ECHTE GEFÜHLE: DENKEN IM FILM

Kuratiert von Ellen Blumenstein, Franz Rodenkirchen und Daniel Tyradellis

Seit seiner Erfindung hat der Film das Denken über das, was die Welt ist und sein kann, beeinflusst. Als Massenmedium, das die Gefühle der Menschen unmittelbar anspricht, prägt es die kollektiven Erfahrungen, sodass Filme nicht nur vor der Folie der Realität betrachtet werden, sondern ihrerseits unser Bild der Wirklichkeit beeinflussen.

ECHTE GEFÜHLE: DENKEN IM FILM widmet sich den Affekten und Emotionen im bewegten Bild. Die Themenausstellung geht der Frage nach, wie Filme Emotionen vermitteln und eine Authentizität erzeugen, an der individuelle und kollektive Erfahrungen aufeinandertreffen. Allen voran sind sie es, die geläufige Erfahrungen und gängige Erklärungsmuster bestätigen, verändern oder grundsätzlich infrage stellen und so zum Denken herausfordern. Dass in der Ausstellung die Grenzen zwischen Kinosaal und Ausstellungsraum ebenso durchlässig werden wie zwischen Filmkunst und Kunstfilm, zwischen professionellem Publikum und neugierigem Laien, ist ausdrücklich erwünscht. Denn der Film dient gleichermaßen der Normierung unserer Phantasien wie ihrer Freisetzung, der Einübung von Verhaltens- und Deutungsmustern wie deren Außerkraftsetzung. Er stellt damit ein außerordentlich wirkmächtiges Medium dar, in dem sich ein graduell oder radikal anderes Denken über die Welt erprobt.

Auf der gesamten Ausstellungsfläche setzen die KW Institute for Contemporary Art in Berlin das Potenzial des Films in Szene: Die Schau untersucht zum einen, wie Mainstream- und Arthouse-Filme die menschlichen Grundemotionen in Bilder und Narrationen übersetzen und dabei Erwartungen sowohl bedienen als auch kontinuierlich modifizieren. Zum anderen präsentiert die Ausstellung Werke von Künstlerinnen und Künstlern, die zwar nicht den Massengeschmack bedienen, aber den gleichen Fragen wie das Kino verpflichtet sind: Wie erzähle ich eine Geschichte? Wie gelingt es, eingespielte Seh- und Denkmuster infrage zu stellen, ohne die Aufmerksamkeit des Betrachters zu verlieren? Diese Arbeiten thematisieren auf je unterschiedliche Weise die Konstruktion von Gefühlen und nutzen das Medium Film, um die Differenz zwischen Film und Wirklichkeit, echtem und gespieltem Gefühl und gleichermaßen deren nicht auflösbare Abhängigkeit voneinander sichtbar zu machen.

Anders als im Kino, das die Zuschauerposition fixiert, bezieht die Ausstellung Bewegung und körperliche Erfahrung im Raum mit in das Sehen ein. Aus ihrem filmischen Ganzen gerissene Einzelszenen werden zu Attraktoren der Wahrnehmung, denen sich der Betrachter individuell zuwenden kann. Sie unterlaufen die Selbstverständlichkeit filmischer Narration und machen die Konventionen der Darstellung von Emotionen sichtbar – und die Versuche, über sie hinaus zu gehen.

So hat Loretta Fahrenholz für ihren aktuellen Film DITCH PLAINS (2013) beispielsweise das menschenleere New York nach dem Hurrikan Sandy als Bühne benutzt, um dort Erinnerungen an filmische Genres, Szenen oder Begegnungen zu reinszenieren. Eine Wirklichkeit, in der der Alltag plötzlich durch ein extremes Ereignis aus den Fugen geraten ist, bietet gleichzeitig Raum dafür, das eigene Tun neu zu erfinden und Beziehungen zu anderen Menschen und zur Welt mit den Mitteln filmischer Vorbilder vergleichbarer Szenarien filmisch neu zu beschreiben.
Das Video UNTITLED. STRAWBERRY POISON DART FROG: DEMUXED (2008–11) von Ed Atkins und Simon Martin reduziert den Film auf seine elementaren Bestandteile: einen Protagonisten und ein Setting. Das Zusammenspiel von Bild und Ton wird hier zum wesentlichen Element, das Ansätze eines Plots immer wieder andeutet, um dann doch jede Form der Narration zu unterlaufen. Insbesondere der Ton erzeugt emotionale Spannung und Erwartung und verleitet den Betrachter zu Hypothesen darüber, was das Ereignis ist, um den der Film sich dreht. Die Arbeit benutzt die cineastischen Erwartungen, lässt sie jedoch unbefriedigt und fordert das Denken heraus.
Die Doppelprojektion CASTING JESUS (2011) von Christian Jankowski thematisiert den auf unserer christlichen Tradition beruhenden Glauben an das „echte Bild“: Eine dreiköpfige Jury aus dem Vatikan kürt den besten Jesusdarsteller einer Castingshow. Der beste ist der, der als „echtester“ wirkt, der also die mit der Gestalt von Jesus Christus verbundenen Emotionen am intensivsten zu verkörpern vermag.

Auf die Ausstellung reagieren zwei essayistische Bände der Publikationsreihe FERENZ. ZUR KRITIK DES KURATORISCHEN, in denen sich die Kulturwissenschaftlerin Elisabeth Bronfen und der französische Philosoph und Filmtheoretiker Jean-Louis Schefer mit Fragen des Ausstellens von Film auseinandersetzen. Ein Rahmenprogramm begleitet die Ausstellung.

Ellen Blumenstein ist seit Januar 2013 Chefkuratorin der KW Institute for Contemporary Art. Sie ist Gründerin des Veranstaltungsortes Salon Populaire, eine der BegründerInnen der Initiative Haben und Brauchen und hat unter anderem den Isländischen Pavillon auf der Biennale di Venezia (2011) kuratiert und mit anderen die Talkshow KLAU MICH! der spanischen Künstlerin Dora García auf der dOCUMENTA (13) (2013) in Kassel moderiert.
Franz Rodenkirchen arbeitet seit 1995 als freier Filmdramaturg und Berater für Drehbuchentwicklung. Von Mai bis September 2013 war er Artist in Residence an der Filmakademie Amsterdam. Als Tutor war er unter anderem für das TorinoFilmLab (Script&Pitch Workshops, FrameWork), das Binger Filmlab, Amsterdam, für CineLink, Sarajevo sowie bei der Script Station der Berlinale Talents tätig. Zwischen 1986 und 1993 war er Co-Autor der Spielfilme von Jörg Buttgereit. Seit 2009 ist er Mitglied der Europäischen Filmakademie.
Daniel Tyradellis ist Philosoph und Kurator. In seinen Arbeiten setzt er sich mit den unterschiedlichen Denkweisen von Kunst, Wissenschaft und Philosophie auseinander. Ausstellungen versteht er als Experimente eines mit-teilenden Denkens im Raum und die „Pädagogik des Begriffs“ (Gilles Deleuze) als eine zentrale kuratorische Aufgabe. Jüngste Ausstellungen von Tyradellis waren WUNDER in den Deichtorhallen Hamburg (2011/12) und MS REICHTUM im Deutschen Hygiene-Museum Dresden (2013). Zu seinen aktuellen Publikationen gehören WAS HEISST UNS DENKEN? (gemeinsam mit Jean-Luc Nancy, diaphanes, 2013) sowie MÜDE MUSEEN (edition Körber, 2014).

Mit Arbeiten von: Chantal Akerman, Ed Atkins und Simon Martin, Sue de Beer, Harry Dodge und Stanya Kahn, Loretta Fahrenholz, Christian Jankowski, Jesper Just, Peter Roehr, Roee Rosen, John Smith und Mark Wallinger.

Irgendetwas im Raum entzieht sich unseren Versuchen des Überfliegens

Die Ausstellung, deren Titel von dem französischen Philosophen Maurice Merleau-Ponty
entliehen wurde, kreist um verschiedene Aspekte des Themas Raum. Es zeigt dazu Arbeiten
von neunzehn internationalen KünstlerInnen der 1960er-Jahre bis heute, die allgemeine
Phänomene der Wahrnehmung von Raum ebenso verhandeln wie dessen sozialen,
politischen, imaginären oder ästhetischen Konstruktionen.
Neben ikonischen Werken wie Juan Downeys raumgreifende Videoinstallation Video Trans
Americas, die erstmals in Deutschland komplett zu sehen sein wird, oder Samuel Becketts
Fernsehspiel Quadrat I und II, zeigt die Ausstellung Werke junger KünstlerInnen wie Ester
Vonplon, die in ihren eindrücklichen Schwarzweiß-Fotografien die Lebensräume einer Roma
Familie untersucht, oder dem Duo Mona Vătămanu & Florin Tudor, das die Politiken und
Poetiken des Raums zwischen Spiel und Verteilungskämpfen auslotet.

KünstlerInnen:
Charbel Ackermann, Francis Alÿs, Ricardo Basbaum, Samuel Beckett, Lysann
Buschbeck, Peggy Buth, Olga Chernysheva, Juan Downey, Susan Hiller, Yao
Jui-Chung, siren eun young jung, Sejla Kameric, Rabih Mroué, Uriel Orlow,
Manuela Ribadeneira, Bill Spinhoven van Oosten, Mona Vatamanu & Florin
Tudor, Ester Vonplon

Mondrian. Farbe

Wer den Namen Piet Mondrian hört, denkt an abstrakte Malerei in den Farben Rot, Gelb und
Blau. Doch wie kam der Maler zu dieser Reduktion?

Mit Mondrian. Farbe geht erstmals eine

Ausstellung dieser Frage nach. Anhand von 51 Gemälden wird deutlich, wie Mondrian durch
die Auseinandersetzung mit Künstlern wie Cézanne, mit Goethes
Farbenlehre und der
Theosophie auf der Suche nach der universellen Harm
onie zu den Grundfarben und zur
Abstraktion fand. „Kunst soll der unmittelbare Ausdruck des Universellen in uns sein“ – so
formulierte Mondrian sein anspruchsvolles künstlerisches Programm. Die Ausstellung im
Bucerius Kunst Forum vereint vom 1. Februar bis zum
11. Mai 2014 Leihgaben aus
international renommierten Sammlungen wie dem Gemeentemuseum Den Haag, dem Denver
Art Museum oder der Tate in London.
Rot, Gelb und Blau sind die Farben, die Piet Mondri
ans (1872–1944) Werk berühmt gemacht haben.
Er gilt als einer der entschiedensten Verfechter der Abstraktion. Von seinen Anfängen mit
holländischen Landschaften entwickelte sich Mondrian zum Pionier der ungegenständlichen Malerei.
Seit 1921 malte er ausschließlich mit den Primärfarben. In der Kombination mit weißen Flächen und
schwarzen Linien kommt ihnen eine wesentliche Bedeutung zu: Sie transformieren die materielle Welt
ins Geistige. In der Farbe zeigt sich dieser Anspruch Mondrians. Erstmals untersucht mit Mondrian.
Farbe eine Ausstellung dieses zentrale Moment seines Werks.
Die künstlerischen Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts wollten mit den Traditionen brechen.
Revolution war das Motto der Stunde. Auch Piet Mondrians Abstraktion wurde in diesem
Zusammenhang gesehen. Seine ungegenständliche Malerei gehört heute zum Kanon der
Avantgardekunst. Sie hatte sich von allem befreit,
was man bis dahin mit Malerei verband. Doch
Mondrians Werk kam nicht durch Revolution zustande
– er sah seinen Weg zur Abstraktion als einen
evolutionären Prozess.
Behutsam und kontinuierlich arbeitete er daran, sich zu unterscheiden: von
seinen Kommilitonen an der Amsterdamer Rijksakademie van beeldende Kunsten ebenso wie von
den Vorbildern der niederländischen Malerei des 17.
Jahrhunderts, an denen er sich messen wollte,
und den internationalen Positionen des beginnenden
20. Jahrhunderts, gegen die er antreten sollte.
Mondrians frühe, seit den 1890er Jahren entstandene
Landschaften zeigen seine
Auseinandersetzung mit den Fragen des Realismus in
der Tradition Rembrandts. Die erdigen, pastos
aufgetragenen Farben dienten ihm als Material der Landschaft. Doch schon in seinen kurz nach 1900
entstandenen Landschaften malte Mondrian das Strahl
en der Sonne und das Leuchten des Mondes.
1908 kam er erstmals in Berührung mit Goethes Farbenlehre
. Unter Berufung auf Goethe formulierte
er: „Farbe ist getrübtes Licht.“ Das Licht wird nicht als ein strahlendes gezeigt, sondern als ein
Leuchten, das vom Horizont ausgeht. Damit verabschiedete sich Mondrian vom Realismus und
brachte eine symbolistische Komponente in seine Landschaftsdarstellungen ein.

VIS-À-VIS. BILDNISSE IN DER GRAPHISCHEN SAMMLUNG

Das aus Zeichnungen, druckgrafischen Arbeiten und Fotografien zusammengestellte
Werkensemble wird weitgehend chronologisch präsentiert. Die Auswahl reicht von
einem radierten Selbstbildnis des Malers Francisco de Goya (1746–1828) aus dem
ausgehenden 18. Jahrhundert bis zu einem Porträt des US-amerikanischen
Komponisten Philip Glass, das sein Freund Chuck Close (*1940) im Jahr 1995
radierte. Gezeigt werden ausgewählte Arbeiten bekannter, aber auch unbekannterer
Künstler wie Jean-Auguste-Dominique Ingres, Edouard Manet, Vincent van Gogh,
Edvard Munch, Käthe Kollwitz, Hans am Ende, Max Beckmann, Ernst Ludwig
Kirchner, Albert Müller, Otto Pankok, Olaf Gulbransson, David Hockney, und
Christian Boltanski, die sich in spannender und teilweise völlig unterschiedlicher Art
und Weise mit der kunsthistorisch bedeutsamen Gattung des Porträts
auseinandersetzen.
„Das Vis-à-vis, das Spiegelbild des eigenen Antlitzes oder das Gegenüber des
Anderen, fordert Künstler seit Jahrhunderten heraus. Wir freuen uns sehr darüber, im
Rahmen dieser Ausstellung nun eine künstlerisch äußerst reizvolle Auswahl von
Werken dieses Bildtypus aus dem über 100.000 Werke umfassenden Bestand der
Graphischen Sammlung des Städel präsentieren zu können“, sagt Städel-Direktor
Max Hollein.
„Vor allem En-face-Bildnisse fordern in ihrer strengen Frontalität zum Zwiegespräch
von Angesicht zu Angesicht auf. Und so verweisen sie ihre Betrachter auch auf das
ursprüngliche Vis-à-vis, eine Situation, in der ein Künstler die Dargestellten
konzentriert angeschaut und festgehalten hat. Diese grundlegende Konstellation
begleitet in der Ausstellung jedes Fragen nach einem ‚Wer hat wen warum und wie
dargestellt?‘“, so die Kuratorin und Leiterin der Graphischen Sammlung ab 1750, Dr.
Jutta Schütt.
Anhand der vielfältigen Exponate aus rund 200 Jahren erinnert die Ausstellung im
Besonderen auch daran, wie das Genre des gezeichneten oder gedruckten
Bildnisses im 19. Jahrhundert durch das Aufkommen der Fotografie einen Umbruch
erfuhr und bildende Künstler wiederum als Reaktion darauf eigenständige
äquivalente künstlerische Ausdrucksformen entwickelten. So gewährt die
Präsentation Einblick in diese Entwicklung etwa anhand von Porträtzeichnungen
Jean-Auguste-Dominique Ingres’ (1780–1867), der sich noch 1816 in Rom damit ein
Zubrot verdiente, oder dem Plan für ein Gruppenbildnis der deutschen Künstler im
Café Greco (1818) von Carl Philipp Fohr (1795–1818). Schon bald verdrängte das
neue Medium den Wunsch und Bedarf nach dem gezeichneten Bildnis. Für viele
Künstler wurde die Fotografie zum dienenden Hilfsmittel, für manche zum Ansporn,
im druckgrafischen Bereich neue Wege zu gehen. Beispielhaft für die Kunst aus der
zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zeigt die Präsentation neben Nadars (1820–
1910) Fotografie der George Sand (1864) zwei unterschiedliche Lithografien von
Edouard Manet (1832–1883) mit dem Titel Bildnis der Berthe Morisot (1872). Dabei
ist Berthe Morisot, die Schwägerin des Künstlers, einmal in Schwarz dargestellt, ein
zweites Mal zeichnen Umrisslinien ihre Konturen nach. Auch die Wiederbelebung der
Technik der Radierung in Paris ist im Zusammenhang mit der Erfindung der
Fotografie zu verstehen. Das Bildnis von James Abbott McNeill Whistler (1834–
1903), Becquet – The Fiddler (1859), demonstriert diese Entwicklung ebenso wie die
malerisch und bewegt radierten Bildnisse von Anders Zorn (1860–1920). Das
ebenfalls in der Ausstellung „Vis-à-vis. Bildnisse in der Graphischen Sammlung“
gezeigte Werk L’homme à la pipe (1890) von Vincent van Gogh (1853–1890), die
einzige Radierung im OEuvre des Niederländers, einmal in Rotbraun und einmal in
Schwarz gedruckt, erinnert an sein weltweit bekanntes Gemälde Dr. Gachet (1890),
das 1937 im Frankfurter Städel Museum beschlagnahmt wurde.
Durch die Gegenüberstellung der verschiedenartigen Bildnisse entstehen in der
Ausstellung auf den ersten Blick kurios erscheinende Verbindungen: So begegnen
sich hier der Frankfurter Stadtgärtner Sebastian Rinz, der fotografierte Karl Marx
(1875) und der radierte amerikanische Präsident William Howard Taft (1911). Mit
humorvollem Blick schaut Lovis Corinth (1858–1925) auf seinen Sohn Thomas und
unterstreicht in der Darstellungsweise von Kleidung und Körperhaltung dessen
Gesichtsausdruck. Mit gleicher Intention setzen auch Olaf Gulbransson (1873–1958)
und David Hockney (*1937) Pose und Kleidung in ihren Bildnissen ein. Für die Dauer
der Ausstellung werden sie zu Nachbarn. Auch zwei sehr unterschiedliche Bildnisse
des Schriftstellers Thomas Mann laden zum Vergleich ein: die exzentrische
Interpretation des Österreichers Max Oppenheimer (1885–1954) und ein offizielles
Bildnis, das Max Liebermann (1847–1935) im Auftrag des S. Fischer Verlages 1925
lieferte. Der umfassende Sammlungsbestand des Städel erlaubt es, zwei besondere
Bildnisse nebeneinanderzustellen, die über die Porträtierten hinaus im Gedenkjahr
seines Beginns an den Ersten Weltkrieg erinnern: der Holzschnitt von Ernst Ludwig
Kirchner (1880–1938) für den gefallenen Gefährten Hugo Biallowons, und Max
Beckmanns (1884–1950) Gedenkblatt für seinen Schwager Martin Tube.
Neben Bildnissen eines Gegenübers zeigt die Präsentation auch Selbstporträts, etwa
von Käthe Kollwitz (1867–1945), die seit den 1890er-Jahren ihr eigenes Antlitz in
Holzschnitt, Radierung und Lithografie stets aufs Neue festhält und überprüft.
Insbesondere das Nebeneinander von Selbstbildnissen lässt überraschende
Parallelen in den Arbeiten verschiedener Künstler sichtbar werden. So macht die
Präsentation das mit Bleistift gezeichnete Mienenspiel von Lovis Corinth vergleichbar
mit den jüngeren Beispielen eines singenden Horst Janssen (1929–1995) und eines
grimassierenden Bruce Nauman (*1941). Von Ernst Ludwig Kirchner ist ein Bildnis zu
sehen, radiert von seinem Freund und Schüler Albert Müller (1897–1926). Der
ausgestellte Abzug des ersten Zustandes versah Kirchner persönlich mit vehementen
Korrekturen. Kirchners in Holz geschnittenes Selbstbildnis Melancholie der Berge
(1929) ist exemplarisch für das Spätwerk des Künstlers. Der für Frankfurt und die
Städelsche Sammlung ebenso wichtige Zeitgenosse Max Beckmann ist durch
das herausragende Selbstbildnis mit steifem Hut (1921) vertreten, das in zwei
Fassungen gezeigt wird. Ein Spiel der Selbstbefragung und Selbstverwandlung
demonstriert der Schweizer Urs Lüthi (*1947) mit seiner für die Selbstbildnisse der
1970er-Jahre typischen Serie von Offsetdrucken nach Schwarz-Weiß-Fotografien.
Unter den Bildnissen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts präsentiert die
Ausstellung die Zeichnung Portrait de Diego (1950) von Alberto Giacometti (1901–
1966), die in eingehender Weise das unvergleichliche Suchen und Ringen des
Künstlers vorführt. Dem Sammlungsbereich der Druckgrafik entstammt der
überwältigend großformatige Farbholzschnitt von Roy Lichtenstein (1923–1997) aus
der Folge Expressionist Woodcuts (1980). Vor dem Hintergrund des bedeutenden
Bestandes an expressionischer Grafik im Städel erhält diese aus der Pop-Art
geborene Verarbeitung einer deutschen Kunstrichtung innerhalb der Städelschen
Sammlung zusätzliches Gewicht.
Das einzelne ausgestellte Bildnis, erzählt in der Begegnung des Betrachters und des
Dargestellten seine individuelle Geschichte. Doch in dem Zusammentreffen der
Bildnisse, aus rund 200 Jahren lässt „Vis-á-vis. Bildnisse in der Graphischen
Sammlung“ Vergleiche zu und zeigt Parallelen auf, die stilistisch und zeitlich
übergreifend sind.

Künstlerliste: Max Beckmann, Christian Boltanski, Julia Margaret Cameron,
Chuck Close,Lovis Corinth, Otto Dix, Johannes Kaspar Eissenhardt, Hans am
Ende, Hugo Erfurth, Louis Eysen, Conrad Felixmüller, Karl Philipp Fohr, Alberto
Giacometti, Vincent van Gogh, Francisco Goya, Ludwig Emil Grimm, Juan Gris,
Olaf Gulbransson, David Hockney, Jean-Auguste-Dominique Ingres, Horst
Janssen, Ernst Ludwig Kirchner, Käthe Kollwitz, Carl Larsson, Roy Lichtenstein,
Max Liebermann, Urs Lüthi, Edouard Manet, Henri Matisse, John Mayall, Albert
Müller, Edvard Munch, Nadar (Gaspard-Félix Tournachon), Bruce Nauman, Mopp
(Max Oppenheimer), Emil Orlik, Johann Friedrich Overbeck, Otto Pankok, Odilon
Redon, Karl Schmidt-Rottluff, Moritz von Schwind, Henri de Toulouse-Lautrec,
Anton Josef Trčka, James Abott McNeill Whistler, Anders Zorn

Kuratorin: Dr. Jutta Schütt, Leiterin Graphische Sammlung ab 1750

RICOCHET #8. Jan Paul Evers

Die Ausstellungsreihe RICOCHET zeigt als achte Position Fotografien des 1982 in Köln geborenen Künstlers Jan Paul Evers in dessen erster musealer Einzelausstellung (Laufzeit: 16. Januar – 23. März 2014). In seinen kontemplativen Schwarz-Weiß-Fotografien geht Evers den technischen und gestalterischen Möglichkeiten des Mediums nach und situiert seine Arbeiten zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit. Dabei nimmt er grafisch wirkende Architektur- komplexe, Landschaftsausschnitte und Naturdarstellungen oder Gebrauchsgegenstände in seinen Motivkanon auf. Bilder unterschiedlichster Provenienz – Aufnahmen mit der eigenen Kamera und dem Handy, Bilder aus dem Internet sowie abfotografierte Bilder und Stills – montiert er als Versatzstücke in der Dunkelkammer mithilfe klassischer und experimenteller mechanischer und chemischer Techniken zu neuen räumlichen Situationen und Objekten.

Evers untersucht in seinen reduzierten Kompositionen die Beziehung zwischen Raum
und Fläche und knüpft dabei ästhetisch und formal an die Tradition piktorialistischer
Fotografie sowie an die Fotografie der 1920er-Jahre an. Mit seinen Arbeiten thematisiert Evers jedoch nicht nur Geschichte und Technik von Fotografie. Vielmehr werden seine Unikate hinsichtlich der heute völligen Verfügbarkeit von Bildern zur Reflexion über den Umgang mit dem Medium an sich und über deren Abbildungs- und Authentizitätscharakter.

Bilder in der Zeit Sammlung Goetz im Haus der Kunst

Seit Frühjahr 2011 zeigt das Haus der Kunst im dafür hergerichteten ehemaligen Luftschutzkeller regelmäßig Filme und Videos aus der Sammlung Goetz. Im September 2013 hat Ingvild Goetz Teile ihrer Sammlung, weltweit eine der bedeutendsten Privatsammlungen zeitgenössischer Kunst, dem Freistaat Bayern geschenkt. Die kongeniale Partnerschaft zwischen dem Haus der Kunst und der Sammlung Goetz schafft durch die kuratorische Fachkenntnis und Erfahrung des Museums eine hervorragende Basis für die weitere Entwicklung und Präsentation der Sammlung.
Teil 6 der Kooperation zwischen dem Haus der Kunst und der Sammlung Goetz ist der Beziehung von Bild und Bewegtbild gewidmet. In den hier ausgewählten Filmen, Videos und Diaprojektionen dominiert das sorgfältig, oft in Anlehnung an Vorbilder der Malerei komponierte Einzelbild. Die auffällige Langsamkeit, mit der die Bilder in den ausgewählten Werken aufeinander folgen, lenkt die Aufmerksamkeit zudem auf die Aspekte Motiv und Zeit.

Post / Postminimal Die Sammlung Rolf Ricke im Dialog mit zeitgenössischen Kunstschaffenden

Live in Your Head. When Attitudes Become Form und Op Losse Schroeven. Situaties en Cryptostructuren hiessen 1969 die beiden epochemachenden Ausstellungen in der Kunst-halle Bern bzw. im Stedelijk Museum Amsterdam. Von Harald Szeemann bzw. Wim A. L. van Beeren organisiert, haben sie wesentlich dazu beigetragen, einem erweiterten Skulp-turbegriff zum Durchbruch zu verhelfen. Dieser brach das traditionelle Verständnis des Kunstwerks als Artefakt zugunsten von prozesshaften Ansätzen auf und ergänzte den Kanon der Werkstoffe um bislang unerprobte Materialien wie Neon, Latex, Polyester u.a.m. Der Kölner Galerist Rolf Ricke war eine der entscheidenden Figuren im Hintergrund, indem er bereits Mitte der 1960er-Jahre Künstler nach Europa einlud, um Werke vor Ort für seine Ausstellungen zu realisieren. Als einer der Pioniere für junge amerikanische Kunst brachte er u.a. Richard Artschwager, Bill Bollinger, Gary Kuehn, Richard Serra und Keith Sonnier nach Kassel und später nach Köln, wo sie vor Ort arbeiteten und neue Werke eigens für die Galerie entwickelten. Alle waren sie später in den oben genannten Aus-stellungen mit Werken vertreten, zuvor jedoch bei Rolf Ricke sowohl in Einzel- und Gruppenpräsentationen zu sehen, u.a. in dessen Standortbestimmung Programm I (1968), deren Bedeutung er für sich wie auch für die Entwicklung der Galerie er wie folgt zu-sammenfasste:
„Diese Programm-Ausstellungen waren für mich manchmal wichtiger als Einzelausstel-lungen. […] Gruppenausstellungen waren für mich eine Herausforderung an mich selbst. Ich hab sie eigentlich für mich gemacht. Die Programm-Ausstellungen […] waren in meinem Kopf eine Setzung für die Zukunft, eine Vorschau. Ausserdem war es mir wichtig, Arbeiten kennen zu lernen. Im Dialog verstehe ich die Arbeiten auf eine andere Art. In dieser Ausstellung polari-sierte ich, konfrontierte ich Werke, das heisst ich belaste eine Arbeit, die mich ungeheuer fasziniert, mit einer anderen. Das habe ich manchmal sehr brutal und sehr direkt gemacht. Das war ganz wichtig für mich, zum einen zum tieferen Verständnis und zum andern für zukünftige Entscheidungen.“ (Rolf Ricke, 2007)

Die von Rolf Ricke über die Jahrzehnte zusammengetragene Sammlung konnte in einer einzigartigen Aktion vom Kunstmuseum St.Gallen, Kunstmuseum Liechtenstein und Museum für Moderne Kunst, Frankfurt, gemeinsam erworben werden. Daher ist das St.Galler Museum im Besitz einer bedeutenden Werkgruppe der Postminimal Art, die nun erstmals konzentriert gezeigt werden kann, ergänzt durch gezielte Leihgaben aus privaten und öffentlichen Sammlungen sowie durch Werke des in St.Gallen lebenden Künstlers Roman Signer, dem Harald Szeemann‘s Live in Your Head entscheidende Impulse für das eigene Schaffen vermittelte. Die Ausstellung Post / Postminimal wirft jedoch, ganz im Sinne des ehemaligen Galeristen Rolf Ricke, den Blick nicht primär zurück auf eine heute meist heroisch verklärte Vergangenheit, sondern sie erweitert die Perspektive und richtet sie entschieden auf Gegenwart und Zukunft.
Zur Ausstellung Post /Postminimal hat das Kunstmuseum St.Gallen eine Reihe zeitgenös-sischer Kunstschaffender eingeladen, die alle nach der epochalen Ausstellungen 1969 ge-boren sind, in ihrem Werk jedoch die skulpturalen Möglichkeiten der späten 1960er- und 1970er-Jahre aufgreifen und für die Gegenwart neu bestimmen. Das mag als Hinweis dafür dienen, welche epochalen formalen Errungenschaften in der Skulptur geleistet wurden und wie lebendig diese nachwirken. Heute geht es im Gegensatz zu damals auch weniger um ein Überwinden eines geläufigen künstlerischen Kanons, sondern eher um deren inhalt-liche und materielle Erweiterungen. Die künstlerischen Ansätze müssen sich nicht mehr erst als heftige Geste bzw. als radikaler Bruch mit der Tradition bestimmen, sondern bauen vielmehr ganz selbstverständlich und entsprechend gelassen auf den formalen Recherchen der vorhergehenden Generationen auf, verbinden diese mit andern künstlerischen Erfahrungen und schaffen Werke, die von einer eigenen Sensibilität getragen sind.

Matthias Hoch | Silver Tower

Matthias Hoch (geb. 1958 in Radebeul, lebt in Leipzig) kann als Chronist gelten. Seine Bilder offenbaren die Strukturen sozialer Räume und verdeutlichen damit das Verhältnis der Menschen zu ihrer selbst geschaffenen Umgebung.
Als das Dresdner-Bank-Hochhaus 1978 in Frankfurt am Main eingeweiht wurde, galt es mit seiner silbernen Aluminiumfassade und den abgerundeten Ecken als Inbegriff der Moderne.
 Es war damals das höchste Gebäude Deutschlands. In seinen 32 Etagen waren rund 2.200 Beschäftigte tätig. Nach der Übernahme durch die Commerzbank 2009 wurde die Zentrale der Dresdner Bank nicht mehr benötigt. Das Gebäude wurde geräumt.
Matthias Hoch observiert mit seiner Kamera in den verwaisten Räumen die Spuren ihrer Nutzung. Die Bilder zeigen eine Schwellensituation. Tatsächlich ist es das Ende einer Ära. Das Gebäude wurde inzwischen völlig umgerüstet. Die Aura seines ursprünglichen Zustands existiert heute nur in der Erinnerung und im Ausdruck dieser Bilder.
Zur Ausstellung ist ein Katalog erschienen.

Auf zwei Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung möchten wir bereits hinweisen:
19.2., 19.00 Uhr: DIALOG – Gespräch mit Matthias Hoch in der Ausstellung
26.2., 19.00 Uhr, Film in der Ausstellung: Master of the Universe. D 2013, Regie: Marc Bauder (http://www.bauderfilm.de/MASTER.html)
 

BRENNPUNKT ROM. SÉBASTIEN BOURDONS MÜNCHNER »KALKOFEN«

Sébastien Bourdon (1616–1671), Mitbegründer der Académie royale de
peinture et de sculpture, gilt als prominenter Vertreter der klassizistischen
Barockmalerei in Frankreich. Als junger Mann lebte er eine Zeit lang in
Rom. Die Stadt zog damals Maler aus ganz Europa an. Inspiriert von einem
Gemälde des dort tätigen niederländischen Malers Pieter van Laer schuf er
sein frühes Meisterwerk, das noch so ganz unklassisch aussieht: den
»Römischen Kalkofen«. Schon im 17. Jahrhundert gelangte das Bild nach
München. Seit 1750 ist es im Besitz der Wittelsbacher nachweisbar. Es
schmückte das Schlafzimmer der Kurfürstin Maria Anna und später die
Hofgartengalerie; seit 1836 hing der »Kalkofen« in der Alten Pinakothek.
Die Ausstellung rückt erstmalig dieses ungewöhnliche Gemälde Bourdons
in den Fokus – und setzt damit eine Tradition der Alten Pinakothek fort,
einzelne Werke aus Eigenbestand zum Gegenstand von
Sonderausstellungen zu machen.
Virtuos gemalt, stellt der »Römische Kalkofen« vergangenes
Alltagsgeschehen vor Augen – so scheint es zumindest. In Reichweite
römischer Monumente lodert Feuer und steigt Dampf aus einer Grube.
Offenbar entsteht hier aus den Überresten antiken Marmors der Grundstoff
neuer Bauten. Männer in zerlumpten Kleidern arbeiten, spielen oder
bereiten Spießbraten zu. Aber kann man sich tatsächlich, wie hier gezeigt,
unbeschadet auf gebranntem Kalk niederlegen? Wie viel Wirklichkeit steckt
im Bild, was hat der Künstler erfunden, was von anderen übernommen? Die
Ausstellung sucht nach Antworten.
Thematisch und motivisch verwandte Bilder von Vorläufern und
Zeitgenossen Bourdons sowie weitere Werke des Künstlers machen den
kunsthistorischen Kontext verständlich und verdeutlichen die individuelle
künstlerische Leistung des Malers. Gemälde, Zeichnungen und graphische
Blätter aus dem In- und Ausland werden in die Alte Pinakothek reisen und
flankierend neben Gemälde aus eigenem Bestand treten. So lässt sich der
Münchner »Kalkofen« etwa mit dem Stich vergleichen, der sein
verschollenes Vorbild, den »Großen Kalkofen« Pieter van Laers, wiedergibt
(Albertina, Wien); auch Bourdons zweites Kalkofenbild aus dem Musée des
Beaux-Arts in Valenciennes wird zu sehen sein. In einem separaten
Dokumentationsraum erschließen Drucke, Fotografien und Reproduktionen
topographische und technikgeschichtliche Zusammenhänge.
Darüber hinaus verdeutlicht die Präsentation die Ausnahmestellung des
»Römischen Kalkofens« in Bourdons OEuvre. Bilder wie die »Befreiung der
Andromeda« (München, Alte Pinakothek) oder die »Beweinung Christi«
(Aschaffenburg, Staatsgalerie im Schloss Johannisburg) ermöglichen
Einblicke in Bourdons weiteres Schaffen und zeigen zugleich, dass der
Maler auch später noch von Eindrücken zehrte, die er in Italien hatte
gewinnen können.
Kuratorin: Dr. Elisabeth Hipp

JR

Mit der Ausstellung des französischen Künstlers JR geht das Museum Frieder Burda neue Wege – und mit einem großen Ausstellungsprojekt bis in den Stadtraum hinein. Neben einem retrospektiven Teil im Museum bezieht der international gefeierte Künstler die Stadt und ihre Oberfläche mit ein: UNFRAMED BADEN-BADEN befasst sich mit der deutsch-französischen Geschichte und Freundschaft. In der Altstadt von Baden-Baden bringt JR mit der Plakatierung von historischen Aufnahmen aus privaten Fotoalben und dem Stadtarchiv die Geschichte des Ortes im Grenzraum zweier Nationen zu neuem Leben.

Christoph Girardet & Matthias Müller – Tell Me What You See

Zum Jahresauftakt 2014 ermöglicht der Kunstverein Hannover mit der Ausstellung »Tell Me What You See« der Film- und Videokünstler Christoph Girardet (*1966) und Matthias Müller (*1961) erstmals einen umfassenden Einblick in ihr Gemeinschaftswerk. Gezeigt werden 11 filmische Arbeiten von 1999 bis heute sowie ergänzende Fotografien.
Seit mehr als 14 Jahren arbeiten die beiden Künstler in kontinuierlicher Zusammenarbeit mit überwiegend filmischem Fremdmaterial (Found Footage) und kombinieren Zitate und Motive unterschiedlichster Spielfilme zu neuen Erzählsträngen. Nach intensiver Bildrecherche und –auswahl lösen Girardet & Müller Fragmente der Kinogeschichte aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang und fertigen eigenständige filmische Collagen anhand ausgefeilter Dramaturgie von Schnitt und Tongestaltung. Ihre Werke handeln von Sehen und Blindheit, von imaginären und realen Reisen oder dem menschlichen Körper und wurden bereits mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt 2012 mit dem Arte Kurzfilmpreis. Filme von Girardet & Müller wurden sowohl auf bedeutenden Filmfestivals wie in Cannes, Venedig, Berlin präsentiert als auch in Ausstellungshäusern u. a. im Walker Art Center, Minneapolis, oder in der Tate Modern, London, international vorgestellt.

JÜRGEN PARTENHEIMER. DAS ARCHIV

JÜRGEN PARTENHEIMER. DAS ARCHIV
Sammlung Moderne Kunst in der Pinakothek der Moderne

Die Pinakothek der Moderne in München bereitet für Januar 2014 eine Ausstellung von und mit Jürgen Partenheimer vor: »Jürgen Partenheimer. Das Archiv«.
»Das Archiv« als physisches und psychisches »Lager« des Künstlers verknüpft Erinnerung und Gegenwart, individuelles und kulturelles Gedächtnis in einer eindrucksvollen Inszenierung. Dabei treffen Werke unterschiedlicher Zeiträumen und Medien aufeinander: Ausgewählte Künstlerbücher und -texte, Gemälde, Arbeiten auf Papier und Skulpturen erkunden den Beziehungsreichtum ihrer Formen und Inhalte. Die Installation als Bild von Singularität und Differenz eröffnet dem Besucher subjektive und reflexive Erfahrungsräume. Jürgen Partenheimer skizziert das Projekt mit folgenden Worten: »Das Archiv des Künstlers bezeichnet weder einen Ort noch einen Raum, es ist Synonym für alles Bestehende und Zusammengetragene innerhalb und außerhalb eines offenen Terrains von Vorstellung und Wirklichkeit«.

Jürgen Partenheimer (geboren 1947 in München) ist für sein vielschichtiges Werk international bekannt. In seiner künstlerischen Formulierung verbinden sich konstruktive Elemente der Minimal Art mit lyrischer Intensität. Mit kritischem Bewusstsein vermisst und kartografiert Partenheimer den ständig neu zu bestimmenden Freiraum der Kunst und ihrer Praxis. Als Repräsentant einer subjektiven Abstraktion zählt er zu den bedeutenden deutschen Künstlern der Gegenwart.

Die Ausstellung in München steht im Zusammenhang einer offenen Kooperation orts- und raumbezogener Installationskonzepte mit der Sammlung Falckenberg, Deichtorhallen, Hamburg, dem Gemeentemuseum Den Haag und der Vancouver Contemporary Art Gallery. Parallel zu den unterschiedlichen, alle 2014 stattfindenden Ausstellungen bereiten die beteiligten Institutionen in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler ein Buch vor, das als weiterer, „fünfter Raum“ die verschiedenen Aspekte seines Werkes kommentieren und integrieren soll. Der Einladung, sich an diesem Projekt mit Textbeiträgen zu beteiligen, folgten internationale Autoren aus unterschiedlichen Disziplinen wie Anne Carson, Lebogang Mashile, Carla Schulz-Hoffmann, John Burnside, Oswald Egger und Rudi Fuchs. Das Buch erscheint beim Distanz Verlag, Berlin.

Susan Philipsz. The Missing String

Kuratoren: Dr. Florence Thurmes, Ansgar Lorenz

Sich selbst bezeichnet Susan Philipsz als Bildhauerin – einen internationalen Namen hat sich die schottische Künstlerin in den vergangenen Jahren mit ihren ausdrucksvollen Klanginstallationen gemacht. Mit ihrem Werk The Missing String ist Susan Philipsz, die vor drei Jahren den angesehenen britischen Turner-Preis erhalten hat, in der Bel Etage im  K21 der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen zu Gast. Es ist das erste Mal, dass die Kunstsammlung der 1965 in Glasgow geborenen und heute in Berlin lebenden Künstlerin eine Ausstellung widmet.

Die speziell für die Kunstsammlung geschaffene Arbeit The Missing String beruht auf umfassenden Recherchen der Künstlerin zum Thema kriegsbeschädigter Musikinstrumente, die sich heute in zahlreichen Sammlungen in ganz Deutschland befinden. Sie sind eindrucksvolles Sinnbild der Zerstörungswut des Krieges und spiegeln das oft tragische Schicksal von Künstlern während der NS-Diktatur. Die Suche nach diesen heute vielfach in Archiven und Depots verschwunden Zeugnissen der Kriegszeit lässt Susan Philipsz Arbeit zu einem Akt der Sichtbarmachung werden.