach Brupbacher a.a.O. S. 98

[201] Carr. S. 347

[202] Carr S. 410

[203] R. Biegler. S. 96, S. 122

[204] Vgl. Brief in Dragomanow. S. 207

[205] Albert Richard. In: A. Lehning. Bakoenin. S 262

[206] Commune revolutionaire de….in : Dragomanow a.a.O. S.237

[207] Brief an Ogariow. In: Dragomanow a.a.O. S 240

[208] Bakunin. Staatlichkeit und Anarchie U.a.; S.215-298

[209] Staatlichkeit und Anarchie. S. 218, S. 237

[210] ebda. S. 249

[211] ebda. S. 218

[212] ebda. S. 258

[213] Braunthal. Geschichte der Internationale. S. 158

[214] Marx an Engels: „Es wäre scheußlich; wenn die deutschen Armeen als letzten Kriegsakt einen Barrikadenkampf gegen die Pariser Arbeiter auszufechten hätten. Es würde sie um fünfzig Jahre zurückwerfen.“ in: Braunthal a.a.O. S.159

[215] Bakunin. Die Commune von Paris und der Staatsbegriff.  Staatlicbkeit und Anarchie U.a. S.  298-314

[216] Bakunin. Drei Vorträge.  ebda. S. 315 -347

[217] ebda. S. 306, S. 347

[218] S. 334, S. 304

[219] S. 308

[220] Braunthal. S. 167

[221] Bakunin. Protest der Allianz. Staatlichkeit u. Anarchie U.a..S. 348-394; S. 359

[222] ebda. S. 352

[223] Marx-Engels. Werke Bd.18. Konspekt zu Staatlichkeit und Anarchie. S. 635

[224] Marx-Engels. Werke Bd. 23. Karl Marx. Das Kapital. S.16

[225] Marx. Konspekt. S .633

[226] ebda. S. 634

[227] Biegler. a.a.O. S. 112

[228] ebda. S. 138

[229] ebda. S. 115

[230] Guillaume hat die Geschichte der Internationale von 1864-1876 in einem vierbändigen Werk minutiös rekonstruiert. L’Internationale. Documents et Souvenirs. Paris 1905-1910

[231] Brupbacher. Bakunin und Marx. S. 128

[232] Bakunin. Brief an Nabruzzi vom 23.1.1871. in: Staatlichkeit u. Anarchie u.a. S.756-787. S.770

[233] Marx-Engels. Ein Komplott gegen die IAA. Werke Bd.18 .S.327-471. S.333

[234] Resolutionen des Haager Kongresses. a.a.O. S.149-158. S.155

[235] Braunthal. a.a.O.

[236] Bakunin. Drei Vorträge. S. 351

[237] Braunthal, Geschichte der Internationale S.187

[238] Jury M.Stecklow. Die bakunistische Internationale nach dem Haager Kongreß. Stuttgart 1914, nach Biegler, Der

libertäre Sozialismus in der Westschweiz. S. 145

[239] Bakunin. Brief an Nabruzzi. a.a.O. S.760

[240] Braunthal. a.a.O. S. 194 ff.

[241] Hector Zoccoli. Der Anarchismus.a.a.O.  S. 138

[242] Horst Stuke. Vorbemerkung des Herausgebers zu „Staatlichkeit und Anarchie“, S. 414

[243] Leszek Kolakowski, Die Hauptströmungen des Marxismus, 3 Bde. , München 1977-79, Bd.1, S. 282

[244] Bakunin. Staatlichkeit und Anarchie. a.a.O. S. 621

[245] ebda. S. 527

[246] S. 604

[247] S. 636

[248] S. 655

[249] Bakunin wartete zwei Tage vergeblich in einem Gasthaus in Bologna auf den verabredeten Aufstand. Doch die aus der Emilia erwarteten revolutionären Massen blieben aus, die Rädelsführer in Bologna wurden vorher verhaftet und Bakunin musste ausgerechnet in der Verkleidung eines Priesters außer Landes gebracht werden. Vgl. Horst Bienek, Bakunin. Eine Invention. München 1970.  S.18 f.

[250] Bakunin. Brief an E. Reclus.  in: Staatlichkeit und Anarchie a.a.O.  S.850-853

[251] Bakunins (Rudins) Jugendfreund Iwan Turgeniew in seinem Roman „Rudin.“ Zitat nach Horst Bienek. Bakunin. Eine Invention. S. 81-82

[252] im Text nicht ange­führte Literatur, die zum Verständnis und zur Einführung herangezogen wurde