CHARLINE VON HEYL – SNAKE EYES

In den Deichtorhallen Hamburg startet am 22. Juni die internationale Ausstellungstournee von CHARLINE VON HEYL – SNAKE EYES, welche gemeinsam mit dem Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Washington DC, und in Kooperation mit dem Museum Dhondt-Dhaenens in Deurle, Belgien organisiert wurde.

»Es handelt sich um die bislang umfassendste Ausstellung des künstlerischen Schaffens von Charline von Heyl weltweit«, sagt Dirk Luckow, Intendant der Deichtorhallen Hamburg. »Die Kunstwerke von Charline von Heyl eröffnen dem Betrachter eine einzigartige Bildsprache. In spannender Balance zwischen hintergründiger Komik und formaler Innovation sowie europäischer und amerikanischer Tradition, verbinden ihre Bilder Komplexität und klare Einfachheit zu visuell und intellektuell anspruchsvollen Kompositionen«.
Die Ausstellung beinhaltet rund 60 Arbeiten von 2005 bis heute. Im Anschluss an die Deichtorhallen Hamburg werden im Hirshhorn Museum und im Museum Dhondt-Dhaenens jeweils ausgewählte Präsentationen mit etwa 30 Bildern gezeigt.

Die in New York lebende deutsche Künstlerin Charline von Heyl (geb. 1960) ist eine der innovativsten Malerinnen der Gegenwart, die für ihre ausgefeilten und zugleich höchst intuitiven Arbeiten international höchste Anerkennung erfährt – herkömmliche Vorstellungen von Komposition, Schönheit, Narration und künstlerischer Subjektivität stellt von Heyl in ihren Bildern radikal auf den Kopf. Mit einer extrem prozessorientierten Arbeitsweise, scharfsinnigem Humor und Verweisen auf ein breites Quellenspektrum aus Literatur, Popkultur und Philosophie schafft von Heyl Bilder, die weder figurativ noch abstrakt sind, sondern in ihren Worten »ein neues Bild, das als Faktum für sich alleine steht«.

Der Titel der Ausstellung »Snake Eyes« verweist auf den englischen Terminus für »Einer-Pasch«, aber auch auf das »Sehen ohne Worte«. Jede ihrer Arbeiten erscheint als eine komplexe Kreation zwischen Kunstgeschichte und zeitgenössischen Bildwelten, zeitlos und doch bis ins Detail ein Zeugnis der Gegenwart. Ein Gefühl der Objektivität durchdringt von Heyls Arbeit als eine Art Subtext, der in all seiner lyrischen und beseelten Verfasstheit Distanz schafft. Insofern bezieht sich der Titel der Ausstellung indirekt auf das Auge der Künstlerin als hoch spezialisiertes aber doch auch trügerisches Beobachtungsinstrument und spielt zugleich mit autonomer Malerei in poetisch-satirischer Selbstreflexion.

Von Heyls faszinierende Bilder entfalten sich in einem komplexen, unvorhersehbaren Zusammenspiel von Schichten, die den Betrachter, gleichzeitig irritierend und verführend, zum Entdecken auffordern. Innerhalb des aktuellen Malereidiskurses gilt von Heyl als eine der einflussreichsten Künstlerinnen, deren Arbeiten in den bedeutendsten internationalen Sammlungen u.a. der Tate Modern, London, dem MoMA in New York, dem Museum of Contemporary Art in Chicago und dem Musée d’ Art Moderne de la Ville de Paris vertreten sind.

Die Ausstellung wird von HUGO BOSS und dem Förderkreis der Deichtorhallen unterstützt.

Über die Künstlerin
Charline von Heyl (geb. 1960, lebt und arbeitet in New York City und Marfa, Texas) studierte an der Hochschule für bildende Künste Hamburg und der Kunstakademie Düsseldorf und war in den 1980er Jahren Teil der Kölner Kunstszene. Ihre Arbeiten wurden international in Einzel- und Gruppenausstellungen gezeigt und befinden sich in Sammlungen auf der ganzen Welt, darunter im Museum of Contemporary Art, Los Angeles; dem Walker Art Center, Minneapolis; dem Whitney Museum of American Art, New York; dem Museum of Modern Art, New York; San Francisco Museum of Modern Art; Tate, London; Musée d’Art Moderne de la Ville de Paris; und Kunstmuseum, Bonn. Sie war eine Finalistin für den Hugo Boss Preis im Jahr 2014 und erhielt Residencies am Wexner Center for the Arts und der Chinati Foundation.

KURATOR
Prof. Dr. Dirk Luckow, Intendant Deichtorhallen Hamburg

KATALOG
Die Ausstellung wird von einem reich illustrierten Katalog in deutscher und englischer Sprache begleitet. Mit Texten von John Corbett und Katy Siegel, einem Gespräch zwischen Evelyn Hankins und Charline von Heyl sowie einer Einführung von Dirk Luckow. 240 Seiten, 110 Abbildungen, 24 x 27 cm, handgebundenes Zickzack-Hardcover. Koenig Books, London, Preis: 49,80 Euro

TOURNEE
Die Ausstellung »Charline von Heyl – Snake Eyes« ist eine Kooperation zwischen den Deichtorhallen Hamburg, dem Hirshhorn Museum and Sculpture Garden, Washington DC und dem Museum Dhondt-Dhaenens, Deurle und wurde in enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin entwickelt. Nach Hamburg (22. Juni – 23. September 2018) wird die Ausstellung aufgeteilt und in Washington DC, USA (8. November 2018 – 24. Februar 2019) und Deurle, Belgien (14. Oktober 2018 – 13. Januar 2019) zu sehen sein.

Calla Henkel & Max Pitegoff

7. Triennale der Photographie
8.6 – 9.9.2018

Calla Henkel und Max Pitegoff (*1988 in Minneapolis, *1987 in Buffalo, leben und arbeiten in Berlin) benutzen Fotografie als Werkzeug, um sich mit räumlichen, ökonomischen, strukturellen und persönlichen Veränderungen im Kontext heutiger Realitäten auseinanderzusetzen. Ihre fotografische Praxis wird dabei durch Performance, Theater und die Herstellung sozialer Räume erweitert und verankert, etwa im New Theater oder im Grünen Salon der Volksbühne Berlin.

Für die Triennale der Photographie Hamburg bilden Schwarzweiß- und Farbaufnahmen von SchauspielerInnen, PerformerInnen und MusikerInnen, mit denen Henkel und Pitegoff zusammengearbeitet haben, ein Ensemble von Portraits, die an Kopfaufnahmen aus Castingmappen erinnern. Vervielfältigt und in Gruppen als „Besetzungen“ arrangiert, geraten die Bilder in unterschiedliche narrative Ströme und fungieren als Sammelkarten fiktiver Zusammenstellungen. In diesen Gruppierungen thematisieren sie die Verflechtungen von Aufführung und Selbst, sie stellen Fragen der Arbeit, der Eigentümerschaft an Bildern, der Identität sowie der kollektiven Erzählung hinsichtlich des individuellen Körpers.

Die Ausstellung entsteht mit freundlicher Unterstützung der Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg.

7. Triennale der Photography Hamburg: Breaking Point. Searching for Change

Die 7. Triennale der Photographie Hamburg 2018 findet von Juni bis September in Kooperation mit den großen Hamburger Museen, kulturellen Institutionen, Galerien und weiteren Veranstaltern in Hamburg statt. Zum Motto Breaking Point. Searching for Change reflektiert das Festival die momentanen ökologischen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen durch den Blickwinkel der Fotografie.

ELLA BERGMANN-MICHEL UND ROBERT MICHEL

Ein Künstlerpaar der Moderne

Das überaus experimentierfreudige und unverwechselbare Künstlerehepaar Ella Bergmann-Michel (Paderborn 1895 – 1971 Vockenhausen) und Robert Michel (Vockenhausen 1897 – 1983 Titisee-Neustadt), das fern der Kunstzentren in den Metropolen auf der »Schmelzmühle« im Taunus lebte und arbeitete, wird im Sprengel Museum Hannover mit einer großen Retrospektive gewürdigt. Sie waren Teil der künstlerischen Avantgarde der Weimarer Zeit und wurden bereits früh als »Pioniere der Bildcollage« gefeiert. Doch darüber hinaus waren sie in vielen anderen Medien – von Zeichnung, Reklame, Typografie und Fotografie bis zu Architektur und Film – zuhause. Angelehnt an dadaistische und konstruktive Tendenzen versuchten Ella Bergmann-Michel und Robert Michel, auf jeweils individuelle Art und Weise, in ihren Werken Kunst, Technik und Natur miteinander zu vereinen.
Ihr künstlerisches Schaffen umspannt nahezu fünf Jahrzehnte, denn auch in der Nachkriegszeit bis Ende der 1960er-Jahre waren beide noch sehr kreativ in ihren Schöpfungen. Sie nehmen ihre Arbeit mit der expressionistischen und dadaistischen Umbruchphase während des Ersten Weltkriegs auf, entscheidende Impulse erfährt ihr Werk durch den Zusammenbruch der imperialen Welt. Als ehemaliger Pilot begeisterte sich Robert Michel wie viele seiner Zeitgenossen für die technische Welt, ihre Maschinen, Zahnräder, Kolbenmotoren und Konstruktionszeichnungen, und integriert sie in seine Collagen und Zeichnungen. Er verstand sich als Künstleringenieur mit einem ausgeprägten Sinn für dadaistischen Humor. Ella Bergmann-Michel teilte sein Interesse an Naturwissenschaft und Technik, hatte jedoch eine eher romantische Beziehung zur Natur. In ihren frühen Collagen und Zeichnungen der 1920er-Jahre kombiniert sie häufig Tiere wie Fische, Vögel und Insekten mit technischen Konstruktionselementen zu organischen, surrealen Maschinenwesen. Oder sie verwendet Partien aus technischen Lehrbüchern in ihren späteren konstruktiven Collagen, um die rationale Modernität der neuen Zeit zu reflektieren.
Das Künstlerpaar lernte sich 1917 während des Studiums an der Großherzoglich Sächsischen Kunstgewerbeschule in Weimar in der Zeichenklasse kennen. Beide gehörten zum künstlerischen Zirkel um den Sturm-Künstler Johannes Molzahn und erlebten die Aufbruchsstimmung während der Gründung des Bauhauses. 1920 erfolgte der Umzug der Familie in das elterliche Haus, die »Schmelzmühle« in Vockenhausen im Taunus, das bis zuletzt ihr Wohnsitz bleiben sollte. Zu Beginn der 1920er-Jahre hatten sie die ersten Ausstellungen u. a. in der Galerie von Garvens in Hannover sowie in Leipzig, Wiesbaden, Köln und Berlin. Seit 1921 war das Paar eng mit Kurt Schwitters befreundet, man besuchte sich gegenseitig und unternahm gemeinsame Reisen, z. B. 1927 nach Holland, wo sie Kontakte zu Mart Stam, Hannah Höch, Piet Zwart aufbauten. Durch Schwitters` Vermittlung waren sie auch an den Wanderausstellungen der Société Anonyme durch die USA beteiligt.
Ab Mitte der 1920er-Jahre beschäftigte sich Robert Michel verstärkt mit Architektur, Leuchtreklame, Typografie und Werbung. 1927 entwickelten er und Schwitters auf der »Schmelzmühle« die Interessengemeinschaft »ring neuer werbegestalter«, die offiziell 1928 gegründet wurde, u. a. mit Jan Tschichold, Willi Baumeister und Walter Dexel als Mitgliedern. Das Künstlerpaar war ab 1928 auch engagiert im Bund »das neue frankfurt«. Ella Bergmann-Michel begann ab 1927 mit Fotografie und Film zu experimentieren und betrieb ein eigenes Atelier in Frankfurt für Werbegrafik und Reklamefotografie. Gemeinsam mit Paul Seligmann leitete sie ab 1930 die Arbeitsgemeinschaft »Liga für den unabhängigen Film«.
Während der nationalsozialistischen Zeit und des Zweiten Weltkriegs reduzierten beide ihre künstlerischen Aktivitäten, Robert Michel beschäftigte sich bis in die 1950er-Jahre intensiv mit Fischzucht und Naturschutz, erst 1954 nahm er seine künstlerische Arbeit mit Zeichnungen und Collagen wieder auf. Ella Bergmann-Michel arbeitete vor allem zeichnerisch weiter, durchaus in kritischer Auseinandersetzung mit der »dunklen Zeit«. In der Nachkriegszeit wurden beide wiederentdeckt, und es folgten zahlreiche Ausstellungen in Deutschland, Großbritannien und den USA.
In umfangreichen Retrospektiven wurde Robert Michel 1988/89 im Sprengel Museum Hannover, im Badischen Kunstverein Karlsruhe und im Frankfurter Kunstverein gezeigt. Eine Präsentation seines Vorkriegsoeuvres fand zuletzt 2014 in der Städtischen Galerie in Paderborn statt. Ella Bergmann-Michel wurde zuletzt 1990 retrospektiv gewürdigt, 2005/06 fand eine Ausstellung ihrer Fotografien und Filmarbeiten im Museum Folkwang, Essen, im Sprengel Museum Hannover und im Historischen Museum Frankfurt am Main statt.
Erstmals werden in dieser Ausstellung Künstlerin und Künstler gemeinsam gezeigt und mit der gesamten Bandbreite ihres Schaffens einander gegenübergestellt.
Der künstlerische Nachlass von Ella Bergmann-Michel und Robert Michel mit insgesamt weit über 2.000 Collagen, Zeichnungen, Skizzen, Entwürfen für Reklame und Typografie befindet sich seit 1988 als Dauerleihgabe im Sprengel Museum Hannover. 1988 wurde als Schenkung der Familie der dokumentarische Nachlass als Archiv Robert Michel/Ella Bergmann-Michel dem Sprengel Museum Hannover übereignet.
Dieser bemerkenswert umfangreiche Fundus bildet die Grundlage für die Ausstellung, bereichert um gezielte Leihgaben aus Paris und Paderborn und ergänzt um gewidmete Werke von Freunden und Weggefährten wie Johannes Molzahn und Kurt Schwitters. Präsentiert werden nahezu 200 Werke aus allen Schaffensperioden und Medien, u. a. Collagen, Zeichnungen, Druckgrafik, Reklameentwürfe, Typografie, Architekturentwürfe, Fotografien und Film. Die Ausstellung ist chronologisch aufgebaut und stellt jeweils die Werke von Ella Bergmann-Michel und Robert Michel gegenüber.
Die Ausstellung findet in der Wechselausstellung des Sprengel Museum Hannover statt.
In der Blue Box werden die sozialkritischen Dokumentarfilme der 1930er-Jahre von Ella Bergmann-Michel gezeigt.
Das Sprengel Museum Hannover plant gemeinsam mit der Familie, diesen überaus bedeutenden Nachlass als Zustiftung oder Schenkung endgültig in das Museum zu überführen, um ihn auch weiterhin der musealen Präsentation und Forschung zugänglich zu machen.
Es erscheint ein Katalog im Snoeck Verlag mit 176 Seiten, 215 Farbabbildungen und Texten von Dörte Wiegand, Karin Orchard, Megan R. Luke, Lisa Felicitas Mattheis, Sünke Michel und Philipp Michel, herausgegeben von Karin Orchard. Preis: 29 EUR
Kuratorin: Dr. Karin Orchard

JAMES TURRELL. The Substance of Light

In a way, light unites the spiritual world and the ephemeral, physical world.
James Turrell

Wer in James Turrells Lichträume eintaucht, macht eine magische Erfahrung: Das farbige, sich verändernde Licht lässt den Raum unendlich erscheinen.
1943 in Los Angeles geboren, begeisterte Turrell sich schon früh für das Fliegen. Heute be-zeichnet er den Himmel als sein Atelier, sein Material, seine Leinwand. In den 1960er-Jahren von Minimal Art und Land Art geprägt, nutzt er unterschiedliche Techniken, die dem immate-riellen Licht eine physische Präsenz verleihen. Mit „The Substance of Light“ präsentiert das Museum Frieder Burda eine in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler konzipierte Werk-schau. In seinem Schaffen aus über fünf Jahrzehnten verbindet Turrell konzeptionelles Den-ken, Wissenschaft, Technologie und Spiritualität zu einer einzigartigen Kunstform: Das Werk entsteht in der Wahrnehmung des Zuschauers, die so geschärft wird, dass er, so Turrell, „sein eigenes Sehen sehen kann“.
Das wird zu Beginn der Ausstellung deutlich, wenn man den riesigen Lichtraum Apani betritt, der bereits auf der Venedig Biennale 2011 für Furore sorgte. Ganzfeld nennt er diese Instal-lationen, in denen der Besucher einen entgrenzt wirkenden Raum mit einer eigens kompo-nierten Lichtsequenz betritt. Diese löst ein paradoxes Phänomen aus: Die Aufmerksamkeit wendet sich von außen nach innen, zum meditativen Beobachten. „In gewisser Weise“, er-klärt der Künstler, „vereint Licht die spirituelle Welt und die flüchtige, physische Welt.“ Tur-rells Nähe zur Malerei zeigt sich in einer seiner Wedgework-Installationen. Projektionen las-sen Wände und Barrieren aus farbigem Licht entstehen. Sie suggerieren räumliche Tiefe, lassen aber auch an die monochromen Leinwände der Farbfeldmalerei denken.

Mit dem Roden Crater wird auch Turrells ambitioniertestes Projekt vorgestellt: Bei einem Flug entdeckte er in den 1970er-Jahren den erloschenen Vulkan in der Wüste Arizonas und baut ihn seitdem zu einer Art Himmelsobservatorium um. Das System aus unterirdischen Hallen, Schächten und Stollen gleicht einem Tempel, der allein dem Licht geweiht ist. Eine Auswahl von Modellen, Fotografien und eine Filmdokumentation geben einen Eindruck des größten Kunstwerks auf unserem Planeten.
Modelle und Prints von Turrells Skyspaces sind im Mezzanin zu sehen: Dieser Teil der Schau ist den begehbaren und architektonisch individuell der Umgebung angepassten Licht-räumen, den sogenannten Skyspaces, gewidmet. Das sind solitäre Baukörper, aber auch einfache Räume in bereits bestehender Architektur, in deren Decken Öffnungen eingelassen sind, durch die man den Himmel wie ein lebendiges Gemälde betrachten kann.
Im Obergeschoss des Museums wird eine Auswahl weiterer Lichtarbeiten präsentiert. So eine seiner selten gezeigten Dual Shallow Space Constructions, die Lichtrahmen vor einer Lichtwand oder in einen Lichtraum erscheinen lassen, und eines seiner verblüffenden Pro-jection Pieces, der frühesten Serie: Hier visualisiert ein Projektor einen leuchtenden geomet-rischen Körper in einer Raumecke. Im Kabinett des Obergeschosses werden neue, noch nie gezeigte Arbeiten aus der zweidimensionalen Hologram Serie ausgestellt.
Im Untergeschoss erwartet den Besucher schließlich eine Neuanfertigung für die Sammlung Frieder Burda: Die Accretion Disk gehört zu der Curved Wide Glass Series, deren Objekte ihre Farben im Laufe von Stunden verändern. Zudem wird der kosmische Aspekt von James Turrells Kunst spürbar: In der Astrophysik bezeichnet eine Akkretionsscheibe eine aus Gas oder interstellarem Staub bestehende Scheibe, die um einen neugeborenen Stern rotiert.

[CONTROL] NO CONTROL

Ausstellung im Rahmen der 7. Triennale der Photographie Hamburg

Die Ausstellung [CONTROL] NO CONTROL präsentiert im Rahmen der 7. Triennale
der Photographie Hamburg 2018 ausgewählte Arbeiten, die im Nebeneinander
und in der Konfrontation die vielfältigen Wirkungsweisen von Macht durch
Kontrolle spiegeln und erfragen. Die rund 80 Werke, darunter zahlreiche
internationale Leihgaben, zeigen künstlerische Strategien, die der Überwachung
Widerstand leisten und die Mechanismen sozialer Kontrolle hinterfragen.
Welche Bilder beschreiben heute die vielfältigen Wirkungsweisen von Macht durch
Kontrolle? Welche Bruchstellen und Möglichkeiten für Veränderung können sie
sichtbar machen? Was bedeutet es, wissentlich kontrolliert zu werden oder selbst
zu kontrollieren?
Die Künstlerin Sophie Calle engagierte 1981 für die Arbeit La Filature einen
Privatdetektiv, um sich beobachten zu lassen. Die Ausstellung zeigt ihr daraus
entstandenes Diptychon mit Fotografien und Texttafeln.
Künstler wie Trevor Paglen werden heute selbst zum Detektiv, decken geheime
Verbindungslinien auf und veröffentlichen verbotenes Material. In seiner neuesten
Arbeit Behold These Glorious Times! (2017) widmet Paglen sich dem maschinellen
Sehen, der künstlichen Intelligenz (KI) und dem sich verändernden Status des
Bildes. Was passiert, wenn nicht mehr Menschen, sondern Computer Bilder lesen?
War man sich eine Zeit lang der Kontrolle durch Kameras noch bewusst, so
werden zunehmend unbemerkt Aufnahmen vom Menschen erzeugt, wie Adam
Broomberg & Oliver Chanarin mit ihrer Fotografie-Serie Spirit is a Bone (2016)
aufzeigen. Mit Hilfe einer auf 3D-Gesichtsscans basierenden Sicherheitstechnologie
entwickeln sie einen neuen Atlas des Antlitz des Menschen, dem
jedoch alles Menschliche fehlt.

Eine militärische Überwachungskamera der jüngsten Generation hat der irische Künstler Richard Mosse
eingesetzt, um Menschen auf ihrer Flucht aus dem mittleren Osten und Nordafrika nach Europa zu filmen.
Die Kamera kann auf 30,3 km Entfernung einen Menschen durch seine Körperwärme aufspüren. Sie wurde
zur Grenzüberwachung, zur Erfassung von Kriegssituationen, sowie zum Aufspüren, zur Verfolgung und
zur Rettung entwickelt. Mosses Arbeit Incoming (2014–2017) ist eine Reflexion über nationalstaatliche
Kontrollen, menschliches Leid und Technologien, die gegen sich selbst verwandt, die Bedingungen der
Sichtbarkeit fundamental verändern könnten.
Realität wird heute durch Fotos wahrgenommen. Die fünf Bilder des Zyklus Presidency von Thomas
Demand stehen dagegen für Macht und Kontrollverlust in verändeten Zeiten. Die Fotos entstanden
anlässlich der Präsidentschaftswahl der Vereinigten Staaten von Amerika 2008 als Auftragsarbeit des New
York Times Magazine. Sie dokumentieren nicht nur die Inszenierung von Macht, sondern demonstrieren
zugleich, dass wir uns durch das Abbilden mit der Täuschung begnügen.

Beteiligte Künstler_innen: Adam Broomberg & Oliver Chanarin, Sophie Calle, Edmund Clark & Crofton
Black, Thomas Demand, Bogomir Ecker, Harun Farocki, Jenny Holzer, Sven Johne, Annette Kelm, Mårten
Lange, Richard Mosse, Trevor Paglen, Peter Piller, Barbara Probst, Thomas Ruff.

Zur Triennale der Photographie erscheint ein gemeinsamer Katalog aller beteiligten Häuser (39 Euro), in
dem die Ausstellungen jeweils ausführlich vorgestellt werden. Die Hamburger Kunsthalle gibt dazu ein
Künstlerbuch von Peter Piller heraus (19 Euro).
Die 7. Triennale der Photographie Hamburg 2018 findet von Juni bis September in Kooperation mit den
großen Hamburger Museen, kulturellen Institutionen, Galerien und weiteren Veranstaltern in Hamburg
statt. Das Fotofestival wird seit 1999 alle drei Jahre organisiert. Die diesjährige Ausgabe zum Motto
»Breaking Point. Searching for Change« reflektiert die momentanen ökologischen, sozialen, politischen
und wirtschaftlichen Veränderungen durch den Blickwinkel der Fotografie. Begleitet wird die Triennale von
Künstler_innengesprächen, fachspezifischen Diskussionen, Vorträgen und Portfolio-Sichtungen.
Kuratorinnen: Dr. Petra Roettig und Stephanie Bunk

Ernst Ludwig Kirchner

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) hat alle Höhen und Tiefen des Lebens durchlaufen. Selbstbewusst bis zum narzisstischen Geltungsdrang war er rastlos in seiner Arbeitswut. 2018, im 80. Todesjahr des Künstlers, präsentiert die Graphische Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart ihren großen Schatz von 82 Zeichnungen sowie 84 Druckgraphiken und elf illustrierten Büchern von Kirchner, der die »Künstlergemeinschaft Brücke« mitbegründete.

Alle seine Schaffensperioden und wichtigen Themen wie Großstadt und Tanz, Landschaften auf Fehmarn und die Alpen sind in diesem bemerkenswerten Bestand vertreten. Vor allem Kirchners Druckgraphik ist außergewöhnlich, gibt es die einzelnen Blätter doch nur selten in Auflagen, sondern oft nur in jeweils wenigen Handdrucken.

Begleitend zur Ausstellung »Ernst Ludwig Kirchner. Die unbekannte Sammlung« zeigt die Staatsgalerie im Graphik-Kabinett Blätter weiterer Mitglieder der »Künstlergemeinschaft Brücke«: Fritz Bleyl, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Emil Nolde, Max Pechstein und Otto Mueller sind mit Zeichnungen, Holzschnitten, Radierungen und Lithographien aus dem reichen Bestand der Graphischen Sammlung vertreten.

 Die »Sammlung Dr. Gervais, Zürich / Lyon«

In diesem Umfang zeigte die Staatsgalerie zuletzt 1980 Kirchners Werke. Nach nunmehr 38 Jahren präsentiert das Museum erstmals wieder den kompletten Bestand, ergänzt durch einige Dauerleihgaben aus einer Privatsammlung.

Alle in den 1920er-Jahren erworbenen Druckgraphiken Ernst Ludwig Kirchners wurden 1937 als »entartet« beschlagnahmt, so dass erst nach dem Zweiten Weltkrieg mit einem erneuten Aufbau der Kirchner-Sammlung begonnen werden konnte. Dazu gehört auch ein 1957 erworbenes Konvolut mit 143 Zeichnungen und Druckgraphiken.

Als Provenienz wurde bisher die »Sammlung Dr. Gervais, Zürich / Lyon« angegeben – ein Hinweis, der sich auch auf Blättern in anderen Museen findet und bislang ein Rätsel blieb. Ein Forschungsprojekt der Staatsgalerie Stuttgart hat aufgezeigt, dass alle Blätter aus dem Nachlass des Künstlers bzw. seiner Witwe Erna Kirchner (1884-1945) stammen und dass die »Sammlung Gervais« offenbar eine Erfindung des Kirchner-Schülers Christian Laely (1913-1992) war, um die Werke trotz Vermögenssperre nach Deutschland verkaufen zu können.

Die Ausstellung richtet den Blick auf diesen unbekannten Teil der bedeutenden Sammlung  in der Staatsgalerie und lässt die Faszination und Sinnlichkeit erfahren, die für Kirchner in der Kunst der Graphik lag.

Ernst Ludwig Kirchner
Die unbekannte Sammlung  
29.6.-21.10.2018

Kirchner und die »Künstlergemeinschaft Brücke« 8.6.-16.9.2018 Graphik-Kabinett

Anni Albers

Anni Albers (1899–1994) war eine außerordentlich vielseitige Künstlerin, die das
Handwerk des Webens als vollwertige Kunstform etablierte. Sie revolutionierte damit
eine uralte Kulturtechnik und verband sie mit einer modernen künstlerischen Praxis. Die
prägenden Studienjahre erlebte sie am Staatlichen Bauhaus in Weimar und Dessau, in
engem Austausch mit ihren Lehrern und Mitstudierenden. 1933, nach der
Machtübernahme der Nationalsozialisten, emigrierte sie mit ihrem Ehemann Josef
Albers in die USA, wo beide am legendären Black Mountain College lehrten.
Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen präsentiert nun in einer umfassenden
Retrospektive das facettenreiche Werk der Künstlerin, Handwerkerin, Designerin,
Lehrerin und Autorin Anni Albers. Vom 9. Juni bis 9. September 2018 sind mehr als 200
Leihgaben aus europäischen und amerikanischen Museumssammlungen im K20
Grabbeplatz zu Gast, darunter ausgewählte Beispiele des künstlerischen Schaffens, die
„Pictorial Weavings“, Zeichnungen und Druckgrafik, aber auch Stoffmuster, Textilien für
die Manufaktur sowie zahlreiche Dokumente, die den künstlerischen und intellektuellen
Kosmos der Künstlerin vor Augen führen.
Die Ausstellung ist organisiert von der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen,
Düsseldorf, und der Tate Modern, London.

Olaf Nicolai – Chant d‘Amour und Michel Majerus – In EUROPE everything appears more serious than in the USA.

Olaf Nicolai – Chant d‘Amour in der Kunsthalle Bielefeld läuft parallel mit zwei weiteren Ausstellungen von Olaf Nicolai im Kunstmuseum St. Gallen (07 07 18 bis 11 11 18) und in der Kunsthalle Wien (13 07 18 bis 07 10 18). Gemeinsam entwickeln die drei Ausstellungen eine umfassende Übersicht über das facettenreiche Werk Olaf Nicolais und entfalten seine interdisziplinären Konzepte der letzten zwanzig Jahre in neuen Zusammenhängen. Für jede der Institutionen hat Olaf Nicolai ein eigenes Thema und neue Arbeiten entwickelt. Die Ausstellung in Bielefeld geht auf den besonderen Museumstyp der Kunsthalle und ihre Architektur von Philip Johnson ein.  

Die Ausstellung Michel Majerus – In EUROPE everything appears more serious than in the USA legt einen Fokus auf frühe Werke, die bisher nie gezeigt wurden und die erkennen lassen, wie früh Michel Majerus schon als junger Künstler das Selbstbewusstsein und die Unbekümmertheit  besaß, die auch seine späteren Werke auszeichnen. Michel Majerus war ein luxemburgischer Maler, der in den 1990er-Jahren und dem beginnenden 21. Jahrhundert in Berlin gelebt und gearbeitet hat. Bekannt geworden ist Michel Majerus durch sein geschicktes Samplen eines reichen Repertoires von verschiedenen Malstilen und Bildwelten aus unterschiedlichen Kontexten, mit dem er die Mechanismen der Pop Art unterläuft und im Vergleich zur Malerei der 1980er-Jahre eine neue Leichtigkeit einführt.

 

Florentina Pakosta

Die ALBERTINA widmet der österreichischen Künstlerin Florentina Pakosta (*1933) eine groß angelegte Retrospektive.
In den 1960er Jahren reagiert Florentina Pakosta mit ihren Zeichnungen und Druckgrafiken auf die Diskriminierung von Frauen in der Kunstszene. Über Jahrhunderte hinweg war es der männliche Künstler, der die Frau als Objekt oder Muse porträtierte. Florentina Pakosta richtet nun folglich den Blick auf den Mann und seziert seine Gesichtsausdrücke und Körpersprache. Mit ihren satirischen Arbeiten prangert sie patriarchale Machtstrukturen an, indem sie männliches Verhalten überzeichnet und tradierte Rollen umkehrt.
Ab etwa Mitte der 1980er Jahre wendet Florentina Pakosta sich von den schwarz-weiß gehaltenen und gegenständlichen Arbeiten ab und der Malerei und einer abstrakten Formensprache zu. Bis heute entstehen Zyklen der charakteristischen, geometrischen Balkenbilder.

10. BERLIN BIENNALE GIBT AUSSTELLUNGSORTE BEKANNT

Auf der Jahrespressekonferenz der Kulturstiftung des Bundes gab Gabi Ngcobo, Kuratorin der 10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, die Ausstellungsorte der 10. Berlin Biennale bekannt.

Die 10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst findet vom 9. Juni bis 9. September 2018 unter dem Titel We don’t need another hero in vier permanenten Ausstellungsorten statt: Akademie der Künste am Hanseatenweg, KW Institute for Contemporary Art, Volksbühne Pavillon und ZK/U – Zentrum für Kunst und Urbanistik. In Koproduktion mit dem HAU Hebbel am Ufer finden im HAU2 zwei Performances zur 10. Berlin Biennale statt.

Veranstaltungen im Rahmen des öffentlichen Programms I’m not who you think I’m not finden an diesen sowie an verschiedenen weiteren Orten in Berlin statt. Die Ausstellungsorte sind nicht nur aufgrund ihrer historischen Bedeutung, sondern auch aufgrund dessen, was sie heute repräsentieren, ausgewählt worden. Mit diesen miteinander verbundenen zeitlichen Ebenen begibt sich die 10. Berlin Biennale in Konversation. Die eingeladenen Künstler*innen schlagen eine Neuverhandlung der an diesen Orten produzierten Systeme des Austauschs vor. Ihre Arbeiten erweitern die Möglichkeiten eines solchen Austauschs durch eigene Ansätze und Überlegungen.

AKADEMIE DER KÜNSTE
Die 1696 gegründete Akademie der Künste gehört zu den ältesten Kulturinstitutionen Europas und wird seit dieser Zeit maßgeblich von der Gemeinschaft ihrer Mitglieder geprägt. Schwerpunkte der frühen Gründungsjahre waren die Lehre und der rege Austausch unter ihren Mitgliedern. In den Jahrzehnten der Aufklärung profilierte sich die Akademie als ein Zentrum der nationalen kulturellen Erneuerung. Seither hat sie allmählich ihre heutige Form eines öffentlichen Diskussionsforums für verschiedenste Belange der Kunst und Politik angenommen. Es ist ein Anliegen der 10. Berlin Biennale, gesellschaftspolitische und historische Erzählungen in einen Dialog mit den umfangreichen Archivbeständen der AdK, aber auch mit der Berufung ihrer Mitglieder von damals bis heute und der brutalistischen Architektur von Werner Düttmann aus den späten 1950er-Jahren zu bringen.

Die Ausstellung der 10. Berlin Biennale in der AdK eröffnet mit einer temporären Konstruktion, die historische und visuelle Elemente zweier Baudenkmäler und einer historischen Persönlichkeit zusammenführt: Sanssouci, die von 1745 bis 1747 entstandene Sommerresidenz des preußischen Königs Friedrich II. in Potsdam, DE; das von König Henri Christophe 1810 bis 1813 in Milot in Haiti erbaute Palais Sans Souci; und den haitianischen Revolutionär Oberst Jean-Baptiste Sans Souci, der als Versklavter afrikanischer Herkunft 1791 Guerillatruppen in den Kampf gegen die französische Kolonialmacht führte. Dieser konzeptuelle Rahmen unterstreicht die ideologischen Fundamente der genannten Institutionen und ihrer historischen Erzählungen.

HAU HEBBEL AM UFER
Das HAU Hebbel am Ufer in Berlin-Kreuzberg vereint die drei Spielstätten HAU1, HAU2 und HAU3 zu einem internationalen Produktionshaus für Performing Arts. Im HAU2 widmet die 10. Berlin Biennale zwei Abende einem künstlerischen Forschungsprojekt zur Geschichte des Kwaito – eines Musikgenres, das um 1994 im südafrikanischen Soweto entstand. Die Auftritte am 15. und 16. Juni 2018 gedenken der Studentenunruhen von 1976 in Soweto, die sich an diesen Tagen zum 42. Mal jähren. Die Abende dienen auch als wichtige Ankerpunkte für die seit 2016 in Südafrika aktiven Protestbewegungen #RhodesMustFall und #FeesMustFall.

KW INSTITUTE FOR CONTEMPORARY ART
Seit ihrer Gründung Anfang der 1990er-Jahre, kurze Zeit nach dem Fall der Mauer, agieren die KW Institute for Contemporary Art als Ort der Produktion, Präsentation und Vermittlung zeitgenössischer Kunst. Gegründet als Verein junger Kunstschaffender, entsprachen die KW und die wenig später ins Leben gerufene Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst dem dringenden Wunsch nach eingehender Auseinandersetzung mit dem internationalen, zeitgenössischen Kunstdiskurs. Während der letzten 26 Jahre konnten die KW ihr eigenes Erbe im Wirkungskreis derjenigen Menschen festigen, die den Aufbau und die Entwicklung der Institution geprägt haben, sowie derjenigen, die in diesem Sinne heute ihre Zukunft entwerfen. We don’t need another hero versteht sich als Spekulation darüber, wie global ausgerichtete zeitgenössische Kunstbiennalen in den nächsten zehn Jahren aussehen könnten. Die Ausstellung beginnt in den KW mit einem Porträt von einigen derjenigen Menschen, die die KW wesentlich zu dem gemacht haben, was sie heute sind, und geht dann über zu Arbeiten, die hierarchische Strukturen politischer Räumen, wissensproduzierende Institutionen und persönliche Freiräume neu verhandeln.

VOLKSBÜHNE PAVILLON
Der Pavillon der Volksbühne ist ein Glasbau neben dem Haupteingang zur Volksbühne auf dem Rosa-Luxemburg-Platz und ist von den KW auf kurzem Weg zu Fuß zu erreichen. Bislang waren im Pavillon wechselnde Kunstprojekte sowie der Buchladen und das Ticketbüro des Theaters untergebracht. Im Rahmen der 10. Berlin Biennale zeigt der Pavillon ein Kunstprojekt, das sich mit der Geschichte seines Standorts befasst und eine veränderliche, für die Mitwirkung des Publikums offene Installation beinhaltet. Über die Dauer der 10. Berlin Biennale finden hier Performances und andere fortlaufende Aktionen statt.

ZK/U – ZENTRUM FÜR KUNST UND URBANISTIK
Das ZK/U – Zentrum für Kunst und Urbanistik befindet sich in einem ehemaligen Güterbahnhof im Berliner Wohnviertel Moabit. Es wird vom Künstlerkollektiv KUNSTrePUBLIK betrieben, mit dem schon die 5. Berlin Biennale im Jahr 2008 kooperiert hat. Der von KUNSTrePUBLIK temporär eingerichtete Skulpturenpark Berlin_Zentrum – eine zuvor ungenutzte Brache an einem Abschnitt der ehemaligen Berliner Mauer im Herzen der Stadt und ein Objekt der Begierde für die Immobilienspekulation – diente damals als Ausstellungsort. Jetzt knüpft die 10. Berlin Biennale an den damaligen Dialog mit dem Kollektiv an und lädt mehrere Künstler*innen zu längeren Arbeitsaufenthalten in den zum Residenzprogramm des ZK/U gehörenden Ateliers ein. Die Beteiligten gehen der Frage nach, wie ihre politisierten Körper auf die Machtsysteme reagieren, die der städtischen Architektur inhärent sind. Andere Projekte untersuchen verschiedene gedankliche Schemata natürlicher und gebauter Umgebung in Gegenwart und Vergangenheit.

Die Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst wird gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes und organisiert vom KUNST-WERKE BERLIN e. V.

Die BMW Group ist Corporate Partner der 10. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst.

JUTTA KOETHER TOUR DE MADAME

Kaum eine andere Künstlerin hat unser heutiges Verständnis von Malerei und von der Kulturlandschaft seit den 1980er Jahren so entscheidend geprägt wie Jutta Koether (geb. 1958). Tour de Madame ist die erste umfassende Überblicksschau, die ihrer Arbeit gewidmet ist, und präsentiert erstmals die erstaunliche und beeindruckende Bandbreite ihrer Bilder der Öffentlichkeit.
Ein Höhepunkt der Ausstellung wird eine neu geschaffene, 12-teilige Gemäldeserie sein, die – in Anspielung auf Cy Twomblys Lepanto-Zyklus aus der Dauerausstellung des Museums Brandhorst – Koethers eigenen „Kampf“ mit der Kunstgeschichte eine konkrete Form gibt.
In vielerlei Hinsicht wird die Ausstellung eine Entdeckungsreise sein, führt sie doch die mehr als 150 Gemälde auf eine völlig neue Art und Weise zusammen. Viele der Werke wurden nie öffentlich ausgestellt oder waren seit ihrer ersten Präsentation nicht mehr zu sehen.
Die Ausstellung bietet einen systematischen und chronologischen Überblick über das facettenreiche Oeuvre der Künstlerin. Sie führt zurück zu Koethers Anfängen im Kontext des Kölner Neo-Expressionismus Anfang und Mitte der 1980er Jahre und ihrer anschließenden Auseinandersetzung mit der Farbe Rot als Ausdrucksmittel – eine Antwort auf das Klischee männlicher Maler. Nach ihrem Umzug nach New York Anfang der 1990er Jahre begann Koether atemberaubend intensive und farbenprächtige, großformatige Gemälde zu schaffen, in denen Motive aus Popkultur, Literatur und Kunstgeschichte in dichten malerischen Gesten geschichtet sind. Anfang der 2000er Jahre richtete sich Koether in ihrer Herangehensweise immer stärker auf Performance und Musik aus, was in tiefschwarzen Leinwänden und Assemblagen mit Devotionalien der Punk und Noise-Kultur gipfelte. Das letzte Kapitel der Ausstellung widmet sich Koethers exzentrischer Hinwendung zur Historienmalerei und ihren jüngsten Aneignungen aus dem visuellen Gedächtnis der Kunstgeschichte.
Die Ausstellung positioniert Jutta Koether als eine zentrale Kraft und Bezugspunkt in der jüngeren Geschichte der Malerei. Ihre Arbeit stellt systematisch heraus, wie überaus wichtig Malerei für die Diskurse der alternativen Geschichtsschreibung der Moderne und der Subjektivität ist.
In Tour de Madame zeigt sich Koethers Rolle als Vorläuferin eines Malereibegriffs, der über seine klassische Definition und den Kanon hinausgeht, aber gleichzeitig seine Widersprüche, Intensitäten, Ausdrucksformen und Bezüge beibehält und zum Extremen hin verstärkt.
Am letzten Wochenende der Ausstellung (19. und 20. Oktober) organisiert das Museum Brandhorst in Zusammenarbeit mit den Münchner Kammerspielen und der Akademie der Bildenden Künste München eine Veranstaltungsreihe mit Vorträgen, Performances und Konzerten.
Begleitet wird die Ausstellung von einem umfangreichen Ausstellungskatalog, der erstmals eine systematische Auseinandersetzung mit Koethers künstlerischer Praxis bietet und ihr gesamtes Oeuvre von 1983 bis hin zu ihren jüngsten Arbeiten, die für diese Ausstellung geschaffen wurden, in einer umfassenden Bilderreihe mit über 200 Farbreproduktionen präsentiert. Der Katalog ist als maßgebliche Publikation zu Koethers Werk angelegt und dient der weiteren kritischen Auseinandersetzung mit ihrem Oeuvre. Er erscheint in einer deutschen und einer englischen Ausgabe. Die international bekannten Kunsthistoriker Manuela Ammer, Benjamin H.D. Buchloh, Julia Gelshorn, Achim Hochdörfer, Branden W. Joseph, Tonio Kröner, Michael Sanchez und Anne Wagner beleuchten jeweils eine von Koethers vielfältigen Werkgruppen und -phasen.
Das Museum Brandhorst organisiert die Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Mudam Luxembourg, Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean. Sie wurde von Achim Hochdörfer und Tonio Kröner mit Unterstützung von Kirsten Storz initiiert und kuratiert. Sie wird vom 18. Mai bis 21. Oktober 2018 im Museum Brandhorst zu sehen sein. Die Werkschau im Mudam Luxembourg von 09. Februar bis 19. Mai 2019 wird von Suzanne Cotter kuratiert.

FOTOGRAFIE HEUTE: PRIVATE PUBLIC RELATIONS

SADIE BENNING | MASSIMO GRIMALDI | CALLA HENKEL & MAX PITEGOFF | NINA KÖNNEMANN | ERIN JANE NELSON

Wie erleben wir in einer globalisierten, unüberschaubar gewordenen und digital erweiterten Welt den öffentlichen Raum? Und was hat die Fotografie damit zu tun?
2016 wurde von der Pinakothek der Moderne die Ausstellungsreihe „Fotografie heute – Künstlerische Fotografie im digitalen Zeitalter“ ins Leben gerufen. Der zweite Teil dieser Reihe befasst sich mit der Beziehung zwischen fotografischen Bildern – sowohl bewegten als auch unbewegten – und dem im weitesten Sinne „Öffentlichen“: dem gesellschaftlichen Raum und seinen Infrastrukturen. Das Internet, soziale Medien und andere digitale Technologien haben nicht nur die Fotografie verändert, sondern auch unsere Wahrnehmung des öffentlichen Raums und unsere Denkweise darüber. Die in „Private Public Relations“ gezeigten Werke handeln von diesem Raum: Sie betrachten ihn – anhand fotografischer Mittel – aus einer persönlichen Perspektive. Nähe und Distanz, Intimität und Anonymität koexistieren in diesen künstlerischen Auseinandersetzungen mit einem wachsenden sozialen Terrain. Dazu gehören die Menschen, mit denen wir uns on- und offline weltweit vernetzen und auch die Institutionen und Plattformen, die unser Zusammenleben und unseren Umgang miteinander regeln. In Zeiten von Facebook und Instagram ist jede Nachricht an ein individuelles Profil gebunden. Die Person schwingt als kontinuierlicher Subtext in Form von Likes, Emojis und Kommentaren mit. Informationen in Social-Media-Feeds gehen immer auf ein „Ich“ zurück. Angesichts der veränderten Realität der persönlich-öffentlichen Beziehungen und der herausragenden Rolle, die der Fotografie dabei zukommt, betrachten viele Künstler, die mit Fotografie arbeiten, die Welt heute aus einer persönlicheren Perspektive. Aus diesem Blickwinkel nähern sie sich der Fragmentierung und Polarisierung des globalen gesellschaftlichen Raums. In ihren Arbeiten hat die Fotografie eine relationale, soziale Wendung genommen, die im Zeichen einer subjektiven Beziehung zum Bild steht.
Für ihre neueste Installation haben die in Berlin lebenden Künstler Calla Henkel & Max Pitegoff eine Maschine konstruiert, die Fotografien buchstäblich zirkulieren lässt. Die Bilder zeigen öffentliche Institutionen, wie sie uns täglich begegnen könnten: Eine Zeitung, die gerade gelesen wird, oder Regierungsgebäude aus dem typischen Blickwinkel eines Passanten. Diese Begegnungen muten seltsam friedlich an, scheinbar unberührt vom polarisierten politischen Klima unserer Zeit und der fieberhaften Unerbittlichkeit seiner Social-Media-Feeds. Aber sind die überlieferten Einrichtungen des öffentlichen Raums genauso überholt, langsam und letztendlich zwecklos wie die Maschine, durch die ihre Abbilder jetzt laufen? Worin genau besteht die Funktion des Kreislaufs, den diese Maschine so gewissenhaft vollführt? Haben die Einrichtungen ihre Funktion verloren, oder ist gerade ihr Anachronismus ihre Rettung?
Mit neuen Institutionen – oder „Plattformen“, wie man heute sagt – setzt sich die Installation „Free WiFi 4“ (2018) von Nina Könnemann auseinander. Für diese Arbeit, die auf einer Performance während der Ausstellungseröffnung basiert, inszeniert Könnemann Livebegegnungen mithilfe einer App namens Periscope, einer Kombination aus Videostreaming und Livechat. Über diese Inszenierungen verbindet die Künstlerin Menschen miteinander, die sich in öffentlichen und halböffentlichen Räumen mit freiem WLAN aufhalten. Dieses virtuelle Treffen entfaltet sich als ein visueller, textueller und akustischer Raum, der in der realen Welt einem Niemandsland der Orte entspricht. Es handelt sich um Orte, an denen das Internet noch gratis – ein öffentliches Gut – ist, wie McDonalds-Restaurants, Apple Stores und öffentliche Toiletten.
Eine neue Art von Straßenfotografie verfolgt Erin Jane Nelson in ihrer Serie „Petrichor“ (2015). Ihre Objekte weisen unmittelbare Bezüge zu handwerklicher Arbeit und digitalen Technologien auf. Nelson thematisiert, wie die Tech-Industrie und die Start-up-Community den urbanen Raum in San Francisco vereinnahmt haben, der Stadt, in der sie früher gelebt und gearbeitet hat: eine Erfahrung voller Widersprüche. Das Versprechen von der schwerelosen, fließenden, digitalen Erfahrung, das die Tech-Industrie so plastisch vertritt, wird hier dem alltäglichen Erleben einer Stadt gegenübergestellt, die diese Industrie besetzt und deren Lebensraum sie umwälzt – dem Erleben eines Ortes, an dem sich materielle Existenz auf sehr unterschiedlichen Ebenen entfaltet.
Der Humanismus neuer Prägung, den Massimo Grimaldi praktiziert, nimmt die Idee von einer globalen Öffentlichkeit ernst, an der wir alle durch die Nutzung des Internets teilhaben. Durch eine einfache Gegenüberstellung lässt der italienische Künstler das „Außen“ wirkungsvoll auf das „Innen“ stoßen, das „Sie“ auf das „Ich“: Auf den Displays nagelneuer Apple-Computer zeigt er Bilder von Patienten und Pflegekräften aus Krankenhäusern in Entwicklungsländern (in diesem Fall aus Bangui in der Zentralafrikanischen Republik). Mit der Kombination dieser kontrastierenden Elemente hinterfragt Grimaldi die Auswirkungen unserer westlichen Gesellschaft und deren Faszination von neuester Computertechnologie und innovativem Design auf die Wirklichkeit von Ländern mit einer gänzlich anderen ökonomischen Realität.
Die Arbeit „rainy day/gender“ (2017) von Sadie Benning besteht aus sieben kleinformatigen Fotografien von sieben verschiedenen Stadtszenen im Regen. In den auf Tafeln montierten Bildern, aufgenommen durch Regentropfen auf einer Windschutzscheibe, erscheinen deren Figuren und Gegenstände surreal und wandelbar. Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, wie diese Aufnahmen die verschiedenen Ebenen zwischen dem betrachtenden Auge und der abgebildeten Szene betonen: die Oberfläche des auf die Tafel montierten Abzugs, der nassen Windschutzscheibe und der digitalen Kamera. Im Ergebnis werden die für unseren Bilderkonsum so wichtig gewordenen Oberflächen – speziell die Bildschirme digitaler Geräte – sichtbar gemacht. Dabei entsteht ein Hin- und Herpendeln zwischen den verschiedenen strukturgebenden Ebenen der Fotografie: dem Objektiv, durch das die Aufnahme gemacht wurde, dem Display, auf dem sie vermutlich gezeigt wird, und der Fensterscheibe, durch die hindurch die Szene betrachtet wird.
„Fotografie heute“ wird organisiert vom Referat für Fotografie und Neue Medien unter Leitung von Dr. Inka Graeve Ingelmann.
Gastkuratorin: Melanie Bühler, Kuratorin für zeitgenössische Kunst, Frans Hals Museum, Haarlem, Niederlande.
Die Ausstellungsreihe wurde ermöglicht durch großzügige Unterstützung der ALEXANDER TUTSEK-STIFTUNG, München.

KATALOG
Begleitend zur Ausstellung erscheint in limitierter Auflage ein Katalog in deutscher und englischer Sprache, der ausschließlich im Museumsshop erhältlich ist. Circa 19,80 Euro.

OLAFUR ELIASSON WASSERfarben

Zweifellos zählt der dänische Installationskünstler isländischer Herkunft, Olafur Eliasson (*1967), zu den
herausragenden Künstlern der Gegenwart. Wie kein Zweiter begeistert er mit seinen künstlerischen
Großprojekten weltweit Menschen auch außerhalb der Museen. Bis heute nimmt die Zeichenkunst einen
zentralen Stellenwert in seinem alle Medien umfassenden Werk ein. Erste Ideen werden in der
Zeichnung formuliert und immer wieder während eines Projekts von Eliasson zu Rate gezogen. Man
gewinnt geradezu den Eindruck, dass der Künstler in der Zeichnung denkt. Umso erstaunlicher ist es,
dass sein zeichnerisches Oeuvre bisher nur vereinzelt in Ausstellungen zu sehen war. Die große, auf
über 800 Quadratmetern angelegte Ausstellung WASSERfarben der Staatlichen Graphischen Sammlung
München stellt erstmalig Olafur Eliassons Zeichenkunst in all ihren Facetten umfassend vor, gezeigt
werden rund 50 Arbeiten. Die kuratorische Idee ist es, die enge Kongruenz zwischen seiner Zeichenkunst
und seinen Installationen zu erschließen und sinnlich nacherlebbar zu machen.
Für das Entrée der Graphischen Sammlung hat Olafur Eliasson eine neue, ortsspezifische Installation
geschaffen, die sich dem Sehen und der Wahrnehmung des Betrachters im öffentlichen Raum, aber auch
dem Verhältnis von Oberflächen und dem Dahinterliegenden widmet. Ausgehend von den vier Themen
Licht, Farbe, Linienkunst und dem erweitertem Zeichenbegriff des Künstlers entwickelt sich die
Ausstellung im Folgenden, die Zeichnungen, Skulpturen und Rauminstallationen umfasst.
Licht- und Farbstudien, sowie die Erforschung von Naturphänomenen stellen ein zentrales Thema in
Eliassons künstlerischer Praxis dar. Mit einer neuen Glasarbeit und der Skulptur The presence of
absence (Nuup Kangerlua, 24 September 2015 #2) (2016) werden die großformatigen Aquarelle The
ocean fade (2016) gezeigt, die mittels wiederholtem Auftragen von dünnen, transparenten Lasuren auf je
ein großes Blatt Papier einen subtilen Farbverlauf von leuchtenden, satten Tönen bis zu blassem, zartem
Kolorit ergeben. Der minutiöse, physikalische Produktionsprozess dieser Arbeiten erzielt eine ephemere
Erfahrung von Licht und Raum und der Beweglichkeit von farbigem Licht in der statischen Fläche als
synästhetisches Erlebnis unserer Sinne – ein Thema, das in vielen Werken Eliassons eine elementare
Rolle spielt.
Die Installationen Your uncertain shadow (black and white) (2010) sowie Life is lived along lines (2009)
leiten vom Thema Licht und Schatten über zur zeichnerischen Linienkunst. Exklusiv für die Münchner
Ausstellung kreiert Olafur Eliasson eine Variante des berühmten sogenannten Modell room (2003), der
2015 vom Moderna Museet in Stockholm erworben wurde und nicht mehr ausleihbar ist. Es handelt sich
dabei im wahrsten Sinne des Wortes um ein fantastisches Studierzimmer, das sich wie ein
dreidimensionaler idealer Denkraum öffnet. Flankiert wird die Installation unter anderem von einer Suite
von 35 großformatigen Skizzenblättern, Studio Sketches, die PIN. Freunde der Pinakothek der Moderne
e. V. jetzt schon für die Sammlung erwerben konnte. Sie geben Einblicke in den Reichtum von Eliassons
schöpferischen Ideen, die zeichnerisch zum Ausdruck kommen.
Ein dritter Werkkomplex wird sich in der Ausstellung dem erweiterten Begriff von Zeichnung zuwenden,
der seit Beginn des 20. Jahrhunderts in der künstlerischen Praxis eine wichtige Rolle spielt und schon im
Frühwerk Eliassons seinen Niederschlag gefunden hat. Die Lichtinstallation Your unpredictable
sameness (2014) im Foyer führt sinnlich vor Augen, dass die Linienkunst keine Begrenzung der Medien
kennt und Künstler wie Eliasson sich in ihrer Experimentierfreudigkeit keine Beschränkungen
auferlegen. In diesem Kontext werden u. a. frühe Zeichnungen wie die bisher nie gezeigten sogenannten
Black boat drawings aus dem Besitz des Künstlers zu sehen sein, die er 1998 in Kooperation mit seinem
Vater Elias Hjörleifsson geschaffen hat. Sie demonstrieren exemplarisch die Öffnung des klassischen
Zeichnungsbegriffs: Eliasson gab damals vom Land aus Start- und Stoppzeichen, die seinem auf einem
Schiff befindlichen Vater signalisierten, eine in Tinte getauchte Kugel an vorher festgelegten Orten auf
einem Papier zu positionieren. Über einen Zeitraum von zwei, fünf, zehn oder fünfzehn Sekunden
zeichnete dann die Kugel, gelenkt vom Wellengang, ihren Verlauf auf dem Papier ab. Diese Öffnung geht
damit von der schöpferischen Hand aus und wird um den Zufall erweitert, durch den sich – einem
Seismographen gleich – die künstlerische Kreativität einen geradezu interstellaren Raum erschließt.
Die Ausstellung Olafur Eliasson. WASSERfarben stellt das Oeuvre des Künstlers über das vielfältige
Spektrum seiner Zeichenkunst hinaus im Kern seiner Wesenheit vor. Es bleibt ephemer, berührt aber auf
diese Weise existentielle Grundbedingungen, die unser menschliches Dasein jenseits empirischer Fakten
ausmachen.

KATALOG
Begleitend zur Ausstellung erscheint ein Katalog, der sich der Zeichnung als grundlegendem Medium in
Olafur Eliassons Oeuvre widmet. Er ist weniger ein klassischer Leitfaden durch die Ausstellung als das
Skizzenbuch einer künstlerischen Ideenwelt und ein Angebot des Kurators, Eliassons komplexe Fragen
zur Wahrnehmung und seine empirischen Untersuchungen auf dem Feld eines erweiterten
Zeichnungsbegriffs sinnlich zu erleben als elementare visuelle Extrakte in Form von konzeptuellen
Farbskizzen, radikalen Kreisziehungen und neuesten großformatigen Aquarellen in subtilen
Farbversionen. Der Katalog taucht in die geradezu alchemistische Atmosphäre von Eliassons „Werkstatt“
ein, die vor Entstehung der Kunstwerke in der Luft liegt – er ist quasi ein Studiobesuch auf Papier. Ein
umfassendes Gespräch zwischen Michael Hering und Olafur Eliasson bietet Einblicke in neueste
Werkgruppen und ihre Entstehungsprozesse. Zudem kristallisieren sich Kernthemen des Künstlers
heraus, es offenbart sich sein Bezug auf Künstler wie Caspar David Friedrich und Wassily Kandinsky oder
auf die Farbe des isländischen Meeres.

Jutta Koether Tour de Madame

Kaum eine andere Künstlerin hat unser heutiges Verständnis von Malerei und von der Kulturlandschaft seit den 1980er-Jahren so entscheidend geprägt wie Jutta Koether (geb. 1958). „Jutta Koether – Tour de Madame“ präsentiert auf zwei Etagen des Museums Brandhorst in einem ersten umfassenden Überblick die erstaunliche Bandbreite ihrer Arbeit. In vielerlei Hinsicht wird die Ausstellung eine Entdeckungsreise sein, führt sie doch die mehr als 150 Gemälde, Zeichnungen und Assemblagen auf eine völlig neue Art und Weise zusammen. Viele der Werke wurden nie öffentlich ausgestellt oder waren seit ihrer ersten Präsentation nicht mehr zu sehen.
Ein Höhepunkt der Schau wird ein neu geschaffener, 15-teiliger Gemäldezyklus sein, der – in Anspielung auf Cy Twomblys Lepanto-Raum aus der Dauerausstellung des Museums Brandhorst – Koethers eigene „Schlacht“ mit der Malerei- und Kunstgeschichte vor Augen führt.

Die Ausstellung bietet einen systematischen und chronologischen Überblick über das facettenreiche Oeuvre der Künstlerin. Sie führt zurück zu Koethers Anfängen im Kontext des Kölner Neo-Expressionismus Anfang und Mitte der 1980er-Jahre und ihrer anschließenden Auseinandersetzung mit der Farbe Rot als Ausdrucksmittel – eine Antwort auf das Klischee männlicher Maler. Nach ihrem Umzug nach New York Anfang der 1990er-Jahre begann Koether atemberaubend intensive und farbenprächtige, großformatige Gemälde zu schaffen, in denen Motive aus Popkultur, Literatur und Kunstgeschichte in dichten malerischen Gesten geschichtet sind. Anfang der 2000er-Jahre richtete sich Koether in ihrer Herangehensweise immer stärker auf Performance und Musik aus, was in tiefschwarzen Leinwänden und Assemblagen mit Devotionalien der Punk und Noise-Kultur gipfelte. Das letzte Kapitel der Ausstellung widmet sich Koethers exzentrischer Hinwendung zur Historienmalerei und ihren jüngsten Aneignungen aus dem visuellen Gedächtnis der Kunstgeschichte.

Das Werk von Jutta Koether ist programmatisch das Werk einer Malerin, das den männlich dominierten Kanon der Kunstgeschichte in Frage stellt. Jutta Koether reflektiert diese Geschichte und greift Motive weiblicher Künstlerinnen wie Giorgia O’Keeffe, Eva Hesse oder Louise Bourgeois auf. Ein Beispiel ist Koethers Entscheidung, die Farbe Rot ins Zentrum ihrer Kunst zu stellen. Je nach Kontext steht die Farbe dann für Schmerz, Scham, Hysterie, Intensität, Aggression, Provokation, Schminke, Begehren, Weiblichkeit. Die Zusammenführung aller Werkgruppen erlaubt deshalb, Koethers Schaffen in seiner historischen Bedeutung zu erfassen: als groß angelegten Versuch, eine Gegen-Geschichte zum Kanon der modernen Malerei zu entwerfen. Konsequenz und Konsistenz ihres künstlerischen Schaffens lassen keinen Zweifel daran, dass Jutta Koether vor allem eines ist – eine der relevantesten deutschen Malerinnen der letzten Jahrzehnte.

Das Museum Brandhorst veranstaltet am 28. Juni um 19.00 Uhr ein Gespräch zwischen der Künstlerin und Kerstin Stakemeier.
Am letzten Wochenende der Ausstellung (19. und 20. Oktober) organisiert das Museum Brandhorst in Zusammenarbeit mit den Münchner Kammerspielen und der Akademie der Bildenden Künste München eine Veranstaltungsreihe mit Vorträgen, Performances und Konzerten.

Begleitet wird die Ausstellung von einem umfangreichen Ausstellungskatalog, der erstmals eine systematische Auseinandersetzung mit Koethers künstlerischer Praxis bietet und ihr gesamtes Oeuvre von 1982 bis hin zu ihren jüngsten Arbeiten, die für diese Ausstellung geschaffen wurden, in einer umfassenden Bilderreihe mit rund 230 Farbreproduktionen präsentiert. Der Katalog ist als maßgebliche Publikation zu Koethers Werk angelegt und dient der weiteren kritischen Auseinandersetzung mit ihrem Oeuvre. Er erscheint in einer deutschen und einer englischen Ausgabe. Die international bekannten Kunsthistoriker Manuela Ammer, Benjamin H.D. Buchloh, Julia Gelshorn, Achim Hochdörfer, Branden W. Joseph, Tonio Kröner, Michael Sanchez und Anne Wagner beleuchten jeweils eine von Koethers vielfältigen Werkgruppen und –phasen (372 S., ca. 270 Abb., Verlag Buchhandlung Walther König, deutsche Sprachfassung: ISBN 978-3-96098-359-0, englische Sprachfassung: 978-3-96098-360-6, Buchhandelspreis: 49,80€).

Das Museum Brandhorst organisiert die Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Mudam Luxembourg – Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean, initiiert und kuratiert von Achim Hochdörfer und Tonio Kröner mit Unterstützung von Kirsten Storz. Sie wird vom 18. Mai bis 21. Oktober 2018 im Museum Brandhorst zu sehen sein. Die Werkschau im Mudam Luxembourg von 08. Februar bis 12. Mai 2019 wird von Suzanne Cotter kuratiert.

UNFAVOURABLE TACTICAL POSITION ASMUS PETERSEN (Zum 90. Geburtstag)

Asmus Petersen ist in den vielen Jahren seiner Tätigkeit in Hannover stets ein künstlerischer Außenseiter gewesen, gleichzeitig aber auch zu einer festen Größe der städtischen Kultur geworden. 1970 hatte er sein Atelierquartier in den historischen Wasserwerken der Herrenhäuser Gärten bezogen – ein Ort wie er nicht besser hätte erfunden werden können für eine Figur wie Asmus Petersen. Er spürte und verkörperte den ebenso magischen wie kuriosen Geist dieses Ortes, mit dem er wie selbstverständlich verwurzelt schien. Der studierte Wirtschaftswissenschaftler kam erst auf Umwegen Mitte der 1960er-Jahre zur Kunst. Stipendien führten ihn in die Villa Romana nach Florenz (1976) und nach Olevano zum Ableger der Villa Massimo (1982).
Sein malerisches Werk hat viel mit dem Wasser zu tun, über dem er stets gearbeitet hat. Markenzeichen des 1928 geborenen Künstlers sind Seeschlachten aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg. „Krieg heute überhaupt darzustellen, fordert Abstraktion“, lautet Petersens künstlerisches Credo. Mit diesem Ansatz manövrierte sich der überzeugte Kriegsgegner vor allem in der Zeit der Friedensbewegung ganz bewusst in eine Position zwischen allen Fronten, die einer der von ihm zitierten Marine-Protagonisten als „unfavourable tactical position“ bezeichnet hätte. Seine Seeschlachten-Darstellungen haben auf den ersten Blick so gar nichts damit zu tun, was man sich unter einer Seeschlacht vorstellt. Es sind vollkommen abstrakte Diagramme, bestehend aus Linien, Pfeilen und Vektoren, kombiniert mit zunächst eigenartig wirkenden Texten oder Textfragmenten sowie mit Datums-, Zeit- und Positionsangaben. Petersens Bildkonzept entlarvt die moderne Kriegsführung als kaltes, nüchternes, dabei aber auch vollkommen absurdes Strategiespiel, das sich zwischen mathematischer Präzision und Comic-Strip bewegt. Das gilt für die fast trunken wirkenden Bewegungsmuster der Schiffe ebenso wie für die Funksprüche, deren neutrale typografische Präsentation den subjektiven und emotionalen Ton ihrer Botschaften konterkariert.
Exemplarisch hat Petersen diese Widersprüchlichkeit in einer simplen Textarbeit auf den Punkt gebracht: Die Behauptung „Wir sind wieder wer“ wird der nüchternen Auflistung der Namen von 15 Konzentrationslagern von Auschwitz bis Treblinka gegenübergestellt (Wir sind wieder wer, 1967).
Asmus Petersen war nicht nur als bildender Künstler, sondern auch als Literat, Publizist, Satiriker und Dichter tätig. Die Ausstellung zeigt als Gegengewicht zu seinen Schlachtenbildern auch eine Auswahl seiner Gedichtbilder. So wie das Grauen des Krieges nicht figurativ zu fassen ist, so kann auch die Poesie nicht dargestellt werden – und analog zu den Schlachtenbildern wird in Petersens Bildkonzept die Poesie als Text zum abstrakten Bild.
Aus Anlass des 90. Geburtstages zeigt das Sprengel Museum Hannover eine Auswahl von knapp 30 Gemälden und Papierarbeiten, die über einen Zeitraum von fast 50 Jahren entstanden sind.
Kurator: Dr. Reinhard Spieler