AUSZEIT

29.04.2015 - 30.08.2015
Sprengel Museum Hannover
Kurt-Schwitters-Platz, 30169 Hannover
http://www.sprengel-museum.de

Vom Faulenzen und Nichtstun

So fleißig und betriebsam der Mensch sein kann, so sehr sehnt er sich gleichzeitig und immerfort
nach Ruhe, Urlaub, Müßiggang, Freizeit, sprich nach einer kurzen oder langen Auszeit.
Ständig sind wir getrieben von dem Gedanken, in immer kürzerer Zeit mehr und mehr schaffen
zu müssen. Wer macht in solchen Momenten der mentalen und körperlichen Hetzjagd
nicht gerne Pause? Der Begriff ‚Zeitwohlstand‘ spiegelt dabei das wieder, was die Schnelllebigkeit
um uns herum bewirkt: Statt nach Geld, scheinen wir uns immer sehnlicher mehr Zeit
für die ‚schönen Dinge‘ des Lebens zu wünschen. Faulenzen und Nichtstun stehen dabei für
vielerlei: an nichts denken müssen, die Seele baumeln lassen können, verreisen und am Strand
relaxen, die Gedanken befreien von stressgesteuerten To-do-Listen, nichts tun müssen, keine
wichtigen Entscheidungen treffen, sich in Ruhe und Wohlsein entspannen können, fern vom
Großraumbüro und entnervten Mitmenschen.
Eine Auszeit stellt nicht zuletzt die Notwendigkeit dar, neue Kraft zu schöpfen. Das Nachdenken
über die angenehmen Seiten des Faulenzens und Nichtstuns klammert hingegen auch
seine Gegenspieler nicht aus. Wir langweilen uns oder sind gar durch einen fehlenden Arbeitsplatz
zum Nichtstun und Warten verurteilt. Ein Zustand, der mit Entspannung trotz Überfluss
an Zeit nichts mehr zu tun hat.
Dem Empfinden von freier Zeit möchte die Ausstellung unter dem Titel Auszeit. Vom Faulenzen
und Nichtstun nachgehen und umfasst etwa 120 Positionen aus dem Bestand des Museums
sowie ausgewählte Leihgaben zeitgenössischer Künstler, die sich in unterschiedlichen
Medien (darunter Grafik, Fotografie, Skulptur, Malerei, Video) mit dem Thema der freien
Zeit auseinandersetzen. Präsentiert werden unter anderem die Schlafenden und Gähnenden
von Künstlern wie Ernst Barlach, Pablo Picasso und Max Beckmann, die sich gemeinsam mit
Ruhenden, Urlaubern und Müßiggängern von Boris Mikhailov bis Ernst Ludwig Kirchner in
den Grafikräumen des Sprengel Museum Hannover treffen.
Die Ausstellung folgt dabei keinem chronologischen, sondern vielmehr einem thematischen
Faden, der sich frei an den vier Freizeitverwendungen orientiert, die der Soziologie Rolf
Meyersohn bereits 1972 modellhaft zusammenfasste: 1. Ruhe und Wiederherstellung der
Kräfte (Schlafen, Liegen, Genesen), 2. Unterhaltung, Zerstreuung und Vergnügen (geselliges
Beisammensein, Urlaub machen), 3. Selbstverwirklichung (etwa durch das künstlerische Tun)
und 4. Erbauung (Müßiggang, Schlendern, Spazieren).
Von vielen Künstlerinnen und Künstlern wird der Müßiggang auch gegenwärtig in den Fokus
genommen und, mehr noch, als unbedingte Voraussetzung für das Kunstschaffen angesehen.
Der tschechische Künstler Pavel Büchler entwickelte das Pausieren als Ausdruck des Müßiggangs
zum Inhalt einer kontinuierlich wachsenden Werkserie, indem er sich selbst und seine
Begleiter, Freunde, Besucher während der Raucherpausen fotografiert. Für die Auszeit fasste
er in Work (All the cigarette breaks, 2007-2014) den bisherigen Fundus von rund 1.400 Fotografien
zu einer digitalen Diashow zusammen und lässt dabei jedes Foto einer kurzen Raucherpause
entsprechend vier Minuten stehen.
Der schweizerische Künstler Omar Alessandro schrieb sich mit seinem Werk von 2007/08
den Müßiggang buchstäblich auf die Fahnen. Die Ausstellung beginnt damit bereits im Außenraum:
Einem politischen Statement gleich, ist Alessandros Transparent aus PVC in Nachbarschaft
zu dem Ausstellungsbanner an der Westseite des Sprengel Museum Hannover montiert
und beansprucht laut und entschlossen schwarz auf weiß die künstlerische Auszeit für
sich: „Der Künstler ruht sich aus.“
Die Videoarbeit Triphibious Construction (Triphibische Erbauung) (2007-08) des deutschen
Künstlers Piero Steinle zeigt dagegen den Künstler selbst, wie er gelassen seine Bahnen zieht.
An den Rand des Schwimmbeckens schließt sich nahtlos das dahinterliegende, offene Meer
an. Begleitet von klassischer Musik verführt das Video den Betrachter zum Verweilen und
Müßiggang.
Die Auszeit als künstlerisches Schöpfen und Moment der Selbstvergessenheit vermittelt die
Zeichnung Peter [Peter Schlesinger] reading (1972) David Hockneys: Auf einer ersten Ebene
ist es das Modell selbst, ein junger Mann, der lesend ganz bei sich ist, auf einer zweiten Ebene
zeigt sich die intensive, intime Betrachtung des Künstlers, der aus der Versunkenheit seines
Modells die Anregung zum Schaffen zieht.
Eine Auswahl von Werken zum Thema zu treffen, legt die Berücksichtigung von Gegenbildern
nahe, die von Erschöpfung, Langeweile und Arbeit, das heißt von der Konkurrenz zur
Freizeit berichten. Die Sehnsucht nach einer nicht endenden Freizeit mutet himmlisch an und
lässt an den Beginn der weltlichen Mühsal denken, nämlich an die Verdammung aus dem
Paradies. Demgemäß beginnt die Ausstellung Auszeit. Vom Faulenzen und Nichtstun mit einer
grafischen Darstellung Max Beckmanns aus dem Jahr 1917, in der er Adam und Eva in
dem Moment kurz nach ihrer Vertreibung aus dem Paradies zeigt. Das Paar, sich seiner
Scham bewusst, versucht sich mit den Händen zu bedecken. Verhärmt und erschöpft wirken
sie, als habe die Last der Arbeit als Strafe Gottes bereits ihre Spuren hinterlassen. An verschiedenen
Stellen des Ausstellungsrundganges wird daher die Vielzahl der Werke zur heiter
anmutenden Auszeit von in Konkurrenz zu ihr stehenden Werken durchkreuzt, dessen Künstlerinnen
und Künstler beispielweise einen näheren, intimen Blick auf ermattete (Käthe Kollwitz,
Zertretene, 1900) oder auf Arbeit wartende Menschen (Walter Ballhause, Arbeitslose,
1930/1933) geworfen haben.
Mit Werken von Jussuf Abbo, Olle Agnell, Omar Alessandro, Walter Ballhause, Ernst Barlach,
Max Beckmann, Carry van Biema, Pavel Büchler, Max Burchartz, Massimo Campigli,
Lovis Corinth, Otto Dix, Harald Duwe, Reinhold Max Eichler, Arno Fischer, Herbert Garbe,
Theo Garve, Ralph Goings, David Hockney, Rudolf Jahns, Grethe Jürgens, Arthur Kampf,
Max Kaus, Ernst Ludwig Kirchner, Thomas Kläber, Albert Knab, Käthe Kollwitz, Fabien
Launay, Henri Laurens, Wilhelm Lehmbruck, Friedrich Karl Lippert, Franz Marc, Wolfgang
Mattheuer, Boris Mikhailov, Louis Moe, Siegfried Neuenhausen, Hans Neumann, Emil Nolde,
Helga Paris, Max Pechstein, Pablo Picasso, Hans Purrmann, Heinrich Riebesehl, Niki de
Saint Phalle, Michael Schoenholtz, Horst Skodlerrak, Piero Steinle, Théophile-Alexandre
Steinlen, Ernst Thoms, Umbo (Otto Umbehr), Fritz Wotruba und Paul Wunderlich.