AUFRUHR IN AUGSBURG

02.07.2015 - 16.10.2015
Staatsgalerie Moderne Kunst im Glaspalast Augsburg
Beim Glaspalast 1 |, 86153 Augsburg
http://www.pinakothek.de

Deutsche Malerei der 1960er bis 1980er Jahre

Georg Baselitz | Walter Dahn | Jiři Georg Dokoupil | Rainer Fetting |Karl Horst Hödicke | Jörg Immendorff | Martin Kippenberger | Bernd Koberling | Markus Lüpertz | Helmut Middendorf | Albert Oehlen | Markus Oehlen | A.R. Penck | Salomé | Volker Tannert

Zwei Generationen deutscher Künstler der Nachkriegszeit stehen sich in
der Ausstellung „Aufruhr in Augsburg“ mit Hauptwerken aus den
Sammlungsbeständen der Pinakothek der Moderne gegenüber. Was sie
vereint, ist die Tendenz zur figürlichen Malerei, die weder persönliche
noch politische Kommentare ausklammert und damit den Ansätzen der
Concept Art und Minimal Art begegnet.
Dieses ausdrückliche Interesse für Malerei bei gleichzeitiger kritischer
Hinterfragung von Inhalt und Stil vereint bereits die Generation der 1938
bis 1945 geborenen: Georg Baselitz, Jörg Immendorff, Markus Lüpertz
und A. R. Penck. Ihre Revolutionierungen und Neudefinitionen wirken auf
die nachfolgende Generation der sogenannten „Neuen Wilden“, darunter
Walter Dahn, Rainer Fetting, Markus Oehlen und Salomé, die zu einer
noch intensiveren und farbintensiven Bildsprache finden.
In der Nachkriegszeit suchten deutsche Künstler nach Erneuerung der
Malerei, – neben der Aktions- und Objektkunst, dem Environment, der
Performance und anderen innovativen Medien. Beispielhaft dafür ist
Georg Baselitz (*1938 Deutschbaselitz). Er findet in der Methode der
Fragmentierung und Umkehrung der Motive eine Loslösung von
vorherrschenden Wahrnehmungsmechanismen, wie es das Werk „Der
Adler“ (1978) zeigt: Das Sinnbild der deutschen Geschichte und des
Reiches steht Kopf.
Die Gemälde und Skulpturen von Markus Lüpertz (*1941 Reichenberg)
zeichnen sich durch eine archaische Monumentalität aus, in der
Gegenständliches und Abstraktion zu einer eigenen Formensprache
werden. Jörg Immendorff verfolgt wiederum einen erzählerischen wie
kritischen Ansatz. Das Werk „Café Deutschland VII“ (1980) widmet sich der
deutsch-deutschen Geschichte nach dem 2. Weltkrieg, der Trennung in
Ost und West, die in exemplarischem Dialog zwischen Immendorff und
seinem aus Dresden stammenden Künstlerkollegen A. R. Penck geführt
wurde. Während jedoch Immendorff eine narrative Bildsprache entwickelt,
eröffnet Penck dem Betrachter eine Welt mit individuell entwickelten,
chiffrenhaften und archaisch anmutenden Zeichen.
Etwa gleichzeitig bilden sich in Berlin, Köln und Hamburg Zentren mit
Vertretern einer rund zehn Jahre jüngeren Generation. Bei aller
stilistischen Vielfalt vereint sie die Beschäftigung mit einer spontanen,
oftmals subjektiven Bildsprache. 1977 gründen Kunststudenten in Berlin,
darunter Rainer Fetting, Helmut Middendorf und Salomé eine
Selbsthilfegalerie am Moritzplatz. Die persönlichen Erfahrungen in der
geteilten Großstadt werden zu ihrem Sujet, das sie in dynamischen
Pinselstrichen bewältigen. Salomé (*1945 Karlsruhe) besticht in seinem
Gemälde „Sumo-Angriff“ von 1982 mit der Gegenüberstellung von zwei
Kämpfern. Die flüssige Malweise und die Darstellung der ruhenden
Körper, die gleichwohl zum Angriff bereit sind, geraten zum Sinnbild
polarer Kräfte im ästhetischen wie im politischen Sinne.
Die in Köln entstehenden Werke zeigen eine Tendenz zur symbol- oder
chiffrenhaften Verschlüsselung von Inhalten. So zeigt Walter Dahn (*1954
Krefeld) in dem Gemälde „Die Mülheimer Freiheit (Zeitungsleser)“ von
1981 einen Lesenden, dessen Kopf hinter dem unbeschriebenen Papier
verschwindet, während daneben gleich sechs weitere Köpfe als Säule
übereinander dargestellt sind. Wie der Lesende selbst blickt auch der
Betrachter auf die leere Fläche der Zeitung, die es zu füllen gilt.
Eine gänzlich andere Bildsprache entwickeln die Protagonisten der wilden
Malerei in Hamburg. Während Kippenberger sich mit scharfsinniger Ironie
auf die Geschichte der Kunst (u.a. Picasso bis Pop Art) und akute soziale
Fragen bezieht, entwickelt Albert Oehlen eine irritierende
Ausdrucksweise, die gegenständliche Identifikation fast unmöglich
erscheinen lässt und sie doch auf subtile Weise evoziert. Dabei werden
Errungenschaften historischer Stilrichtungen vom Kubismus bis hin zur
Farbfeldmalerei neu definiert.
Die Vielfalt der künstlerischen Handschriften und die Individualität der
Errungenschaften sind an den Werken der Sammlung exemplarisch zu
beobachten. Die Arbeiten zeugen von einem inspirierenden, bis heute
nicht zur Ruhe kommenden Gegen- und Miteinander. Im Glaspalast wird
diese bewegte Zeit lebendig – Aufruhr in Augsburg.

Die Ausstellung zeigt rund 40 Werke Hauptwerke aus den
Sammlungsbeständen der Pinakothek der Moderne, darunter Arbeiten
aus der Michael und Eleonore Stoffel-Stiftung und dem Wittelsbacher
Ausgleichsfonds.